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Martina Kriener, Alexandra Roth u.a. (Hrsg.): Praxisphasen im Studium Soziale Arbeit

Rezensiert von Michael Bertram, 03.05.2022

Cover Martina Kriener, Alexandra Roth u.a. (Hrsg.): Praxisphasen im Studium Soziale Arbeit ISBN 978-3-7799-6322-6

Martina Kriener, Alexandra Roth, Sonja Burkhard, Heinz Gabler (Hrsg.): Praxisphasen im Studium Soziale Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 252 Seiten. ISBN 978-3-7799-6322-6. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

Soziale Arbeit ist eine Handlungswissenschaft. Um staatlich als Fachkräfte, also als Praktizierende (und Repräsentierende) der Profession anerkannt zu werden, müssen Menschen einen akkreditierten Studiengang absolvieren. Offensichtlich sind sie damit angehalten, ihr Tun wissenschaftlich fundieren und begründen zu können. Dieses Tun jedoch ist komplex, vieldeutig, oft spontan und nur bedingt planbar, zum teil prekär und stets anspruchsvoll: soziale Situationen sind mit einer Vielzahl von Akteur:innen in unterschiedlichen Kontexten zu konstruieren, zu interpretieren und zu definieren; dazu gehört die Einnahme, Verkörperung und Darstellung verschiedener Rollen, das Gespür für die Einbindung in organisatorische Zusammenhänge und diverse Prozesse und Diskurse. Dazu kommt die Verwendung konkreten Wissens bzgl. der (typischen) Lebenslage der jeweiligen Adressat:innen sowie der relevanten Rechtskreis; ferner ethische (Selbst-)Ansprüche. All dies (und mehr) bringt Praxis mit sich, macht Praxis aus – und lässt sich wohl nur annähernd mittels Vorlesung, Seminar und Lektüre vermitteln bzw. aneignen. Lange Rede, kurzer Sinn: „Richtiges Studieren setzt … Probieren voraus“ (Müller 2017, S. 201).

Diesbzgl. dürfte Konsens bestehen und eine Erwähnung wäre obsolet, wäre da nicht der – vor diesem Hintergrund überraschende – Umstand, dass es kaum einen Diskurs zu Praxisphasen im Sudium Sozialer Arbeit gibt bzw. dieser Gegenstand eher randständig behandelt wird. Vereinzelt gab es zwar Publikationen in Fachzeitschrift oder Sammelbänden (zuletzt z.B. Diebel u.a. 2020, Freis 2019), umfangreicher angelegte Arbeiten etwa in Form von Sammelbänden oder Monografien – mit denen auch mehr Aufmerksamkeit im Diskurs einhergeht – wurden jedoch kaum veröffentlicht (eine Ausnahme stellt z.B. Freis [2021] dar). An dieser (Leer-)Stelle setzt die vorliegende Publikation an: „Es ist die erste umfassendere Publikation, in der viele Kolleg*innen, die in den Praxisreferaten der Hochschulen mit Studiengängen Soziale Arbeit tätig sind, als Autor*innen ihrer spezifischen Expertise veröffentlichen“, schreibt der Vorsitzende der BAG Prax, Frank Thorausch, in seinem Vorwort (S. 7). Den Herausgebenden geht es dabei vor allem darum, Lehrende, Studierende und Praxisstellen einzuladen, „sich begleitende Praxisphasen aus vielfältigen Perspektiven zu nähern und diese in ihrer Charakteristischen Verschränkung als Lern- und Bildungsorte (neu) zu entdecken“ (S. 16; Hervorh. i.O.). So sollen spezifische Herausforderungen, aber auch Chancen herausgearbeitet werden.

Herausgeber:innen

Für die Herausgabe des Buches zeichnen vier Personen verantwortlich:

  • Martina Kriener, Diplom Pädagogin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FH Münster und Leiterin des Referates Praxis&Projekte;
  • Alexandra Roth, Diplom Pädagogin und staatlich anerkannte Sozialpädagogin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Evangelischen Hochschule Darmstadt und Leiterin des Praxisreferates Soziale Arbeit;
  • Sonja Burkard, staatlich anerkannte Diplom Sozialpädagogin, absolvierte zwei Masterstudiengänge und leitet das Praxisreferat an der Katholischen Hochschule Mainz;
  • Heinz Gabler, staatlich anerkannter Diplom Sozialarbeiter sowie Diplom Supervisor, leitete bis zum Jahr 2020 das Praxisreferat der TH Köln.

