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Heike Jung: Kriminalsoziologie

Rezensiert von Prof. Dr. Marek Fuchs, 06.09.2005

Cover Heike Jung: Kriminalsoziologie ISBN 978-3-8329-1138-6

Heike Jung: Kriminalsoziologie. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2005. 117 Seiten. ISBN 978-3-8329-1138-6. 16,80 EUR. CH: 29,90 sFr.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-8329-2962-6 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

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Der  Autor

Der Autor des vorgelegten schmalen Bändchens - Heike (= männlicher friesischer Vorname) Jung - ist Universitätsprofessor an der Universität Saarbrücken und hat dort den Lehrstuhl für Strafrecht, Strafprozessrecht, Kriminologie und Strafrechtsvergleichung inne. Er ist Jurist und war lange Jahre als Richter tätig, bevor er Universitätsprofessor wurde. Diesen fachdisziplinären Hintergrund merkt man dem Text deutlich an: Die (Kriminal-)Soziologie erscheint hier im Wesentlichen aus dem Blickwinkel eines außerhalb der Disziplin stehenden Betrachters, was ich als Nicht-Jurist in Rechnung zu stellen habe.

Entstehungshintergrund

Das vorgelegte Bändchen "Kriminalsoziologie" ist im Zusammenhang mit der Umstrukturierung der Juristenausbildung an der Universität Saarbrücken als Vorlesungsskript, und damit in gewissem Sinne als Einführung in die Kriminalsoziologie entstanden. Hieraus ergibt sich der für dieses anspruchsvolle Unterfangen sehr knappe Umfang von etwa 100 Seiten Text plus Anhang. Es erklärt sich aber auch, warum vieles nur angedeutet und nicht ausgeführt bzw. diskursiv erschlossen wird. Als eigenständige Lektüre ist das Bändchen daher wenig geeignet - als eine Ergänzung unter anderen zu einer Kriminalssoziologischen Vorlesung für Juristen kann es aber u. U. dienen. Für Studierende sozialwissenschaftlicher Studiengänge uns dabei insbesondere der Soziologie oder Kriminologie dürfte das vorgelegte Buch auch für Einführungsveranstaltungen zu wenig umfassend zugeschnitten sein.

Aufbau und Inhalt

Das Manuskript gliedert sich nach zwei einleitenden Kurzkapitels in sechs inhaltliche Hauptkapitel sowie eine Zusammenfassung und einen Anhang.

In den inhaltlichen Hauptkapiteln werden zunächst die kriminalsoziologischen Grundbegriffe behandelt, anschließend folgt ein Überblick über Klassiker der kriminalsoziologischen Theorie, was von einem Kapitel über Methoden, Fakten und Zahlen gefolgt wird. Darauf folgt ein Kapitel, in dem ausgewählte soziologisch orientierte Kriminalitätstheorien präsentiert werden. Anschließend sind zwei sehr kurze Kapitel abgedruckt, zum einen zur Institutionenforschung (Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichte, Strafvollzug) und zum anderen zu einigen strafrechtlichen Grundkategorien (Gleichheit, Sicherheit, Straftheorien und schützende Formen).

Bewertung

Eindeutig positiv hervorzuheben ist die an manchen Stellen über den deutschen Diskussionsstand hinausgehende Rezeption von Befunden und Theorien aus anderen europäischen Ländern und den USA. In diesem Zusammenhang ist auch der äußerst hilfreiche Anhang zu vermerken, in dem kriminologische Aufbaustudiengänge in Deutschland und vor allem in anderen europäischen Ländern zusammengestellt werden.

Dass die Gesamtwürdigung des vorgelegten Buches dennoch eher kritisch ausfällt, hängt mit einigen allgemeinen und einer Fülle von speziellen Problemen zusammen: Zunächst muss angemerkt werden, dass in dem Büchlein eine für sozialwissenschaftliche Leser umständliche und ungebräuchliche Art des Nachweises der Literatur verwendet wird: Zum einen findet sich unmittelbar nach dem Inhaltsverzeichnis eine Zusammenstellung zentraler Literatur zu den einzelnen Kapiteln. Zum anderen wird im laufenden Text (nicht in Fußnoten) jeweils sehr ausführlich die gesamte bibliographische Information zu den einzelnen Quellen bei deren ersten Nennung angegeben. Hinzu treten an einzelnen Stellen zu Beginn der jeweiligen Hauptkapitel Hinweise auf besonders wichtige Quellen. Ein zusammenfassendes Literaturverzeichnis am Schluss des Bändchens findet sich hingegen nicht. Diese - an einigen Stellen auch noch uneinheitlich praktizierte (S. 81 ff.) - Art des Nachweises der Literatur führt zudem dazu, dass das schon sehr knapp bemessene Bändchen umfangreicher erscheinen zu lassen, als es ist. Statt dieser relativ ausführlichen Literaturnachweise wäre es für die Lesbarkeit des Textes von Vorteil gewesen, wenn an einigen Stellen konkrete Befunde der Forschung referiert würden und der Text nicht in Andeutungen steckengeblieben wäre. Statt einer vollständigen Liste solcher Stellen sollen hier nur zwei Beispiele genannt werden: So heißt es auf Seite 75: "Banthams und Foucaults Panoptismus lassen grüßen", ohne dass der Bezug für unbedarfte Studierende in einer Einführungsvorlesung verdeutlicht würde. Und auf Seite 91 wird der Hinweis auf eine Zeitschrift gegeben, deren konkreter Titel oder bibliographische Angaben dann aber weder dort noch im Literaturverzeichnis aufscheinen.

