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Frank Greuel (Hrsg.): Evaluation von Programmen und Projekten der Demokratieförderung, Vielfaltgestaltung und Extremismusprävention

Rezensiert von Dr. phil. Alexander Akel, 25.10.2022

Cover Frank Greuel (Hrsg.): Evaluation von Programmen und Projekten der Demokratieförderung, Vielfaltgestaltung und Extremismusprävention ISBN 978-3-7799-6501-5

Frank Greuel (Hrsg.): Evaluation von Programmen und Projekten der Demokratieförderung, Vielfaltgestaltung und Extremismusprävention. Gegenstand, Entwicklungen und Herausforderungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 357 Seiten. ISBN 978-3-7799-6501-5. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR.

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Thema

Seit dem Start des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ im Jahr 2015 erfahren die Themen der Demokratieförderung und Extremismusprävention insbesondere auf kommunaler Ebene durch die lokalen Partnerschaften für Demokratie mittlerweile hohe Aufmerksamkeit. Dies impliziert ein stetig anwachsendes finanzielles Volumen, das der Bund für diese Handlungsfelder jährlich bereitstellt. Vor diesem Hintergrund drängt sich die Frage auf, ob die zahlreich geförderten Demokratieprojekte in der Praxis tatsächlich zu einer Verminderung, ja vielleicht sogar zu einer Verhinderung von extremistischen Einstellungen und Verhaltensweisen führen oder ob sich ihr Wirkungsgrad eher in Grenzen hält. Für eine Antwort darauf benötigt es Evaluationsstudien mit tragfähigen Ergebnissen. Dass die Umsetzung einer derartigen Forderung nicht immer einfach ist, zeigt der vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) um das HerausgeberInnen-Team Björn Milbradt, Frank Greuel, Stefanie Reiter und Eva Zimmermann vorgelegte Sammelband zur „Evaluation von Programmen und Projekten der Demokratieförderung, Vielfaltgestaltung und Extremismusprävention. Gegenstand, Entwicklungen und Herausforderungen“. Er „verfolgt das Ziel, die Evaluationsbefunde des Bundesprogramms ‚Demokratie leben!‘ aus der Förderperiode 2015-2019 aus einer methodologischen und methodischen Perspektive zu betrachten und insbesondere zum Ausbau des Wissens- und Reflexionsstandes zu Methoden und Methodologien der Evaluation von Programmen und Projekten in Extremismusprävention, Demokratieförderung und Vielfaltgestaltung beizutragen“ (S. 22). Somit wendet sich der Band allen sowohl an Evaluations- wie Praxisforscher:innen als auch in diesen Handlungsfeldern tätige Fachpraxis.

HerausgeberInnen

Björn Milbradt ist Soziologe und leitet die Fachgruppe „Politische Sozialisation und Demokratieförderung“ am DJI in der Außenstelle Halle/​Saale. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in Prozessen der Sozialisation und ihrer politischen, gesellschaftlichen wie institutionellen Kontexte sowie in methodologischen Fragen ihrer Erforschung.

Frank Greuel ist als wissenschaftlicher Referent am DJI in der Außenstelle Halle/​Saale tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Evaluationsforschung zu den Themen Demokratieförderung und pädagogischer Radikalisierungsprävention, ebenso in der Erforschung der politischen Sozialisation junger Menschen.

Stefanie Reiter arbeitet als wissenschaftliche Referentin am DJI in der Außenstelle Halle/​Saale. Sie beschäftigt sich schwerpunktmäßig sowohl mit der Evaluationspraxis als auch Evaluationsforschung mit Blick auf Programme, Maßnahmen sowie Netzwerke in den Handlungsfeldern Demokratieförderung und Extremismusprävention.

Eva Zimmermann ist aktuell Referentin bei der Bundeszentrale für politische Bildung in Gera. Zuvor war sie als wissenschaftliche Referentin am DJI in der Außenstelle Halle/​Saale tätig. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind die Evaluation, Forschung sowie Praxisberatung in den Bereichen der Demokratieförderung und Antidiskriminierung.

Aufbau und Inhalt

Der Band versammelt neben Vorwort, Einleitung, Tabellen- wie Abbildungsverzeichnis, Anhang und AutorInnenverzeichnis insgesamt 14 Beiträge. Diese sind in vier Teile untergliedert: Evaluationen in der Demokratieförderung, Vielfaltgestaltung und Extremismusprävention (Teil I), Herausforderungen von gegenstandsangemessenen Bewertungen (Teil II), von Wirkungsanalysen (Teil III) sowie in der Kooperation von Wissenschaft, Praxis wie Politik (Teil IV). Nachfolgend wird je Themenbereich ein Beitrag exemplarisch vorgestellt.

