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Peter Longerich: Antisemitismus

Rezensiert von Prof. Dr. Gertrud Hardtmann, 30.12.2021

Cover Peter Longerich: Antisemitismus ISBN 978-3-8275-0067-0

Peter Longerich: Antisemitismus. Eine deutsche Geschichte : von der Aufklärung bis heute. Siedler Verlag (München) 2021. 631 Seiten. ISBN 978-3-8275-0067-0. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 37,95 sFr.
Reihe: In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783570553244; ISBN: 9783570553442; ISBN: 9783827500601
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Autor

Peter Longerich, geb. 1955, ist Professor für moderne Geschichte am Royal Holloway College/​Universität London und Gründer des dortigen Holocaust Research Centre und außerdem Mitautor der Konzeption des Münchner NS-Dokumentationszentrums. Zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema u.a. Biografien von Himmler (2008), Goebbels (2010) und Hitler (2015). 1916 erschien ‚Wannseekonferenz‘.

Entstehungshintergrund

Entstehungshintergrund ist der Antisemitismus heute in der Mitte der deutschen Gesellschaft. Warum wurden antijüdische Ressentiments gerade in Deutschland wirksam für ein Wirgefühl und beförderten negative Einstellungen zu Juden?

Aufbau

Nach einem Prolog und der Einleitung ist das Buch untergliedert in verschiedene Epochen: I. 1780–1871, II. 1871–1918, III. 1918–1933, IV.1933-1945, V. Nach dem Holocaust.

Es folgen ein Epilog, Anmerkungen, eine Bibliografie und ein Personenregister.

Prolog

Antisemitische Trends lassen sich in Deutschland und in anderen europäischen Ländern feststellen. Longerichs Analyse zielt nicht wie sozialwissenschaftliche, sozialpsychologische und psychoanalytische Ansätze auf eine generelle Erklärung des Phänomens, sondern auf die Darstellung der Ausbreitung des Antisemitismus in verschiedenen Epochen und unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen.

Einleitung. Einige begriffliche und methodische Vorüberlegungen.

Longerich geht es (entgegen der Vorankündigung s.o.) um die ‚historischen Wurzeln des Antisemitismus‘ und die Geschichte der Judenfeindschaft seit Beginn der Emanzipation (spätes 18. Jh.). Mit der Emanzipation und Gleichberechtigung entwickelte sich eine neue Qualität der Judenfeindschaft: Räumlich ging es um Deutschland, methodisch um die Identität der ausgrenzenden Mehrheit (Geschichte des deutschen Nationalismus) und die Ablenkung von politischen, wirtschaftlichen und sozialen Problemen. Folgt man den Epochen so zeigt sich, dass die Judenfeindschaft erhebliche Veränderungen aufweist. Longerich unterscheidet zwischen religiöser, säkularer und antirassistischer (erst nach 1900) Judenfeindschaft. Lassen sich die Vorurteile von ‚realen‘ Konflikten abgrenzen, wenn menschliches Handeln immer von Imaginationen begleitet wird? In den verschiedenen Epochen spielt die Weimarer Republik (Suche nach einer neuen nationalen Identität) eine besondere Rolle. Antisemitismus ist ein historischer Begriff (eingeführt in den 1870ern) als Kampf gegen ‚Semitismus‘; in der Zeit vorher spricht Longerich von ‚Judenfeindschaft‘.

I. 1780–1871

Im Zeitalter der Aufklärung kam es zu einer »bürgerlichen Verbesserung« der Juden.

Longerich unterscheidet 4 Epochen:

  • 1) Die bürgerliche Verbesserung im Zeitalter der Aufklärung,
  • 2) Emanzipation, Nationalismus und Romantik (1807-15),
  • 3) Nach Napoleon Emanzipationsdebatten und antijüdische Gewalt (1815-20),
  • 4) Restaurationszeit und Vormärz (1820-48). Im Zeitalter der Aufklärung richtete sich die Judenfeindschaft nicht mehr gegen die ‚Religion‘, sondern gegen die fremde ‚Nation‘. Eine bürgerliche Kultur von Volk, Sprache, Geschichte prägte nicht nur den deutschen ‚Nationalcharakter‘, sondern auch den Mythos »Germanien«. In der Romantik (1807-15) kam es zu einer Gegenbewegung und Feindseligkeit auch in der Literatur. Die Anfang der 1780er begonnene Emanzipationsdebatte verschärfte sich um die Jahrhundertwende; neben liberalen Strömungen, gab es Vernichtungsdiskurse und Gewalt.
  • 5) Die Emanzipation (1848-71) hatte Reaktionen und Gegenbewegungen zur Folge.

