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Robert Langnickel: Prolegomena zur Pädagogik des gespaltenen Subjekts

Cover Robert Langnickel: Prolegomena zur Pädagogik des gespaltenen Subjekts. Ein notwendiger RISS in der Sonderpädagogik. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. 257 Seiten. ISBN 978-3-8474-2553-3. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR.

Schriftenreihe der DGfE-Kommission Psychoanalytische Pädagogik - 11.
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Thema

In seiner Dissertationsschrift „Prolegomena zur Pädagogik des gespaltenen Subjekts. Ein notwendiger RISS in der Sonderpädagogik“ – vermittelt Langnickel die allgemeinen systematischen Grundlagen einer Pädagogik, die im Zentrum das „gespaltene Subjekt“ hat. In dieser ausgesprochen tief fundierten Analyse spricht er sowohl die Pädagogik im Allgemeinen als auch im Besonderen die Psychoanalytische Pädagogik und die Sonderpädagogik an.

Autor

Robert Langnickel arbeitet seit vielen Jahren als Psychoanalytiker in eigener Praxis. Er ist Lehrer bzw. Lehrbeauftragter für Pädagogik, Psychologie, Psychoanalyse, Soziologie und Ethik. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen v.a. die Psychoanalytische Theorie, Diagnostik, Sonder-Pädagogik sowie die Erziehungsberatung.

Entstehungshintergrund

Bei dem Werk handelt es sich um die Veröffentlichung der Dissertationsschrift Langnickels. Es erschien 2021 in der Schriftenreihe der DGfE-Kommission Psychoanalytische Pädagogik.

Da Langnickel in seiner Arbeit als Analytiker und Lehrer sich immer wieder mit der Verletzlichkeit des Subjekts auseinandersetzen musste, stellte er sich die Frage nach dem „Wesen“ eines Subjekts, das aufgrund seiner Ausstattung vielen Mängeln unterworfen ist, sei es als physisch-morphologisches Mängelwesen (Gehlen), als subjectum der Sprache (Lacan) oder als herrenlos im eigenen Haus (Freud). Daran anschließend analysiert er das „gespaltene Subjekt“ in seinen familiären und kulturellen Einbindungen und Beziehungen. 

Aufbau und Inhalt

In seiner Schrift konzentriert sich der Autor v.a. auf die unbewussten „Rück- und Schattenseiten“ des Menschen. Die von einem „Ich“ geglaubte Einheit erscheint nach psychoanalytischer Lesart als Trugschluss. Denn das „Ich“ ist nicht das Zentrum des Subjekts, sondern unterliegt einer Dezentralisierung durch das auf es einwirkende Unbewusste. Mit Freud und Lacan bezeichnet Langnickel das Subjekt demzufolge als ein „gespaltenes“, das seinem unbewussten Begehren unterworfen ist, ja schon von jeher den Wirkungen der Sprache und deren Mechanismen ausgesetzt ist.

Es wäre jedoch falsch, das „gespaltene Subjekt“ im pathologischen Bereich anzusiedeln, gilt diese „Spaltung“ doch für jeden Menschen. Sie betrifft nicht nur jeden, sondern ist darüber hinaus die „Bedingung der Möglichkeit des Unbewussten“ (S. 15) schlechthin. Insofern kann auch jedes Subjekt als Symptomträger verstanden werden, welches gespalten ist durch sein Unbewusstes. Wir alle weisen mehr oder weniger neurotische bzw. verhaltensauffällige Anteile in unserer Persönlichkeit auf.

Dies hat notwendigerweise die Konsequenz, dass Symptome nicht nur „kranken“ oder verhaltensauffälligen Menschen zugeschrieben werden dürfen. Weder eine Pathologisierung noch eine reine Symptombeseitigung können Ziel der Pädagogik sein. Und ganz und gar nicht eine Anpassung an bestehende Verhältnisse im Sinne einer Normierung.

Mit seiner provokanten These „Ein Riss muss durch die Sonderpädagogik gehen“ fordert Langnickel diese „neue Lesart des Subjekts“. Eine Lesart, wie wir sie von der Psychoanalyse her kennen, wie z.B. ihr Begründer Sigmund Freud und der französische Strukturalist Jacques Lacan sie betrieben. Sein Vorhaben und sein Anspruch, die Theorien der strukturalen Psychoanalyse sowohl auf die Sonderpädagogik im Allgemeinen als auch auf das Gebiet der Pädagogik bei Verhaltensstörungen im Speziellen zu übertragen sind anspruchsvoll. Kann er diese Prolegomena im Sinne einer Pionierarbeit leisten?

Er kann es! 

Methodisch wendet er dazu zum einen die klassische Hermeneutik im Sinne des Philosophen Georg Gadamers an, der es um das Erfassen von Sinn geht. D.h. die anspruchsvollen Theorien von Lacan, Dolto oder Mannoni sollen nicht nur verstanden, sondern quasi „beim Buchstaben genommen werden“.

Doch reicht diese Methode allein nicht aus, um den „Riss, der durch das Subjekt geht“ und der seine Wirkungen in dessen Verhalten zeigt, aufzuzeigen. Deshalb bedient sich Langnickel zum anderen auch der strukturalen psychoanalytischen Hermeneutik, um den „Unsinn“ im Sinne des Freudschen Unbewussten zu erfassen und den Mangel zu verdeutlichen, dem wir als Menschen ausgesetzt sind. Hier handelt es sich quasi um eine auf den Kopf gestellte Hermeneutik, denn hinsichtlich des Sinns sollen damit Wahrheiten oder Gewissheiten hinterfragt, soll unser Sinnverständnis erschüttert werden.