Teil I: Evaluationen im Bereich der Demokratieförderung, Vielfaltgestaltung und Extremismusprävention

In ihrem Beitrag legen Ursula Bischoff, Frank König und Stefanie Reiter eine Evaluationshistorie hinsichtlich der Bundesprogramme „VIELFALT TUT GUT“ und „kompetent. für Demokratie“ (2007-2010), „TOLERANZ FÖRDERN – KOMPETENZ STÄRKEN“ (2011-2014) sowie „Demokratie leben!“ (2015-2019) vor. Die AutorInnen ermitteln dabei als zentrale Herausforderung, dass die „behandelten Programme und deren wissenschaftliche Begleitung und Evaluation […] sich durch eine kontinuierlich wachsende inhaltliche und strukturelle Heterogenität aus[zeichnen]. Zuletzt erreichte diese Entwicklung im Bundesprogramm ‚Demokratie leben!‘ eine Dynamik, die nicht nur die Koordination und Steuerung des Gesamtprogramms, sondern auch dessen Evaluation erschwerte“ (S. 54). Aufgrund der stetig wachsenden Komplexität und Vielschichtigkeit von „Demokratie leben!“, zumal in der zweiten Förderperiode seit 2020, dürfte diese Herausforderung für die Durchführung von tragfähigen Evaluationen nicht nur ihre Aktualität behalten, sondern größer werden.

Teil II: Herausforderungen von gegenstandsangemessenen Bewertungen

Den gegenstandsadäquaten Bewertungen als weitere bedeutsame Herausforderung in der Evaluationspraxis widmet sich der Beitrag von Katja Schau und Frank Greuel. Dabei geht es insbesondere um Probleme der Komplexität, Mehrdeutigkeiten und Kontextgebundenheiten im Rahmen wissenschaftlicher Begleitungen. So halten die AutorInnen fest, „dass Bewertungen nicht objektiv gegeben sind und auch keine Allgemeingültigkeit beanspruchen können. Sichtbar wurde das besonders eindrücklich in unserer Zusammenarbeit mit einem weiteren evaluierenden Akteur, der angesichts des gleichen Evaluationsgegenstands und identischer empirischer Daten zu anderen Bewertungen kam als wir“ (S. 117). Wie kann hier Abhilfe geschaffen werden? Schau und Greuel schlagen vor, bei der Durchführung von Bewertungen als fester Bestandteil von Evaluationen sozialwissenschaftliche Gütekriterien einzubeziehen. Diese sorgen den AutorInnen zufolge allen voran für Transparenz, die wiederum unter Berücksichtigung unterschiedlicher Perspektiven der AkteurInnen mit Blick auf vorgenommene Bewertungen konstruktive Debatten ermöglichen würden. Genau diese transparente Aufbereitung könne schließlich ein Qualitätsmerkmal von Bewertungen sein.

Teil III: Herausforderungen von Wirkungsanalysen

Auch wenn der Bund die übergreifenden Zielsetzungen einer lokalen Partnerschaft für Demokratie – Demokratieförderung, Vielfaltgestaltung und Extremismusprävention – vorgibt, so haben die durchführenden AkteurInnen vor Ort viele Freiheiten bezüglich ihrer konkreten Umsetzung. Das ist auch gar nicht anders möglich, da jede Kommune verschiedene Kontextbedingungen aufweist – gemeint sind Unterschiede in der Sozialstruktur oder in der Parteien- und Trägerlandschaft etwa. Somit erscheint es naheliegend, bei der Durchführung von Wirkungsanalysen hinsichtlich jener festgelegten Ziele die je spezifischen Rahmenbedingungen, in die jede lokale Partnerschaft für Demokratie eingebettet ist, in den Mittelpunkt zu stellen. Sabine Behn, Karl-Maria Karliczek und Daniel Schnarr legen in ihrem Beitrag daher den Schwerpunkt auf die kontextsensible Evaluation, die sie innovativ mit einer Qualitative Comparative Analysis (QCA) durchführen. Grundannahme dieses mengentheoretischen Verfahrens ist, dass verschiedene Faktoren auf unterschiedlichen Wegen ein bestimmtes Ergebnis (Outcome) herbeiführen. Aufgrundlage einer eigenen Datenerhebung haben die AutorInnen theoriegestützt die Fragestellung bearbeitet, unter welchen Bedingungen eine Partnerschaft für Demokratie vor Ort öffentlichkeitswirksam (Outcome) ist. Behn, Karliczek und Schnarr kommen zum Schluss, „dass es für die Partnerschaften für Demokratie wichtig ist, die drei Strategien der niedrigschwelligen Informationsvermittlung, der direkten Ansprache von Bürgerinnen und Bürgern sowie der Unterstützung der Projektträger durch die Koordinierungs- und Fachstelle umzusetzen. Gelingt dies, ist es unerheblich, ob die Faktoren, auf die die Koordinierungs- und Fachstelle nur einen begrenzten Einfluss hat (professionelle Öffentlichkeitsarbeit und öffentliche Unterstützung durch politische Akteure), gegeben sind oder nicht. Je weniger die Strategien berücksichtigt werden, desto bedeutsamer werden jedoch die beiden eben genannten Faktoren“ (S. 308).

