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Andreas Reckwitz, Hartmut Rosa: Spätmoderne in der Krise

Cover Andreas Reckwitz, Hartmut Rosa: Spätmoderne in der Krise. Was leistet die Gesellschaftstheorie? Suhrkamp Verlag (Berlin) 2021. 300 Seiten. ISBN 978-3-518-58775-1. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 38,50 sFr.
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Thema

Im Buch „Spätmoderne in der Krise“ treffen mit Andreas Reckwitz und Hartmut Rosa zwei der im deutschsprachigen Raum wohl am prominentesten Soziologen der Gegenwart aufeinander und stellen die Frage nach der Rolle und der Funktion der Gesellschaftstheorie. Beide Autoren legen in einem Beitrag ihre je eigene Gesellschaftstheorie dar, wobei der grundsätzliche Fokus in beiden Fällen eine Betrachtung der Sozialformation „Moderne“ ist. Den letzten Teil des Buches bildet ein von Martin Bauer geführtes Interview mit Reckwitz und Rosa, in dem maßgebliche Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede der gesellschaftstheoretischen Perspektiven diskutiert werden.

Autoren

Andreas Reckwitz ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität Berlin. Wichtige Buchveröffentlichungen sind u.a. „Das hybride Subjekt“ (2006), „Die Erfindung der Kreativität“ (2012) und „Die Gesellschaft der Singularitäten“ (2017).

Hartmut Rosa ist Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt. Zentrale Monografien sind u.a. „Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne“ (2005), „Beschleunigung und Entfremdung“ (2013) und „Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung“ (2016).

Martin Bauer ist Philosoph, Literatur- und Religionswissenschaftler. Er arbeitet bei der Zeitschrift „Mittelweg 36“ sowie dem Portal „Soziopolis“.

Aufbau

In Anschluss an die gemeinsame Einleitung der beiden Autoren gliedert sich das Buch in drei große Teile. Zunächst stellt Reckwitz seine Perspektive einer „Gesellschaftstheorie als Werkzeug“ vor (S. 23 – 150) und anschließend folgt Rosa mit einem „Best Account. Skizze einer systematischen Theorie der modernen Gesellschaft“ (S. 151 – 251). Den letzten Teil bildet das von Martin Bauer geführte Interview, das Rosa und Reckwitz in der direkten Diskussion aufeinandertreffen lässt (S. 253 – 310).

Inhalt

Der beginnende Beitrag von Reckwitz umfasst sechs Themenfelder bzw. Argumentationsschritte:

