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Bea Engelmann, Dina Loffing: Mini-Handbuch Resilienz-Coaching

Rezensiert von Prof. Dr. René Börrnert, 22.09.2023

Cover Bea Engelmann, Dina Loffing: Mini-Handbuch Resilienz-Coaching ISBN 978-3-407-36786-0

Bea Engelmann, Dina Loffing: Mini-Handbuch Resilienz-Coaching. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2023. 240 Seiten. ISBN 978-3-407-36786-0. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR.
Reihe: Mini-Handbücher.

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Thema

Die oft in Stellenausschreibungen betonte Work-Life-Balance ist im realen Berufsalltag nicht für jede:n und immer realisierbar. Denn sie hängt nicht allein von objektiven Umständen ab, sondern verlangt auch persönliche Kompetenzen, die solche Themen wie Zeit- und Selbstmanagement betreffen. Eine wesentliche Fähigkeit ist auch die innere stabile Stärke. Als „Resilienz“ bezeichnet, ist diese Ressource in den letzten Jahren zum Modebegriff in vielerlei validen bis fragwürdigen Fach- und Ratgeberbüchern geworden und wird inzwischen beinahe inflationär thematisiert. In einem Punkt aber scheint sich die Autor:innenschaft einig: Resilienz ist erlern- bzw. trainierbar. Auch das vorliegende Buch hat diesen Ansatz als Grundverständnis. Es versteht sich als Praxisbuch für Coaches und auch für solche, die gecoacht werden wollen. Es bietet Hintergrundwissen und zahlreiche Übungen.

Autor:innen und Entstehungshintergrund

Bea Engelmann ist Coach, Unternehmensberaterin und Trainerin. Schwerpunkte: Führung, Kommunikation, Organisationsentwicklung, Persönlichkeitsentwicklung, Resilienz und Glück. Sie ist Autorin zahlreicher Bücher.

Dr. Dina Loffing arbeitet als Coach und Beraterin. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind (Selbst-)Führung, Organisationsentwicklung und Resilienz.

Das Buch ist ein Band aus der Reihe „Mini-Handbuch“. Diese Publikationen bieten den Lesenden zu einem jeweiligen Grundlagenthema einen theoretischen Überblick sowie das Basiswissen über entsprechende Methoden. Der Fokus liegt hierbei darauf, das Wissen komprimiert und ansprechend praxisnah zu präsentieren.

Aufbau und Inhalt

Nach der Einführung in Form eines Gespräches der Autor:innen über das große Buchthema und dessen Vielfalt wird der Buchaufbau skizziert. Es ist in vier unterschiedlich große Teile aufgebaut, von denen im umfangreichsten zweiten Teil das Stufenmodell von Resilienz vorgestellt wird.

Teil 1 _ Grundlagen: Einerseits geht es am Anfang um die jeweiligen Selbstverständnisse der Autor:innen (und des Gastautors Volker Biesel für diesen Buchteil) zum Thema Coaching. Dieses kann u.a. Raum für Begegnung oder „Proaktiver Empowermentor“ sein. Andererseits wird Resilienz hier als „innere Stärke für das Leben“ definiert, was für Engelmann und Loffing eine Art von Haltung ist. Coaching ziele daher darauf ab, die eigenen Ressourcen zur Verstärkung dieser inneren Haltung zu aktivieren. Damit unterscheide sich dieser Ansatz von den weit verbreiteten SMART-Zielsetzungen, weil diese lediglich Verhalten steuern.

Teil 2 _ Die sieben Stufen der Resilienz: Das von den Autorinnen fokussierte Modell von Resilienz wird verglichen mit einer Leiter, deren sieben Stufen (das sind Eigenschaften, Ressourcen oder Methoden) nachfolgend inhaltlich ausführlich dargestellt werden. In diesem Zusammenhang bieten Engelmann und Loffing immer mehrere Übungen an, anhand derer die vorab besprochenen Aspekte von den Coaches weiter thematisiert oder in der Praxis ausprobiert werden können.

