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Hans-Ullrich Krause (Hrsg.): Familienintegrative Ansätze für die Jugendhilfe

Rezensiert von Prof. Dr. Marius Metzger, 29.08.2022

Cover Hans-Ullrich Krause (Hrsg.): Familienintegrative Ansätze für die Jugendhilfe ISBN 978-3-8474-2447-5

Hans-Ullrich Krause (Hrsg.): Familienintegrative Ansätze für die Jugendhilfe. Stationäre Hilfen zur Erziehung neu gestalten. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2022. 300 Seiten. ISBN 978-3-8474-2447-5. D: 36,00 EUR, A: 37,10 EUR.
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Thema

Wer Menschen in sozialpädagogischen Zusammenhängen begleitet, der weiß, dass vorwärts nicht immer geradeaus meint. Der zeitweilig verstellte Blick nach vorne erweist sich auch nicht unbedingt als problematisch, denn Umwege erhöhen bekanntermaßen die Ortskenntnisse. Diese Einsicht findet im vorgelegten Buch in der folgenden Aussage einen Niederschlag, die gleichzeitig auch das Ziel der familienintegrativen Arbeit prägnant fasst: „[…] Ziel ist, mit allen Familien, die von uns betreut werden, einen Weg zu finden, dass sie gemeinsam mit ihren Kindern im eigenen Wohnraum gesichert zusammenleben können. Dieser Weg verläuft selten linear und stringent Richtung Ziel.“ (S. 58). Diese Suche nach einem gemeinsamen Weg ist nicht durch die starre Abarbeitung eines mehrstufigen Programmes zu realisieren, sondern vielmehr durch einen dynamischen Suchprozess, der auch das Einschlagen von Umwegen, Nebenwegen, Schleichwegen und Irrwegen beinhaltet.

Herausgeber

Prof. Dr. Hans-Ullrich Krause studierte Sozialpädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin und promovierte an der Freien Universität Berlin. Er ist Geschäftsführer des Kinderhauses Berlin-Mark Brandenburg, das ein Gesamtprojekt mit verschiedenen Teileinrichtungen darstellt, wie beispielsweise Tagesgruppen, Verselbstständigungsgruppen, Familienintegrationsgruppen und anderen Angeboten. Neben dieser Tätigkeit als Geschäftsführer des Kinderhauses Berlin-Mark Brandenburg hat Hans-Ullrich Krause eine Gastprofessur an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin inne und engagiert sich im Rahmen verschiedener Tätigkeiten für die Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH).

Neben zwei Beiträgen von Hans-Ullrich Krause enthält das Buch weitere Beiträge von Theresa Bergmann, Clara Bofinger, Ulrike Dannigkeit, Lucia Druba, Bea Fröhlich, Holger Rohlfs, Steffen Schroedter, Leonis Stolz und Heidrun Wilke.

Inhalt

Im einleitenden Kapitel „Familienintegration ‒ Eine neue Betreuungsform in den Hilfen zur Erziehung entsteht“ berichtet Hans-Ullrich Krause von den Erfahrungen aus der langjährigen Arbeit mit dem familienintegrativen Ansatz. Die Notwendigkeit für die konsequente Umsetzung eines familienintegrativen Ansatzes in stationären Hilfen zur Erziehung wird insbesondere mit der bekannten Problematik der gegenseitigen Entfremdung von Kindern und deren Eltern begründet. Im Beitrag wird aufgezeigt, wie sich aus den anfänglichen Umsetzungsschwierigkeiten heraus allmählich eine erfolgsversprechende Programmatik der Familienintegration entwickeln konnte.

Das Kapitel „Beschreibungen des Arbeitsfeldes“ von Heidrun Wilke, Ulrike Dannigkeit, Theresa Bergmann und Clara Bofinger widmet sich den Arbeitsinhalten der Familienintegration. Es wird davon ausgegangen, dass sich die Phasen der familienintegrativen Arbeit wie folgt voneinander abgrenzen lassen:

  • Zugang der Familien zur Hilfe, Aufnahmeprozess und Ankommen (Phase 1),
  • Arbeits- und Entwicklungsprozess (Phase 2),
  • Stabilisierung (Phase 3) sowie
  • Beurlaubungsprozess und Abschied (Phase 4).

