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Thilo Schmidt (Hrsg.): Frühpädagogische Handlungskonzepte

Rezensiert von Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner, 02.05.2022

Cover Thilo Schmidt (Hrsg.): Frühpädagogische Handlungskonzepte ISBN 978-3-8252-5685-2

Thilo Schmidt (Hrsg.): Frühpädagogische Handlungskonzepte. Eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2021. 324 Seiten. ISBN 978-3-8252-5685-2. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 37,50 sFr.
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Thema

Pädagogische Handlungskonzepte gehören zum Kernbestand der Frühpädagogik. Sie sind im Überschneidungsbereich zwischen wissenschaftlichen Theorien und professionell ausgerichteten Handlungssystemen angesiedelt. Das Buch ist ein einschlägiges wissenschaftliches Übersichtswerk für den deutschsprachigen Raum. Es soll eine Bestandsaufnahme über theoretisches und empirisches Wissen zu zentralen frühpädagogischen Handlungskonzepten liefern.

Herausgeber

Dr. Thilo Schmidt ist Akademischer Oberrat am Arbeitsbereich für Pädagogik der frühen Kindheit im Fachbereich Erziehungswissenschaften, Institut für Bildung im Kinder- und Jugendalter der Universität Koblenz-Landau.

Prof. Dr. habil Ulf Sauerbrey ist Professor für Kindheitspädagogik, Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung der Hochschule Neubrandenburg.

Prof. Dr. Wilfried Smidt ist Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt frühe Bildung und Erziehung, Institut für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung, Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel führen die Herausgeber in das Thema ein, definieren pädagogische Handlungskonzepte und diskutieren deren Bedeutung. Alle Autorinnen und Autoren wurden gebeten, folgende Punkte zu berücksichtigen: Historie, Kernaussagen, Forschungsbefunde, Anschlussfähigkeit an heutige pädagogische Praxis und Wissenschaft.

Die nächsten fünf Kapitel beschäftigen sich mit klassischen Handlungskonzepten.

Das mit Abstand älteste der besprochenen Handlungskonzepte ist die Fröbelpädagogik (Sauerbrey). Interessant ist die Rezeption in den USA, aber auch in Japan und Korea. Es können jedoch keine gesicherten Aussagen über Verbreitung national und international gemacht werden.

Weitaus umfangreicher ist die Literatur von und die Forschung zum Werk von Maria Montessori. Deshalb sind ihrem Werk zwei Kapitel gewidmet. Ausgehend vom ihrem „Schlüsselerlebnis“, der Entdeckung der „Polarisation der Aufmerksamkeit“ im Jahre 1907 diskutiert Grell Grundannahmen und Grundprobleme des Ansatzes. Hinter der Rolle der Erwachsenen als Helfer zur Selbsthilfe und als Arrangeur der vorbereitenden Umgebung werde der Kommunikations- und Beziehungsaspekt vernachlässigt. Baumeister und Rindermann greifen zentrale Punkte wieder auf und stellen fest, dass es weltweit 22000 Montessori Kinderhäuser und Schulen (Deutschland über 1200 Kindertagesstätten und Schulen) gibt. Sie berichten ein insgesamt positives Ergebnis für die Wirksamkeit in relevanten Bereichen (kognitiv, sozial-emotional). Obwohl ursprünglich erst für das Alter ab 3 Jahren konzipiert, attestieren die Autor*innen eine gute Anschlussfähigkeit in der Frühpädagogik. Montessori-Pädagogik habe eine gute Verankerung durch Montessori-Gesellschaften. Einige Begriffe seien nur zeitgeschichtlich zu verstehen, aber das Grundkonzept sei gut mit heutigen Erziehungsvorstellungen vereinbar.

Ullrich beschäftigt sich mit der Waldorfpädagogik. Auch dieses Konzept kann weltweit als Erfolgsmodell gelten (weltweit 1162, in Deutschland 245 Waldorfschulen). Das Konzept umfasste zuerst Schulen, Kindergärten kamen als Ergänzung später hinzu (weltweit 1911, in Deutschland 563 Kindergärten). Die Waldorf-Pädagogik habe eine hohe Popularität bei Eltern aus dem bildungsbürgerlichen Milieu. In der erziehungswissenschaftlichen Forschung hat sie nur wenig Akzeptanz. Kritisch gesehen wird die hochgradig normierte, spirituell ausgerichtete Pädagogik mit seiner fragwürdigen Wissenschaftlichkeit; die antiquierten Lehren seien nicht mit der modernen Entwicklungspsychologie kompatibel, die Denkweise spiegele ein vorwissenschaftlich-mythische Bewusstsein, ein mythisches und esoterisches Denken. Untersuchungen zu Eltern und ehemaligen Schülern zeigen den Wunsch nach Entschleunigung und Entschulung des Lernens. Eltern nähmen das antiquierte Weltbild in Kauf, ehemalige Schüler seien zufrieden und würden mehrheitlich wieder die Schule besuchen. Trotz des Weltbildes gäbe es auch Erfolge in Schulversuchen mit Kindern mit Migrationshintergrund und Beispiele, wie sich Waldorfschulen interkulturell öffnen.