Stufe 1 = Selbstbewusstheit: Für die Ausbildung von Resilienz sei es vor allem wichtig, selbst zu entscheiden, was ich denke. Aus diesem Grund muss ich z.B. lernen, mich selbst achtsam beobachten zu können. Dabei können folgende Fragestellungen als Übung helfen: „Was nimmst du jetzt wahr, wenn du mit allen deinen Sinnen in die folgenden Bereiche hineinschaust? Denke daran, dass es um eine liebevolle Beobachtung von Dir geht, nicht um eine Bewertung, ob du das gerade gut oder blöd findest. Welche Gedanken haben ich gerade? Welche Gefühle habe ich gerade? Wie geht es meinem Körper jetzt gerade? Was bedeutet Achtsamkeit für mich? Wie begründe ich dies für mich?“ (73 f.).

Stufe 2 = (Selbst-)Akzeptanz: Als Nächstes muss ich lernen, Dinge zu akzeptieren, die außerhalb meines Einflussbereiches liegen. Diese kann ich weder kontrollieren noch vermeiden. Die Autorinnen postulieren ein „Ja zum Leben“ frei nach dem Motto „Ich bin ich und das ist gut so“. Diese gedankliche Ausrichtung beinhaltet aber auch, eigene Unsicherheiten und Ängste sowie Verletzlichkeiten und Scham zu akzeptieren, denn „tun wir dies nicht, geben wir lebenslang Energie in das Bekämpfen und Verdecken dieser Anteile – und das kann extrem anstrengend sein!“ (84).

Stufe 3 = Selbstverantwortung: Neben dem Aufwand, sich in solche psychischen Veränderungsprozesse zu begeben, werde sich aber ein großer Gewinn zeigen: Durch die zunehmende Selbstbestimmtheit erlange ich neben Autonomie auch Freiheit und Einfluss. „Ich habe immer die Wahl! Ich entscheide! Ich bin frei!“ mögen hier motivierende Kernsätze sein (sog. „Soulfood“; 115). Engelmann und Loffing betonen in diesem Zusammenhang: „Wie viele andere Dinge auch, können wir dies trainieren. Je häufiger wir uns mit unserer eigenen Proaktivität auseinandersetzen, umso selbstverständlicher wird diese Art zu denken für uns“ (114). An die Adressat:innen des Coachings lassen sich dann eben solche Kernsätze weitergeben, wie „Ich muss gar nichts – ich kann, wenn ich möchte! Ich bin so frei, wie ich es mir erlaube!“ (125).

Stufe 4 = Selbstmanagement: Die drei vorherigen Stufen bestimmen dann das größte Handlungsfeld für gelebte Resilienz und bedingen unser Selbstwertgefühl (Ich bin es wert!). Als Konsequenz hieße es dann, ein entsprechendes Selbstkonzept zu entwickeln, was wir leben und sichtbar machen. Kommunikativen Ausdruck kann dies finden, indem wir uns entschieden zu einem „Ja“ oder „Nein“ bekennen (können). Auch hier motivieren Kernsätze, wie „Ich sage Ja zu mir und meinem Leben!“ (137). 

Stufe 5 = Optimismus: Unbedingt hilfreich ist die Ausbildung einer Einstellung, mit der ich bereit und fähig bin, an das Gute im Leben zu glauben. Denn Optimisten sehen das Licht am Ende des Tunnels und „wenn sie erst einmal gute Erfahrungen gemacht haben in ihrem Leben, dann lassen sie sich von einer schlechten Erfahrung nicht ‚umpusten‘ – im Gegenteil! Sie denken dann: Einmal ist keinmal und gehen unbeirrt optimistisch ihren Weg weiter“ (153). Aus solchem Optimismus kann dann eine gewisse Selbstwirksamkeit resultieren, die hier als trainierbare Kompetenz (Funktionaler Optimismus) beschrieben wird (156ff).

Stufe 6 = Coping: Die Fähigkeit, eigene Ressourcen und Kompetenzen in herausfordernden Situationen abzurufen und passgenau einzusetzen, nennen wir Coping. Hilfreiche Analysetechniken (z.B. Bewertungsprozesse, 173 f.) und Motivationsübungen („Auch ohne Stress bin ich wichtig und wertvoll!“, 187) werden in diesem Teil des Buches ausführlich erörtert.