II. 1871–1918

Dieser Teil ist untergliedert in 6 Unterabschnitte:

  • Die erste antisemitische Welle (1870er und 1880er), teils religiös, teils durch den Gründerkrach bedingt, zeigte Radikalisierungstendenzen und Wanderung der Antisemiten in die Provinz.
  • 2) In der zweiten antisemitischen Welle der 1890er folgte eine Ausbreitung in die deutsche Gesellschaft, in die Verbände und studentischen Organisationen, zusätzlich auch mit staatlichen Diskriminierungen und »kultureller Codierung« (z.B. Finanzkapital); auf jüdischer Seite wurde diese mit Gegenwehr beantwortet.
  • 3) Antisemitismus und Rasse, ein intellektueller Diskurs seit den 1890ern über Rassenhygiene und Rassenanthropologie.
  • 4) Völkischer Antisemitismus in Organisationen (Entwertung und Selbstidealisierung) und der Einfluss auf Verbände und die Jugendbewegung.
  • 5) Die Neuformierung der antisemitischen Bewegung seit 1912 (Pläne und Projekte) und Antisemitismus in Europa vor dem Ersten Weltkrieg.
  • 6) Im Ersten Weltkrieg die »Ostjudenfrage«, die Etikettierung von Juden als »Drückeberger« und »Kriegsgewinnler« (zunehmend in der zweiten Kriegshälfte), offensiv unterstützt durch die extreme Rechte.

 

III. 1918 -1933

Fünf Unterabschnitte: 1) Antisemitismus in den Nachkriegsjahren (1918-23). Nach der Niederlage wurde in Verbänden und Parteien eine radikalantisemitische Bewegung gepflegt (besonders in den Krisenjahren 1922/23). Danach kam es zu einer stärkeren Ausbreitung (1924-29), radikal vor allem bei den Nationalsozialisten, jedoch noch ohne ein Führungszentrum. Unterstützung kam auch von den Konservativen und Etablierten in Parteien und Verbänden, u.a. Studenten und Bündische Jugend; auch kirchlich gab es eine Bewegung für deutsches Volkstum vs. Juden. 3) Der gesellschaftliche Ausschluss der Juden durch Diskriminierung, Propaganda und Gewalt fand seinen Niederschlag u.a. auch im Kulturleben. Die Abwehrarbeit des Centralvereins war – bei fehlender Unterstützung durch die Justiz – schwierig. 4) Der rassistische Diskurs: Rassenhygiene und jüdische Rasse waren begleitet von Diskursen über das deutsche »Volkstum« und »Reinhaltung« bzw. »Rassenhygiene«. 5. Siegeszug der Antisemiten (1930-33) durch Propaganda (NSDAP), Bildung eines NS-Modellstaates in Thüringen und Gewalt. Debatten zur Judenfrage kennzeichneten bereits das Ende der Weimarer Republik.

IV. 1933 -1945

Sechs Unterabschnitte:

  • Die Anfänge der NS-Judenpolitik (1933-35) waren gekennzeichnet von einem rassischen Diskurs unter den Bedingungen der Diktatur, es folgten Eingriffe in jeden Lebensbereich und eine Verbreitung rassistischer Denkmuster auch in der internationalen Politik. Innenpolitisch kam es zu Ausschreitungen und Boykottaufrufen. Diese führten auf jüdischer Seite zu einer einheitlichen Repräsentanz vor allem während der weiteren Segregationen und Diskriminierungen.
  • 2) Die ‚Entjudung‘ der deutschen Gesellschaft ging einher mit einer Bevölkerungs- und Rassenpolitik, die u.a. auch Zigeuner, Asoziale und Behinderte umfasste. Es folgten Eingriffe in die Schulen, die Wissenschaft und Kultur.
  • 3) Die Juden gerieten immer mehr ins gesellschaftlichen Aus/Tod (1936-39), verloren den Zugriff auf ihr Vermögen und wurden durch Boykott und Zwangs-Arisierung aus dem Wirtschaftsleben ausgeschlossen. Dem folgten weitere Isolierungen und Vertreibungen, verstärkt 1938 durch den Anschluss Österreichs und dem angeblich als Vergeltung auf das Attentat von Herschel Grünspan erfolgten Pogrom im November 1938 (mit der speziellen Perfidie der Anordnung kollektiver ‚Sühneleistungen‘) und weiteren Einschränkungen in Einzelhandel und Handwerk. Insgesamt kam es bereits seit 1937 zu einer Verschärfung der Verfolgungsmaßnahmen.
  • 4) »Judenpolitik« in anderen europäischen Ländern (Österreich, Tschechoslowakei, Rumänien, Ungarn, Bulgarien, Polen, Litauen, Italien, Griechenland und Türkei) mit unterschiedlichem Erfolg.
  • 5) Ausbreitung und Radikalisierung der Judenverfolgung (1939-41) und beginnend mit dem Kriegsbeginn das Projekt der Euthanasie (systematische Ermordung psychisch Kranker) und nach der Besetzung Polens eine auf Vernichtung zielende »Judenpolitik«. Die Pläne schwankten zwischen Madagaskar (Aussiedlung) und »Barbarossa«, Feldzug gegen die UdSSR, (Deportationen und Gettobildung).
  • 6) Holocaust (1941-45) der Judenmord als Vorgriff auf eine »Neuordnung« Europas und der Krieg als ‚ein Krieg gegen die Juden‘. Eine Eskalation erfolgte nach der Wannseekonferenz und endete in einem europaweiten Völkermord, verstärkt nach der Kriegswende und der sich abzeichnende Niederlage: Ein Versuch, das bröckelnde Bündnis zusammen zu schweißen. Der Holocaust fand mit Wissen und Unterstützung eines großen Teils der deutschen Bevölkerung statt.

V. Nach dem Holocaust

Insgesamt fünf Abschnitte:

  • Latente Antisemitismus nach 1945 aufgrund demografischer Umfragen (relativ starke Minderheit von 15–30 %, aber mit einem harten Kern von 15–25 %). Eine Zunahme war nach 1949 zu beobachten. Es kam in der Nachkriegszeit zu einer partiellen Tabuisierung des Themas, aber auch zu Kritik an den ‚Wiedergutmachungsgesetzen‘; andererseits war in Politik und Qualitätsmedien eine relativ hohe Sensibilität zu beobachten. In der frühen DDR war der Holocaust aufgrund der Bevorzugung der antifaschistischen Tradition ein eher randständiges Thema. Juden waren sogar 1949 nach Gründung der DDR Gegenstand einer ‚antizionistischen Säuberungs- und Repressionswelle‘.
  • 2) Neue Erscheinungsformen und tradierte Inhalte waren in den 1960er und 1970er zu beobachten: einerseits in der Bundesrepublik eine beginnende intensive Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, andererseits aber auch Antisemitismus der Linken gegen Israel – und in der Mitte ‚scheinbare Ruhe‘.
  • 3) Vergangenheitspolitische Neuorientierungen waren 1980er zu beobachten (Kohl und die ‚Gnade der späten Geburt‘ und Bitburg, die Auseinandersetzung um das Fassbender-Stück ‚Die Stadt, der Müll und der Tod‘, der Historikerstreit). Nach wie vor gab es aber einen antisemitischen Kernbestand und einen – eher diffusen – Rand. In der DDR kam es Mitte der 1980er zu einer Kursänderung. Es wurde verstärkt der jüdischen Opfer gedacht, allerdings bei einem fortbestehenden latenten Antisemitismus.
  • 4) Antisemitismus im wiedervereinigten Deutschland (die Zahlen schwanken zwischen 1990 32 %, 1996 15,7 % und 2006 19,2 %, oft unter Hinweis auf die angebliche ‚Geschäftemacherei‘ der Juden und Kritik an der Politik Israels). Die extreme Rechte, 1964 NPD und die erfolglose DVU übten Kritik am ‚jüdischen Finanzkapital‘. Nach der Wiedervereinigung bildeten sich zunächst lose Gruppen und Zirkel (unter dem Stichwort ‚Traditionspflege‘ Götz Kubitschek) und Teile der AfD. Es entstanden rechte Untergruppen und eine rechtsextremistische Subkultur unter Jugendlichen mit einem Schwarz-Weiß-Weltbild, völkischen Ideen, einem aggressivem Antisemitismus und Terrorismus. Auch maskiert unter der Kritik an der Politik Israels ließen sich bei Linken wieder antisemitische Stereotype beobachten. Unter islamischen Jugendlichen gibt es einen sozialisationsbedingten hohen Grad an Judenfeindlichkeit. Zudem bietet die Vielgestaltigkeit des Antisemitismus viel Potenzial zu Anschlussmöglichkeiten.
  • 5) Antisemitismus und deutsche Identität: In Zusammenhang mit der Identitätsfrage sind Akzentverlagerungen zu beobachten. Nach der Vergangenheitsauseinandersetzung und Schuldbewältigung (1995-2003), zeigte sich nach der Wiedervereinigung ein neues deutsches Selbstbewusstsein und ‚anspielungsreiche Gegenattacken‘ seit 2012, anknüpfend an ein altes Phänomen, allerdings unter veränderten Voraussetzungen.

