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Lieselotte Mahler, Alexandre Wullschläger u.a.: Nachbesprechung von Zwangsmaßnahmen

Rezensiert von Michael Mayer, 01.02.2022

Cover Lieselotte Mahler, Alexandre Wullschläger u.a.: Nachbesprechung von Zwangsmaßnahmen ISBN 978-3-96605-101-9

Lieselotte Mahler, Alexandre Wullschläger, Anne Oster: Nachbesprechung von Zwangsmaßnahmen. Ein Praxisleitfaden. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2021. 128 Seiten. ISBN 978-3-96605-101-9. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.
Reihe: Psychosoziale Arbeitshilfen. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783966051095
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Thema

In besonders akuten Notlagen der stationären Versorgung sehen psychiatrisch Tätige oft keine andere Möglichkeit, als Zwangsmaßnahmen anzuwenden. Solche Maßnahmen, egal ob Fixierung oder Isolierung, können für die Betroffenen traumatisierende oder re-traumatisierende Erfahrungen sein. Aber auch für Mitarbeitende können solche Situationen belastend sein. Sie haben sich für einen helfenden Beruf entschieden und sehen sich nun in einer Rolle, in der sie Zwang ausüben sollen. Lieselotte Mahler, Alexandre Wullschläger und Anne Oster stellen in ihrem Buch zur Nachbesprechung von Zwangsmaßnahmen eine unterstützende Nachbesprechung sowohl für Patientinnen und Patienten als auch für psychiatrisch Tätige vor.

AutorInnen

Lieselotte Mahler ist Chefärztin der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie I der Klinik im Theodor-Wenzel-Werk Berlin. Mit Kolleginnen und Kollegen hatte sie bereits 2014 ein viel beachtetes Buch ihres Weddinger Modells einer Resilienz- und Ressourcenorientierten psychiatrischen Akutversorgung vorgestellt.

Alexandre Wullschleger ist psychiatrischer Oberarzt in der Universitätsklinik Genf und hatte mit Frau Mahler in Berlin zusammengearbeitet.

Anne Oster ist Psychologin, Assistentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an Frau Mahler‘s Abteilung der Kliniken im Theodor-Wenzel-Werk.

Entstehungshintergrund

Die in diesem Buch vorgestellte Form der Nachbesprechung von Zwangsmaßnahmen entstand aus der Praxis des Weddinger Modells, das für eine besondere Form der personenorientierten psychiatrischen Akutversorgung steht. In einer multiprofessionellen Arbeitsgruppe mit Beteiligung einer Psychiatrie-Erfahrenen Genesungsbegleiterin wurde ein standardisierter Leitfaden entwickelt, der anschließend in der Praxis erprobt und im Rahmen eines vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Projekts zur “Zwangsvermeidung im psychiatrischen Hilfesystem” (ZVP) wissenschaftlich evaluiert wurde.

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält ein Geleitwort von Prof. Dr. Thomas Bock, einem renommierten Psychologen, der sich für das Gespräch zwischen Betroffenen, Angehörigen und Fachpersonen einsetzt. In einem zweiten sehr persönlichen Geleitwort spricht Gwen Schulz über ihre eigene Betroffenheit von Zwangsmaßnahmen. 

Das als „Praxisleitfaden“ bezeichnete Buch gliedert sich in fünf Kapitel.

