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Magnus Brechtken (Hrsg.): Aufarbeitung des Nationalsozialismus

Cover Magnus Brechtken (Hrsg.): Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Ein Kompendium. Wallstein Verlag (Göttingen) 2021. 720 Seiten. ISBN 978-3-8353-5049-6. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Der Sammelband will einem interessierten Publikum, insbesondere Studierenden, einen verlässlichen Überblick zum aktuellen Forschungsstand in Sachen Nationalsozialismus bieten. Dabei geht er am Rande auch auf den jüngst aufgeflammten Streit unter Historiker*innen ein, ob die in der Forschung fest verankerte These von der Singularität des Holocaust nicht einer angemessenen Beachtung der deutschen und europäischen Kolonialverbrechen im Weg steht. Darüber hinaus sollen jedoch die großen Linien der nationalen und internationalen Nationalsozialismusforschung sichtbar werden, getragen vom Bewusstsein, dass der Nationalsozialismus niemals ein „,normaler’ Gegenstand der historischen Wissenschaft“ werden kann (Martin Broszat, „Nach Hitler“, 1988).

Autor und Entstehungshintergrund

Magnus Brechtken ist seit 2012 stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin und außerplanmäßiger Professor an der LMU München. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen gehören „Albert Speer – eine deutsche Karriere“ (2017) und das Buch „Der Wert der Geschichte. Zehn Lektionen für die Gegenwart“ (2020).

Aufbau und Inhalt

In seiner Einleitung gibt Brechtken einen wissenschaftshistorischen Überblick über die zurückliegenden Phasen der „Aufarbeitung“ des Nationalsozialismus in beiden deutschen Staaten. Im Blick auf aktuelle Kontroversen stellt er fest, dass die Differenz zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus nicht verwischt werden dürfe: „Es bleibt ein Unterschied, ob Menschen zur Herrschaftssicherung unterdrückt und verfolgt werden oder weil sie als Menschen interpretiert werden, denen man ein zwingend zu vernichtendes Wesen zuschreibt.“ (S. 17).

Im Anschluss folgen zehn ausführliche Kapitel, in denen 30 Autor*innen ihre Forschungsfelder vorstellen:

  • In Kapitel I „Einführende Perspektiven“ analysiert Andreas Bauernkämper zunächst die Entwicklung nationaler Gedächtniskulturen und ihre politische Funktionalisierung im Europa nach 1945. Er diagnostiziert eine seit den 1970er Jahren wachsende „transnationale Dimensionen der Vergangenheitsaufarbeitung“ (S. 20 ff.). Dies gelte nicht nur für Europa, sondern auch in globaler Hinsicht, wie der territoriale und politische Konflikt zwischen der Volksrepublik China und Japan zeigt.

Danach erläutert Jefrey Hart die „Motive und Kritik an der Erinnerungspolitik des SED-Regimes und der radikalen Linken in Westdeutschland“ (S. 38), indem er auf die Elemente eines „linken Antisemitismus“ hinweist. Es folgt ein Beitrag Magnus Brechtkens über die „Gründungswege des Instituts für Zeitgeschichte“ in München, das nach 1945 als ein Projekt von Kulturpolitikern und politischen Beamten ins Leben gerufen wurde, was viel über die kritische Zurückhaltung einer konservativ geprägten Geschichtswissenschaft gegenüber den Anfängen einer zeitgeschichtlichen Forschung aussagt.

  • In Kapitel II „Verfolgung und Holocaust“ referiert Karin Orth, Historikerin an der Uni Freiburg, zunächst über den Forschungsstand zur „Geschichte und Struktur des nationalsozialistischen KZ-Systems“ (S. 102 ff.). Frank Bajohr, wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Holocaust-Studien am IfZ München-Berlin, fasst anschließend die „Entwicklungslinien der Holocaustforschung in Deutschland seit 1945“ zusammen. Er weist vor allem auf die Zäsuren in der Forschung hin, aber auch auf die politisch und rechtshistorisch bedeutenden Strafprozesse, die erstmals die großen Massenverbrechen an Juden in Osteuropa in das Licht der Öffentlichkeit rückten, wie der (heute fast vergessene) Strafprozess gegen ehemalige Angehörige von Einsatzgruppen 1958 vor dem Landgericht Ulm. Ihm folgten die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt a.M. 1963–65, die dann erstmals eine größere öffentliche Beachtung fanden. Aber erst die Diskussion über die NS-Vernichtungspolitik in den 80er-und 90er Jahren verankerten in einer breiteren Öffentlichkeit das politische Bewusstsein einer historischen Verantwortung für den Holocaust. Zu dieser Zeit etablierte sich auch langsam ein internationaler Bezug der Holocaustforschung.