Aufbau und Inhalt

Gegliedert ist das Werk in vier Hauptteile, die von einem Vor- und Grußwort am Beginn sowie einem Glossar, den Hinweisen zu den Autor:innen und landesrechtlichen Regelungen zur staatlichen Anerkennung von Sozialarbeitenden am Ende des Buches gerahmt werden.

In der Einleitung skizzieren die Herausgebenden, welches Verständnis vom Gegenstand dem Sammelband zugrunde liegt bzw. in ihm entwickelt und angewendet wird.

Praxisphasen und ihre besondere Bedeutung im Studium Soziale Arbeit

Die vier Beiträge des zweiten Teils wurden ebenfalls (in unterschiedlicher Besetzung) von den Herausgebenden vorgelegt. Insb. die ersten drei Beiträge entwickeln, aufeinander aufbauend und verweisend, das Fundament dieses Werkes, indem einige als zentral eingestufte Aspekte studienintegrierter Praxisphasen vertiefend ausgeführt werden:

Demnach könnten studienintegrierte Praxisphasen in ihrer Bedeutung für die Entwicklung eines professionellen Habitus und einer professionellen Identität und mithin für die (Selbst-)Befähigung Studierender zum professionellen Handeln kaum überschätzt werden.

Dies läge an „der Unterschiedlichkeit der Lernarrangements“ (Roth/Kriener/​Burkhard S. 24); konkret: „Studierende begegnen in begleiteten Praxisphasen der Berufskultur und sind mit Rationalitäten der jeweiligen Organisation (ihrer Praxisstelle), mit Konzepten, Routinen und feldspezifischen Wissensbeständen und Erwartungen konfrontiert und stehen nicht in erster Linie der Fachkultur gegenüber. Damit stoßen sie zwangsläufig auf Divergenzen zwischen Hochschule und Praxisstelle. Zwischen Disziplin und Profession, zwischen Fach- und Berufskultur“ (ebd. S. 25). Diese Disparität und das potenziell damit einhergehende Spannungsverhältnis – Studierende sprechen nicht selten von „Praxisschock“ – würden nun Räume für Irritationen und Bildungsprozesse eröffnen, weswegen es wichtig sei, nicht zu versuchen, die Spannungen einseitig aufzulösen, sondern die „Relationierungsnotwendigkeit“ (ebd. S. 26) als Chance zu begreifen, die durch eine kollaborative Konstruktionsleistung aller beteiligten Akteure zu erbringen wäre und fruchtbar gemacht werden könne. Hierzu führen die Autor:innen die strukturelle, die konzeptionelle und die Ebene der handelnden Akteur:innen als analytische Instrumente ein.

Dem umrissenen Spannungsfeld, in welchem sich die Lernorte Hochschule und Praxis also in Beziehung gebracht werden sollten, spürt Alexandra Roth nach, wenn sie fragt, wie „es im Qualifizierungsprozess angehender Fachkräfte der Sozialen Arbeit gelingen [kann], Praxisphasen als generalistische Lernarrangements zu begreifen und zu gestalten“ (S. 36, Hervorh. i.O.). Drei Aspekte buchstabiert sie dazu aus: die Verortung, die Gestaltung, die Unterstürzung. „So gilt es zunächst Praxisphasen eingebettet in generalistische curriculare Erfordernisse, konkrete Bedingungen beruflicher Praxis und individuelle Lern- und Bildungsbiografien von Studierenden wahrzunehmen. Erst dann bieten sich für alle Beteiligten Möglichkeiten, um Praxisphasen als generalistische Lernarrangements zwischen akademischer Fachkultur, Berufskultur und studentischer Kultur mit ihren jeweils eigenen Wissensbeständen und Logiken so zu gestalten, dass Koproduktionsprozesse möglich und erfahrbar werden und zu Professions- und Professionalitätsentwicklung – handlungsfeldübergreifend – anregen bzw. beitragen“ (S. 48).

