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Dieter Bürgin, Barbara Steck: Seelischer Schmerz bei Kindern und Jugendlichen

Rezensiert von Dipl. Päd. Sabine Kamp-Decruppe, 04.04.2022

Cover Dieter Bürgin, Barbara Steck: Seelischer Schmerz bei Kindern und Jugendlichen ISBN 978-3-95558-317-0

Dieter Bürgin, Barbara Steck: Seelischer Schmerz bei Kindern und Jugendlichen. Psychoanalytisch-psychotherapeutische Perspektiven. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2021. 184 Seiten. ISBN 978-3-95558-317-0. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.

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Thema

Die Autorinnen gehen davon aus, dass die Funktion des Schmerzes nach Darwin darin besteht, den Körper vor Schaden zu schützen. Bei Kindern und Jugendlichen allerdings kann seelischer Schmerz wichtige Entwicklungsschritte behindern.

Bürgin und Steck erläutern die Erscheinungsformen von Schmerz und zeigen wie die psychoanalytisch grundierte therapeutische Arbeit den Prozess der Be- und Verarbeitung von Schmerz und Trauer bei Kindern unterstützen kann.

Autorinnen

Beide Autorinnen sind Schweizer Psychoanalytikerinnen. Dieter Bürgin ist emeritierter Professor und war Chefarzt der Psychiatrischen Universitätsklinik für Kinder und Jugendliche in Basel. Er ist außerdem Ausbildungsanalytiker.

Barbara Steck ist Privatdozentin für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Basel und Familientherapeutin.

Beide haben bereits umfangreich zum vorliegenden und zu verwandten Themen veröffentlicht.

Aufbau

Das Buch besteht aus drei Teilen. Im ersten theoretischen Teil werden seelischer Schmerz und Schmerzempfindung, neurobiologische Aspekte und die Grundannahmen der Autorinnen vorgestellt (Kapitel 1 bis 4, umfassen insgesamt 55 Seiten).

Dann folgen fünfzehn sogenannte Vignetten aus Lebensgeschichten von Kindern und Jugendlichen. Das beinhaltet sowohl ausschnitthafte Beschreibungen von Therapieverläufen, sowie Supervisionsberichte und einordnende Kommentare (Kapitel 5, 105 Seiten).

Der dritte Teil widmet sich besonderen Konstellationen in der Eltern-Kind-Beziehung und endet mit einem kurzen Ausblick auf die Möglichkeiten der Psychotherapie mit Kindern. Ein Literaturverzeichnis beschließt das Buch (Kapitel 6 bis 8, 20 Seiten).

Inhalt

Kapitel 1. Seelischer Schmerz

Die Autorinnen beschreiben Schmerz bei Kindern und Jugendlichen als Folge von Stress und Traumatisierung (siehe Unterpunkte). Das Ziel der psychoanalytischen Intervention ist es „die beeinträchtigenden Folgen frühester Schmerzerfahrungen…so zu transformieren, dass …Entwicklung leichter voranschreiten kann.“ (S. 13).

Mit folgenden Unterpunkten wird das Thema Schmerz differenziert.

  • Schmerz bei Freud
  • Schmerz und Tränen
  • Schmerz und Verlust
  • Schmerz und Abwehr
  • Schmerz und Entwicklung
  • Schmerz und Frustration/​Privation bzw. Deprivation
  • Schmerz und Trennung
  • Schmerz, Ich-Entwicklung und Objektbeziehung
  • Schmerz und Beziehungsentwicklung
  • Anmerkungen zum Masochismus
  • Schmerzdiagnostik und Kreativität

Die Überschriften zeigen, aus welch unterschiedlichen Perspektiven das Thema behandelt werden kann.

Kapitel 2. Neurobiologische Aspekte

„Sowohl beim psychischen als auch beim physischen Schmerz sind die gleichen neuronalen Mechanismen beteiligt.“ (S. 37).

Die Autorinnen beschreiben die Rolle von Neurotransmittern (Opiate, Endorphine, Oxytocin u.a.) bei der Regulierung von physischem und psychischem Schmerz; „Kinder, die stressvolle Trennungen erlebt haben, bleiben verletzbar, weil Störungen der neurotransmitter- und der neuroendokrinen Systeme lange andauern und später in Stresssituationen, wie zum Beispiel beim Verlust von affektiven Beziehungen, reaktiviert werden können.“ (S. 40).

Die Merkmale psychischer Kindheitstraumata werden dargestellt und ihr Durchleben nach Phasen kategorisiert. „Das Durcharbeiten in einem psychotherapeutischen Prozess soll die Integration der traumatischen Erfahrung ermöglichen.“ (S. 44).

Ein kurzer Abschnitt befasst sich mit Schmerz und Epigenetik, also „den Einflüssen von Umweltfaktoren auf die Genexpression.“ (S. 45).

Kapitel 3. Zur Schmerzempfindung von Säuglingen und Kindern

Säuglinge zeigen die gleichen Schmerzreaktionen wie Erwachsene, dieselben Hirnareale sind aktiviert. Frühkindliche körperliche Eingriffe können Spuren auf der psychischen Ebene hinterlassen. Daher fordern die AutorInnen „bessere Möglichkeiten zur Erfassung und Bestimmung von Schmerzen…einen leichteren Zugang zu Behandlungen und günstigere Therapiemodelle.“ (S. 49).