Bei der Darstellung der kriminalsoziologischen Klassiker im Kapitel 4 bleibt das spezifisch kriminalsoziologische der einzelnen Autoren weitgehend unklar. Statt einer Diskussion und Verdeutlichung der kriminalsoziologischen Bedeutung der einzelnen Autoren und ihrer Theorien und Ansätze findet sich im Wesentlichen eine kommentierte Zusammenfassung der soziologischen Konzepte der diskutierten Klassiker. Im Zusammenhang mit der Darstellung von Michel Foucault ringt sich der Autor sogar zu der Feststellung durch, dass er dieses für die Kriminalsoziologie besonders aufschlussreiche Werk "für sich selbst sprechen" lasse (39). Pierre Bourdieux wird im Wesentlichen als Gesellschaftskritiker reflektiert, es finden sich jedoch kaum Informationen und Bezüge für den kriminalsoziologisch interessierten Leser. Insgesamt muss man von einer ziemlich eigenwilligen Darstellung der Klassiker der Kriminalsoziologie auf knappem Umfang (17 Seiten) sprechen, die weder den Ansprüchen an eine angemessene Darstellung der sozialwissenschaftlichen Klassiker als solche erfüllt (auch nicht für Nebenfachstudierende) noch eine Verarbeitung der allgemeinen soziologischen Klassiker für die Kriminalsoziologie leistet.

Das Kapitel über die Methoden, Fakten und Zahlen der Kriminalsoziologie fällt insgesamt schmal und oberflächlich aus. Hier werden einige Grundlagen der empirischen Sozialforschung dargestellt, die allerdings kaum an das Niveau einer Einführungsvorlesung in die empirische Sozialforschung heranreichen. Auch werden auf 8 Seiten knapp die wissenschaftstheoretischen Grundlagen des deduktiv-nomologischen Modells, die Probleme der Methodenwahl und die Datenerhebungsmethoden dargestellt wie die Untersuchungsplanung und die Gütekriterien für die empirische Sozialforschung. Dies muss zwangläufig zu einem für Studierende wenig aufschlussreichen Text führen. Die anschließend diskutierten Kriminalstatistiken (Hellfeld) sowie die darauf präsentierten Dunkelfeldforschungen gelingen insgesamt etwas besser. Allerdings kulminiert die Präsentation in der Annahme, dass Kriminalstatistik und Dunkelfeld zusammen die "wirkliche Kriminalität" reflektieren würden (55). Betrüblich ist weiter, dass die Hauptergebnisse der Hell- und Dunkelfeldforschung weitgehend fehlen. Nur ganz knapp werden Ergebnisse der Dunkelfeldforschung präsentiert (64); dass hier auch ausgewählte Befunde zur Hellfeldforschung dargestellt werden, verwirrt eher als dass es eine Ergänzung der Dunkelfeldbefunde darstellen würde.

Dem Kapitel über die soziologisch orientierten Kriminalitätstheorien haftet insgesamt ein etwas abschätziger Duktus an, außerdem leistet die Zusammenstellung - mit Ausnahme des Teilkapitels über den Labeling-Approach - nur eine oberflächliche Darstellung der einzelnen Theorien. So werden die einzelnen Ansätze: Anomietheorie, Theorie der differenziellen Assoziation, Subkulturtheorie, Kulturkonflikttheorie, Kontrolltheorien in der Regel auf einer bis maximal zwei Seiten dargestellt. Lediglich der Labeling-Approach erfährt eine ausführlichere Darstellung auf immerhin vier Seiten.

Die nachfolgenden beiden kürzeren Kapitel zur Institutionenforschung und zu einigen strafrechtlichen Grundkategorien kommen weitgehend ohne empirische Befunde aus. Hier fällt der Zuschnitt des Bandes insgesamt besonders krass ins Auge: Im Wesentlichen werden nur Stichpunkte benannt, ohne dass sie im Text eine inhaltliche erläuternde oder empirische Füllung erfahren hätten. Dass der 2005 in erster Auflage erschienene Band noch der alten Rechtschreibung folgt, soll hier nur erwähnt werden.

Fazit

Insgesamt fällt es schwer, ein positives Urteil über das Büchlein zu fällen. Der Versuch einer komprimierten Darstellung der Kriminalsoziologie muss im Wesentlichen als gescheitert betrachtet werden. Im Vergleich zu den renommierten Einführungsbüchern in die Kriminologie von Kunz oder Schwind lässt sich kaum ein eigenständiger Zuschnitt erkennen. Außerdem fällt der Band von Jung im Vergleich zu diesen Schriften sowohl hinsichtlich des inhaltlichen Umfangs wie auch bezüglich des sozialwissenschaftlichen Reflexionsniveaus deutlich ab. Von daher sollte sich für Studierende der Rechtswissenschaften besser geeignete Literatur finden lassen.

Rezension von
Prof. Dr. Marek Fuchs
Universität Kassel, FB Gesellschaftswissenschaften
Professur für empirische Sozialforschung

Es gibt 4 Rezensionen von Marek Fuchs.

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Zitiervorschlag
Marek Fuchs. Rezension vom 06.09.2005 zu: Heike Jung: Kriminalsoziologie. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2005. ISBN 978-3-8329-1138-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2886.php, Datum des Zugriffs 18.08.2022.


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