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Dirk Rohde (Hrsg.): Waldorfpädagogik - eine Bestandsaufnahme

Cover Dirk Rohde (Hrsg.): Waldorfpädagogik - eine Bestandsaufnahme. Erziehungswissenschaftliche Studien. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 225 Seiten. ISBN 978-3-7799-6534-3. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Der fachlichen Diskurs zur Waldorfpädagogik ist in den letzten 30 Jahre stetig gewachsen und macht deutlich, dass die Waldorfpädagogik als Schulkonzept wie auch als Forschungsgegenstand immer stärker Gegenstand des wissenschaftlichen Interesses geworden ist. Der Diskurs um die Aktualität der Waldorfpädagogik und ihre Eigenständigkeit und Wandlungsfähigkeit gegenüber dem Konzept von 1919 sowie in Teilen der Anthroposophie wurde aus erziehungswissenschaftlicher Sicht vielfach behandelt (bspw. Bauer/​Schneider 2006; Paschen 2010; Schieren 2016, Wiehl 2019, Krobat/​Weiss/​Willmann 2021) und ebenso die wissenschaftlichen Grundlagen sowie der Diskurs zwischen „Waldorfpädagogik und Erziehungswissenschaften“ (Schieren 2016), wie es in dem gleichnamigen Handbuch von Jost Schieren der Fall ist. Was bisher jedoch fehlte, war mit Rückgriff auf die wichtigen Studien der letzten Jahre der Versuch, eine wissenschaftlich fundierte Bilanzierung und vor allem Kontextualisierung dessen vorzunehmen, was Waldorfpädagogik heute ausmacht. Dies nimmt dem Titel nach der von Dirk Rohde herausgegebenen Band „Waldorfpädagogik – eine Bestandsaufnahme. Erziehungswissenschaftliche Studien“ für sich in Anspruch.

Herausgeber

Der Herausgeber Dr. habil. Dirk Rohde ist langjähriger Waldorflehrer für die Fächer Biologie und Chemie sowie in der internationalen Lehrerbildung tätig und seit 2003 Lehrbeauftragter im Fach Erziehungswissenschaften an der Philipps-Universität in Marburg.

Entstehungshintergrund

2019 fand die medial intensiv zur Kenntnis genommene 100-Jahr-Feier der Freien Waldorfschulen statt, was zu einer regen Publikationstätigkeit innerhalb und außerhalb der Waldorf-Community führte. Auch im medial meist weniger wirkungsstarken wissenschaftlichen Diskurs zur Waldorfpädagogik wurde dies als Anlass genommen, auch einen retrospektiven Blick auf diese zu werfen. Aus diesem Anlass fand im Jahr 2019 an der Marburger Philipps-Universität eine Ringvorlesung statt, bei der Vortragende aus verschiedenen Hochschulen ihre Forschungen zur Waldorfpädagogik präsentierten, die anschließend im Rahmen des vorliegenden Aufsatzbandes durch Dirk Rohde veröffentlicht wurden.

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau des Buches folgt vordergründig der Vorlesungsreihe und bietet damit zwar kein geschlossenes Bild, aber doch umfassende Themenspektrum zur Erforschung und Bilanzierung der Waldorfpädagogik. Hierzu hat Gert Biesta von der Universität in Edinburgh die grundsätzliche Frage nach der Bedeutung einer (entschleunigten und die Persönlichkeit in den Vordergrund rückenden) Waldorfpädagogik stellt, deren positiven Einfluss er auf ein als kritisch betrachtetes „age of instant gratificatin“ (S. 11) sieht.

Jost Schieren bilanziert die Zusammenarbeit von Waldorfpädagogik und Erziehungswissenschaften der letzten Jahre, die er auf der einen Seite etwas ernüchtert sieht (S. 23), aber auch als wichtigen Bestandteil des wissenschaftlichen Diskurses zur Waldorfpädagogik, der in Teilen der Erziehungswissenschaft zunehmend auf Augenhöhe geführt werden könne. Damit stellt er abschließend die Forderung, dass sich auch die Waldorfschulen noch stärker einem dialogisch-selbstkritischen Diskurs öffnen (S. 36), erhofft sich aber auch von Seiten der Erziehungswissenschaften eine größere Offenheit gegenüber der eigenen Perspektivgebundenheit.