Diesen grundlegenden Teil des Sammelbandes abschließend, nehmen Martina Kriener und Heinz Gabler eine rechtliche und politische Kontextualisierung der „staatlichen Anerkennung als Gütesiegel“ nehmen vor.

Praxisphasen konkret

Im nächsten Teil sind Beiträge versammelt, die mit mehr oder weniger direkten Hinweisen zur Gestaltung von Praxisphasen aufwarten, welche grob sortiert

  • vor (Wesseln-Borgelt/​Zwartscholten, Burkhard/​Kriener, Gans-Raschke),
  • während (Burkhard/​Kriener, Roth/Burkhard, Middendorf/​Thorausch, Ader, Aghamiri) und
  • nach (Grimm/​Schumacher/Böwen)

Praxisphasen zum Einsatz kommen können und dabei mit wechselnder Schwerpunktsetzung Lehrende, Studierende und anleitende Fachkräfte adressieren. Dabei werden die verdichteten Erfahrungen der Autor:innen stets deutlich, ohne dass der Bezug zum einschlägigen Fachdiskurs oder der Verweis auf die relevanten rechtlichen Quellen vernachlässigt würde. (Da die in den jeweiligen Beiträgen formulierten Hinweise zum Teil sehr konkret und mitunter umfangreich sind [mitunter handelt es sich buchstäblich um kommentierte Checklisten bzw. Fragenkataloge], soll an dieser Stelle auf die Wiedergabe der Inhalte verzichtet werden; eine kritische Würdigung wird in der Diskussion [s.u.] stattfinden.)

Kooperation Hochschule und berufliche Praxis: Ein- und Aussichten

Weil „es einer aktiven, systematischen und strukturell verankerten Kooperation der Lern- und Bildungsorte Praxis und Hochschule“, bedürfe, thematisiert Daniela Ahrens, dass es Modi der Zusammenarbeit geben müsse, „die die klassische Dualität von Disziplin und Profession/​Lehre, Forschung und Praxis aufbricht und in der sich Hochschule und Praxis gegenseitig als gleichberechtigt anerkennen“ (S. 223). Wenngleich sich einige Aussichten abzeichnen (vgl. S. 231), ist der Beitrag eher als eine Skizze zu verstehen, die einen Diskurs anregen will.

Den Abschluss findet die vorliegende Publikation in einem Gespräch, in dem die Herausgebenden auf einige ausgewählte Fragen reagieren, womit die Befunde und Schlussfolgerungen um eine persönliche Note ergänzt werden.

Diskussion

„Praxisphasen im Studium Soziale Arbeit“ besticht in einigen Punkten; es findet sich aber auch eine Leerstellen darin:

Praxisphasen in der Sozialen Arbeit als triadische Spannungsverhältnisse

Worin überzeugt der Band? Aus meiner (praktischen) Perspektive – mein Bachelorstudium Sozialer Arbeit, inkl. zweier Praxissemester, wurde im Jahr 2017 abgeschlossen, mittlerweile leite ich Studierende in der Praxis an und verantworte als Lehrbeauftragter praxisbegleitende Lehrveranstaltungen – ist es richtig, die triadische Konstellation (Studierende – Hochschule – Praxisstelle, vgl. Roth: S. 39) zum konzeptionellen Ausgangspunkt zu machen. Der gesamte Band basiert auf dieser Beobachtung.

Demnach hat man es mit einem Prozess zu tun, der sich an zwei „Orten“ – der Hochschule und der Praxis(-stelle) – ereignet, an dem diverse komplexe (Organisationen) sowie personale (handelnde Subjekte) Akteur:innen beteiligt sind und der im Sinne der Professionalisierung möglichst systematisch und aufgeklärt gesteuert werden will (vgl. Ahrens S. 223). Um dieser Herausforderung gerecht zu werden, wird ein wissenssoziologisches (Berger/​Luckmann) bzw. praxeologisches (Bourdieu) Verständnis sozialer Wirklichkeit zugrunde gelegt. Insb. der Gebrauch der Begriffe Feld und Wissen(-sbestände), die im Wesentlichen auf die zu unterstellende Disparität zwischen Disziplin (Hochschule) und Profession (Praxisstelle) bezogen werden, ermöglichen es, die Triadik als ein Spannungsverhältnis zu rekonstruieren, welches von den involvierten Akteur:innen „produktiv“, im Sinne einer interdependenten Ko-Konstruktionsleistung hervorgebracht und bearbeitet werden muss.

