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Bernd Halfar (Hrsg.): Sozialimmobilien

Rezensiert von Prof. Dr. Karl-Heinz Braun, 09.05.2022

Cover Bernd Halfar (Hrsg.): Sozialimmobilien ISBN 978-3-8487-7120-2

Bernd Halfar (Hrsg.): Sozialimmobilien. Problemstellungen und Lösungsräume. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2021. 326 Seiten. ISBN 978-3-8487-7120-2. 59,00 EUR.
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Zum Thema: Sozialimmobilien als unterbelichtetes Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit

Die Soziale Arbeit als sozialstaatliche Dienstleistung und pädagogisches Handlungsfeld kommt ohne feste Orte in Form von Grundstücken und Gebäuden nicht aus. Es gibt dabei eine breites Spektrum an Einrichtungen von der Kindekrippe und den Kitas über Einrichtungen der offenen und verbandlichen Kinder- und Jugendarbeit und der Inklusion aller Altersgruppen sowie der Weiterbildung und Unterstützung von Erwachsenen bis hin zu denen der stationären, teilstationären und ambulanten Betreuung von älteren und alten Menschen (gerade dieser Bereich expandiert erheblich – nicht nur wegen des demografischen Wandels, sondern auch wegen der sich erweiternden Ansprüche der Nutzer:innen an die Einrichtungen). Obwohl die Kosten für Neu- und Umbau sowie den Erhalt der Immobilien nach den Personalkosten (sie machen 70 % der Finanzbudgets aus) an 2. Stelle stehen, werden sie in der Profession, aber auch in der Disziplin der Sozialen Arbeit eher stiefmütterlich behandelt und deren Verwaltung meist Spezialist:innen überlassen; nur im Konfliktfall und natürlich bei der Gefahr der Insolvenz beschäftigen sich auch andere Personengruppen damit. Vor diesem Hintergrund ist es schon an sich verdienstvoll, dieses Aufgabenfeld einer breiten Untersuchung zu unterziehen.

Herausgeber und Autor:innen

Der Herausgeber, Bernd Halfar, hat seit 2004 eine Professur für NPO-Controlling, Wirkungsrechnungen, Finanzierung sozialer Einrichtungen und Ökonomie der Sozialimmobilien inne; er ist ferner Mitglied in Aufsichtsräte und Kuratorien sozialwirtschaftlicher Unternehmen. Auch die anderen Autor:innen kommen durchweg aus der Praxis und repräsentieren sehr unterschiedliche pragmatische bis teilweise wissenschaftlich begründete Herangehensweisen an diesen Themenkomplex.

Aufbau

Die 16 Beiträge sind in vier Themenkomplexen angeordnet:

  1. Sozialimmobilie als wirtschaftliches Problem;
  2. Sozialimmobilie als Genossenschaft & Quartier;
  3. Sozialimmobilie im Recht; und
  4. Sozialimmobilie unter Strom (hier geht es besonders um die neuen ökologischen Anforderungen).

Inhalt

Es ist selbstverständlich in einer Rezension nicht möglich, dass ganze Spektrum an Argumentationen und Befunden darzustellen. Es sollen daher diejenigen hervorgehoben werden, die für das finanzbezogene Verwaltungshandeln von besonderem Interesse sind.

Sozialimmobilien als Sektor des politisch-ökonomischen Systems

Die politisch-ökonomische Eingebundenheit der Sozialimmobilien wird besonders bei den Managementaufgaben deutlich (S. 17ff); dazu gehören die Aufstellung eines Immobilienregals, die Entscheidungen über die strategische (Weiter-)Entwicklung des Trägers, die (mögliche bzw. angestrebte) Trennung von (Dienstleistungs-)Betrieb und Immobilie, die Clusterung des Immobilienportfolios und dessen Organisationsprinzipien, die Segmentierung dieses Portfolios nach rechtlicher Struktur sowie seine Segmentierung nach Lebensphasenzyklen (dazu gehört dann auch das Grundbuchmanagement; S. 247ff), die Klärung von Zuständigkeiten und Abgrenzungen sowie der Informationsprozesse in den Controllingverfahren, die Analyse möglicher bzw. wünschenswerter neuer Standorte, Sozialräume oder auch Regionen und die Integration clusterbezogener Kennzahlen (z.B. in die Balanced Score Card [BSC]). – Hier können drei Aspekte hervorgehoben werden:

  1. Zu den strategischen Entscheidungen gehören die über das Finanzierungsmodell (S. 26ff): Traditioneller Weise werden sie durch öffentliche Zuschüsse, Eigenkapital oder Bankkredite (und Mischformen) finanziert; in neuerer Zeit kommen – als Aspekt der Finanzialisierung – kurz- und mittelfristige Private Equitity und Mezzaninekapital als Eigenkapitalersatz oder auch private Investoren hinzu. Darüber hinaus gibt es verschiedene Deal-Varianten: Beim Share Deal wird eine Immobilie erworben ohne dass dafür Grunderwerbssteuer gezahlt wird, weil eine Objektgesellschaft zu max. 90 % gekauft wird und nicht die Immobilie selbst; beim Asset Deal wird die Immobilie (Grundstück und Gebäude) erworben und es findet eine Rückmietung durch den Verkäufer statt (das ist ein „Sale and lease back“ Verfahren); und beim Club-Deal findet ein Zusammenschluss von zwei oder drei Investoren statt.
  2. Bei solchen Finanztransaktionen finden stets Wertermittlungsprozesse statt; es können vier unterschieden werden (S. 40ff): a) Das Vergleichswertverfahren, bei dem der Marktwert von Grundstück und/oder Gebäude ermittelt wird (dazu dienen u.a. Verkaufsdaten, aber auch Angebotsanalysen – etwa in Tages- und Wochenzeitungen). b) Beim Sachwertverfahren stehen die Kosten für einen (potenziellen) Neubau im Zentrum (dies ist besonders für Selbstnutzer und Versicherungsgesellschaften relevant). c) Beim Ertragswertverfahren dreht sich alles um die Renditechancen (es wird meist bei Mietshäusern angewendet). d) Das dynamische Verfahren hat den Anspruch ganzheitlich, nachhaltig und eben dynamisch zu sein und dabei die Relationen zwischen Mikro- und Makroentwicklungen zu beachten; das bezieht sich auf Leerstandsabbau, Bestandsmieterhöhungen, Mieterhöhung bei Fluktuation, Flächenausbau, Flächenerweiterung am Bestand, Konversion und Privatisierung.
  3. Damit ist schon ein weiteres Problemfeld angedeutet: nämlich der Lebenszyklus eines Gebäudes als eines nicht ortveränderlichen langlebigen Gutes (S. 51ff). Bei dieser zeitlichen Prozessabfolge zwischen Planung, Bau, Nutzung bis hin zu Rückbau oder Anriss ist das Facility-Management entscheidend. Darunter fallen die Instandhaltungsbedingungen, die Sanierungsauflagen, die Revitalisierung von Teilen oder des ganzen Gebäudes, die wesentlich bestimmt werden von der Konstruktionsweise und der Art und Qualität der Baumaterialien. Hier sind nicht nur sich ggf. sehr schnell ändernde gesetzliche Vorgaben (z.B. Inklusionseinrichtungen) von Relevanz, sondern auch Investitionserwägungen und Renditeerwartungen und ggf. die Suche nach entsprechenden Finanzquellen (gerade bei aufwendigen Wohnprojekten für ältere und alte Menschen).

Sozialimmobilien im Widerspruchsfeld von Sozialstaat und Markt

Die Sozialimmobilie ist auch insofern eine Sonderimmobilie, als ihre Existenz an die sozialstaatliche Daseinsvorsorge gebunden ist, wie sie in Art 20(1) des Grundgesetzes (GG) (Sozialstaatsprinzip) verfassungsrechtlich und in § 11 Sozialgesetzbuch (SGB) I durch Einzelgesetz (bezüglich der Dienst-, Sach- und Geldleistungen) normiert ist. Daraus resultiert einerseits das Dreiecksverhältnis von Leistungs- und Kostenträger sowie Leistungsempfänger:innen (marktsemantisch als Kunden bezeichnet und betrachtet; z.B. S. 59 u. 68). Durch das Subsidaritätsprinzip (besonders von § 17 SGB II und §§ 3 +4 SGB VIII) hat der Staat hier – anders als beim Bildungssystem (Art. 7 GG) – nicht per se die Hauptverantwortung, sondern übernimmt nur eine „Ausfallbürgschaft“ (muss also nur bei Infrastrukturmängeln aktiv werden). Damit tritt das Sozialstaatsprinzip in Konkurrenz zu Marktprinzipien und hat dieses im Rahmen des Neoliberalismus und seiner Austeritätspolitik zunehmend eingeschränkt und ausgehöhlt; oder anders ausgedrückt: das Subsidaritätsprinzip ist das Einfallstor zur Vermarktung und Finanzialisierung des Sozialsektors. Das wird u.a. an folgenden Problemen des „Dritten Sektors“ und dem angestrebten friedlichen Neben- oder gar Miteinander von Staat und Markt deutlich:

  1. Durch die Privatisierung vieler ehemals staatlicher Dienstleistungen (einschließlich Grundstücke und Gebäude) ist ein Quasi-Markt entstanden im Spannungsfeld von unternehmerischer Autonomie und staatlicher Finanzierung und Regulierung – sowohl bezogen auf die Subjekt- wie auch die Objektförderung. Gerade bei letzterer gibt es angesichts der geringen Zinsen und damit Renditeerwartungen ein zunehmendes Interesse nicht nur privater Investoren, sondern auch und gerade institutioneller Anleger an Sozialimmobilien (S. 87ff). Dies sind besonders die der Altersvorsorgeeinrichtungen mit 26,1 % (u.a. berufsständische Versorgungswerke, Pensionskassen, Unterstützungskassen) und Versicherungen (mit 33,3 %), gefolgt von privaten Organisationen ohne Erwerbszweck (11,5 %), Kreditinstituten (9,9 %), nicht-finanzielle Kapitalgesellschaften (9,1 %) bis hin zu Sozialversicherungen und öffentlichen bzw. kirchlichen Einrichtungen (7 %) und Sonstigen (3,2 %). Dabei geht der Trend hin zu einem verstärkten Engagement in die Segmente Private Equity Fonds, Private Dept und Infrastrukturfinanzierung mit der Absicht gerade bei letzterer durch Immobilienbesitz (speziell im Gesundheits- und Pflegesektor und bei Seniorenheimen) stabile und perspektivisch sich erhöhende Renditen zu erwirtschaften (Stichwort „Betongold“). Dabei wird – als reale Praxis oder auch nur als „Ideologie und Propaganda“ – verwiesen auf das neue ESG-Leitbild (Environment Social Governance) der Unternehmen. Aus dieser Interessenlage resultiert auch die strategische Unsicherheit dieser Art von Kapitalfixierung: Wenn es anderweitig höhere Renditechancen gibt, dann kommt es sehr schnell zu (rasanten) Kapitalbewegungen in profitträchtigere Sektoren und neuen Infrastrukturdefiziten im Sozialsektor (S. 126ff).
  2. Aus diesen Gefährdungen der Stabilität der sozialen Infrastruktur und ihrer Immobilien resultiert die strategische Suche nach Investoren bei denen nicht die Rendite, sondern das tatsächliche und stabile soziale Engagement nachhaltig im Vordergrund steht (S. 129ff). Dabei ist zuerst an Genossenschaften zu denken, aber in jedem Fall ein zweiter, vertiefter Blick notwendig. Zwar sind diese verpflichtet dem Gemeinwohl zu dienen, aber – leider! – eben nicht nur diesem (S. 204f): Während in einem Grundsatzurteil das OLG Hamburg ein Gewinnstreben mit dem Gemeinwohlprinzip für unvereinbar hielt, hat das OLG Rostock dem widersprochen; letzteres prägt die aktuelle Rechts- und Investitionspraxis gerade der großen Genossenschaften, speziell im Wohnungssektor, wo sie häufig als Mietpreistreiber fungieren. Naheliegend ist deshalb die Kooperation mit (bzw. Gründung) einer kleinen Genossenschaft (ein Beispiel dazu auf S. 132ff). Das eröffnet auch Perspektiven für die Einbeziehung der Nachbarschaft (Crowdfunding) sowie eine durchgängige Verankerung im Gemeinwesen (was allerdings sehr aufwendig ist).