  1. Reckwitz Beitrag beginnt mit einigen metatheoretischen Überlegungen bzgl. der Frage nach dem, was soziologische Theorie eigentlich ist und welche Funktion diese besitzt. Es wird hierbei zunächst eine zentrale Differenzierung von Sozialtheorie und Gesellschaftstheorie vorgenommen: erstere entwickelt soziologische Grundbegriffe bzw. ein Basis-Vokabular, und zwar sowohl für das wissenschaftliche Feld als auch für eine außerwissenschaftliche Öffentlichkeit. Zweitere hingegen wendet sich der Analyse konkreter Gesellschaften zu, wobei die Gesellschaftstheorie insbesondere gegenwärtige Gesellschaften fokussiert. Hieraus folgt für Reckwitz, dass die Gesellschaftstheorie „im Kern Theorie der Moderne ist“ (S. 34). Reckwitz plädiert im Folgenden für ein Verständnis von soziologischer Theorie als ein „Werkzeug“, das erneut sowohl die Wissenschaften (bspw. in Hinblick auf empirische Analysen) als auch eine außerwissenschaftliche Öffentlichkeit (bspw. in Hinblick auf ein erweitertes Verständnis der Gegenwart) anleiten kann.
  2. In einem zweiten Schritt stellt Reckwitz jene Sozialtheorie vor, aus der er das Basisvokabular für seine eigene – weiter unten skizzierte – Theorie der Moderne gewinnt: die Praxistheorie. Die grundsätzliche Annahme dieser lautet: „Die soziale Welt setzt sich aus sich ständig reproduzierenden und zugleich in Veränderung begriffenen Ensembles von Praktiken zusammen“ (S. 53). Zur weiteren Bestimmung der praxistheoretischen Perspektive wird im Folgenden bspw. auf die Zentralität einer räumlichen und einer zeitlichen Dimension von Praktiken eingegangen und die Praxistheorie wird in ihrem Verhältnis zu (und jenseits von) drei großen klassischen Streitfragen der Soziologie verortet: Handlungstheorie vs. Ordnungstheorie, Materialismus vs. Kulturalismus und Mikro- vs. Makrotheorie. Im Sinne der Forderung, Theorie als ein „Werkzeug“ zu begreifen, wird auch die Praxistheorie als ein solches bestimmt: ein Werkzeug, dass jegliches Phänomen „als einen Nexus von doings“ behandelt (S. 66).
  3. Drittens verschiebt sich der Fokus auf die Entwicklung der Reckwitzschen Gesellschaftstheorie vor dem Hintergrund jener praxeologischen Sozialtheorie. In einem ersten Schritt arbeitet Reckwitz hierfür drei allgemeine Strukturmerkmale der soziokulturellen Formation „Moderne“ heraus, was später als die zentrale Hintergrundsfolie für eine Analyse der Transformation moderner Gesellschaften dient: erstens ist auf einen „dialektischen Prozess zwischen Öffnung und Schließung der Kontingenz des Sozialen“ hingewiesen, zweitens auf einen „Widerstreit zwischen einer sozialen Logik des Allgemeinen und einer des Besonderen“ und drittens auf ein „radikales zeitliches Regime des Neuen“, dem eine Verlustdynamik gegenübersteht (S. 71). Für jede dieser Strukturmerkmale der Moderne werden im Folgenden inhärente Paradoxien aufgearbeitet und Reckwitz macht stark, dass „die“ Moderne immer von beiden Ausprägungsformen jener Strukturmerkmale charakterisiert ist, d.h. von ihrem permanenten Widerstreit (bspw. werden immer sowohl Prozesse der Öffnung als auch der Schließung von Kontingenz anzutreffen sein, in verschiedenen Phasen der Moderne allerdings in unterschiedlichem Ausmaß).
  4. Hierauf aufbauend entwickelt Reckwitz ein historisches Transformationsmodell der Moderne, das drei verschiedene Versionen der Moderne unterscheidet: die bürgerliche Moderne, die industrielle bzw. organisierte Moderne sowie die (gegenwärtige) Spätmoderne. Reckwitz zeigt, dass diese jeweils durch bestimmte Ausprägungsformen der genannten Strukturmerkmale gekennzeichnet sind, d.h. es wird fokussiert, welche Seite der Strukturmerkmale in den jeweiligen Versionen der Moderne dominant wird. Zwischen den verschiedenen Versionen der Moderne macht Reckwitz zunächst vielfältige und prägnante Unterschiede sichtbar, kommt jedoch gleichfalls zu dem Schluss, dass diese sich zumindest in einer Hinsicht gleichen: „Zu Beginn steht der Optimismus der Kontingenzöffnung, im Laufe der Zeit werden die immanenten Widersprüche und Mangelhaftigkeiten sichtbar, die Chancen der Öffnung verwandelt sich in einen neuen Zwang, in eine Kontingenzschließung, die Kritik und Innovation auf den Plan rufen“ (S. 119). Mit anderen Worten: „die“ Moderne wird in einem beständigen Wandel begriffen, wobei jede Version von Moderne früher oder später durch eine neuartige abgelöst wird. Hierbei wird insbesondere dargelegt, dass die (gegenwärtige) spätmoderne Version der Moderne bereits ihren Zenit überschritten hat und es werden daher jene Merkmale betrachtet, die auf ihre Ablösung hinweisen.
  5. In einem fünften Schritt fragt Reckwitz, welche Aufgabe der Gesellschaftstheorie in Bezug auf die Kritik eines gegenwärtigen Zustands des Sozialen zukommt. Es wird hier für eine „kritische Analytik“ plädiert, die in Anschluss an Foucault zwar „im weitesten Sinne herrschaftskritisch[ ]“ ist, jedoch keine spezifische normative Orientierung bzw. normative Vorannahmen aufweist (S. 130). Das Potenzial zur Kritik gewinne eine kritische Analytik vielmehr durch eine ihr zugrundeliegende Kontingenzperspektive. Mit dieser soll gezeigt werden, dass ein gegebener Ist-Zustand keineswegs „natürlich“ ist (aus praxeologischer Sicht: vielmehr das kontingente Ergebnis vielfältiger doings) und die kritische Analytik soll somit zu einer „Irritation des Vertrauten“ – sowohl im wissenschaftlichen als auch im außerwissenschaftlichen Feld – beitragen (S. 137).
  6. Abschließend fragt Reckwitz, wie die Empfänger:Innen einer Gesellschaftstheorie (bspw. Wissenschaftler:Innen oder allgemein die Leser:Innen des vorliegenden Buches) mit dieser umgehen und mit ihr arbeiten können. Zentral kritisiert Reckwitz einen „Gestus des Eliminatorischen“, womit vor allem Versuche gemeint sind, den Vorschlag einer Gesellschaftstheorie in seiner Gesamtheit zu widerlegen (S. 145). In Anschluss an das Plädoyer, Theorie als ein „Werkzeug“ zu verstehen, wird vielmehr ein experimenteller Umgang mit Theorie vorgeschlagen. Hierfür müsse ein Theorievorschlag nicht als ein feindlicher Gegner, sondern als ein Angebot verstanden werden, dass neue Denkmöglichkeiten eröffnet und zu einem Weiterdenken einlädt.