Daran anschließend ist es ebenso überzeugend, wenn auf sozialarbeitswissenschaftliche Arbeiten zurückgegriffen wird, die einem anschlussfähigen Wirklichkeits- und Wissenschaftsverständnis verpflichtet sind und die Professionalität resp. deren Entwicklung thematisieren. Dabei stellen sich vor allem die Relationierung von wissenschaftlichem und praktischem Wissen, wie sie im Ansatz der „reflexiven Professionalität“ angelegt ist (Dewe 1990, 2012; Dewe/Otto 2018), sowie das Konzept der professionellen Identität (u.a. Hamsen 2014) und des professionellen Habitus (Becker-Lenz/Müller 2009, Ebert 2012) als ertragreich für eine Anwendung in Bezug auf Praxisphasen dar. So eröffnen sich analytische Möglichkeiten, die vorliegenden Erkenntnisse zu Praxisphasen, die umfänglich rezipiert werden, zu ergänzen und den Diskurs zu dynamisieren.

In diesem Kontext ist es dann nur konsequent, wenn Vorschläge zur „kasuistischen Lehre“ (Ader) und zur ethnografisch inspiriert forschenden Sozialen Arbeit („Doing Social Work“, Aghamiri) in den Band aufgenommen wurden. Darüber hinaus dürften gerade die Beiträge im Teil „Praxisphasen konkret“ aufgrund der detaillierten Hinweise sehr hilfreich sein, wenn es darum geht, Praxisphasen systematisch zu planen, diskursiv zu steuern, zu moderieren und evaluierend abzuschließen. Hier finden alle am Prozess beteiligten Akteur:innen Anregungen, wobei, wie bereits erwähnt, die verdichtete praktische Erfahrung der Autor:innen deutlich wird.

Fasst man die umrissenen (nicht vollständigen) Aspekte zusammen, zeigt sich, dass der Band in seiner Konzeption stringent systematisiert ist, da er eine empirische Beobachtung (Triadik) – seinem eigenen Anspruch folgend – gekonnt mit zentralen Elementen des sozialarbeitswissenschaftlichen Diskurses relationiert, überzeugend (wenn auch, was hier vertretbar ist, eher implizit) wissenschaftstheoretisch hinterlegt und mit sehr konkreten, praktisch erprobten Hinweisen und Vorschlägen kombiniert. Insofern handelt es sich um eine lohnende Lektüre für Studierende, Anleitende sowie Lehrende.

Gleichzeitig kann es sich nur – und das kann den Herausgeber:innen nicht zum Vorwurf gemacht werden – um einen Aufschlag handeln. Sollte sich, was zu wünschen ist, hieraus eine Diskussion entwickeln, wäre es im Sinne des proklamierten Professionalisierungsinteresses angezeigt, Themen Sozialer Arbeit detaillierter in den Blick zu nehmen, die, um im Vokabular zu bleiben, die Relationierung wissenschaftlicher und praktischer Wissens- und Könnensbestände konkretisieren könnten – und müssten; um nur einige Stichpunkte zu nennen:

  • Methodenentwicklung- und Erprobung,
  • (handlungs-)theoretische Bezüge,
  • ethisches Handeln,
  • aktionsorientierte Praxisforschung,
  • professionelle Haltung,
  • (mikro-)politische Einmischung als Handlungsmodus Kritischer Sozialer Arbeit,
  • etc.

Des Weiteren könnten inhaltsanalytisch bzw. rekonstruktiv angelegte empirische Fragestellungen helfen, die hier – mit einiger Plausibilität – vertretenen Grundannahmen bzgl. der Anliegen der Praxis und der Subjektivierungsleistungen der Studierenden, welche die angenommen Spannung erzeugen, (weiter) zu fundieren. Konzepte für einen analytischen Rahmen – Triadik, Habitus, Identität, Relationierung zweier Lern- und Bildungsort usw. – liegen durch die Arbeit der Herausgebenden anwendungsbereit und aufeinander bezogen vor.

