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Guido Barbujani: Die Erfindung der Rassen

Cover Guido Barbujani: Die Erfindung der Rassen. Wissenschaft gegen Rassismus. Verlagshaus Jacoby & Stuart GmbH (Berlin) 2021. 282 Seiten. ISBN 978-3-96428-097-8. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
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Thema

Thema des vorliegenden Titels sind Argumente eines Genetikers gegen rassistische Vorurteile.

Autor

Guido Barbujani, 1955 geboren, hat nach Beendigung des Biologiestudiums an der State University/New York mit Robert R. Sokal statistisch Gendaten mit linguistischen Daten verglichen, um die Evolutionsgeschichte menschlicher Populationen zu verfolgen. Seit 1996 ist er Professor für Genetik an der Universität Ferrara. Er veröffentlichte zudem populärwissenschaftliche Bücher gegen Rassismus und Romane.

Entstehungshintergrund

Entstehungshintergrund sind nach wie vor bestehende rassistische Vorurteile. Barbujani zeigt, wie man mit den Erkenntnissen der Wissenschaft gegen den ‚tiefverwurzelten rassistischen Unfug‘ argumentieren kann.

Aufbau

Nach einem Vorwort weist Barbujani nach, dass es – genetisch – aufgrund der Forschungsergebnisse nur eine menschliche Spezies gibt und keine Rassen. Er stellt drei Theorien zur Evolution der Menschheit vor und setzt sich mit verschiedenen Rassentheorien auseinander (u.a. auch mit dem ‚gesunden Menschenverstand‘) und endet mit der Schlussfolgerung: ‚Wir sind alle verwandt und alle verschieden‘.

Inhalt

Vorwort

Als die erste Ausgabe dieses Buches 2006 erschien, kannte man nur ein inkomplettes Genom, heute gibt es aufgrund einer Wissensexplosion mehrere Tausend, was eine Orientierung nicht leicht macht. Wer hätte gedacht, dass bis vor 7000 Jahren die Europäer dunkelhäutig waren und dass der Begriff ‚Rasse‘ unnütz und schädlich ist? Ist es so schwierig, Althergebrachtes aufzugeben? Vielleicht lassen sich mit Wissen und Kompetenz Erfolge gegen populistische Vorurteile gegenüber Immigranten und Raum für eine konstruktive Diskussion erzielen.

1. Kapitel: Grenzziehungen

Barbujani geht auf die Entwicklung des Rassebegriffs (biologische Diversität der Menschen) und anthropologische Studien ein, die unbewiesen sind (Hypothesen), aber sozialpolitischen Auswirkungen hatten und noch haben. Der Begriff ‚Rasse‘ hat keine in der DNA erkennbare biologische Realität. Die große Menschheitsfamilie stammt von einer kleinen Gruppe in Afrika ab, die den ganzen Planeten besiedelt hat. Unterschiede sind durch Mobilität und Vermischung entstanden, Letztere hat auch Spuren in den Zellen hinterlassen.

2. Kapitel: Menschenarten

Es ist nachgewiesen, dass es nur eine lebende menschliche Spezies gibt, aber verschiedene ausgestorbene Menschenarten. Barbujani gibt anschauliche Beispiele von Pseudowissenschaft (Illustration von unterschiedlichen Kopfabbildungen) und verweist auf Fossilien, die beweisen, dass es nur eine einzige Menschenrasse (Gattung Homo in Afrika vor ca. 2 Mio. Jahren) gegeben hat, aber viele Menschenarten aufeinandergefolgt sind.