Christopher R. Browning stellt dann die Entwicklung der Holocaust -Forschung aus „amerikanischen Perspektive“ dar. Er weist besonders auf die Bedeutung des Eichmann-Prozesses in Jerusalem und Hilbergs Originalausgabe der „Vernichtung der europäischen Juden“ von 1961 hin, die das NS-Regimes in seinen ganzen Umrissen als „Maschinerie der Vernichtung“ sichtbar macht. Ulrike Jureit, Historikerin an der Hamburger Stiftung Förderung von Wissenschaft und Kultur, setzt sich mit erstarrten Formen einer deutschen Holocaust- Gedenkkultur auseinander, die entgegen ihren guten Absichten ein „diffuses Unbehagen am normativen Erinnern“ (Jureit) provoziere. Sie fordert eine Kontroverse über „die Interdependenz von historischem Erinnern und politischer Legitimation“. In dieser Absicht polemisiert sie gegen das von Aleida Assmann favorisierte Erinnerungsmodell, den sie als vergeblichen Versuch interpretiert, die Erinnerung an den Holocaust als ein „ethischen Imperativ“ und „zivil-religiösen Bekenntnis“ durchzusetzen.

  • In Kapitel III „Juristische Dimensionen“ (S. 247 ff.) befasst sich Annette Weinke mit der Enstehung und Arbeit der „Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen“ in Ludwigsburg, die als Folge des Ulmer Einsatzgruppen-Prozesses von 1958 als neue Ermittlungsbehörde und Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen geschaffen wurde. Hans-Christoph Jasch beschäftigt sich in seinem Beitrag dann mit dem Umgang mit „NS-Verbrechen vor bundesdeutschen Gerichten.“
  • Kapitel IV „Historische Orte und Erinnerungspolitik (S. 317 ff.) enthält Texte von Florian Dierl zur Arbeit der „Gedenkstätten, Dokumentationszentren und Museen“, von Alexander Schmidt zur „Erinnerungskultur als Imagefaktor einer Stadt (am Beispiel Nürnbergs) und von Sven Keller zum „Obersalzberg als Hitler-Ort“.
  • In Kapitel V Funktionäre und politische Akteure“ (S. 317 ff.) geht es um die politische Integration von Funktionären des NS-Regimes im Nachkriegsdeutschland. Matthias Stickler und Michael Schwartz untersuchen ihre Aktivitäten in den Vertriebenenverbänden und Andreas Schulz die NS-Vergangenheit von bundesdeutschen Parlamentariern.
  • Kapitel VI „Behörden und Auftragsforschung“ (S. 386 ff.) umfasst Beiträge von Niels Weise, Constantin Goschler, Gerhard Sälter, Manfred Görtemaker, Frieder Günther und Dierk Hoffmann, die sich unter unterschiedlichen Fragestellungen der Problematik der Auftragsforschung widmen, die die NS-Vergangenheit der Beamten im Bundesamt für Verfassungschutz und im Innen- und Justizministeriums untersucht haben.
  • Im Kapitel VII „Medien-Perspektiven“ beschäftigt sich Olaf Blaschek (Endlich genug Hitler oder bitte noch mehr?) mit den „Verlagen als vergangenheitspolitische Akteure“ (S. 489 ff.), die mit personalisierten Geschichtsdarstellungen den „Hitler-Boom“ befeuert haben. Wulf Kansteiner Text „Mitlaufen, Zuschauen, Mitfühlen“ (S. 506 ff.) analysiert die zwiespältigen Wirkungen der Holocaust-Darstellungen im Fernsehen der Bundesrepublik Deutschland, Sonja M. Schultze legt in „Kino und Katharsis?“ (S. 534 ff.) eine kritische Bilanz der Filmproduktionen vor, die im Mainstream-Kino dazu tendieren, „Auschwitz in eine Konsumware“ (Moshe Zuckemann) zu verwandeln. Patrick Merziger analysiert die zeitgenössische Rezeption des Films „Wir Wunderkinder“ aus dem Jahr 1958 (S. 557 ff.). Mit seinen Andeutungen historischer Schuld bei gleichzeitiger Verharmlosung des NS-Regimes löst der Film bei Zuschauer*innen heute eher zwiespältige Gefühle aus.
  • Zum Thema „Raubkunst und Restitution“ (Kapitel VIII) widmet Johannes Gramlich einen Beitrag über die aktuellen „Herausforderungen der Restitution“ (S. 584 ff.). Andrea Bambi schreibt über Provinienzforschung und ihre „verzögerten Aufarbeitung“ (S. 614 ff.). Sie sieht in der notwendigen Überprüfung auf NS-Raubkunst eine Chance, die auch für ständige Ausstellungen genutzt werden könnten.
  • Abschließend legt Bill Niven in Kapitel IX „Kontroversen vor der Gegenwart“ seine „Beobachtungen zu einigen jüngeren Strömungen deutscher Erinnerungskultur“ vor (S. 647 ff.). Niven, Historiker aus Tottenham, fordert im Blick auf die jüngsten Debatten um Äußerungen Achille Mbembes und Historikern wie A. Dirk Moses, Michael Rothberg oder Jürgen Zimmerer, dass die Erinnerung an den Kolonialismus einen Platz neben der Holocaust-Erinnerung haben sollte. Man dürfe beides nicht gegeneinander ausspielen und auch keine „kausale Verflechtung zwischen dem Holocaust und Deutschlands Kolonialgeschichte“(S. 662) herstellen.