  3. Auch eine solche lebensweltnahe Sozialraumorientierung wird immer wieder von Vermarktungstendenzen überlagert und zumindest teilweise bedroht, wenn nämlich das Quartier als Geschäftsmodell betrachtet wird, um Auslastungsrisken mit Hilfe von Sozialraumbudgets und der Etablierung eines Dienstleitungshubs (Sozialmarkt) im Rahmen einer Sharing Economy abzubauen (S. 140ff). Es ist gewiss wünschenswert ein offenes Quartier z.B. für Senior:innen zu schaffen (S. 146ff), bei denen die verschiedenen Dienstleistungen miteinander vernetzt sind (Wohnraum [Wohnen mit Service oder WG], pflegerische Leistungen und Unterstützung [Hausnotruf, Menüservice, ambulante bzw. Tages- oder Kurzzeitpflege], Angebote im Stadtteil zur Sicherung der Lebensvielfalt [Gastronomie, Geschäfte und Service, Veranstaltungen/​Kultur, Aktivitätsräume, Arzt/Apotheke/​Therapie, Hilfe in besonderen Lebenslagen]). Bedenklich ist es aber, dies alles dem Diktat der Wirtschaftlichkeit zu unterwerfen, denn dann privilegiert es nicht nur die sozialen Milieus der gesellschaftlichen „Mitte“ (und z.T. der Eliten), sondern auch die jetzt schon eher privilegierten Stadtteile (das machen auch die architektonisch und stadtplanerisch interessanten Überlegungen zum „Volkshausgarten Leipzig – Quartier Neue Arbeit“ exemplarisch deutlich; S. 169ff). Hier ist der Sozialstaat nachhaltig gefordert sich am Prinzip der ausgleichenden sozialen Gerechtigkeit auszurichten.
  4. Ein besonderes Handlungsfeld resultiert aus den Herausforderungen der sozial verantwortbaren und ökologisch nachhaltigen Reform auch und gerade des Wohnungssektor, wie sie aus dem Pariser Klimaabkommen von 2015 und der Perspektive der Klimaneutralität resultieren (S. 263ff). Hier ist der zentrale Bezugspunkt der Product Carbon Footprint (PCF) in kgCO2e, mit dem der Beitrag eines Menschen zum Treibhauseffekt als HCF (Human Carbon Footprint) bestimmt werden kann. Eine Fallanalyse ergab für eine Seniorenwohnanlage als Hauptverursachungsbereiche die Verpflegung (49 %), den Strom (21 %), Heizung und Warmwasser (16 %) und Sonstiges wie Wäsche, Mobilität usw. (14 %). Entsprechend breit sind die z.T. schon gesetzlich vorgeschriebenen oder über die Bepreisung regulierten (sublim erzwungenen) energetischen Sanierungsvorschriften. Hier bieten sich an statt Beschaffung wie bisher Contractings (Kooperation mit einem technisch versierten und/oder finanzstarken Kooperationspartner) und/oder Eigenversorgung. Technisch möglich ist Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien (Photovoltaik, Kraft-Wärmekoppelung mittels eines Blockheizkraftwerks, Verwendung von Biomasse und Geothermie mit Wärmepumpe). Die diesbezüglichen Unternehmensbilanzen werden in drei Scopes gemessen, die zugleich die zentralen Einsparungsbereiche darstellen: Nr. 1 umfasst alle direkten Emissionen (bei Sozialimmobilien besonders durch Verbrennung von Erdgas bzw. Öl für Heizzwecke und Fahrzeuge); Nr. 2 alle indirekten (z.B. Nutzung von Strom und/oder Fernwärme für andere Zwecke); Nr. 3 alle diejenigen, die indirekt aus der Nutzung von Produkten und Dienstleitungen entstehen.

