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Bettina Siebert-Blaesing: Geduld als Ressource

Cover Bettina Siebert-Blaesing: Geduld als Ressource. Gesundheitsförderung junger Erwachsener im Einzelcoaching. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2021. 302 Seiten. ISBN 978-3-8288-4611-1. D: 48,00 EUR, A: 49,40 EUR.

Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum-Verlag / Reihe Pädagogik - Band 52.
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Thema

Bettina Siebert-Blaesing setzt sich in ihrer Arbeit „Geduld als Ressource. Gesundheitsförderung junger Erwachsener“ aus mehreren Perspektiven heraus mit dem Thema „Geduld“ auseinander. Die Autorin arbeitet als Fachreferentin für Jugend und Arbeit im erzbischöflichen Jugendamt München und Freising und nutzt dieses Arbeitsumfeld zugleich für den empirischen Teil ihrer Untersuchung. Insgesamt liegen der Arbeit drei verschiedene Anliegen zugrunde.

  • Auf der einen Seite wird ein Überblick über den historischen Wandel in der Wahrnehmung von „Geduld“ gegeben, der zugleich als begriffliche Schärfung des Phänomens dienen soll; diese Schärfung wird um die Bezugnahme auf eine Vielzahl von aktuellen Studien und Forschungsansätzen ergänzt, um „Geduld“ als ein mehrdimensionales Phänomen zu verdeutlichen.
  • Auf der anderen Seite erfolgt eine qualitativ orientierte Fragebogenerhebung mit knapp 200 jungen Erwachsen, um einen Einblick in die Qualität und Bedingungen des Erlebens von „Geduld“ zu eröffnen.
  • Aufbauend auf diesen beiden Untersuchungssträngen entwirft die Autorin Handlungsempfehlungen für Coaching-Prozesse mit jungen Erwachsenen.

Inhalt

Wie diese drei Schwerpunkte der Untersuchung andeuten, erwartet die Leser:in der Arbeit ein breites Spektrum von Bezugstheorien und -themen, sowohl in systematischer als auch in historischer Hinsicht.

Vor allem Kapitel 2 „Theoretische Grundlagen“ versammelt eine heterogene Auswahl an möglichen Bezugspunkten für eine wissenschaftliche Rekonstruktion des Phänomens der „Geduld“. Nachdem zu Beginn des Kapitels das eigentliche Anliegen in Erinnerung gerufen wird (Einzelcoaching im Rahmen ressourcenorientierter Gesundheitsförderung, S. 11 - 21) und die methodologischen Probleme der folgenden Textanalyse diskutiert werden (S. 22 - 25), folgt auf den Seiten 26 bis 50 ein Tableau historischer Wegmarken. Dieses Tableau orientiert sich an der von Korff und Vogt vorgeschlagenen „ethischen Gliederungssystematik“ (S. 24) und umfasst dabei Personen wie Cicero, Seneca, die Evangelisten der Bibel, Cyprian von Karthago, Franz von Assisi, Franz von Sales, bis hin zu Mahatma Gandhi, Rainer-Maria Rilke, Maria Montessori und Karl Rahner.

Nachdem in diesem Sinne ein „historischer Kontext“ skizziert wird, breiten die darauffolgenden Abschnitte aktuelle wissenschaftliche Zugänge aus. Abschnitt 2.4 „Forschungsansätze zu Geduld als Ressource“ (S. 51–71) umfasst erneut ein ganzes Bündel an Zugängen: von der Burnout-Forschung, ethischen Fragestellungen, lerntheoretischen Aspekten, Achtsamkeitsfragen bis hin zum Themenbereich Mystik und Spiritualität. In Ergänzung dieser Forschungsperspektiven gibt Abschnitt 2.5 einen Einblick in konkrete Studien und Studienergebnisse, in denen das Phänomen der Geduld in unterschiedlichen Ausprägungen berücksichtigt wird.

Kapitel 3 gibt der Leser:in schließlich einen detaillierten Ein- und Überblick in den empirischen Teil der Untersuchung. Im Rahmen dieser Untersuchung wurden insgesamt 176 Fragebögen ausgewertet – der befragte Personenkreis rekrutiert sich aus jungen Erwachsenen zwischen 18 und 26 Jahren, die ein Freiwilliges Soziales Jahr beim Caritasverband München und Freising absolvierten; drei Jahrgänge wurden im Rahmen der Studie berücksichtigt, zwischen 2013 und 2016. In Anlehnung an die qualitative Inhaltsanalyse nach Kuckartz entwirft die Autorin auf Basis dieser Erhebung ein leitendes Kategorienraster, das sich aus zwei Hauptkategorien zusammensetzt, die als „Dimension“ und „Ebene“ bezeichnet werden (S. 116). Als Dimensionen unterscheidet die Forscherin „Tempo“ von „Zeit/Warten“, im Hinblick auf die Ebenen werden mehrere Aspekte eingeführt, die vor allem unterschiedliche Beziehungsebenen differenzieren, sowie die „gedankliche Struktur“, „Emotionen“, Entwicklung“, „Religiosität“ und „Körper“ umfassen (ebd.). Im Rahmen dieses Ordnungsmusters erfolgt auf den Seiten 91 bis 182 eine ausführliche Darstellung der Erhebungsergebnisse, sowohl in quantitativer Hinsicht, als auch bezüglich der konkreten Nennung einzelner Antworten und Antwortmuster.

Kapitel 4 ist mit „Diskussion“ überschrieben (S. 183 - 226), fungiert jedoch in erster Linie als zusammenfassende Rekapitulation von Kapitel 2 und 3.

