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Hans-Joachim Vogler: Der hybride pädagogische Raum

Cover Hans-Joachim Vogler: Der hybride pädagogische Raum. Zur Veränderung von Unterricht und Schule in der Digitalität. transcript (Bielefeld) 2021. 305 Seiten. ISBN 978-3-8376-5722-7. D: 35,00 EUR, A: 35,00 EUR, CH: 42,70 sFr.

Reihe: Pädagogik.
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Thema

Unter dem Schlagwort des „hybriden pädagogischen Raums“ bietet Hans-Joachim Vogler eine Vielzahl an Perspektiven auf „Schule in der Digitalität“. In Abgrenzung von eher bildungstechnologisch orientierten Beiträgen zeichnet sich die Arbeit durch einen doppelten Zugriff auf die Thematik aus: Auf der einen Seite stehen bildungs- und medientheoretische Bezugstheorien im Vordergrund, die als Ensemble „materialistischer, phänomenologischer, praxistheoretischer Ansätze“ (S. 216) charakterisiert werden – wozu vor allem Ansprechpartner wie Gilles Deleuze, Markus Gabriel, Bruno Latour, Andreas Reckwitz oder Bernhard Waldenfels gehören. Auf der anderen Seite kommt der dezidiert schulpraktische Bezug des Autors zum Tragen, der als Leiter eines Schulpraktischen Seminars in Berlin seinen institutionellen Einblick nutzt und immer wieder Brücken zu konkreten Fragen der pädagogischen und didaktischen Praxis schlägt.

Inhalt

Dieser doppelte Zugriff spiegelt sich zunächst auch im Aufbau des Buches wider, das sich in den ersten beiden Kapiteln auf eine umfangreiche Darstellung der benannten Bezugstheorien konzentriert. Im Umkreis von Schlagwörtern wie „Glokalität“, „Körperlichkeit“, „Hybridität“ und „Digitalität“ stellt der Autor eine konzeptionelle Zusammenführung der Sinnfeldontologie bzw. des ‚Neuen Realismus' Markus Gabriels und der Praxistheorie Andreas Reckwitz' vor, während er den im Buchtitel platzierten Begriff des Raums auch im Rahmen phänomenologischer Denktraditionen verortet. Im Sinne eines pädagogischen Modells schlägt das zweite Kapitel zudem eine schematische Gliederung der Leitthematik vor und geht auf ihre einzelnen Bestandteile ein: Eingegrenzt vom Rahmen eines ‚glokalen Umfelds' stehen zunächst die drei Elemente ‚pädagogischer Raum', ‚Praktik vor Ort' und ‚Leitideen'; das Zentrum wird aus den ‚Gegenstände des Unterrichts', den ‚Sozialformen', ‚Medien' und den ‚Akteuren' gebildet, – während zwischen diesen Ebenen drei sogenannte ‚übergreifende Kompetenzen' vermitteln, welche als ‚ethische Reflexion', ‚kritisches Denken' sowie als ‚Selbstregulation' markiert werden. Mit diesem Modell strukturiert der Autor zugleich die Ausführungen in den folgenden Kapiteln: Kapitel drei erläutert die Leitideen, Kapitel vier widmet sich den übergreifenden Tendenzen, das abschließende Kapitel fünf stellt den Zusammenhang zwischen den vier zentralen didaktischen Elementen her.

Insgesamt liest sich das Buch zunächst als Plädoyer dafür, das Schlagwort der Digitalisierung weg von den konkreten Werkzeugen und Medien zu bewegen und es auf die Frage nach Praxen, Erfahrungsweisen und Akteurskonstellationen hin zu öffnen. Mit diesem Anliegen beginnt es daher als bewusste Verkomplizierung dessen, was es diskutieren will, und stellt die Grundbegriffe der Auseinandersetzung zur Disposition: Es fragt nicht nur „Was ist ein Raum?“ (S. 38), sondern nimmt auch die Frage nach der An- und Abwesenheit von Körpern und Dingen in digital erweiterten Umgebungen und damit nach der Veränderung jener Konstellationen auf, welche den pädagogischen Raum bisher strukturiert und von seinem ‚Außen' differenziert haben. Mit diesen Fragen impliziert es von Anfang an, dass pädagogische Praxen und Institutionen gegenwärtig einer grundlegenden Veränderung ausgeliefert sind, die zwar durch die Möglichkeiten der Digitalisierung bedingt sind, gleichzeitig aber durch eine angemessene Einbindung von Technologie bewältigt werden können, die zudem bisher kaum denkbare pädagogische Spiel- und Freiräume zu erschließen erlaubt.