Epilog: Antisemitismus heute – ein durchlöchertes Tabu

Die Beschäftigung mit dem Jetzt-Zustand ist nicht Aufgabe des Historikers, sie muss Soziologen und Politologen überlassen bleiben. Unter den feindseligen Einstellungen gegenüber Minderheiten nimmt der Antisemitismus – nach Auschwitz – eine Sonderstellung ein. Der Tabubruch wird allerdings auf unterschiedliche Weise unterlaufen. Nach welchen Kriterien wird ‚Antisemitismus‘ (Bewertung und Erkennbarkeit) gemessen (Straftaten, Medien, Umfragen)? Es gibt keine präzisen Angaben über Straftaten und Überzeugungen sind nicht einfach abfragbar, weil auch verzerrt durch die Interpretationen und Einstellungen der Forscher und durch unterschiedliche Zustimmungsraten auch bei Vergleichen mit anderen Ländern. Kritisch sieht Longerich auch den sog. ‚sekundären Antisemitismus‘ (versteckt als Kritik an israelischer Politik). Auch in den Medien finden sich mitunter Klischees.

Weitgehend unbekannt ist die Tradierung von Antisemitismus in Milieus und Gesellschaften. ‚Mahnwachen für den Frieden 2014‘ und ‚Pegida‘ bieten oft eine Plattform (Überfremdung, Lügenpresse oder linker Antisemitismus in Zusammenhang mit Kapitalismuskritik). Hinzukommt ein muslimischer Antisemitismus. Auch fehlen klare Positionierungen der Kirchen gegenüber religiösen und nicht religiösen Vorurteilen, ganz zu schweigen von Familien- und Bekanntenkreisen und Vereinen. Nach Umfragen ist offen geäußerte Judenfeindschaft eher der politischen Mitte als dezidiert rechten oder linken Positionen zuzurechnen (Blutkult, Geldgier, Wucher, Rachsucht, Weltverschwörung, Vorteilsnahme aus dem Holocaust).

Ist der Antisemitismus in Deutschland im Wandel? Von christlicher Judenfeindschaft zu Israelkritik und Holocaust: Maßnahmen gegen antisemitische Stereotype und Vorurteile wurden 12 Jahre nach dem Einsetzen eines Expertenkreises 2020 positiv bewertet durch die Einsetzung eines Antisemitismus-Beauftragten, konkrete Veröffentlichungen und Ahndung von Straftaten, Forschungen und zivilgesellschaftliches Engagement. Die Fülle der Maßnahmen ist beeindruckend. Aber es bleibt die Frage, warum trotz Aufklärung, Abwehr und Repression die Judenfeindschaft in Deutschland von Generation zu Generation weiter tradiert wird.

