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Sabine Jungk (Hrsg.): Die erste Generation

Rezensiert von Dr. Franziska Baumbach, 24.01.2022

Cover Sabine Jungk (Hrsg.): Die erste Generation ISBN 978-3-8474-2479-6

Sabine Jungk (Hrsg.): Die erste Generation - Pionier:innen der migrationsbezogenen (Sozial-)Pädagogik: Wissenschaftler:innen im Gespräch. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. 210 Seiten. ISBN 978-3-8474-2479-6. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Die Herausgeberin rekonstruiert gemeinsam mit den Pionier:innen der Migrationsforschung in Erziehungswissenschaften und Sozialer Arbeit die Anfänge, die Entwicklung und Etablierung ihres Fachgebietes in der Bundesrepublik Deutschland seit Beginn der siebziger Jahre.

Herausgeberin

Sabine Jungk ist Professorin für Interkulturelle Bildung und Erziehung/​Sozialpädagogik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin.

Entstehungshintergrund

Sabine Jungk hat sieben Wissenschaftler:innen von Belang zur Entstehungsphase der Migrationspädagogik interviewt, um dem „kritischen bis abwertenden Narrativ“, welches die Anfangsphase des neuen Fachgebietes begleitet, eine „Anerkennung der wissenschaftlichen Leistungen der Frühphase“ an die Seite zu stellen (8).

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit einer Einleitung und einem zusammenfassenden Beitrag der Herausgeberin. Anschließend folgen die transkribierten und redaktionell geglätteten sieben Interviews mit den Wissenschaftler:innen.

In der Einleitung beschreibt Sabine Jungk, wie in den siebziger Jahren die „Ausländerpädagogik“ entstand, welche die Kinder der Gastarbeiter:innen in den Blick nahm. Der Begriff wurde schnell kritisiert und wenige Jahre später durch Interkulturelle Pädagogik ersetzt, die in den folgenden Jahr(zehnte)n ebenfalls in die Kritik geriet. War die zeitgenössische Kritik an den Anfängen produktiv auf die Weiterentwicklung der neuen Disziplin gerichtet, verkennt die heutige Kritik die Schwierigkeiten und Leistungen der Pionier:innen. (8) Der aktuelle Zugang zu Sozialer Arbeit in der Migrationsgesellschaft geschieht mit dem Fokus auf der rassismuskritischen Analyse von Dominanzverhältnissen. Dieser hat laut der Herausgeberin zu erheblichen Fortschritten in der Entwicklung der Wissenschaft geführt, die Perspektive auf Kultur sollte dennoch nicht aufgegeben werden, da sie für das Verständnis der Lebenswelten der Adressat:innen von (Sozial)Pädagogik wertvoll ist. Daher plädiert Jungk für „multiperspektivische Ansätze, die Brücken schlagen“ zwischen „reflexiven interkulturellen und rassismuskritischen Positionen“ (10).

Im zweiten Kapitel fasst die Herausgeberin ihre Erkenntnisse aus den Interviews zusammen und ordnet sie wissenschaftshistorisch und politisch in die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte ein. Rassismus und andere Dominanzverhältnisse sind heute nicht weniger prägend als vor fünfzig Jahren, doch sind sie offensichtlicher und die Betroffenen haben sich in allen Bereichen der Gesellschaft Mitsprache erkämpft. Zu diesen gesellschaftlichen Öffnungen in Wissenschaft und Politik haben auch die interviewten Pionier:innen beigetragen; dies möchte die Herausgeberin mit ihrem Buch sichtbar machen. Auf Grund der Gegenwehr der Etablierten und der Notwendigkeit der Kontinuität des Engagements für soziale Gerechtigkeit konstatiert Jungk, dass „angesichts der starken Polarisierung … breite Solidarität, Bündnisse zur Veränderung der bestehenden Ordnung, Entdeckung von Allianzen umso wichtiger“ sind (17). Auf die Anfänge der auf Migration bezogener Pädagogik in den 1970er Jahren folgte die konservative Wende in den 1980er Jahren und erst ab den 1990er Jahren gab es eine breite Entwicklung hin zur Interkulturellen Öffnung. Die Etablierung der „postmigrantischen Normalität“ ist ein gesellschaftliches Projekt, das erst seit den 2000er Jahren wirklich angegangen werden konnte (23). Im Folgenden wird auf einige Missverständnisse im Hinblick auf die Kritik der Ausländerpädagogik bzw. die Anfänge der Migrationsforschung hingewiesen: Die Kritik der Ausländerpädagogik als eine Art Sonderpädagogik für Ausländerkinder zielte weder auf die engagierten Praktiker:innen, noch auf die Disziplin. Denn erstens haben sich die Praktiker:innen äußerst engagiert im Rahmen der begrenzten Möglichkeiten durchaus sinnvoll für die Migrant:innen eingesetzt und zweitens stellen die Interviewten übereinstimmend klar, dass es eine Disziplin Ausländerpädagogik gar nicht gegeben hat. Ausländerpädagogik gab es vielleicht in Politik und in den Köpfen von Verantwortlichen in den Verwaltungen, nicht aber für die Praktiker:innen und Wissenschaftler:innen. (24f) „In dieser Kritik der politisch-administrativen Umsetzung einer Sonder-Beschulung von Kindern der Arbeitsmigrant:innen mit sehr ungünstigen Effekten hinsichtlich ihrer Bildungschancen sind sich die Interviewten einig. Das ist der Kern der Kritik der Ausländerpädagogik: Segregation, Besonderung und Anpassung an eine deutsche Schule, die sich selbst kein Stück bewegt, Curriculum, Lehrbücher, Unterrichtsformen und -sprache nicht daraufhin befragt, was eine veränderte Schülerschaft benötigen könnte“ (25). Eine weitere zentrale Diskussion um die Migrationsforschung ist der Stellenwert der Kultur. Es ist stets Vorsicht angebracht: Werden sozial-ökonomische Problemlagen in Kulturprobleme umgedeutet, wie es Franz Hamburger früh analysierte (32), liegt eine entpolitisierende Kulturalisierung vor. Die Frage ist, inwieweit der Begriff der Kultur für das Verstehen von Lebenswelten dennoch unentbehrlich ist und wie er für die (Sozial-)Pädagogik fruchtbar gemacht werden kann, ohne in die Kulturalisierungsfalle zu tappen – hier will die Herausgeberin zu Anschlüssen einladen. (36)