Diese Phasen werden anhand eines Beispiels eines alleinerziehenden Vaters mit drei Kindern beschrieben. Ergänzt wird die Beschreibung der verschiedenen Phasen um Erfahrungen in der praktischen Umsetzung der familienintegrativen Arbeit. Hierbei werden insbesondere auch besondere Herausforderungen im Alltag wie beispielsweise Umgang mit Suchtproblemen oder Kontaktabbrüchen benannt und mit Fragen zur fachlichen Reflexion ergänzt.

Im Kapitel „Familien in Krisen – Blick in die Praxis“ beleuchtet Leonis Stolz den Umgang mit Krisen im Rahmen der familienintegrativen Arbeit. Die familiäre Krise steht am Anfang der familienintegrativen Arbeit, wenn das Jugendamt aufgrund einer Kindeswohlgefährdung einen Platz im Angebot sucht. Ausgehend von der Prämisse, wonach Eltern ungeachtet ihrer Möglichkeiten immer eine zentrale Rolle für ihre Kinder spielen, wird auch in Zwangskontexten die Arbeit mit den Eltern hochgehalten. Den Eltern in solchen Situationen das Einnehmen ihrer Elternrolle nicht zu verwehren, sondern sie vielmehr darin zu fördern, stellt die zentrale Herausforderung der familienintegrativen Arbeit dar. Anhand eines Fallbeispiels zeigen Ulrike Dannigkeit und Heidrun Wilke auf, wie Familien aus solchen Krisen herausfinden können. Das Kapitel schließt mit fallgestützten Überlegungen von Leonis Stolz zum rollen(un)spezifischen Umgang mit Müttern und Vätern und mündet in der Erkenntnis, wonach alle Eltern in ihren selbst ausgestalteten Geschlechterrollen anzunehmen und wertzuschätzen sind – nicht in unreflektiert geschlechtsspezifischen Differenzierungen.

Das Kapitel „Wer sind die Professionellen im Feld?“ widmen Heidrun Wilke, Ulrike Dannigkeit, Theresa Bergmann und Clara Bofinger den Anforderungen, die an professionelle Akteurinnen und Akteure der Familienintegration ihrer Erfahrung nach zu stellen sind, damit sie erfolgreich mit Familien zusammenarbeiten können. Die Autorinnen stellen hierbei verschiedene Aspekte für die familienintegrative Arbeit zusammen wie etwa Offenheit, Akzeptanz, Empathie, Dickhäutigkeit, Optimismus, Humor, Sensibilität, Weitblick, Neugierde, Ausdauer, Geduld usw. Diese Aspekte sind erfahrungsbezogen beispielweise wie folgt umschrieben: „In dieser intensiven Arbeit mit Familien erachten wir es als notwendig, ein hohes Maß an Ausdauer und Geduld mitzubringen. Nur so können komplexe Lebens- und Veränderungsprozesse erfolgreich begleitet, Schleifen und Rückschläge ausgehalten und Familien in ihrem eigenen Tempo unterstützt werden“ (S. 112–113). 

Im Kapitel „Methoden und Arbeitsansätze in der Familienintegrativen Arbeit“ stellen Lucia Druba und Bea Fröhlich die Haltung der familienintegrativen Arbeit dar, in dessen Rahmen das familienintegrative Setting als guter Ort zu gestalten versucht wird. Dieser gute Ort lässt sich wie folgt charakterisieren: „Es herrscht immer das Grundverständnis, dass die Familien in unserem Projekt leben, weil sie Schwierigkeiten und große, festgefahrene Konflikte (innerhalb der Familie und/oder mit ihrem Umfeld) haben. Wenn sie ihr Leben selbstständig bewältigen könnten, wären sie nicht im familienintegrativen Projekt, dann hätten sie diese intensive Hilfeform nicht nötig. Darum werden, statt nach Fehlern zu suchen, kleinste Fortschritte anerkannt“ (S. 143). Ausgehend von der Begründung der Notwenigkeit zur Einnahme dieser Haltung werden die Methoden „Lernen am Modell“, „Elternschule“, „Coaching“, „Patenschaften“, „Bedürfnisanalyse“ und „Skulpturverfahren“ beschrieben und auf die Erfahrungen der Autorinnen mit der familienintegrativen Arbeit bezogen. Abgeschlossen wird dieses Kapitel mit einem Plädoyer für ein nachhaltiges Beziehungsangebot.