Der damit gesetzte Digitalisierungsoptimismus bleibt jedoch nicht auf der Ebene abstrakter Realisierungshoffnungen, sondern zeigt die Notwendigkeit auf, diese Realisierung im Rahmen didaktisch-methodischer Reflexion und Planung zu betreiben. Dazu gehören nicht nur die in Kapitel drei vorgestellte Leitideen, sondern etwa auch der Seitenblick auf die konkrete Praxis jener „Medienkonzepte“, zu deren Ausformulierung Schulen weithin gehalten sind (Kapitel 3.1). In ähnlicher Weise stellt Kapitel 3.3 „Die vernetzte Schule und der hybride pädagogische Raum jenseits des Territoriums“ den Versuch dar, die neue Raumordnung der Schule nicht nur zu denken, sondern auch im Sinne konkreter Ordnungsmodelle auszuformulieren.

Dass auch unter Bedingungen der Digitalisierung die Frage nach den Zielen gelingender Bildung keineswegs erledigt ist, stellen die Ausführungen im vierten Kapitel dar, die eine Auswahl „zentraler fächerübergreifender Kompetenzen“ bieten. Dabei knüpft der Autor an das Modell der Kompetenzorientierung an, wendet diese jedoch mit einem klaren Fokus auf überfachliche Fähigkeiten und Haltungen, zu denen er in erster Linie auch „kritisches Denken“ und „ethische Reflexion“ zählt. Gerade der kriterienorientierte Kompetenzbegriff lädt dazu ein, solche zunächst abstrakten Forderungskataloge im Hinblick auf Handlungsmöglichkeiten zu konkretisieren; etwa wie folgt: „Das kritische Denken befragt den Möglichkeitsraum und weiß um den Konservatismus der Gewohnheit, ohne das Festgeschriebene, die Routine, die Praxis per se als defizitär zu verstehen. Indikatoren für ein kritisches Denken können sein, dass jemand Fragen klarstellen kann, zusätzlich Informationen zu einem Thema sammelt, abweichendem Denken offen gegenübersteht, Schlussfolgerungen nachvollziehbar ziehen kann und transparent kommuniziert.“ (S. 119)

Diese Bemühung um praxisnahe Konkretisierung kommt schließlich vor allem im letzten Kapitel des Buches zum Tragen, das knapp die Hälfte des Gesamtumfangs ausmacht und eine im engeren Sinne didaktische Analyse und Reflexion des Rahmenthemas des „hybriden pädagogischen Raums“ liefert (S. 137–274). Das Kapitel folgt dabei vier didaktischen Basiselementen:

  • Abschnitt 5.1 thematisiert „Die Medialität des Unterrichts“ und untersucht vor allem die neuen Möglichkeiten und Bedingungen digital erweiterter Vermittlungswerkzeuge.
  • Abschnitt 5.2 diskutiert unter dem Titel „Lernen ist bei den Dingen sein“ die Gültigkeit klassischer Lernkonzepte und erweitert diese vor dem Hintergrund vielfältig eingebetteter Kognitionsvorgänge.
  • Im Rahmen von Abschnitt 5.3 „Die Akteure des Unterrichts“ geht es um die angemessene Beziehungsgestaltung zwischen Lehrenden und Lerner:innen, deren Freiräume sowohl im Hinblick auf Klaus Pranges Überlegungen zur „Zeigestruktur“ untersucht werden als auch in der Diskussion legitimer und illegitimer Paternalismen.
  • Am nähesten an die schulische Praxis wagen sich schließlich Abschnitte 5.4 „Der Unterricht in hybriden pädagogischen Umgebungen“ und 5.5 „Sozial- und Kooperationsformen“. Hier geht es sowohl um Möglichkeiten der Qualitätseinschätzung von Lernaufgaben, um die Rolle der verschiedenen Anforderungsbereiche zur „Qualitätssteuerung von Aufgaben im Leistungsraum“ (S. 208), um Taxonomiestufen, Flipped-Classroom-Konzepte oder die Übertragung von aus der Wirtschaft bekannten Strategien des „Agilen Arbeitens“ oder des „SCRUM-Managements“ auf schulische Arbeitsweisen.

Diskussion

Insgesamt besteht der Vorzug des Buches vor allem darin, verschiedene Ebenen der Digitalisierung in Verbindung zu setzen: Die Frage nach dem epistemischen Status ‚digitaler Objekte', die Frage nach den verschiedenen Konstellationen und Praxen, die sich um diese Objekte ergeben, die Hinwendung zu den ‚pädagogischen Implikationen' dieser Fragen und schließlich das praktische Anliegen, die methodischen und didaktischen Spielräume im Umfeld dieser Fragen zu erkunden.