3. Kapitel: Von der Schöpfung zum Humanprojekt

In diesem Kapitel beschreibt Barbujani die Geschichte der Evolutionsbiologie und Genetik. Er verweist u.a. auf Lamarck und Darwin und erwähnt ein Schlüsselkonzept der Evolution: die Anpassung. Als die Genetik noch nicht entwickelt war, konnte Darwin nicht wissen, nach welchen Regeln Erbeigenschaften weitergegeben werden: Diese Regeln enthalten die DNA für das biologische Erbe. Bei der Reproduktion verschmelzen Eizelle und Spermatozoon, deshalb enthält die DNA eines Kindes väterliche und mütterliche Anteile. Hinzukommen Mutationen, wodurch Variabilität – und auch vererbbare Krankheiten – entstehen.

Der Autor beschreibt dann einen genetischen Code: Die DNA produziert Proteine, die unser Aussehen bestimmen. Die Syntax der Gene (ca. 22000 beim Menschen, die aber nur ¼ der DNA einnehmen, ¾ sind noch ungeklärt!) ist immer noch nicht voll erforscht. Jedes Gen hat viele Allele, die eine genetische Vielfalt erzeugen; hinzukommen Umwelt- und kulturelle Einflüsse. Hautfarbe, Statur, Gewicht, Einfühlungsvermögen und Intelligenz sind ein Produkt vieler Gene, werden aber auch beeinflusst durch Sonneneinstrahlung, Nahrung, Sport und vieles andere. Erbfaktoren stellen weit gefasste Grenzen dar. Die Gene entscheiden, ob es biologisch beim Homo sapiens überhaupt unterschiedliche ‚Rassen‘ (?) gibt.

4. Kapitel: Wovon wir reden, wenn wir von Rassen reden?

Gespräche über Rasse enden oft in einer babylonischen Sprachverwirrung. In der Biologie werden mit ‚Rasse‘ Gruppen von gut unterscheidbaren Individuen innerhalb einer Spezies definiert. Das ist bei Menschen aus verschiedenen Ländern schwierig, da sie typologisch nicht gut unterscheidbar sind; da hilft auch der Vergleich mit Zuchtrassen nicht. Humane Diversität ist eine Folge der genealogischen Geschichte. Weil Tiere relativ unbeweglich sind, kreuzen sie sich nur mit den nächsten Angehörigen, was die Entstehung von Rassen begründet.

5. Kapitel: Menschenkataloge

Es gibt unterschiedliche Merkmale bei unterschiedlichen Völkern und Versuche zur Klassifizierung (Aristoteles, John Ray, Francois Bernier, Carl von Linné u.a.). Mit ‚Rasse‘ wurden unterschiedlich aussehende Gruppen bezeichnet. In einigen Systemen des 20. Jahrhunderts gab es sogar bis zu 200, u.a. auch esoterische Unterscheidungen. Livingstone sah keine übereinstimmende Variabilität. Zwar gibt es stabile und erbliche Merkmale, die sich aber unter Umwelteinflüssen auch verändern können (Beispiel Längenwachstum durch bessere Ernährung). Heute kann eine Rassenklassifikation nicht mehr ernst genommen werden.

6. Kapitel: Was uns die Gene sagen

Kleinste Teilchen genügen heute für eine DNA-Probe. Untersuchungen ergaben, dass die Unterschiede zwischen den ‚Rassen‘ nur ein kleiner Teil der genetischen Diversität sind, somit keinen Wert haben, während die größte Diversität zwischen Individuen besteht. Die Ergebnisse der Untersuchungen von Lewontin 1972, wurden auch bei späteren Untersuchungen nicht ernsthaft infrage gestellt. Auch Genomanalysen – Untersuchungen der Gesamtheit in einer Zelle/​Individuum/​Spezies enthaltenen DNA – brachten keine entsprechenden Unterschiede. Selbst wenn man spezifisch X- und Y-Chromosome untersucht, kommt man zu dem Ergebnis, dass jedes Individuum eine eigene ‚Rasse‘ darstellt. Es lassen sich somit – auch morphologisch – keine klaren Grenzen zwischen Menschengruppen feststellen.