Teil IV: Herausforderungen der Kooperation zwischen Wissenschaft, Praxis und Politik

Franziska Heinze und Stefanie Reiter widmen sich in ihrem Beitrag den expliziten wie impliziten Anforderungen auf der Handlungsebene hinsichtlich durchzuführender Evaluationen – hier mit Blick auf die Perspektive der Evaluierenden. „Ausgehend von theoretischen Positionen zu Rollen von Evaluierenden und (korrespondierenden) Handlungsanforderungen stellt er eingangs vor, wie in einer Evaluation eines Bundesprogramms mittels Formen eines proaktiven Erwartungsmanagements mit expliziten multiplen Handlungsanforderungen umgegangen wurde“ (S. 330). Auf dieser Grundlage bearbeiten die Autorinnen anschließend die Frage, inwiefern implizite Handlungsanforderungen gegenüber Evaluierenden systematisch in der evaluativen Praxis dargestellt werden können. Im Ergebnis halten Heinze und Reiter fest, dass es insbesondere auf die transparente Kommunikation von Rollenanforderungen an evaluierende Personen ankomme. Hierfür bedürfe es schließlich des kontinuierlichen Einsatzes von Strategien für die Klarstellung wie Aushandlung von Rollen respektive Rollenanforderungen in der Evaluationspraxis. Damit dies gelingt, benötigt es zweifelsohne eine gelingende Kooperation von Wissenschaft, Praxis und Politik.

Diskussion

Die HerausgeberInnen Björn Milbradt, Frank Greuel, Stefanie Reiter und Eva Zimmermann haben mit ihrem Sammelband ein umfassendes Werk vorgelegt, das sich mit dem herausforderungsvollen Thema der Evaluation von demokratiefördernden Projekten befasst. Dabei richten die darin versammelten Beiträge vor allem den Blick auf methodologische wie methodische Fragestellungen. Der Band reiht sich daher weniger in die Reihe evaluationspraktischer Studien als vielmehr in jene der Evaluationsforschung ein. Seine drei zentralen Herausforderungen – gegenstandsadäquate Bewertungen, Wirkungsanalysen sowie die Zusammenarbeit von Wissenschaft, Politik und Praxis – wurden mit Ausnahme der dritten überzeugend herausgearbeitet und eingehend betrachtet. Die schwierige Thematik der Kooperation zwischen Wissenschaft, Praxis und Politik kommt nicht nur im Band ein wenig zu kurz, sie ist auch in der realen Umsetzung künftig dringend zu verbessern. Zudem könnte die Trias durch die Verwaltung ergänzt werden. Schließlich fehlt ein Schlussbeitrag, der die im Band behandelten Herausforderungen gebündelt und vergleichend in den Blick nimmt. Vor allem deshalb, weil sich der Band dem HerausgeberInnen-Team zufolge auch an die Fachpraxis richtet. Nur haben FachpraktikerInnen oftmals nur begrenzte Ressourcen, um sich in die teils doch sehr komplexen Beiträge umfassend einzuarbeiten, weshalb der Rückgriff auf eine vergleichende Zusammenfassung der HerausgeberInnen am Ende für diese Zielgruppe nützlich gewesen wäre.

Fazit

In der Gesamtschau liegt hier ein lesenswerter Sammelband vor, dessen Beiträge sich – aufbauend auf Evaluationsbefunden zum Bundesprogramm „Demokratie leben!“ aus der ersten Förderperiode 2015-2019 – weniger mit der konkreten Evaluationspraxis als vielmehr mit abstrakten methodologischen wie methodischen Fragestellungen in der Evaluationsforschung auseinandersetzen. Sie können mithin als Ausgangspunkt für die künftige Durchführung von tragfähigen Evaluationsstudien in den Handlungsfeldern der Demokratieförderung, Vielfaltgestaltung und Extremismusprävention gesehen werden.

Rezension von
Dr. phil. Alexander Akel
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Es gibt 13 Rezensionen von Alexander Akel.

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Zitiervorschlag
Alexander Akel. Rezension vom 25.10.2022 zu: Frank Greuel (Hrsg.): Evaluation von Programmen und Projekten der Demokratieförderung, Vielfaltgestaltung und Extremismusprävention. Gegenstand, Entwicklungen und Herausforderungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6501-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28845.php, Datum des Zugriffs 29.11.2022.


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