Die Rechtsstaatlichkeit der Immobilienverhältnisse

Sie wurde bereits mehrfach angesprochen; weiterführend sind hier folgende Sachverhalte zu benennen:

  1. Ein zentraler Bereich sind die Eigentumsverhältnisse (S. 180ff). Dabei kann zunächst unterschieden werden, ob es sich bei der jeweiligen Sozialimmobilie um Grundstückeigentum und/oder Wohn- bzw. Teileigentum (an Räumen) handelt. Die Trennung von Grundstück und Gebäude ist gerade beim für die soziale Wohnungsreform so wichtigen Erbbaurecht konstitutiv; hier vergibt meist ein öffentlicher Träger gegen eine Pacht (bzw. zu pachtähnlicher Bedingung) für eine bestimmte Zeit das Recht, auf dem Gelände ein Gebäude zu errichten, dass dann im Besitz der Erbbauberechtigten ist (das war in der DDR das Standardmodell des privaten Wohnungsbaus). Juristische Konflikte ergeben sich, wenn das Erbbaurecht erlischt (was bei vielen Siedlungsreformsiedlungen aus den 1920er Jahren aktuell der Fall ist) (S. 231ff). Dann ist entweder der neue Erbbauzins festzulegen; er richtet sich zumeist am aktuellen, meist rasant gestiegenen Bodenrichtwert (während der Laufzeit darf es keine Erhöhung geben); oder es muss eine Entschädigung für das vom Erbbauberechtigten erbauten Gebäude und seine Instandhaltung gezahlt werden. Beides kann streitig sein und gegen die (meist staatlichen) Vorgaben können Einwände geltend gemacht werden bezüglich möglicher Gesetzeswidrigkeit, Sittenwidrigkeit oder nicht zulässiger Ungleichbehandlung. Dabei ist – was gerade bei den o.a. Reformsiedlungen häufiger geschieht – eine Ungleichbehandlung durchaus möglich und geboten, wenn genau dadurch ein Stück ausgleichende soziale Gerechtigkeit geschaffen wird (S. 235ff).
  2. Die Rechtsträger (S. 190ff) sind bei Sozialimmobilien in der Regel entweder eingetragene gemeinnützige Vereine (Idealvereine) oder gemeinnützige Aktiengesellschaften (entweder als Körperschaften oder als Personengesellschaften) (gAG’s) – sie dürfen, wie die Genossenschaften, als Nebenerwerb auch unternehmerisch Handeln – oder Stiftungen.
  3. Da viele der Sozialimmobilien im Rahmen von ÖPP-Projekten (Öffentlich-Private-Partnerschaften) vergeben werden, sind die entsprechenden Vergaberichtlinien einschlägig (S. 203ff): Sie sind verbindlich, wenn der Träger öffentlicher Auftraggeber ist, wenn es sich um einen unentgeldlichen öffentlichen Auftrag handelt, wenn der Wert einen bestimmten Schwellenwert erreicht und wenn keine Bereichsausnahme vorliegt. In den Entscheidungsprozess dürfen – abweichend vom uneingeschränkten Wettbewerbsprinzip – soziale, ökologische und innovative Aspekte einbezogen werden, was auch für die Auswahl des Vergabeverfahrens gilt (S. 218ff), welches offen oder nicht offen ist oder ein Verhandlungsverfahren oder ein wettbewerblicher Dialog oder eine Innovationspartnerschaft, wobei der Kreis der Teilnehmer:innen eingeschränkt werden kann, wenn dies sozial begründbar ist (z.B. bei der Qualifikation für den Bau einer innovativen Inklusionseinrichtung).