7. Kapitel: Modelle

Es werden drei Theorien zur Entstehung der Menschheit vorgestellt: 1) Coon hat 1963 den früheren Rassentheorien ein Evolutionsmodell hinzugefügt: die Phase des aufrechten Ganges und Entwicklung des Gehirns (Homo erectus fortgesetzt im Homo sapiens) und sie bestimmten Regionen zugeordnet; seine Theorie des Polygenismus ist nicht aufrecht zu erhalten. Seine Beschreibung von Menschentypen ist oft korrekt, nicht jedoch die Interpretation. 2) Die multiregionale Theorie von Milford Wolpoff: Die Menschheit ist aus einem einzigen Prozess hervorgegangen, hat sich aber in unterschiedlichen Weltgegenden unterschiedlich entwickelt. 3) Das Modell des rezenten afrikanischen Ursprungs.

Diese drei Theorien werden von Barbujani kritisch hinterfragt im Hinblick auf Fossilien und die Ergebnisse der Genforschung.

8. Kapitel: Was die Gene uns noch sagen

Forscher haben die genetische Grundlage vieler Krankheiten identifiziert. Genome bestehen aus Blöcken von Genen, aufgereiht auf den Chromosomen, die für die Entstehung von Krankheiten verantwortlich sind. Bei der Verbindung von Eizelle und Spermatozoon tauschen die homologen Chromosomen kleine Stücke aus, d.h. getrennte Mutationen können sich auch vereint auf einem Chromosom wiederfinden, das weitervererbt wird. Inzwischen kann man vollständige Genome lesen, dabei zeigen sich gängige (kosmopolitische) oder oder seltene (nur in einer Population z.B.) Varianten. Die Sequenzen von zwei Cro-Magnon-Menschen (Höhle in Apulien) gleichen modernen Menschen, während die der Neandertaler unterschiedlich sind. Alle Nicht-Afrikaner haben etwas mehr vom Neandertaler als die Afrikaner. Was bedeutet das?

9. Kapitel: Warum wir uns nur als Afrikaner bezeichnen können

In Afrika gibt es eine besondere Vielfalt von Unterschieden zwischen den Genomen (im Vergleich mit anderen Kontinenten). Da ein Genom in Blöcke unterteilt ist, hat sich gezeigt, dass ein Viertel der Blöcke (18 %) ausschließlich afrikanisch ist; d.h. unsere Chromosomen sind entweder afrikanisch oder allgemein menschlich. Genetisch ist Afrika – auch was die genetische Diversität anbetrifft – kein Kontinent wie die anderen. Ein Verlust an Diversität ist bei ausgewanderten Kleingruppen zu beobachten, die nur einen kleinen Teil der DNA (Allele) mitnehmen und unter sich bleiben. Die Wanderungsbewegung des Homo sapiens (Schaubild) ist von Afrika ausgegangen. Kreuzungen der Auswanderer – vor und nach der Auswanderung – mit den Neandertalern sind möglich. Möglicherweise hat eine Hybridisierung (Vermischung) zwischen Eurasiern und Neandertalern stattgefunden, denn es gab verschiedene Auswanderungswellen. Es könnte sein, dass archaische Populationen spurlos untergegangen sind oder nur eine winzige Spur hinterlassen haben. Wir haben uns zahlreich vermischt, unsere Genome sind ein buntes Flickenhemd. Nach Auswanderung nach Europa – mit schwarzer Haut – haben vielleicht Menschen mit hellerer Haut größere Überlebens-Chancen (Bindung von Vitamin D) gehabt; ohne Immigration nach Europa hätte es keine weiße Haut gegeben.

10. Kapitel: Einer stand Schmiere

Seit 1990 Jahren wird verbreitet, dass es Rassen gibt; dabei geht es meist um die Überlegenheit der weißen Rasse. Das Ergebnis der Genforschung ist, dass wir alle verwandt und alle verschieden sind, auch wenn sich Populationen voneinander unterscheiden (durch Intelligenzquotienten oder sportliche Erfolge). Es gibt keine Korrelation zwischen Intelligenzquotienten und Mikrozephalie-Genen, und die Hautfarbe hat sich entsprechend der Sonneneinstrahlung, also unter Umweltbedingungen, verändert.