Stufe 7 = Lebensfreude: Am Ende des Resilienz-Prozesses mag ich dann die Fähigkeit entwickeln, mich aus dem tiefsten Innern am Leben zu erfreuen. Im Blickpunkt dieses Kapitels erörtern die Autorinnen emotionspsychologische Aspekte im Zusammenspiel von Wahrnehmung, Denken und Handeln. Aufgezeigt wird, wie sich die wesentlichen Komponenten einer negativen Emotion positiv umdeuten lassen (203 f.). Eine hilfreiche Übung kann hier die „Gedankenblume“ sein (Das Schöne an Lebensfreude) sein: „Schließe für einen Augenblick Deine Augen und frage dich, was du mit dem Gefühl der Lebensfreude assoziierst. Was denkst du, wenn du das Wort Lebensfreude hörst? Frage dich, inwiefern Lebensfreude dir guttut. Was ist das Schöne an Lebensfreude für dich? Trage spontan deine Gedanken zu den Fragen in die Gedankenblume ein, die dir in den Sinn kommen“ (219).

Teil 3 _ Die beiden Pole Stille und Bewegung: Kurz aber prägnant werden die beiden sich ergänzenden Außenbereiche beschrieben, mit denen Resilienz im dialektischen Einklang steht. Bleibt man im Bild der Leiter, so sind die oben beschriebenen Stufen hier durch zwei Hauptstränge eingerahmt. Die Autorinnen nennen sie „Pole, die einander bedingen“ (vgl. 224 ff.). Da ist zum einen die Stille, die es beim Coaching oft auszuhalten gilt. Auf der anderen Seite ist es die Bewegung, die zur Notwendigkeit wird, z.B. wenn Ressourcen mobilisiert werden müssen.

Teil 4 _ Anhang: Hier findet sich ein Outro, Hinweise zu den Autor:innen, der Code für das Onlinematerial und das Literaturverzeichnis.

In den einzelnen Kapiteln finden sich illustrative Abbildungen, immer wieder weiterführende Literaturhinweise sowie per Hand vom Lesenden ausfüllbare Übungskästen mit Selbst-Tests (Dein Check). Zusätzlich zum Buch gibt es ein umfangreiches Paket an Arbeitsblättern für die beschriebenen Übungen als Online-Material (130 Seiten).

Diskussion

Bereits in der Einleitung verdeutlichen die Autor.innen, dass der Resilienzbegriff sehr weit fassbar ist (vgl. hierzu auch Zander 2018). Genau das spiegelt die entsprechende Literatur insgesamt wider und mag die Lesenden irritieren. Denn während der Psychologe V.E. Frankl (2021: 100 f.) Resilienz eher als ein „Nebenprodukt“ der eigenen Lebenserfahrungen verstand, versucht die aktuelle Forschung, aus Lebensläufen jene Faktoren herauszufiltern, die Widerstandskraft fördern. Das können sichere Bindungen sein oder die Bereitschaft, von anderen Personen Hilfe anzunehmen oder zu erhoffen (z.B. über Gebet). Biographische Verläufe sind immer individuell und so ist auch die persönliche Sichtweise und die Selbstbestimmung der Person von entscheidender Wirkung für die Ausbildung von Resilienz (vgl. Rönnau-Böse & Fröhlich-Gildhoff 2020). Jay (2018) bezeichnet resiliente Menschen als jene „Supernormalen“, die ihre zumeist extremen Lebenserfahrungen (z.B. als Kinder von suchtkranken Eltern) verdecken wollen, indem sie sich als Erwachsene in die Unauffälligkeit flüchten. Sie pflegen so sehr Selbstbeherrschung, dass sie ihre eigenen Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen perfekt an die Umwelt anpassen (vgl. ebd.: 156). In diesem Verständnis erscheint fragwürdig, ob Resilienz wirkliche eine förderfähige Eigenschaft ist.