Dirk Randoll, Guido Pollak und Christian Reintjes sowie Gabriele Bellenberg setzen sich mit empirischen Untersuchungen und Befunden zur Waldorfpädagogik sowie ihren Konzepten auseinander, besonders die letzteren drei stellen die Lehrer:innen-Ausbildung in den Vordergrund, die in den letzten Jahren enorm entwickelt wurde (vgl. auch Kern/Zdražil/Götte 2018).

Heiner Ullrich beschäftigt sich mit der Kontextualisierung der Waldorfpädagogik in der „Theosophischen Reformpädagogik“, in der auch Maria Montessoris Pädagogik ihren Ursprung hat. Trotz aller Verdienste um die Klärung der geistigen Herkunft beider reformpädagogischen Strömungen ist es allerdings Problematisch, dass Ullrich, in seiner Studie zur Reformpädagogik bei einer Vorstellung von Waldorfpädagogik verharrt, wie sie bis zu Steiners Tod ausgesehen haben mag (bes. S. 69 ff.) und eben dieses Bild auch auf die aktuelle waldorfpädagogische Praxis bezieht (S. 73). Zudem merkt er an, dass eine kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln fehle – belastbare Argumente dafür bringt Ullrich jedoch ebenso wenig vor, wie er den bestehenden Diskurs hierzu unberücksichtigt lässt.

Ein in der Erziehungswissenschaft vielfach kritisch betrachtetes Thema greift Walter Riethmüller von der Freien Hochschule Stuttgart und der Forschungsstelle vom Bund der Waldorfschulen auf, und zwar das Spannungsverhältnis von „Autorität und Schule“ (S. 119). Hier thematisiert er u.a. den Vorwurf, dass die Rolle des Klassenlehrers antiquiert und aus der Zeit gefallen sei. Überzeugend legt er dar, dass ein alternatives Modell nicht allein deshalb antiquiert sein könne, weil es älter ist und kontextualisiert das aktuelle Selbstverständnis der Waldorfpädagogik gegenüber dem Klassenlehrer. Auch relativiert er das Reizwort „Autorität“ deutlich (S. 124 ff.) und verknüpft es überzeugend mit den Kategorien „Anerkennung“, „Begleitung“ und „Vorbild“. Damit stellt er unausgesprochen die von Helsper et al. formulierte Kritik am möglichen Missbrauch des waldorfpädagogischen Autoritätsbegriffes zumindest von der Idee her gedacht überzeugend infrage (vgl. Helsper 2007, S. 44 ff.) (S. 128 ff.).

Auch der Beitrag von Wilfrid Sommer zur Entwicklung in den Fachdidaktiken und ihre Kontextualisierung im Diskurs außerhalb der Waldorfpädagogik schafft einen klaren Überblick zum status quo. Auch die in den letzten Jahren deutlich gewachsene Inklusionsbewegung an Waldorfschulen (s. den Beitrag von Hanne Handwerk) wird überzeugend und mit Verweis auf empirische Studien fundiert. Da die Waldorfschulen jedoch nicht isoliert von der Bildungs- und Abschlusspolitik in Deutschland agieren, erläutert der Beitrag von Dirk Rohde die Situation anhand umfassender empirischer Daten (qualitative Erhebung) zu den besonderen Bedingungen der Waldorfschulen im Abitur (S. 174 ff.). Den Abschluss bildet der Beitrag von Albrecht Hüttig zur großen Elternstudie, die besonders auf die Motivlage der Befragten eingeht, die Kinder an einer WS angemeldet zu haben, sowie ihre Bilanz der Schulzeit.