Das Kapitel „Wissen, über welches Fachkräfte verfügen sollten“ widmet Hans-Ullrich Krause den Wissensbeständen und den Methodenkenntnissen, über welche Fachpersonen verfügen sollten, die familienintegrative Arbeit leisten. Während diese Wissensbestände lediglich mit Stichworten wie etwa „Kommunikation“, „Sozialpädagogik“ oder „Systemtheorie“ kurz benannt werden, sind drei exemplarische Methoden genauer dargestellt: Familienuntersuchungsrahmen, Falllabor/​Familienwerkstatt und Sozialpädagogische Familiendiagnosen.

Im Kapitel „Vom Scheitern“ widmet sich Steffen Schroedter auf dem Erfahrungshintergrund der familienintegrativen Arbeit den unterschiedlichen Gründen für ein Scheitern der Hilfe. Solche Gründe werden sowohl aus Sicht der Familien mit Aussagen wie etwa „Die Menschen bemerken schnell, wenn wir nicht ehrlich, empathisch und wertschätzend sind, sondern nur eine Rolle spielen“ (S. 172) wie auch aus Sicht der Fachkräfte mit Aussagen wie etwa „Wir haben vielleicht Erwartungshaltungen, welche grundsätzlich nicht hilfreich sind, oder sind von den eigenen Sichtweisen zu sehr überzeugt, statt dem Gegenüber offen zu begegnen“ (S. 173) zusammengetragen.

Das Kapitel „Fallbeispiele“ widmen Lucia Druba und Bea Fröhlich der Fallarbeit mit der „Familie Schröder“ und Leonis Stolz der Fallarbeit mit der „Familie Hoffmann“. In beiden Fällen geht es um Familien mit jeweils zwei Kindern, die im familienintegrativen Projekt stationär untergebracht sind und deren Mütter im Gaststatus die Möglichkeit haben, die Kinder vor Ort mitzubetreuen. In beiden Familien ist die Zusammenarbeit mit den Kindsvätern aus unterschiedlichen Gründen nur eingeschränkt möglich.

Das Buch schließt mit dem Kapitel „Fazit“ von Holger Rohlfs, das auf die langjährigen Erfahrungen mit dem familienintegrativen Angebot zurückblickt: Statt Lebenswelten zu trennen, unternimmt der familienintegrative Ansatz einen konsequenten Versuch, Familien in Orte der stationären Unterbringung einzubeziehen. In diesem Sinne hat Familienintegration „[…] den zentralen Willen, Familien zu erhalten und Trennungen von Kindern und Eltern zu vermeiden bzw. daran zu arbeiten, dass sie entweder nicht nötig werden oder die Familie nach einer Trennung wieder zusammengeführt werden kann“ (S. 194).

Diskussion

Das Buch „Familienintegrative Ansätze für die Jugendhilfe. Stationäre Hilfen zur Erziehung neu gestalten“ vermittelt einen Einblick in die Praxis der familienintegrativen Arbeit der stationären Kinder- und Jugendhilfe. Anschaulich wird aufgezeigt, was man sich unter einer stationären Arbeit der Kinder- und Jugendhilfe vorstellen muss, in der Eltern nicht nur als Zaungäste, sondern als relevante Akteure involviert sind und bleiben. Obwohl die besonderen Entwicklungschancen einer solchen familienintegrativen Arbeit für die Kinder und deren Eltern deutlich herausgestellt werden, bleiben die besonderen Herausforderungen dieser familienintegrativen Arbeit nicht unter den Teppich gekehrt. Vielmehr wird aufzeigt, unter welchen Bedingungen solche Herausforderungen entstehen können und welche Fragen die professionelle Reflexion über diese Bedingungen erleichtern können. Und: Diese Tätigkeit ist anspruchsvoll. Nicht von ungefähr wird im abschließenden Fazit daher festgehalten, dass familienintegrative Arbeit vor allem eines ist: „[…] harte Arbeit und zähes Ringen auf beiden Seiten“ (S. 195).