Vor dem Hintergrund der bisherigen Ergebnisse formuliert das abschließende Kapitel 5 die in Aussicht gestellten „Handlungsempfehlungen zur Geduld im Einzelcoaching“ (S. 227–231), während das letzte Kapitel 6 (S. 233 - 260) das Rahmenthema der Untersuchung noch einmal in aktuelle gesamtgesellschaftliche Herausforderungen und Tendenzen einbettet, wie etwa die Corona-Situation.

Diskussion

Insgesamt eröffnet die Themensetzung „Geduld“ eine originelle Perspektive auf pädagogische und sozialwissenschaftliche Fragestellungen – aus eben diesem Grund nahm der Rezensent die vorliegende Studie zur Hand. Dabei gliedert sich die Aufwertung von „Geduld“ in die weit verbreitete Kritik moderner Beschleunigungs-und Optimierungslogiken ein, die auf Besinnung und Entschleunigung setzt und als notwendiges Komplement dessen erscheint, dem sie opponiert. In diesem Zusammenhang stellt es ein interessantes Versprechen dar, der Geduld nicht nur das Wort zu reden, sondern ihr dort empirisch nachzuforschen, wo sie ebenso gefragt wie bedrängt ist. Diese grundlegende Ambivalenz der Geduld und ihres Wandels zu einer „Ressource“ geben auch die empirischen Befunde der Autorin wieder; allein die Nennungen zum „aktuellen Geduldserleben“ zeigen deutlich, wie die Idee der Geduld systematisch in ihr Gegenteil eingebunden ist: „alles hektisch“, „sofortige Verfügbarkeit“, „Dauerbeschallung“, „Erwartung,mithalten' zu können“, „zu viel Stress“ gehören zu den einschlägigen Nennungen dieses Bereichs (S. 148), zu dem etwa die Hälfte der Personen antwortet, dass Geduld in der heutigen Zeit „gar nicht leicht fällt“, und die andere Hälfte zumindest einräumt, Geduld falle „mal ja/mal nein“ leicht (S. 147).

Wer sich mit einem solchen gegenwärtigen Interesse der Studie nähert, bekommt zwar einen detaillierten Einblick in die spezifische Gruppe der Untersuchung, wird jedoch an einigen Stellen vor die Frage gestellt, wie sich diese Untersuchung produktiv mit den anderen Teilen der Arbeit verbinden lässt. Selbstverständlich stellt die Einbindung eines,historischen Teils' ein legitimes Element jedes Forschungsprozesses dar – im vorliegenden Fall bleibt jedoch gerade der historische Teil in doppelter Hinsicht etwas außerhalb der angestrebten Erkenntnisgewinnung: Wer sich für die historischen Etappen, die angerissen werden, wirklich interessiert, muss angesichts der Vielzahl der Referenzen mit einer schlagwortartigen Einordnung vorlieb nehmen; so lernt die Leser:in zwar etwas über die Existenz von Franz von Assisi der Hinweis, der an dieser Stelle gegeben wird, bleibt jedoch weitgehend vage: „Seine Einstellung zur Geduld geht mit der von ihm gezeigten Radikalität, seiner inneren Stimme bzw. seiner Berufung zu folgen und sich bewusst für ein Leben in Armut zu entscheiden einher.“ (S. 35). Gerade im Sinne einer sich als „hermeneutisch“ (S. 8) verstehenden Vorgehensweise können solche Aussagen nur bedingt genügen und lassen den Leser zwar mit Anregungen zurück, jedoch weniger mit Einblicken und Problematisierungen.

Gerade am Schlagwort der Armut deutet sich eine zweite Lücke an, die beim Lesen der Arbeit nach und nach an Gewicht gewinnt. So erscheint es durchaus plausibel, den zeitgenössischen Umgang mit „Geduld“ als einen ressourcenorientierten zu begreifen und auch zu analysieren: gleichzeitig drängt sich die Frage auf, wie diese immaterielle Ressource mit anderen Ressourcen verschränkt ist: ob, knapp gesagt, die Möglichkeit geduldig zu handeln und zu empfinden, nicht in entscheidendem Maße von sozialen und finanziellen Ressourcen abhängt, deren Relevanz um so leichter von denen übersehen wird, die im selbstverständlichen Besitz dieser Ressourcen sich auch den Langsamkeitsluxus der „Geduld“ leisten können. – Dieser Hinweis braucht dabei nicht als Einschränkung der eigentlichen Ergebnisse der Arbeit verstanden zu werden, er zeigt in erster Linie, welche Perspektiven sich aus der Frage nach dem Leitthema der Geduld eröffnen; dass die Autorin aus der Fülle dieser Perspektiven eine Auswahl trifft, ist mehr als verständlich.

Fazit

Die Untersuchung zur „Geduld als Ressource“ bietet der Leser:in eine Fülle an Aspekten, welche die Bandbreite des Leitthemas in historischer, systematischer und empirischer Hinsicht eröffnen. Wer die Arbeit als Handlungsleitfaden für das im Untertitel genannte „Einzelcoaching junger Erwachsener“ zu Hand nimmt, wird zwar keine,Anleitung' im engeren Sinne finden, jedoch zahlreiche Einstiege in eine Thematik, die zu den ebenso relevanten wie ambivalenten Motiven spätmoderner Lebenskunst gehört.


Rezension von
Dr. Florian Heßdörfer
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Zitiervorschlag
Florian Heßdörfer. Rezension vom 16.11.2021 zu: Bettina Siebert-Blaesing: Geduld als Ressource. Gesundheitsförderung junger Erwachsener im Einzelcoaching. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2021. ISBN 978-3-8288-4611-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28851.php, Datum des Zugriffs 06.12.2021.


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