Damit wird deutlich, dass sich die Auseinandersetzung mit dem ‚hybriden pädagogischen Raum' nicht nur viel vornimmt, sondern dabei in Kauf nimmt, zahlreiche Nach- und Nebenfragen, Diskussionsstränge und Begriffskonstellationen tendenziell auszublenden oder zu übergehen. Die Strategie, welche das Buch zur Lösung dieses Dilemmas häufig nutzt, liegt in apodiktischen bzw. aphoristischen Zuspitzungen, die zwar Probleme und Perspektiven markieren, diese jedoch teilweise offen liegen lassen, um sich weiteren Aspekten zuwenden zu können. Folgende Sätze, die allesamt um den Begriff des ‚hybriden pädagogischen Raums' kreisen, machen diesen Hang zur thesenhaften Erledigung offener Fragen in exemplarischer Weise deutlich:

  • „Der hybride pädagogische Raum ist temporär und fluide wie das Netz.“ (S. 9).
  • „Der territoriale Raum wird durch den hybriden pädagogischen Raum ersetzt, indem Lernen dort konstituiert wird, wo sich Lehrende und Lernende versammeln.“ (S. 85).
  • „Der hybride pädagogische Raum entsteht im Kontext der Heterogenität des Netzes.“ (S. 166).
  • „Der hybride pädagogischer Raum ist in der Lebenswelt.“ (S. 167).
  • „Der hybride pädagogische Raum verändert das Selbstverständnis durch die Digitalität der Akteure.“ (S. 168).
  • „Der hybride pädagogische Raum ist ein Schutzraum, weil er durch die Akteure konstituiert und eine Praxis etabliert wird.“ (S. 186).
  • „Das unkontrollierbare Außen ist Kennzeichen des hybriden pädagogischen Raums.“ (S. 202), „Der hybride pädagogische Raum stellt keine Transformation dar.“ (S. 275)

An dieser Stelle ergibt sich sowohl die analytische Frage, ob diese Bestimmungen schlüssig vereinbar sind, als auch die didaktische Frage, inwiefern der Autor seine Leser:innen dabei hilft, diese thesenhaften Zuspitzungen auch wirklich nachvollziehen zu können. Bevor wir mit den unbestrittenen Vorzügen der Arbeit schließen, muss zumindest ein kleineres Ärgernis notiert werden: An einigen Stellen geht der Autor mit seinen Bezugstheoretiker:innen bereits bei der Namensnennung mit recht geringer Achtsamkeit um; zwei Beispiele genügen dafür: So taucht Klaus Prange im Buch sowohl als „Prange“, „Pagel“ (179) und „Pages“ (S. 190) auf, während es Byun Chul Han sogar doppelt ins Literaturverzeichnis schafft: Sowohl als „Han“ als auch als „Hahn“ (S. 294).

Die Arbeit von Hans-Joachim Vogler lässt sich vor allem als lebendige Erinnerung an die offene Baustelle lesen, die sich zwischen bildungstheoretischer Reflexion und pädagogischer Praxis auftut. Statt sich mit großzügigen Fernansichten oder umständlichen Umfahrungen dieser Baustelle zu begnügen, stellt sich der „Der hybride pädagogische Raum“ immer wieder mitten hinein – und ist zugleich unentschlossen, was die Arbeit dort leisten soll und kann. Diese Unentschlossenheit ist dabei weniger dem Autoren anzulasten als der erziehungswissenschaftlich eingeübten Neigung, die begriffliche Sondierung von Problemkonstellationen nur als Vorspiel der Praxis oder als anwendungsorientierte Grundlagenforschung gelten zu lassen – und so zugleich dem Anspruch der stets beratungsbedürftigen Praxis entgegen zu kommen und sich in einer Antwort an der großen Frage zu versuchen: „Was tun?“ So legitim der Anspruch dieser Frage ist, so klar wird in Arbeiten wie der vorliegenden auch, dass der Lücke zwischen Reflexion und Handeln nicht auf dem Weg von Rezepten, Strategien und Best-Practice-Beispielen beizukommen ist. In diesem Sinne kann die Vokabel der Hybridität als Chiffre für die prinzipielle Unabgeschlossenheit dessen gelten, was die Disziplin der Pädagogik als ihren Gegenstand zu bestimmen versucht ­- einen Gegenstand, den Vogler zurecht als „fraktal“ (S. 40) markiert: weil nie klar ist, wo sein Zentrum liegt und seine Ränder verlaufen.

Fazit

„Der hybride pädagogischen Raum“ skizziert verschiedene Perspektiven auf das Problemfeld „Schule in der Digitalität“ – mit einem Schwerpunkt auf phänomenologischen, praxistheoretischen und unterrichtspraktischen Zugängen. Damit bietet der Band seinen Leser:innen zahlreiche Einblicke in die offenen Baustellen, die sich auf dem Feld zwischen Bildungstheorie, Techniksoziologie und Schulpädagogik auftun und eine bleibende Herausforderung für die pädagogische Arbeit in Theorie und Praxis bilden.


Rezension von
Dr. Florian Heßdörfer
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Zitiervorschlag
Florian Heßdörfer. Rezension vom 28.10.2021 zu: Hans-Joachim Vogler: Der hybride pädagogische Raum. Zur Veränderung von Unterricht und Schule in der Digitalität. transcript (Bielefeld) 2021. ISBN 978-3-8376-5722-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28850.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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