Diskussion

Die Inhaltsangabe kann nur ein Bruchteil dieses sorgfältig recherchierten und mit vielen dokumentarischen Hinweisen auch mit umfangreichen ‚Anmerkungen‘ versehenen Buch wiedergeben, das zudem durch die Bibliografie zum Weiterlesen einlädt. Peter Longerich hat sich über Jahre ausführlich mit dem Thema und diesem speziellen Teil der deutschen Geschichte beschäftigt, Belege und Fakten gesammelt und psychologische, psychoanalytische und soziologische Deutungen weitgehend vermieden. Dennoch durchzieht das Buch, auch wenn es in anderen europäischen Ländern Antisemitismus gibt, in allen Kapiteln die nach wie vor unbeantwortete Frage: Welche Identität beanspruchen die Deutschen für sich, wenn sie den Juden projektiv eine Identität zuschreiben, die ein illusionäres Judenbild unterstützen, an dem man ohne Schuld und Scham Gefühle von Hass, Ressentiment, Wut und Entwertung auslassen kann? Hass, Ressentiment und Wut kommen aus dem Reservoir der Affekte, die mit Sicherheit einen Grund haben und zu dem Bild passend gemacht werden, das sich Antisemiten von Juden machen. Ist es der Neid (auf was?), sind es Minderwertigkeitsgefühle (warum?), die Abwehr der eigenen Blutgierigkeit und vor allem eine Verleugnung von Schuld- und Schamgefühlen, wie sie in autoritären Erziehungsstilen den Autoritäten selbstverständlich sind: Wann entschuldigt sich ein autoritärer Chef, ein Vater, eine Mutter, ein Lehrer, ein Vorgesetzter bei einem Kind, Schüler, Angestellten, oder eine Regierung bei ihrem Volk, wenn sie Fehler gemacht haben? Mit Sicherheit sind es frühe familiäre, aber später auch gesellschaftlich fortgesetzte Erfahrungen von Nichtanerkennung von Fehlern und Irrtümern der jeweiligen Machthaber, die auch das Selbstbild der Abhängigen prägen und traumatisierende Spuren und Empfindlichkeiten hinterlassen. Diese wirken lebenslang, wenn die verinnerlichten Vorbilder das Selbstwertgefühl nicht nur geprägt haben, sondern psychoanalytisch gesehen – weil verinnerlicht – immer wieder neu prägen. Das spricht nicht für eine schrankenlos liberale Erziehung, denn Erziehung muss Grenzen setzten, weil ohne Grenzen des Egoismus ein soziales Miteinander nicht möglich ist. Aber dazu gehört auch, dass auch Autoritätspersonen sich ihrer Grenzen und Fehleranfälligkeit nicht nur bewusst sind, sondern sich auch dafür entschuldigen, soweit sie andere verletzt haben.

Autoritäre Erziehungsstile gibt es in allen Gesellschaften mehr oder weniger ausgeprägt. Aber die Frage ist, inwieweit Zweifel und Kritik auch an den Autoritäten zugelassen wird und diese dem gleichen Gesetz unterstehen wie jeder andere.

Ohne Juden zu idealisieren, ist doch die Frage, ob mit dem Mythos von der Übergabe des Gesetzes am Sinai eine soziale, damals religiöse Form des Sozialen geschaffen wurde, die verbindlich für alle war und Übertretungen von Kindheit an für alle ahndete. Denn Rechtsextreme und Antisemiten, gleich welcher Couleur, halten sich nicht an das Grundgesetz, ganz gleich, ob sie im Parlament sitzen oder nur familiäre Überlieferungen pflegen. Die Versuche, Rechte außer Kraft zu setzen, die für alle – ohne Ansehen der Person – gelten, ist menschlich, weil sie Einschränkungen und Verzicht auf einen narzisstischen Größenwahn und ein entsprechend überhöhtes Selbstwertgefühl bedeuten; das ist auch in Israel gegenüber dem arabischen Bevölkerungsanteil nicht ausgeschlossen. Ohne diese Einschränkung wird ein falsches allmächtiges und gottähnliches und narzisstisches Identitätsgefühl sich lebenslang gegen ein Zusammenbrechen dieser Illusion mit allen Mitteln verteidigen müssen.

Es kann nicht ausbleiben, dass beim Lesen dieses Buches die Fragen auftauchen, die Longerich als Historiker ausklammern wollte, die Frage nach den psychologischen (früher auch religiösen), soziologisch familiär/völkischen und autoritär-narzisstischen Wurzeln des Antisemitismus.

Fazit

Keine leichte, aber sehr informative Lektüre, die zur Information und zum selbstkritischen Nachdenken anregt.

Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 30.12.2021 zu: Peter Longerich: Antisemitismus. Eine deutsche Geschichte : von der Aufklärung bis heute. Siedler Verlag (München) 2021. ISBN 978-3-8275-0067-0. Reihe: In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783570553244; ISBN: 9783570553442; ISBN: 9783827500601 . In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28866.php, Datum des Zugriffs 18.08.2022.


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