Den Abschluss der klassischen Handlungskonzepte bildet die bei Eltern wenig bekannte Freinetpädagogik (Konrad). Sie ist wie Montessori und Waldorfpädagogik in der Reformbewegung der 20er Jahre entstanden, wegen der politischen Ausrichtung wurde sie erst von der 68er-Generation in Deutschland adaptiert. Jetzt ist sie längst im Elementarbereich angekommen und steht für einen organischen Bildungsweg, der dem Kind zunehmend Freiheit in der Gestaltung seiner Lernprozesse gibt. Kritische Freinetforschung finde kaum statt; es sei schwierig, die Freinetpädagogik wegen ihres offenen Charakters und dem Pragmatismus der Freinetbewegung zum Gegenstand zu machen. Die reichhaltige Publizistik resultiere nicht aus wissenschaftlicher Forschung, sondern aus einem basisgetragenem Austausch (das gute Beispiel soll überzeugen). Es gibt keine Geschlossenheit, z.B. in der Ausbildung (es gibt keine Diplome, dies scheint sich aber zu ändern).

Die nächsten sieben Kapitel sind neueren Handlungskonzepten gewidmet.

Gutknecht beginnt mit der Pikler-Säuglings- und Kleinkindpädagogik. Dieses Konzept hat große Resonanz weltweit, auch in Deutschland. Zentrale Aspekte und Kernaussagen (freie Bewegungsentwicklung, freies Spiel und Spielbegleitung, achtsame Pflege) werden ausführlich erläutert. Es wird u.a. kritisch angemerkt, dass es mehr Evaluationsstudien geben sollte.

Im nächsten Kapitel bespricht Knauf Entstehung und Charakteristika der Reggio-Pädagogik. Die Reggio-Pädagogik hat ihren Ursprung in einer Elterninitiative aus dem Jahr 1957 in einem Dorf nahe Reggio und hat heute Modellcharakter. Das Konzept orientiert sich an entwicklungspsychologischen Konzepten (Piaget, Bruner, Vygotsky, Bronfenbrenner). Die Identität des Kindes werde durch gemeinsames Handeln und Sozialisation in der Gruppe maßgeblich geprägt. Merkmale des konkreten pädagogischen Handelns (z.B. Projekte, Raumkonzept) sind heute pädagogisches Allgemeingut. Die Forschung bezüglich der Reggio-Pädagogik wird trotz potentiell positiver Auswirkungen noch als bruchstückhaft beschrieben.

Der Situationsansatz wird ein prägender Einfluss auf die Kindergartenpädagogik zugeschrieben. Smidt und Roßbach gehen in ihrem Kapitel auf die von der Arbeitsgruppe Vorschulerziehung des DJI in den 70er Jahren entwickelte Variante ein. Er ist nicht statisch, sondern ein für Anpassungen offenes Handlungskonzept, das an der Lebenssituation der Kinder angepasst ist und „situative Anlässe“ aufgreift, die bei der Bewältigung von gegenwärtigen oder in der näheren Zukunft liegenden Lebenssituationen helfen. Obwohl in der praxisorientierten Literatur ein außerordentlich positives Bild von den Erfolgen und Vorzügen des Situationsansatzes gezeichnet wird, wird die empirisch-quantitative Forschungslage als unbefriedigend gekennzeichnet.