Es folgen im Buch die sieben Interviews. Georg Auernheimer betont gleich zu Beginn, dass er sich stets kulturalistischen Deutungen verweigerte, ohne auf Kultur als Deutungsinstrument zu verzichten. (45) Ursula Boos-Nünning nennt als Voraussetzung für die Forschung, dass stets gefragt werden muss, „ob der ethnische oder kulturelle Faktor überhaupt noch eine Rolle spielt. Wenn nicht, dann darf der natürlich nicht berücksichtigt werden. Wenn er aber eine Rolle spielt, dann muss er berücksichtigt werden“ (76). Stefan Gaitanides beschreibt, dass er von Anfang an von einem reflexiven interkulturellen Kompetenzerwerb ausgegangen ist. Ihm war immer wichtig, dass Kultur nicht alles ist, kulturelle Etikettierung zu Ausgrenzung führt, (99) aber dass Kultur ein wichtiger Bestandteil individuellen wie kollektiven Lebens ist (101). Franz Hamburger weist darauf hin, dass Einwanderung ein Verarmungsprozess ist, (131) der zunächst betrachtet werden muss, bevor man sich der kulturellen Ebene der Zuschreibungen zuwendet. (132) Leonie Herwartz-Emdens Fokus liegt auf der Forschung und sie betont, dass interkulturelle Pädagogik gendersensibel sein muss (162): „Wenn dies nicht gelingt, sitzt man dem größten Vorurteil weiterhin auf.“ Es gilt, sozialisationstheoretisch und gendertheoretisch zu denken, „wenn man interkulturelle Kompetenz definieren will“ (162). Auch Marianne Krüger-Potratz hat viel von der Genderforschung gelernt und sieht Parallelen, da sich beide von der „Zielgruppenfixierung lösen und Möglichkeiten entwickeln [mussten], um das komplexe Zusammenspiel der Differenzlinien, … als Verhältnis und als Prozess analysieren zu können“ (175). Wolfgang Nieke schlägt Interkulturelle Pädagogik als politische Allgemeinbildung vor (199) und hält am Kulturbegriff fest, um Menschen vor ihrem Deutungsmusterhintergrund verstehen zu können. (198)

Diskussion

Sabine Jungk ruft den bedeutenden Punkt in Erinnerung, dass es bei Identitätspolitik um einen „strategischen Essenzialismus“ geht, nicht um ein „partikularistisches Anliegen, sondern [um] eine Vervollständigung der Dimensionen zu erkämpfender sozialer Gerechtigkeit“ (15). Sie stellt die wichtige Frage, wie die sich neu eröffnenden Theorieansätze Veränderungen in der gesellschaftlichen Praxis erreichen können – hieran muss sich kritische Wissenschaft laut Jungk stets messen lassen (38). Im Buch werden die Anschlüsse zwischen den verschiedenen Theoriegenerationen sichtbar, wenn die Interviewten Wissenschaftler:innen von ihrem Werdegang und ihrer Theorieentwicklung erzählen und jeweils begründen, wie sich ihr Bezug zur Analysekategorie Kultur entwickelt hat.

Fazit

Die Interkulturelle Pädagogik hat (zurecht) viel Kritik einstecken müssen, (Sozial-)Pädagogik in der Migrationsgesellschaft will sich heute (ebenso zurecht) auf Rassismuskritik und Intersektionalität gründen. Manchmal scheint dabei jeder Bezug zur Kultur der Kulturalisierung verdächtig. Das Buch will eine „spezifische Phase der Wissenschaftsentwicklung im Zusammenhang von Migration und (Sozial)Pädagogik“ (37) rekonstruieren und sucht nach Anschlüssen zwischen damaligen theoretischen Erungenschaften und aktuellen Positionen, in denen Rassismuskritik, post-koloniale Theorie und intersektionale Ansätze in den Vordergrund treten. Durch das Zu-Wort-Kommen-Lassen der Pionier:innen und die kritische Zusammenfassung der Herausgeberin werden diese Anschlüsse sichtbar und es wird deutlich, dass es mehr fruchtbare Vorarbeiten gibt als gemeinhin angenommen wird. Außerdem wird ein Weg gewiesen, wo in der Diskussion angesetzt werden kann, wenn in der identitätspolitischen Polarisierung das Kind mit dem Bade ausgeschüttet zu werden droht. Das Buch ist sowohl für Studierende als auch für alle im Feld der Migrationsforschung Tätigen und Interessierten sehr zu empfehlen und durch den open access auch unmittelbar zugänglich.

Rezension von
Dr. Franziska Baumbach
Lehrbeauftragte an der KHSB Berlin und Sozialarbeiterin in der stationären Jugendhilfe in Berlin-Neukölln
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Es gibt 6 Rezensionen von Franziska Baumbach.

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Zitiervorschlag
Franziska Baumbach. Rezension vom 24.01.2022 zu: Sabine Jungk (Hrsg.): Die erste Generation - Pionier:innen der migrationsbezogenen (Sozial-)Pädagogik: Wissenschaftler:innen im Gespräch. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. ISBN 978-3-8474-2479-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28855.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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