Um das zu bestimmen, erscheint es hilfreich zwischen einer Oberflächen- und einer Tiefen-Resilienz zu unterscheiden (vgl. Börrnert 2022: 66). Oberflächlich ist es dann in diesem Verständnis durchaus möglich, Resilienz zu fördern. Beispielhaft können Soziale Kinder stark und mutig machen, indem sie ihnen helfen, ihr Selbstbewusstsein auszubilden und zu stabilisieren. Autor:innen verdeutlichen das im Kontext von Rassismuserfahrungen (vgl. Madubuko 2021) oder von Politischer Bildung (vgl. Rahner 2020) und thematisieren hier eine „Widerstandsfähigkeit gegen Extremismus und Ideologien der Ungleichwertigkeit“. Für die Ausbildung einer Tiefen-Resilienz allerdings sind demgegenüber Enttäuschungen, Frustration und weitere unbestimmte Schicksalsschläge im Leben zwangsläufige Grundbedingung.

Dessen ungeachtet bieten Engelmann und Loffing ein sehr brauchbares Handbuch, das sowohl in der Hochschullehre als auch in der Erwachsenenbildung eingesetzt werden kann. Die angebotene didaktische Struktur stellt eine gute Basis dar, um theoretischen Input und praktische Übung zu verbinden und anwendungsorientiert zu vermitteln.

Fast erscheint es, als ob sich das Schlagwort Resilienz perfekt eignet, alle an sich unscharfen Aspekte von „Selbstmanagement“ in ein positives Licht zu rücken. Insofern zeigt sich das vorgestellte Buch am Ende tatsächlich als Handbuch zum Coaching des eigenen zufriedenen Selbst, nur dass all das unter der Überschrift „Resilienz-Coaching“ formuliert ist. Die Autor:innen bedienen hierbei einen formalen Trend, denn sie wählen den Du-Duktus, der bei solcherlei Fach-Ratgeber-Publikationen üblich geworden ist und sich an dem „Arbeits-Du“ in entsprechenden Workshops orientiert. Auch die esoterisch anklingenden Selbstbezeichnungen von Bea Engelmann als „Glücksverbreiterin“ und Dina Loffing als „Lebens-Liebhaberin“ (231 f.) sind somit konzepttreu, was auch die Referenzen auf deren eigenen Homepages bestätigen.

Fazit

Das Buch ist empfehlenswert für am Thema „Resilienz“ interessierte Leser:innen. Neben theoretischen Grundkenntnissen finden sich zahlreiche Hinweise und Übungen, eigene Ressourcen des Selbstmanagements bzw. Empowerments bewusst zu machen und zu nutzen.

Literatur

Börrnert, R. (2022): Sprachen und Signale in der Sozialen Arbeit. Das Fach und seine Bezugsdisziplinen. Münster u.a.

Frankl, V.E: (2021): Wer ein Warum zu leben hat. Lebenssinn und Resilienz. Weinheim und Basel.

Jay, M. (2018): Die Macht der Kindheit. Wie negative Erfahrungen uns stärker machen (2. Auflage). Hamburg.

Madubuko, N. (2021): Praxishandbuch Empowerment. Rassismuserfahrungen von Kindern und Jugendlichen begegnen. Weinheim und Basel.

Rahner, J. (2020): Praxishandbuch Resilienz in der Jugendarbeit. Widerstandsfähigkeit gegen Extremismus und Ideologien der Ungleichwertigkeit. Weinheim und Basel.

Rönnau-Böse, M., Fröhlich-Gildhoff, K. (2020): Resilienz und Resilienzförderung über die Lebensspanne (2. Auflage). Stuttgart.

Zander, M. (2019): Resilienzförderung [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 08.02.2019, https://www.socialnet.de/lexikon/​27645 [2023-09-13]

Rezension von
Prof. Dr. René Börrnert
Fachhochschule des Mittelstands (Rostock)
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Es gibt 43 Rezensionen von René Börrnert.

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Zitiervorschlag
René Börrnert. Rezension vom 22.09.2023 zu: Bea Engelmann, Dina Loffing: Mini-Handbuch Resilienz-Coaching. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2023. ISBN 978-3-407-36786-0. Reihe: Mini-Handbücher. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28838.php, Datum des Zugriffs 18.07.2024.


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