 Der im zweiten Teil folgende Beitrag von Rosa setzt sich aus vier Teilen zusammen:

  1. Analog zu Reckwitz begibt sich Rosa zunächst ebenfalls auf eine metatheoretische Ebene und fragt nach dem Wesen der Gesellschaftstheorie und die Frage, was moderne Gesellschaften sind, wird als zentrales Thema der soziologischen Gesellschaftstheorie identifiziert. Vor dem Hintergrund einer diagnostizierten Unmöglichkeit klarer Grenzbestimmungen der Formation „Moderne“ werden modernisierungstheoretische Annahmen zurückgewiesen, gleichzeitig jedoch ist die „Unverzichtbarkeit formativer Konzepte“ betont – bspw. das Festhalten an dem Begriff „der Moderne“ oder dem Begriff „der Gesellschaft“ –, denn nur durch solche könne ein Denken von Gesellschaft als Formation überhaupt ermöglicht werden (S. 159). Als zentrale Aufgabe der soziologischen Gesellschaftstheorie ist benannt, „einen bestmöglichen Deutungsvorschlag – einen Best Account – ihrer [die gegenwärtige Sozialformation Moderne] soziokulturellen Verfassung und ihrer geschichtlichen Lage zu entwickeln“ (S. 165). Im Angesicht je spezifischer Problemlagen müsse ein solcher „Best Account“ zur Selbstverständigung über die Sozialformation Moderne beitragen können, wobei er den Erfahrungen heterogener sozialer Akteure („etwa von Schülern und Studenten, Obdachlosen und Unternehmerinnen, Holzfällerinnen und Tänzern“) gleichsam gerecht werden soll (S. 168). Vor dem Hintergrund einer Diskussion des klassischen soziologischen Gegensatzes von Struktur- und Handlungstheorien fordert Rosa, dass ein „Best Account“ von einem „perspektivischen Dualismus“ gekennzeichnet sein soll, d.h. dieser müsse die Gleichzeitigkeit kultureller (Perspektive der ersten Person) und struktureller Aspekte (Perspektive der dritten Person) berücksichtigen (S. 176). Zudem weist Rosa darauf hin, dass die Gesellschaftstheorie untrennbar mit der Gesellschaftskritik verbunden ist, wobei es unumgänglich sei, (utopische) Alternativen zu formulieren.
  2. In einem zweiten Schritt formuliert Rosa sein Verständnis einer Sozialformation. Grundlegend sei eine solche immer durch den Zusammenhang eines bestimmten kulturellen Horizonts bzw. eines kulturellen Antriebsmoments (insbesondere spezifische Hoffnungen und Ängste der Subjekte) sowie durch ein bestimmtes strukturelles Institutionensystem (Sicherung der materiellen Reproduktion) gekennzeichnet. Aus diesem Zusammenhang ergebe sich ein je spezifisches Weltverhältnis und im Folgenden wird jenes Weltverhältnis der Sozialformation Moderne fokussiert. Auf struktureller Ebene ist maßgeblich das Phänomen „dynamischer Stabilisierung“ hervorgehoben: die Moderne könne ihre Struktur ausschließlich „im Modus der Steigerung“ erhalten (S. 185). Auf kultureller Ebene werden einerseits Ängste identifiziert, innerhalb einer solchen ständig dynamischen Sozialordnung zurückzubleiben. Andererseits werden die, innerhalb der Moderne hervorgebrachten, Hoffnungen thematisiert und insbesondere die Verheißung einer „Weltreichweitenvergrößerung“, d.h. das Versprechen einer „Erweiterung des Horizonts des Erreichbaren“ und zwar – in Anschluss an Bourdieu – in Hinblick auf ökonomisches, kulturelles, soziales, symbolisches und Körper-Kapital (S. 195).
  3. Vor dem Hintergrund der Überlegungen bzgl. der Anforderungen an einen „Best Account“ wird drittens gefragt, welche Krisen aus einer Sozialformation Moderne erwachsen. Die Probleme der spätmodernen Sozialformation werden laut Rosa insbesondere dadurch hervorgebracht, dass nicht alle bzw. alles gleichartig dynamisierbar ist: „Dies führt dazu, dass beschleunigende Systeme und/oder Akteure an den temporalen Schnittstellen, also dort, wo unterschiedliche Geschwindigkeiten aufeinandertreffen und Prozesse synchronisiert werden müssen, einen systematischen Druck auf all diejenigen Systeme und/oder Akteure erzeugen, die langsamer sind, sodass unvermeidlich Spannungen und Desynchronisationseffekte entstehen“ (S. 205). Die weitreichenden Auswirkungen solcher Desynchronisationseffekte führt Rosa im Folgenden anhand konkreter Beispiele (der Finanzkrise seit 2008, der Demokratiekrise, der ökologischen Krise sowie eine Psychokrise) vor. In Hinblick auf die kulturelle Ebene lautet die zentrale Diagnose, dass die Verheißung der Weltreichweitenvergrößerung durch die Sozialformation Moderne nicht erfüllt werden kann. Ganz im Gegenteil: die Welt werde den Subjekten zunehmend „radikal unverfügbar“ und zwar sowohl „äußerlich“ (bspw. das Umschlagen der Naturbeherrschung in die Naturzerstörung) als auch „innerlich“ (paradigmatisches Beispiel sind hier Depressionen) (S. 216).
  4. Im letzten Teil versucht Rosa schließlich ein „anderes Weltverhältnis im Ganzen“ denkbar zu machen (S. 225). Mit anderen Worten: Rosa fragt nach einer zu der Moderne grundsätzlich alternativen Sozialformation und eruiert, welche Eigenschaften diese besitzen müsste, um den inhärenten Problemen der Moderne begegnen zu können. Dem Modus der „dynamischen Stabilisierung“ wird hierfür ein Modus der „adaptiven Stabilisierung“ entgegengesetzt, wodurch eine Art „Postwachstumsgesellschaft“ hervorgebracht werden könnte. Hierbei wird bspw. die Notwendigkeit betont, das Verhältnis von Konsumtion und Produktion gänzlich neu zu denken oder es wird das bedingungslose Grundeinkommen als mögliche Antwort auf die, die Sozialformation Moderne kennzeichnenden, Ängste der Subjekte diskutiert. Abschließend führt Rosa in Kürze in sein Konzept der Resonanz ein, das als „eine alternative Konzeption des gelingenden Lebens“ vorgeschlagen ist (S. 248).