Bock und Göddertz thematisieren die pädagogischen Handlungskonzepte von Kinderladenbewegung und Elterninitiativen. Diese haben ihre Wurzeln in der „antiautoritären“ Erziehung. Der Beitrag spannt den Bogen von der Kinderlandbewegung von 1968 bis hin zur Einordnung von aktuellen Elterninitiativen und ihren Kernaussagen. Trotz einer mittlerweile 50-jährigen Forschungstradition würden die vorliegenden Studien es kaum erlauben, generalisierte Aussagen zu machen. Elterninitiativen gehören heute zum selbstverständlichen Bestandteil der Landschaft der frühkindlichen Einrichtungen mit vor allem zwei Merkmalen der ursprünglichen Kinderläden, ein hohes Maß an Engagement der Eltern und ein hohes Maß an Mitbestimmung für die Kinder.

Im Folgenden werden domänenspezifische Förderkonzepte dargestellt und diskutiert (Schmerse). Es handelt sich dabei um die Bereiche Sprache, mathematische Bildung und naturwissenschaftliche Bildung. Es wird kritisch angemerkt, dass motivationale und nicht-kognitive Merkmale verstärkt berücksichtigt werden sollten.

Das Konzept der offenen Arbeit gehört zu den populärsten Konzepten in deutschen Kindertagesstätten (Flämig und Schulz). Die Prinzipien des Konzepts werden vorgestellt, wobei häufig nur räumliche und zeitliche Flexibilisierung umgesetzt wird. Gemessen an der hohen Akzeptanz gibt es keine umfassenden oder ausreichend spezifische Forschungsergebnisse. Konzeptbezogene Publikationen bezögen sich ausschließlich auf die NUBBEK-Studie, die als einzige wissenschaftlich anerkannte Evaluationsstudie gelte.

Es folgen spezifische frühkindliche Handlungskonzepte (Driescher), Waldkindergarten, Kneipp-Kita und Bewegungskindergarten. Er stellt Begründungskontexte und Methoden dar und kritisiert sie zusammenfassend als einseitig und erziehungstheoretisch unausgewogen.

Die letzten beiden Kapitel greifen aktuelle internationale Entwicklungen auf. Kammermeyer, King und Goebel stellen den in Holland entwickelten Pyramide-Ansatz vor. Der Ansatz stützt sich auf entwicklungspsychologisch relevante Theorien. Ein wichtiger Bestandteil ist die Projektarbeit, für die es differenziert ausgearbeitet Vorschläge gibt. Es werden dabei auch Kinder mit besonderem Förderbedarf explicit berücksichtigt. Die Autorinnen berichten auch über die wissenschaftliche Evaluation und die Bemühungen zur Implementierung in Deutschland.

Als letzter Ansatz wird „Tools of the Mind“ vorgestellt (Jester). Dieser auf Vygotsky basierende Ansatz ist überwiegend in Nordamerika verbreitet. Ein zentrales Konzept ist dessen „Zone der nächsten Entwicklung“. Es gibt über 60 vorstrukturierte Aktivitäten. Das Programm soll vor allem selbstregulatorische Fähigkeiten fördern.

Diskussion

Es ist für pädagogische Fachkräfte (vor allem auch schon in der Ausbildung), aber auch für Leitungen und Trägervertreter*innen wichtig, reflektiert sich mit den verschiedenen Handlungskonzepten auseinanderzusetzen sowie Entscheidungen fundiert begründen zu können. Für einen notwendigen fundierten Überblick ist dieses Buch sehr gut geeignet.

Es ist interessant zu wissen, dass die meisten klassischen Konzepte für die Schule entstanden sind und dann erst altersmäßig nach unten erweitert wurden. Bemerkenswert finde ich auch, dass entwicklungspsychologisch fundierte Handlungskonzepte den wichtigen Ansatz von Vygotsky und dessen „Zone der nächsten Entwicklung“ aufgreifen.

Zielgruppen

Studierende, Lehrende und Forschende im Bereich Erziehungswissenschaft, besonders im Bereich Früh-, Kindheits- und Sozialpädagogik; alle, die sich ein fundiertes Bild über frühpädagogische Handlungskonzepte machen wollen

Fazit

Das Buch gibt strukturiert einen wissenschaftlich fundierten Überblick über in deutschen Kindertagesstätten und – krippen praktizierte Handlungskonzepte, über die klassischen ebenso wie über neuere (d.h. in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstandene). Es werden auch 2 in Holland bzw. in den USA entwickelte neue Ansätze vorgestellt.

Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
ehem. Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen in Dorfen, Erding und Markt Schwaben im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Es gibt 178 Rezensionen von Lothar Unzner.

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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 02.05.2022 zu: Thilo Schmidt (Hrsg.): Frühpädagogische Handlungskonzepte. Eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2021. ISBN 978-3-8252-5685-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28829.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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