Insbesondere die Beschreibung der Phasen der familienintegrativen Arbeit gibt einen guten Einblick in das konkrete Vorgehen. Als besonders wertvoll sind dabei die Erfahrungen zu werten, welche die Autorenschaft mit den Leserinnen und Lesern so großzügig teilen. Als Beispiel sei die aus den praktischen Erfahrungen mit der familienintegrativen Arbeit hervorgegangene, sogenannte „Beurlaubungsphase“ genannt, die in der letzten Phase der familienintegrativen Arbeit zum Zug kommt. In dieser „Beurlaubungsphase“ erhalten die Familien Urlaub von der stationären Unterbringung, damit sie sich im familiären Wohnraum ausprobieren können. In diesem Urlaub zeigt sich dann vergleichsweise schnell, welche neu erworbenen Handlungsmöglichkeiten erfolgreich transferiert werden können und welche (noch) nicht. Die Idee für eine solche „Beurlaubungsphase“ kam im Zusammenhang mit der wiederholten Erfahrung auf, wonach der Wechsel in den eigenen Wohnraum für viele Familien eine Überforderung darstellt. Die Möglichkeit, während dieser Urlaubszeit jederzeit wieder die Unterstützung durch das stationäre Angebot in Anspruch nehmen zu können, wirkt dieser Überforderung entgegen, die auch durch Anschlusshilfen nicht aufgefangen werden kann, da das Vertrauen in die Anschlusshelfenden erst aufgebaut werden muss.

Das Buch gibt also einen guten Einblick in die praktischen Erfahrungen der Autorinnen und Autoren mit der familienintegrativen Arbeit. Aus diesen Erfahrungen wird ein Veränderungsbedarf für die Neugestaltung von stationären Hilfen zur Erziehung abgeleitet, was jedoch nicht ganz nachvollziehbar ist, da hier keine Erfahrungen aus ähnlichen Angeboten und Projekten herangezogen werden, um diesen Veränderungsbedarf zu plausibilisieren. Darüber hinaus wird – abgesehen vom eigenen Erfahrungswissen – kein nennenswerter Bezug auf andere Wissensbestände vorgenommen, obwohl der Bedarf für die Neugestaltung von stationären Hilfen zur Erziehung im Fachdiskurs durchaus Thema ist. So gesehen, erscheint der Titel des Buches „Familienintegrative Ansätze für die Jugendhilfe. Stationäre Hilfen zur Erziehung neu gestalten“ etwas irreführend. Ein alternativer Buchtitel würde hier Klarheit schaffen und könnte beispielsweise lauten: „Die Praxis familienintegrativer Arbeitsansätze in der Jugendhilfe. Erfahrungen und Einsichten aus dem Kinderhaus Berlin-Mark Brandenburg“.

Fazit

Das Buch „Familienintegrative Ansätze für die Jugendhilfe. Stationäre Hilfen zur Erziehung neu gestalten“ gibt einen guten Einblick in die Praxis der familienintegrativen Arbeit. Großzügig teilen die Autorinnen und Autoren ihre langjährigen und wertvollen Erfahrungen und Einsichten mit den Leserinnen und Lesern dieses Buches. Enttäuscht wird, wer sich eine wissensgestützte Auseinandersetzung mit familienintegrativen Entwicklungspotenzialen der stationären Hilfen zur Erziehung erhofft.

Rezension von
Prof. Dr. Marius Metzger
Verantwortlicher Kompetenzzentrum Erziehung, Bildung und Betreuung in Lebensphasen am Institut für Sozialpädagogik und Bildung der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
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Es gibt 15 Rezensionen von Marius Metzger.

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Zitiervorschlag
Marius Metzger. Rezension vom 29.08.2022 zu: Hans-Ullrich Krause (Hrsg.): Familienintegrative Ansätze für die Jugendhilfe. Stationäre Hilfen zur Erziehung neu gestalten. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2022. ISBN 978-3-8474-2447-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28862.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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