Kapitel 4. Grundannahmen

Es werden zwölf Annahmen zur Schmerzdynamik vorgestellt. Diese sind psychologisch aufeinander aufgebaut und sehr abstrakt formuliert.

Ich gebe zwei Beispiele:

„3. Das episodische Erleben wird in Form von anfänglich noch sehr archaischen, aber im Verlauf des ersten Lebensjahres immer komplexer werdenden Beziehungsrepräsentanzen abgespeichert…“ (S. 51).

„12. In archaischen und elaborierteren Übertragungs-Gegenübertragungs-Bewegungen im analytisch-therapeutischen Prozess werden mehr oder weniger gut repräsentierte, traumatische Konvolute archaischer Beziehungsrepräsentanzen reaktiviert. Durch ein entsprechend angemessenes Containment und eine sorgfältige Transformation in sprachliche Elemente besteht im dialogischen Ablauf zwischen den beiden Protagonisten die Möglichkeit neuer Beziehungserfahrungen …“ (S. 53).

Kapitel 5. Vignetten aus Lebensgeschichten von Kindern und Jugendlichen

 „Die dargestellten Vignetten sollen die Anwendung der theoretischen Überlegungen in der Praxis erleichtern und fördern und dem Phänomen 'Schmerz' einen angemessenen, klinischen Patz einräumen.“ (S. 13). Auch wenn nicht alle Störungsarten erfasst werden können, sind die Fallbeschreibungen vielfältig. Sie beginnen mit einem dreijährigen Kind und enden bei einem 17-jährigen Teenager. Inhaltlich umfassen sie Trennungen bis hin Adoption, Misshandlung, verschiedene Erkrankungen der Kinder und/oder der Eltern. Neben den anamnestischen Beschreibungen werden einige Therapieverläufe ausschnitthaft dargestellt und jede Vignette schließt mit einem Kommentar ab.

Diskussion

Diese Kommentare helfen bei der Einordnung, ich fand sie teilweise sehr klug und erhellend. Andererseits konnte ich fachlich nicht immer folgen, da sehr viel psychoanalytisches Wissen zugrunde gelegt wird.

Die beschriebene therapeutische Arbeit beruht mit zwei Ausnahmen, wo die Patienten malen, auf dialogischen Komponenten, was ich für be- wenn nicht ausgrenzend halte. So wird von Eltern mit Migrationshintergrund unter der Überschrift schwierige Eltern-Kind-Beziehungskonstellation gesprochen. "Migration mit dem Verlust des Herkunftslandes" (S. 168) wird als chronische Stressituation gesehen, das finde ich einseitig und defizitorientiert.

Das Buch ist harte Kost, in mehrfacher Hinsicht: die beschriebenen Beispiele zeigen mir nahegehende schmerzhafte Situationen (z.B.: ein ermordeter Vater).

Die Beschreibungen sind psychologisch sehr komplex, in den theoretischen Ausführungen werden viele Fachtermini genutzt, bzw. ihre Kenntnis vorausgesetzt (es ist leider kein Glossar vorhanden).

Mir fiel auf, das häufig Siegmund Freud zitiert wird (allein zwölf seiner Werke werden im Literaturverzeichnis genannt). Ist er denn auf diesem Gebiet so eine Koryphäe?

Für ein Grundlagenwerk, wie der Buchrücken es andeutet, setzt das Buch zu viele Grundlagen voraus. Es ist m.E. für fortgeschrittene Kenner der (Entwicklungs-)Psychologie geeignet, die bereits über Fachwissen, besonders psychoanalytische Art verfügen. Auch vom Duktus und Sprachstil, und der Nutzung fachspezifischer Begriffe ist es sehr anspruchsvoll. Ich mag leicht verständliche Fachliteratur, schließlich möchten die Autorinnen etwas mitteilen.

Eine zusätzliche Irritation war für mich das schweizer Alltagsdeutsch, was meinen Lesefluss stolpern ließ. Unterbrechung heißt Unterbruch, Mehrzahl Unterbrüche (z.B. Unterbrüche in der Therapie). Wut in der Mehrzahl wird so zu Wüte.

Dieses Buch liefert (angehenden) Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen einen interessanten Einblick in die Komplexität möglicher Arbeitsfelder.

Der an einer Stelle im Buch geäußerten Forderung nach mehr und leichter zugänglichen Behandlungsmöglichkeiten schließe ich mich nach der Lektüre uneingeschränkt an.

Fazit

Dieses Buch liefert interessante Einblicke in die Thematik und gibt vor allem (angehenden) Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und verwandtem Fachpersonal Hinweise auf die Komplexität des Arbeitsfeldes.

Rezension von
Dipl. Päd. Sabine Kamp-Decruppe
Mediatorin, tätig im Psychosozialen Dienst der Friesenhörn GmbH
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Es gibt 27 Rezensionen von Sabine Kamp-Decruppe.

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Zitiervorschlag
Sabine Kamp-Decruppe. Rezension vom 04.04.2022 zu: Dieter Bürgin, Barbara Steck: Seelischer Schmerz bei Kindern und Jugendlichen. Psychoanalytisch-psychotherapeutische Perspektiven. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2021. ISBN 978-3-95558-317-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28877.php, Datum des Zugriffs 04.12.2022.


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