Dem Ganzen ist ein Kapitel X „Kleinkunst und Literatur“ (S. 669) angehängt. Es enthält zwei Interviews des Herausgebers mit dem Chanson-Sänger und Kabarettisten Thomas Pogor und dem Autor Timur Vermes (Er ist wieder da, Köln 2012) zu den Möglichkeiten kabarettistischer Aufklärung und den Irrwegen humoristischer Hitler-Parodien.

Diskussion

Der Beitrag Andreas Bauernkämpers spricht zu Recht die fortbestehende Diskrepanz der „Erinnerungskulturen in West- und Osteuropa“ (vgl. S. 32) an. Während im Westen Europas der Holocaust im öffentlichen Bewusstsein weiterhin als singulärer „Zivilisationsbruch“ verstanden wird, erscheint er in den osteuropäischen Gesellschaften verglichen mit dem Kommunismus als die weitaus kleinere Zäsur in ihrer Nationalgeschichte. Dieses bis heute politisch folgenreiche „Ost-West-Gefälle“ in der europäischen Erinnerung an die NS-Diktatur kann nicht mehr allein aus den Erblasten des Stalinismus erklärt werden. Was die von Ulrike Jureit geäußerte Kritik an den erstarrten Ritualen der deutschen Erinnerungskultur angeht, bleibt offen, wie eine auch von anderen Autor*innen geforderte Weiterentwicklung einer deutschen Erinnerungskultur konkret aussehen soll, die auf die Dynamik und Veränderung einer Einwanderungsgesellschaft reagiert, damit sich auch die Neubürger*innen in ihr wiedererkennen können.

Fazit

Der von Magnus Brechtken herausgegebene Sammelband mit 30 Beiträgen ausgewiesener Historikerinnen und Historiker bietet Studierenden und Lehrenden eine unentbehrliche Informationsquelle und eine Anregung zum Selbst- und Weiterdenken. Die Vielfalt der Perspektiven und aufgeworfenen Problemstellungen zeigt an, dass wir auch heute weit davon entfernt sind, in der Aufarbeitung des Nationalsozialismus auch nur in die Nähe eines „zu erreichenden Schlusspunktes“ (Brechtken) zu gelangen.

Rezension von Peter Flick Lehrer, unterrichtet die Fächer Sozialwissenschaften, Praktische Philosophie und Deutsch


Rezension von
Peter Flick
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Zitiervorschlag
Peter Flick. Rezension vom 11.11.2021 zu: Magnus Brechtken (Hrsg.): Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Ein Kompendium. Wallstein Verlag (Göttingen) 2021. ISBN 978-3-8353-5049-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28878.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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