Diskussion

Einerseits bietet das Buch „Spätmoderne in der Krise“ eine metatheoretische Auseinandersetzung mit der Frage, welche Rolle und Funktion die soziologische Gesellschaftstheorie besitzt bzw. besitzen sollte. Hierbei kristallisiert sich schon früh die Fokussierung einer soziokulturellen Formation Moderne als zentrale Aufgabe heraus. Andererseits werden zwei spezifische zeitgenössische Gesellschaftstheorien vorgestellt, die genau eine solche Fokussierung der Moderne ermöglichen sollen. Die Beiträge von Reckwitz und Rosa ähneln sich daher insofern, als dass beide zunächst auf einer recht abstrakten theoretischen Ebene argumentieren und im Folgenden ihren je eigenen Vorschlag einer Gesellschaftstheorie entwickeln. Beide Autoren greifen hierfür vielfach auf ihre je eigenen Vorarbeiten zurück, gehen allerdings über diese hinaus, indem die Argumente in Hinblick auf eine spezifische Analytik der Moderne zugespitzt werden. Dies führt dazu, dass den Leser:Innen die grundsätzlichen theoretischen Perspektiven von Rosa und Reckwitz übersichtlich präsentiert werden, das Buch jedoch selbst für Kenner:Innen dieser Perspektiven einen eindeutigen Mehrwert bietet.

Das Buch besitzt ein ununterbrochen hohes Niveau und bietet äußerst dichte und komplexe Beschreibungen der Verhältnisse in der Spätmoderne. Dennoch erscheinen die Argumente gut nachvollziehbar und das Buch richtet sich keineswegs ausschließlich an ein wissenschaftliches Publikum. Dass dies angestrebt wird, folgt bereits aus den Bestimmungen der Aufgaben der Gesellschaftstheorie durch Rosa und Reckwitz. Denn beide betonen, dass sich eine solche immer auch einem allgemeinen öffentlichen Publikum zuwendet, um neue Denkangebote zu unterbreiten.