Des Weiteren untersucht er mit Hilfe einer sogenannten Dispositivanalyse sowohl Machtstrukturen als auch Facetten von Institutionen. Diese Methode wird v.a. für strukturelle Fragen einer pädagogischen Institution verwendet.

Eine große Aufwertung erfährt die Arbeit darüber hinaus durch die Einbeziehung von Fallgeschichten, die sehr gut verdeutlichen und abklären, um was es dem Autor geht. Hier bekommt das Theoretische eine Vertiefung durch die Praxis.

Die Absichten des Autors sind klar und deutlich herausgearbeitet

  1. will er die Lesenden hinführen zu jenem Schauplatz des Unbewussten, wie er v.a. bei Freud und Lacan beschrieben ist,
  2. will er den Riss im Subjekt und dessen Auswirkungen zur Sprache kommen lassen,
  3. das Subjekt selbst zur Sprache bringen und schließlich
  4. den Ort einer Pädagogik des gespaltenen Subjekts klären

Auf der Suche, wo das „gespaltene Subjekt“ innerhalb von Psychoanalyse und Psychoanalytischer Pädagogik verortet ist, setzt sich Langnickel auch mit den Theorien Millots auseinander, die der Anwendung der Psychoanalyse ablehnend gegenübersteht. 

Nach der Analyse ihrer Fallstricke geht er noch einen Schritt weiter und fragt kritisch, ob die psychoanalytische Sonderpädagogik denn nicht vor einer „unauflösbaren Aufgabe steht“, ist sie doch in einem eklatanten Maß sowohl der Ohnmacht und Hilflosigkeit der anderen als auch ihrer eigenen Hilflosigkeit ausgesetzt?

Nach sehr gründlicher und intensiver Auseinandersetzung mit dieser Problematik weist Langnickel überzeugend nach, dass die Psychoanalyse sehr wohl in der Pädagogik verortet ist bzw. verortet werden muss, da gerade in einer ‚Psychoanalytische Pädagogik des gespaltenen Subjekts’ konstitutive Mängel, Hilflosigkeit, Ohnmacht und Abhängigkeiten anerkannt und ernst genommen werden und somit deren gefährlich-toxische Auswirkungen erkannt, ausgehalten und vermindert werden können.

Erwähnenswert ist das Kapitel (4.2) über das kindliche Spiel. Hier beschreibt der Autor, wie das Kind Ängste und Aggressionen verarbeiten kann, wie es ihm gelingt, probehandelnd Konflikte zu lösen – wie z.B. der kleine Junge in Freuds bekanntem Fort-Da-Spiel – und wie es darüber hinaus Kreativität und Entfaltungsreichtum entwickelt. Hier kommen kindliche Konflikte zu Wort, verlieren Objekte ihre Dinghaftigkeit und transformieren in den Bereich des Sprachlich-Symbolischen. Treffende Fallbeispiele tragen sehr gut zum Verständnis des Sachverhalts bei.

Diskussion

Immanuel Kants „Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können“- 1783 erschienen – war ein Meilenstein in der Geschichte der Philosophie, setzte er sich doch darin mit der Frage nach den Bedingungen der Möglichkeiten von Erkenntnis auseinander. Wie Kant präsentiert Langnickel eine ungewöhnliche, eine neue Wissenschaft, die über die Schulmetaphysik bzw. Schulpädagogik hinauszudenken wagt, die Begrifflichkeiten und Verstehensweisen nicht schon als gegeben voraussetzt, sondern die Möglichkeit ihrer Anwendung im Rahmen der Frage untersucht, ob auch ein „anderes“ Denken des Subjekts, ein Denken mit einer Spaltung bzw. einem Riss möglich sei. Das ist dem Autor gelungen.

Seine Prolegomena zur Problematik des gespaltenen Subjekts gibt zweifelsohne der Pädagogik und v.a. der Sonder- und Heilpädagogik neue Impulse. Er will jedoch keine „neue Ontologie, keine neue Metaphysik“ (im Sinne Kants) schaffen, sondern es geht ihm vielmehr darum, die Position des Subjekts zu verbessern in Anerkennung seiner einzigartigen Stellung und seiner Abhängigkeiten. Insofern merkt der Autor im Schlusswort an, dass er mit seiner Dissertation „die Prolegomena zu einer Pädagogik des gespaltenen Subjekts gelegt (hat). In künftigen Forschungen gilt es nun, auf diesen Grundlagen aufbauend, weitere Phänomen in der Sonderpädagogik vermittels dieses Ansatzes zu erschließen.“ (S. 217) Es ist sehr zu wünschen, dass Langnickels Prolegomena (= wörtlich: Vorbemerkung, Einleitung) in diesem Sinne auf goldenen Boden fällt.

Fazit

Langnickels Promotionsschrift überzeugt durch ihre methodisch-analytische Vorgehensweise. Die sehr umfang – und facettenreiche sowie tiefgründende Theorievermittlung ist bemerkenswert. Zahlreiche Fallvignetten tragen dazu bei, dass das „gespaltene Subjekt“ seiner Forschung auch selbst zu Wort kommen kann.

Sehr empfehlenswertes Werk nicht nur für Sonder- und Heilpädagogen, sondern auch für alle an Pädagogik und Psychoanalyse Interessierte.


Rezension von
Dr. Gerda Pagel
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Zitiervorschlag
Gerda Pagel. Rezension vom 27.10.2021 zu: Robert Langnickel: Prolegomena zur Pädagogik des gespaltenen Subjekts. Ein notwendiger RISS in der Sonderpädagogik. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. ISBN 978-3-8474-2553-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28847.php, Datum des Zugriffs 09.12.2021.


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