Praxissemester als prekäre Phasen im Studium – müssen bekämpft werden

Der Band ist von den Herausgebenden als ein „Anfang“ angelegt. (vgl. S. 244) Eine Ergänzung durch die genannten Aspekte (die überdies noch erweitert werden könnten) hätten ihn 'überladen'. Die oben angesprochene Leerstelle bezieht deshalb nicht auf diese 'ideelle' Ebene. Vielmehr soll im Folgenden die im ökonomischen Sinne 'materielle' (Lebens-)Grundlage der Studierenden, die sich in Praxisphasen befinden, in den Fokus gerückt werden.

Dass es hierbei um ein signifikantes Problem handelt, darauf weisen einige (i.d.R. als Qualifikationsarbeiten verfasste) empirische Untersuchungen hin (Netzwerk Prekäres Praktikum 2014, Ketelsen 2014, Heinz 2014, Bogorinsky u.a. 2019, Unverzagt 2020). Wenngleich Qualifizierungsarbeiten immer begrenzenden Bedingungen unterliegen, um Fragen nachzugehen, ist es doch bemerkenswert, dass man, trotz unterschiedlicher theoretischer Zugänge, methodischer Umsetzungen, verschieden gelagerten Erkenntnisinteressen usw. konstantieren kann, dass die erforschten, in der Regel lokal definierten, Grundgesamtheiten immer in einem gewissen Maße mit sozioökonomischen Notlagen konfrontiert waren. Insb. Praxissemester stellen sich so aufgrund ihrer ökonomischen Basis und ihrem rechtlich-politischen Überbau als prekäre Phasen im Studium Sozialer Arbeit dar.

Dass die Betroffenen sich – unter dem Dach das Jungen DBSH – im Rahmen des „NetzwerkesPrekäresPraktikum“ (NPP: https://praktikum.junger-dbsh.de/?msclkid=1bc59570bcb111eca164e7e28c907af9) selbst organisieren und Forderungen formulieren, ist vor diesem Hintergrund konsequent und notwendig. Zuletzt stellten Tanja Amelang und Lennard Eschenberg, Studierende im Bachelorstudiengang der Sozialen Arbeit der Hochschule Magdeburg-Stendal, fest: „wenn der sozialarbeiterische ‚Nachwuchs‘ nicht frei nach Interesse und Kompetenzen den Praktikumsplatz wählen kann, wenn existenzielle Sorgen im Vordergrund stehen, beeinflusst das die Motivation und den Einsatz bei der Arbeit und dementsprechend schlussendlich auch den Prozess der Professionalisierung negativ“ (2021: 4). Aus diesem Grund greifen sie – und viele andere – in kritischer Absicht in den Diskurs (vgl. Grobys 2021:193 ff.) ein, organisieren sich überregional und betreiben politische Einmischung auf kommunaler Ebene. Ihr Einsatz, das macht die zitierte Aussage deutlich, gilt nicht ausschließlich ihren – vermeintlich! – individuellen Lebenslagen, sondern dem selbstorganisierten Kampf gegen strukturell angelegte kollektive Deprofessionalisierung.

Diesem Thema im Rahmen des vorliegenden Bandes mehr Prominenz zuzugestehen wäre nicht nur hilfreich gewesen, um es erneut im fachlichen Diskurs zu platzieren. Wenn man die Einschätzung Amelangs und Eschenbergs ernst nimmt, wäre es notwendig, die im Band eingenommenen – und wie gezeigt: fruchtbaren – sozialkonstruktivistischen bzw. praxeologischen Grundpositionen materialistisch (vgl. Khella 1980: 64) zu grundieren. Neben der hiermit einhergehenden Berücksichtigung der sozioökonomischen Grundlagen von Praxisphasen wäre es insb. die von Karam Khella angemahnte bewusste Parteilichkeit (vgl. ebd.), die Not tut. Denn: die prinzipiell hilfreichen Beiträge dieses Sammelbandes werden ihren Gehalt höchstens eingeschränkt entfalten können, solange Studierende sich in prekären Praxisphasen und Lebenslagen befinden.