11. Kapitel: »Aber wenn die Neger so wären wie ich, würde man sie doch Weisse nennen«.

Dieses Kapitel beschäftigt sich kritisch mit dem ‚gesunden Menschenverstand‘. Rassen sind ungeeignet, um Gene zu beschreiben. Sie dienen auch keinen medizinischen Zwecken. Was ist also ihr Nutzen?

12. Kapitel: Wir sind alle verwandt und alle verschieden.

Zwar kann Wissenschaft niemals beweisen, dass eine Theorie richtig ist, aber sie verfügt über Methoden, die nachweisen, wann eine Theorie falsch ist. Es gibt keine Gründe, am Rassebegriff festzuhalten. Unsere Spezies ist vielfältig, aber man kann nicht davon ausgehen, dass die modernen Menschen direkte Nachfahren derer sind, die vor 2–5000 Jahren dieselbe Gegend bewohnt haben, weil Menschen immer mobil waren. Nach Voltaire kann man mit Vernunft und Zweifel zu vernünftigen Lösungen kommen und Hunderte Jahre lange Vorurteile widerlegen und durch Urteile ersetzen. Unterschiede zwischen Menschen bestehen aus kulturellen Gewohnheiten, Interessen und Verhalten. Antworten auf die Frage nach unserer Identität kann die Biologie allerdings nicht geben.

Diskussion

Anschaulich und allgemein verständlich gelingt es Barbujani (auch mit Illustrationen) die bisherigen Ergebnisse der Genforschung vorzustellen, nicht ohne den kritischen Hinweis, dass alle Forschungsergebnisse auch durch weitere Forschungen kritisch infrage gestellt werden können. Bislang gibt es jedoch keinen Hinweis, dass sich auf dem ganzen Globus Menschen untereinander nach Rassegesichtspunkten genetisch unterscheiden lassen. Vielmehr ist das paradoxe Ergebnis, das jedes Individuum eine Besonderheit für sich ist. Wer sich also nach diesen Ergebnissen weiterhin des Rassebegriffs bedient, kann sich nicht mehr – wie bei den Nazis – auf vererbliche körperliche Merkmale berufen, sondern muss sich mit kulturellen, sozialen und politischen Unterschieden befassen, die nicht angeboren, sondern erworben sind.

In den letzten Kapiteln gerät das Buch zu einer Streitschrift, in der der Autor deutlich macht, dass er die Obsession, die Menschheit nach Rassen einzuteilen, nicht nur wissenschaftlich für widerlegt hält. Er kämpft gegen Vorurteile an, die aus falschen Rassevorstellungen eine narzisstische Überlegenheit der eigenen Ethnie ableiten. Wer sich also in Zukunft dieser Vorurteile bedienen will, kann sich nicht auf die Genetik und die Wissenschaft berufen.

Das Buch wurde notwendig, um dem tief verwurzelten rassistischen Unfug aus wissenschaftlicher Sicht jede Legitimation zu nehmen. Es kann allerdings Vorurteile nicht ausräumen, die aus anderen Quellen (Fremdenangst, Fremdenhass, Minderwertigkeits- und Überlegenheitsgefühle z.B.) stammen.

Fazit

Ein zwar nicht immer leicht zu lesendes, aber sehr informatives Buch, das mit genetisch bedingten rassistischen Vorurteilen gründlich aufräumt.


Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 09.12.2021 zu: Guido Barbujani: Die Erfindung der Rassen. Wissenschaft gegen Rassismus. Verlagshaus Jacoby & Stuart GmbH (Berlin) 2021. ISBN 978-3-96428-097-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28843.php, Datum des Zugriffs 28.01.2022.


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