Diskussion

Es wurde schon an einige Stellen andeutet, dass die Vermarktung der Sozialimmobilien und deren Koppelung an die Kapitalbewegungen der Finanzmärkte ungute Konsequenzen hat. Dabei geht es zum einen um die Entstaatlichung der sozialen Daseinsvorsorge mit der Konsequenz, dass sie gravierende Infrastrukturmängel nicht nur im Sozialbereich, sondern auch z.B. im Verkehrswesen (man denke nur an das marode Straßen- und Schienensystem) hervorgebracht hat (vgl. bezogen auf Deutschland Haffert 2016, Kap.1; in europäischer Perspektive Foundational Economy Collective 2019, Kap. 3 u.4; in globalem Kontext Haffert, a.a.O., Kap. 2). Das wird in dem Buch nur manchmal und dann sehr vage angedeutet (z.B. 17, 25, 30, 59, 110, 147). Das liegt daran, dass hier die politökonomische Systemperspektive fast unhinterfragt dominiert und man sich als Vertreter der Sozialen Arbeit fragt wo bleiben denn nun die Menschen, für die die Sozialimmobilien als soziale Einrichtungen (und nicht als Systemsektoren) doch da sein sollen. Über deren Lebenswelten erfährt man fast gar nichts; und wenn nur unter der funktionalen Perspektive, dass sie sich den Systemerfordernissen und deren Rationalitätsmustern anpassen sollen; dazu dienen u.a. die Gleichsetzung von sozial- mit marktwirtschaftlich dient (z.B.S. 147) und daran ausgerichtete Sparmodelle (z.B. S. 144 u. 146), oder auch die Datensammlung/​-auswertung des Nutzerverhaltens und der Lebensweise (S. 297f), dass man ihnen entsprechende Regelungen schmackhaft machen (z.B. S. 156) bzw. geschickt „verkaufen“ sollte (z.B. S. 301). Das hat gewiss auch damit zu tun, dass die Subjekte immer mehr und immer massiver den finanzmarkkapitalistischen Imperativen unterworfen und im Konfliktfall als „Störfaktoren“ betrachtet und behandelt werden (sollen). Wie weit dieses Ineinander von Finanzialiserung und Digitalisierung geht – einer generellen Tendenz in unserer Gesellschaft (vgl. Staab 2021, S. 97ff) – zeigt der Betrag von Nikolic/​Wiesweg zur Einrichtung des Computer-Aided Facility Management (CAFM), welche in der Perspektive kulminiert, dass der höchste Reifegrad dann erreicht ist, „wenn auf Basis des digitalen Zwillings (Computer und Vernetzung; K.-H.B.) die für das Unternehmen besten Entscheidungen gänzlich unabhängig von menschlichem Einfluss automatisiert getroffen und verwirklicht werden.“(S. 318). Solche Tendenzen gibt es an den Börsen z.T. schon, aber selbst dort haben sie sich nur sehr begrenzt bewährt und durchgesetzt. Der Anspruch der ganzheitlichen Betrachtung wird aber für Sozialeinrichtungen deshalb total karikiert, weil diese eben keine technischen Aggregate, sondern komplexe Interaktionsstrukturen in komplexen Sozialräumen mit komplexen institutionellen Regelwerken sind (vgl. Grunwald 2016), die nur um den Preis der totalen pädagogisch-sozialen Entfremdung den Systemimperativen der (Finanz-) Märkte unterworfen werden können. Diese Lebensweltvergessenheit ist gewiss einer der intersubjektiv geteilten Gründe, aber auch der objektiv verankerten Ursachen, warum die Profession, aber auch die Disziplin der sozialen Arbeit und Erziehung die eingangs erwähnte erhebliche Distanz bis hin zu einem strukturellen Misstrauen gegenüber solchen Analysen und Handlungsorientierungen innerhalb der Sozialimmobilien entwickelt hat.

Fazit

Es handelt sich um einen innovativen Band zu einem in der Sozialen Arbeit bisher weitgehend unbeachtet gebliebenen Aufgabenfeld. Die Beiträge sind gut aufeinander abgestimmt und trotz der vielschichtigen Fachterminologie verständlich. Insofern kann er entschieden empfohlen werden. Gewarnt werden muss aber vor einer naiven Lektüre, die den dominierenden Systemfunktionalismus einfach hinnimmt. Vielmehr sollte stets kritisch geprüft werden inwieweit bestimmte Argumentationslinien und Handlungsorientierungen tatsächlich den Lebensbedingungen und -welten der Adressat:innen entgegenkommen und deren Lebensqualität und Bildungsniveau fördern – oder dem entgegen stehen.

Literatur

Foundational Economy Collective (2019): Die Ökonomie des Alltagslebens. Für eine neue Infrastrukturpolitik, Berlin: Suhrkamp.

Grunwald, Klaus (2016): Management von und in Einrichtungen der Sozialen Arbeit aus der Perspektive des Konzepts Lebensweltorientierung. In: Ders./Thiersch, Hans (Hrsg.): Praxishandbuch Lebensweltorientierte Soziale Arbeit, 3., vollständig überarbeitete Auflage, Weinheim und Basel: Beltz Juventa. S. 431-444.

Haffert, Lukas (2016): Die schwarze Null. Über die Schattenseiten ausgeglichener Haushalte, Berlin: Suhrkamp.

Staab Philipp (2021): Digitaler Kapitalismus. Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit, Berlin: Suhrkamp.

Rezension von
Prof. Dr. Karl-Heinz Braun
Dr. phil.habil. Karl-Heinz Braun, Prof.em. für Sozialpädagogik/Erziehungswissenschaft und Leiter des „Magdeburger Archivs für Sozialfotografie“ am Fachbereich Soziale Arbeit, Gesundheit und Medien der Hochschule Magdeburg-Stendal
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Zitiervorschlag
Karl-Heinz Braun. Rezension vom 09.05.2022 zu: Bernd Halfar (Hrsg.): Sozialimmobilien. Problemstellungen und Lösungsräume. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2021. ISBN 978-3-8487-7120-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28869.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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