Dazu muss gesagt werden: die Herausgeber:innen sowie die BAG Prax insgesamt sind diesem Thema und den Anliegen des NPP durchaus nicht abgeneigt. So ist dem öffentlich einsehbaren Programm der 57. Fachtagung der BAG Prax zu entnehmen, dass Nicole Plettau und Ellen Bogorinsky als Vertreterinnen des DBSH und NPP am 25.11.2021 90 Minuten eingeräumt wurde, um das Thema zur Diskussion zu stellen (https://bagprax.sw.eah-jena.de/data/tagungen/​2021_herbst/​Programm_BAG_Online_Fachtagung_November_2021.pdf, letzter Zugriff: 15.04.2022). Da sich im Rahmen ebendieser Tagung ein Programmpunkt findet, der auf die Veröffentlichung des hier besprochenen Werks verweist, kann davon ausgegangen werden, dass eine Berücksichtigung der Perspektive und der Forderungen des NPP organisatorisch nicht mehr möglich war.

Da es kein öffentlich einsehbares Protokoll zu diesen Programmpunkten gibt, kann nur gehofft werden, dass die politisch aktiven Studierenden (weiterhin?) auf Unterstützung durch die BAG Prax – sowie weiterer mächtiger Akteur:innen im Feld Sozialer Arbeit! – setzen können; vor allem wenn es darum geht, die notwendigen landes- und bundespolitischen Regelungen politisch herbeizuführen.

Abschließend: dabei hätte nicht ‚nur‘ die BAG Prax einiges zu gewinnen, weil ihre gute und wichtige Arbeit auf einem solideren Fundament stünde. Den Hochschulen bietet sich durch die lokalen Aktivitäten des NPP die Möglichkeit, sich mit Studierenden zu solidarisieren und Ressourcen zur Verfügung zu stellen (entweder ‚außerhalb‘ der Lehre, oder aber auch z.B. im Rahmen eigens mit den Studierenden konzipierter Lehrveranstaltungen oder durch die Thematisierung in den praxisbegleitenden Modulen). Wo Studierende sich nicht (mehr) „dumm machen lassen“ (Bettinger 2022), wo die „problematische Geduld unserer Profession“ (Seithe 2012) in politische Einmischung (Bertram 2022) kanalisiert wird, ereignen sich autonom initiierte Lern- und Bildungsprozesse im Hinblick auf eine Professionalisierung politischen Handelns Sozialer Arbeit (Benz/Rieger 2015: 185–192). Mit anderen Worten: die Aktivitäten des NPP haben nicht ‚nur’ das Potenzial Praxisphasen ökonomisch vor Prekarität abzusichern. Sie stellen auch für sich genommen Prozesse dar, in denen akademisches Wissen mit der konkreten (sozialarbeitspolitischen) Praxis relationiert wird, indem generalistische Konzepte, Methoden und Verfahren – Soziallobbying, Politikberatung, Gremienarbeit, Community Organizing, Öffentlichkeitsarbeit, Gesprächsführung, Netzwerkarbeit uvm. – auf konkrete Situationen, Prozesse und Kontexte bezogen werden müssen. Den Hochschulen könnte, wiederum mit Frank Bettinger (2021), eine Verantwortlichkeit zum Handeln in solchen Fragen attestiert werden – vor allem könnten durch die Veröffentlichung des vorliegenden Bandes angestoßene – gerade auch prktisch-politische – Prozesse eines ermöglichen: eine Chance.

Sonja Burkhard macht jedenfalls Mut, wenn sie feststellt: „bei allem erwartbaren Engagement von Studierenden in grundständigen Studienprogrammen Sozialer Arbeit haben Hochschulen und berufliche Praxis die Verpflichtung, sich gemeinsam und strukturell abgesichert mit der gemeinsamen Qualifizierungsverantwortung zu beschäftigen. Das fängt bei den inhaltlichen Aspekten wie der entsprechenden Vorbereitung, Begleitung und fachlichen Anleitung an und hört bei pragmatischen wie einer angemessenen Vergütung für Praxisphasen auf“ (S. 239; Hervorh.M.B.)