Das hier bisher nicht thematisierte Interview bietet eine gelungene Ergänzung zu den individuellen Beiträgen von Reckwitz und Rosa, denn die beiden zunächst für sich selbst stehenden Theorievorschläge werden somit nochmals in ein engeres Verhältnis gesetzt. Hierbei werden sowohl Übereinstimmungen als auch deutliche Differenzen zwischen den theoretischen Ansätzen ersichtlich. Exemplarisch wird letzteres bereits in Bezug auf den grundsätzlichen theoretischen Zugriff deutlich. Auf der einen Seite fokussiert Reckwitz insbesondere historische Transformationen innerhalb der Moderne: diese wird in drei spezifische Phasen unterteilt, in denen jeweils bestimmte Strukturmerkmale als dominant identifiziert sind. Rosa auf der anderen Seite nimmt vielmehr die Moderne als Ganzes in den Blick, d.h. als eine Sozialformation, der durchgängig ein bestimmtes charakteristisches Grundprinzip zu Grunde liegt: eine Steigerungslogik, die sich insbesondere in der gegenwärtigen Spätmoderne in verschiedensten Phänomenen krisenhaft manifestiert. Ein weiteres Beispiel einer solchen Differenz hat sich oben bereits angedeutet und betrifft die Frage, inwieweit die Gesellschaftstheorie eine normative und kritische sein sollte. Einer „Minimalnormativität“ von Reckwitz (S. 138) – die „nur“ eine Offenhaltung von Kontingenz fordert – steht eine, stärker in der Tradition der kritischen Theorie stehende, Perspektive von Rosa gegenüber, die eine offensive Kritik an der Sozialformation Moderne formuliert und ein utopisches Element in Richtung deren „Überwindung“ enthält. Insgesamt ist das Interview erhellend, es hilft bei einer Einordnung der Perspektiven und macht auf etwaige Schwachstellen beider Theoriekonzeptionen aufmerksam. 

Letztendlich geht es dem Buch allerdings ohnehin nicht darum, eine bestimmte Gesellschaftstheorie als „die Richtige“ zu verteidigen. Wie insbesondere in dem sowohl von Reckwitz als auch von Rosa ausgedrückten Bedauern eines allmählichen Verschwindens der Gesellschaftstheorie in der Soziologie (insbesondere im englischsprachigen Raum) deutlich wird, ist es vielmehr ein Plädoyer für die Gesellschaftstheorie insgesamt. Denn diese wird weiterhin dringend benötigt, innerhalb des wissenschaftlichen Feldes bspw., weil empirische Studien auf sie aufbauen können oder sie neue Forschungsfragen anleitet. Die Gesellschaftstheorie kann zwar selbst keine falsifizierbaren Ergebnisse liefern, allerdings wird gerade durch sie – insbesondere auch außerhalb des wissenschaftlichen Feldes – eine Selbstbewusstmachung über die von Ambivalenzen durchdrungene Welt der Spätmoderne möglich. Keiner Gesellschaftstheorie, die immer „das große Ganze“ in den Blick nehmen, wird es je gelingen können, jene ambivalente Welt vollständig abzubilden. Um zu einem erweiterten Verständnis der sozialen Welt zu gelangen, ist daher nicht so sehr das Finden der einen richtigen Gesellschaftstheorie entscheidend; mit Reckwitz gesprochen bedarf es vielmehr einer „theoretischen Mehrsprachigkeit“ (S. 150).

Fazit

Das Buch „Spätmoderne in der Krise“ lässt die gesellschaftstheoretischen Perspektiven von Andreas Reckwitz und Hartmut Rosa aufeinandertreffen und stellt darüber hinaus ein Plädoyer für die soziologische Gesellschaftstheorie insgesamt dar. Das durchweg lesenswerte Buch richtet sich hierbei einerseits an alle Interessent:Innen an soziologischer Theorie und andererseits an alle, die sich ein erweitertes Verständnis der gegenwärtigen – spätmodernen – Welt erhoffen und sich hierfür heterogenen soziologischen Perspektiven gegenüber offen zeigen.


Rezension von
Marian Pradella
Doktorand, DFG-Kolleg “Deutungsmacht”, Universität Rostock
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Zitiervorschlag
Marian Pradella. Rezension vom 25.11.2021 zu: Andreas Reckwitz, Hartmut Rosa: Spätmoderne in der Krise. Was leistet die Gesellschaftstheorie? Suhrkamp Verlag (Berlin) 2021. ISBN 978-3-518-58775-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28873.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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