Diskussion

Sammelbände zur Waldorfpädagogik, zu ihrem Selbstverständnisses, zu ihrer wissenschaftlichen Erforschung sowie Kontextualisierung im Erziehungswissenschaftlichen Diskurs sind seit den 1990er Jahren in regelmäßigen Abständen erschienen und verweisen auf

 ein in den letzten Jahrzehnten exponentiell gewachsenes Bewusstsein gegenüber einem gemeinsamen Diskurs von Waldorfpädagogik und herkömmlicher Erziehungswissenschaft. Dem Titel nach fällt dieser Sammelband positiv aus der Reihe, da er zu bilanzieren sucht – und nicht nur zu erklären und zu verorten – und diesem Anspruch wird er auch gerecht. Auch wenn die Bilanz nicht systematisch angelegt wurde, was dem Charakter der Ringvorlesung geschuldet sein mag, bilden die Beiträge doch eine bilanzierende Fragestellung und vor allem sind sie in der Summe ein vielleicht nicht vollständiges, aber doch substantielles Abbild des wissenschaftlichen Diskurses um die Waldorfpädagogik. Dirk Rohdes Verdienst ist es also, die verschieden Autoren, Studien und Themen zusammengeführt zu haben und in einem gut lesbaren, fundierten sowie verdienstvollen Band herauszugeben, der auch konstruktiv-kritische Töne anschlägt. In dieser Hinsicht ist der Sammelband auch ein wichtiger weitere Grundlagenband für eine seriöse Auseinandersetzung mit der Waldorfpädagogik, der durch seine Essenzhaftigkeit einen relativ schnellen und umfassenden Überblick schaffen kann.

Fazit

Der von Dirk Rohde herausgegebene Aufsatzband „Waldorfpädagogik – eine Bestandsaufnahme“ stellt wie ausgeführt eine sinnvolle Erweiterung des wissenschaftlichen Publikationsangebotes zur Waldorfpädagogik dar und bietet auf knappen Raum ein Maximum an signifikanten Informationen, Perspektiven, Klarstellungen wie auch in Teilen berechtigte kritische Fragen, die das Bild der aktuell praktizierten Waldorfpädagogik multiperspektivisch und signifikant verdichten. Damit kann dieser Aufsatzband durch seine Ausrichtung, Qualität und zuletzt auch sein Format für die waldorfpädagogische Lehrerbildung unverzichtbar werden, was für die Hochschulausbildung und den erziehungswissenschaftlichen Diskurs und die Verortung der Waldorfpädagogik ebenso gelten kann.

Literaturverzeichnis

Bauer, Horst Philipp & Schneider, Peter (2006): Waldorfpädagogik. Perspektiven eines wissenschaftlichen Dialoges. Peter Lang: Frankfurt/Main.

Helsper,Werner; Ullrich, Heiner; Stelmaszyk, Bernhard; Höblich, Davina; Graßhoff, Gunther & Jung Dana (Hrsg.) (2007): Autorität und Schule. Die empirische Rekonstruktion der Klassenlehrer-Schüler-Beziehung an Waldorfschulen. VS Verlag: Wiesbaden.

Kern, Holger; Zdražil, Tomáš & Götte, Wenzel Michael (Hrsg.) (2018): Lehrerbildung für Waldorfschulen. Erziehungskünstler werden. Beltz-Juventa: Weinheim und Basel

Paschen, Harm (Hrsg.) (2010): Erziehungswissenschaftliche Zugänge zur Waldorfpädagogik. VS Verlag: Wiesbaden.

Schieren, Jost (Hrsg.) (2016): Handbuch Waldorfpädagogik und Erziehungswissenschaft. Standortbestimmung und Entwicklungsperspektiven. Beltz-Juventa: Weinheim und Basel.

Wiehl, Angelika (Hrsg.) (2019): Studienbuch Waldorf-Schulpädagogik. Klinkhardt: Bad Heilbrunn.

Krobath, Thomas, Weiss, Leonhard & Willmann, Carlo (Hrsg.) (2021): Sinn-Bildung durch Welt-Begegnung. Herausforderungen und Aufgabenfelder einer Waldorfpädagogik im 21. Jahrhundert. LIT-Verlag: Wien.


Rezension von
Frank Steinwachs
Dozent am Seminar für Waldorfpädagogik Hamburg e.V.
Homepage www.waldorfseminar.de
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Zitiervorschlag
Frank Steinwachs. Rezension vom 22.12.2021 zu: Dirk Rohde (Hrsg.): Waldorfpädagogik - eine Bestandsaufnahme. Erziehungswissenschaftliche Studien. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6534-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28837.php, Datum des Zugriffs 23.01.2022.


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