Fazit

Dieses Buch ermöglicht es, Praxisphasen zu rekonstruieren, Perspektiven zu wechseln, sich und andere in dieser prozesshaften Konstellation zu verorten, und es bietet diverse konkrete Hinweise, die helfen, (eigenes) Agieren präziser zu planen, zu systematisieren. Es gehört damit – obwohl die zum Teil prekären ökonomischen Grundlagen und die damit verknüpften politischen Handlungsnotwendigkeiten nicht hinreichend thematisiert wurden – in die Hände derjenigen, für die Praxisphasen im Rahmen des Studiums relevant sind: Lehrende, Studierende, Anleitende.

Um den eingangs zitierten Burkhard Müller noch einmal zu Wort kommen zu lassen: „Probieren kann man lernen! Man (und frau) kann lernen, sich der eigenen Wahrnehmungsfähigkeiten zu bedienen und dabei weder im Saft der eigenen gesammelten Einsichten vor sich hinzuschmoren, noch alles Gedruckte für klug und sich selbst für dumm zu halten. Unglaublich aber wahr: Man kann sogar aus Fehlern lernen (wenn man's geschickt anstellt, am einfachsten aus den Fehlern anderer)“ (2017: 12) – und „Praxisphasen im Studium Soziale Arbeit“ kann hierbei sehr hilfreich sein.

Literatur

Amelang, T., Eschenberg, L. Praktikum pro bono? Wenn angewandte Wissenschaft nicht bezahlt wird – Statement zu studentischen Pflichtpraktika in der Sozialen Arbeit; in: Debatte. Beiträge zur Erwachsenenbildung: 1/2021: 1–4

Becker-Lenz, R., Müller, S. (Hg.): Professioneller Habitus in der Sozialen Arbeit. Grundlagen einer Professionsideals, Wiesbaden 2009

Benz, B., Rieger, G.: Politikwissenschaft für die Soziale Arbeit. Eine Einführung, Wiesbaden 2015

Bertram, M.: „Wann einmischen?!“ – Kritik und Einmischung als Aspekte professionellen Alltags in der Sozialen Arbeit; in: Wendt, P.-U. (Hg.): Kritische Soziale Arbeit, Weinheim, Basel 2022: 110–125

Bettinger, F.: Über die Verantwortung Sozialer Arbeit in Praxis und Hochschule – Nicht nur in Zeiten der Pandemie; in: Lutz, R., Steinhaußen, J.: Kniffki, J. (Hg.): Corona, Gesellschaft und Soziale Arbeit. Neue Perspektiven und Pfade, Weinheim, Basel 2021: 303–316

Bettinger, F.: „...genau hinsehen, geduldig nachdenken und sich nicht dumm machen lassen!“ – Reflexivität und Kritik als Haltung kritisch-reflexiver Sozialer Arbeit; in: Wendt, P.-U. (Hg.): Kritische Soziale Arbeit, Weinheim, Basel 2022: 12–41

Bogorinsky, E. u.a.: Praktisch pleite; in: forum SOZIAL 3/2019: 63–67

Dewe, B.: Wissen und Können in sozialarbeiterischen Handlungsvollzügen; in: Soziale Arbeit 3/1990: 82–86

Dewe, B.: Akademische Ausbildung in der Sozialen Arbeit – Vermittlung von Theorie und Praxis oder Relationierung von Wissen und Können im Spektrum von Wissenschaft, Organisation und Profession; in: Becker-Lenz, R. u.a. (Hg.): Professionalität in der Sozialen Arbeit und Hochschule. Wissen, Kompetenz, Habitus und Identität im Studium Sozialer Arbeit, Wiesbaden 2012: 111–128

Dewe, B., Otto, H.-U.: Professionalität; in: Otto, H.-U. u.a. (Hg.): Handbuch Soziale Arbeit. Grundlagen der Sozialarbeit und Sozialpädagogik, München 2018: 1203–1213

Diebel, S. u.a.: Soziale Arbeit in der Lehre – Ein (hochschul-)didaktisches Wechselspiel theoriebezogener und praxisintegrierender Professionalisierungsprozesse, in: diesl. (Hg.): Fachdidaktik Soziale Arbeit. Fachwissenschaftliche und lehrpraktische Zugänge, Opladen/​Berlin/​Toronto 2020: 11–18

Ebert, J.: Erwerb eines professionellen Habitus im Studium der Sozialen Arbeit, Hildesheim, Zürich, New York 2012

Freis, M.: Navigieren im Praxissemester – die Metapher der Expedition im Kontext eines ethnographischen Zugangs zur Praxis der Sozialen Arbeit; in: Studer, J., Abplanalp, E., Disler, S. (Hg.): Persönlichkeitsentwicklung in Hochschulausbildung fördern. Aktuelles Aus Forschung und Praxis, Bern 2019: 162–183

Freis, M.: Ethnographie im Praxissemester. Soziale Arbeit am Lernort 'Praxis' studieren, Münster 2021

Grobys, C.: Make Kritische Soziale Arbeit A Threat Again! Anhaltspunkte einer gesellschaftsverändernden Renaissance; in: Wendt, P.-U. (Hg.): Kritische Soziale Arbeit, Weinheim, Basel 2022: 190–202

Hamsen, T.: Professionelle Identität im Bachelorstudium Soziale Arbeit. Konstruktionsprinzipien, Aneignungsformen und hochschuldidaktische Herausforderungen, Wiesbaden 2014

Heinz, A.: Die sozioökonomischen Verhältnisse und deren Bedeutung für die Herausbildung einer sozialen Bewegung innerhalb der Sozialen Arbeit. Ursachen geringer berufspolitischer Organisation in der Sozialen Arbeit, Berlin 2014: https://praktikum.junger-dbsh.de/wp-content/​uploads/2020/06/masterarbeit_aheinz.pdf (letzter Zugriff: 07.04.2022)

Ketelsen, S.: Praktika in sozialen Berufen – eine empirische Studie über die sozioökonomischen Lebenssituation von Studierenden, Berlin 2014: https://praktikum.junger-dbsh.de/wp-content/​uploads/2020/06/ma_thesis_ketelsen_2014.pdf (letzter Zugriff: 07.04.2022)

Khella, K.: Theorie und Praxis der Sozialarbeit und Sozialpädagogik – Band 2, 2. Aufl. Hamburg 1980

Müller, B., Sozialpädagogisches Können. Ein Lehrbuch zur multiperspektivischen Fallarbeit. 8. Aufl., aktualisiert und erweitert von Ursula Hochschule Freund, Freiburg im Breisgau 2017

Netzwerk Prekäres Praktikum: Eine empirische Studie über die sozioökonomische Lebenssituation Studierender. Forschungspapier, Berlin 2014: https://praktikum.junger-dbsh.de/wp-content/​uploads/2020/06/forschungsergebnisse_npp_-14-10-14.pdf (letzter Zugriff: 07.04.2022)

Seithe, M.: Die problematische Geduld unserer Profession angesichts der aktuellen Lage der Sozialen Arbeit; in: Köhn, B., Seithe, M./Unabhängiges Forum kritische Soziale Arbeit (Hg.): Zukunftswerkstatt Soziale Arbeit, Berlin 2012: 21–37

Unverzagt, M.: Sozioökonomische Lebensbedingungen Studierender der Sozialen Arbeit in Freiburg: Prekarität und soziale Ungleichheit im Praktikum, Freiburg 2020: https://praktikum.junger-dbsh.de/wp-content/​uploads/2021/03/Soziooekonomische-Lebensbedingungen-Studierender-der-Sozialen-Arbeit-in-FreiburgPrekaritaet-und-soziale-Ungleichheit-im-Praktikum_Bachelorthesis_Mia-Unverzagt.pdf (letzter Zugriff: 07.04.2022)

Rezension von
Michael Bertram
B.A. Soziale Arbeit, M.A. Soziologie/Politikwissenschaft
Beruflich in der Sozialen/politischen Arbeit mit geflüchteten Menschen tätig
Lehrbeauftragter an der Hochschule Magdeburg-Stendal
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Es gibt 19 Rezensionen von Michael Bertram.

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Zitiervorschlag
Michael Bertram. Rezension vom 03.05.2022 zu: Martina Kriener, Alexandra Roth, Sonja Burkhard, Heinz Gabler (Hrsg.): Praxisphasen im Studium Soziale Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6322-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28835.php, Datum des Zugriffs 21.05.2022.


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