  1. Warum dieses Buch? In diesem ersten Kapitel positionieren sich die Autorinnen und der Autor zum Thema Zwang in der Psychiatrie. Sie sehen eine Notwendigkeit für Zwangsmaßnahmen, die allerdings nur unter sehr engen Voraussetzungen und als letztes Mittel in alternativlos erscheinenden Situationen angewandt werden dürfen. Gleichzeitig verweisen sie auf die schwerwiegenden Folgen von Zwangsmaßnahmen für die betroffene Person, für deren Behandlung sowie auf mögliche Belastungen von Mitarbeitenden. In diesem Zusammenhang gehen sie auch ausführlich auf das Weddinger Modell ein, das sie als komplexes Modell zur gezielten Vermeidung von Zwang präsentieren.
  2. Warum Zwangsmaßnahmen nachbesprechen? In vielen deutschen Bundesländern ist die Nachbesprechung von Zwangsmaßnahmen gesetzlich vorgeschrieben. Die Praxis der Durchführung ist jedoch sehr heterogen. Mit ihrem Leitfaden zu standardisierten Nachbesprechung erfolgter Zwangsmaßnahmen folgen die Autorinnen und der Autor der Grundphilosophie des Weddinger Modells nach Transparenz und Partizipation. Die an der Nachbesprechung beteiligten Personen sollen voneinander lernen, sich psychisch entlasten können und außerdem soll das Gespräch der Prävention weiterer Zwangsmaßnahmen dienen.
  3. Anwendung des standardisierten Leitfadens. Bei der leitfadengestützten Nachbesprechung nach dem Weddinger Modell handelt es sich um die moderierte Nachbesprechung einer Zwangsmaßnahme mit involvierten Personen. Der von einer Zwangsmaßnahme betroffenen Person wird eine Nachbesprechung mit einer an der Maßnahme beteiligten Fachperson angeboten. Auf die Rahmenbedingungen und die Moderation des Gesprächs gehen die Autorinnen und der Autor mithilfe eines ausführlichen Beispiels anschaulich ein.
  4. Implementierung der leitfadengestützten Nachbesprechung. Für die Implementierung der vorgestellten Methode der Nachbesprechung geben die Autorinnen und der Autor konkrete Hinweise zu den Rahmenbedingungen im Team und in den Organisationsstrukturen. Ihre Schulung der Mitarbeitenden stellen sie ausführlich vor. Diese ist zwar kurz, sollte ihrer Ansicht nach aber regelmäßig angeboten werden. Mit detaillierten Hinweisen zu möglichen Hürden, Widerständen und häufigen Fragen bei der Einführung runden sie das Kapitel ab.
  5. Wissenschaftliche Evaluation der leitfadengestützten Nachbesprechung. Im Kapitel zur wissenschaftlichen Evaluation ihres Ansatzes beschreiben die Autorinnen und der Autor ihre multizentrisch durchgeführte randomisiert-kontrollierte Studie mit Mixed-Method-Ansatz. Von 2016 bis 2019 befragten sie 109 Patientinnen und Patienten, führten einige Einzelinterviews mit Betroffenen sowie Fokusgruppen mit Mitarbeitenden durch. Die leitfadengestützte Nachbesprechung erwies sich darin als durchaus wirksames und von den Beteiligten geschätztes Instrument zur Aufarbeitung von Zwangsmaßnahmen.

In einem kurzen Fazit gehen die Autorinnen und der Autor noch mal darauf ein, warum Zwangsmaßnahmen nachbesprochen werden sollten und warum der vorgestellte Leitfaden ihrer Ansicht nach dafür besonders geeignet ist.

Ein umfangreiches Downloadmaterial mit der Vorlage für eine Behandlungsvereinbarung, dem Leitfaden zur Nachbesprechung von Zwangsmaßnahmen, einer Kurzübersicht zur gegenseitigen Begegnung, einem Krisenplan sowie den Unterlagen für Mitarbeitendenschulungen runden das Buch ab.

Diskussion

Die hier von Mahler, Wullschleger und Oster vorgestellte systematische Nachbesprechung von Zwangsmaßnahmen ist in ein komplexes personenorientiertes Behandlungskonzept eingebettet, das auch als Weddinger Modell bekannt ist. Die Autorinnen und der Autor stellen die Kernelemente dieses Modells, das auch auf eine Reduktion von Zwangsmaßnahmen zielt, daher ausführlich vor. Als lesende Person stellt man sich die Frage, wie gut diese Form der Nachbesprechung implementiert werden kann, wenn die psychiatrische Grundhaltung in einer Klinik sich deutlich vom Weddinger Modell unterscheidet. Da ist es hilfreich, dass die Autorinnen und der Autor ihre Erfahrungen mit der Implementierung sehr gut nachvollziehbar beschreiben und dabei auch Hilfen zum Umgang mit Hürden, Widerständen oder kritischen Fragen geben. Eine wertvolle Ergänzung dazu ist das umfangreiche Downloadmaterial.

Viele Rahmenkonzepte werden nur knapp umrissen, was für einen Praxisleitfaden jedoch in Ordnung ist. Die Argumente zur Studienlage sind nicht überall überzeugend. So werden auch Konzeptdarstellungen wie das Recovery-Modell von Amering und Schmolke und eine erste Pilotstudie großzügig als empirische Fundierung verwertet. Da sind die Darstellungen zur durchgeführten RCT-Studie schon überzeugender.

Insgesamt liest sich das Konzept einer systematischen Nachbesprechung mit der betroffenen Patientin oder dem betroffenen Patienten und einer an der Durchführung beteiligten Person aus der Gruppe der Mitarbeitenden sehr interessant. Das Vorgehen ist sehr gut nachvollziehbar und das Buch macht Mut, diese Form der Nachbesprechung selbst auszuprobieren.

Fazit

In einem kurzen Praxisleitfaden stellen die Ärztin Lieselotte Mahler, ihre Assistentin Anna Oster und der Arzt Alexandre Wullschleger ein Modell zur systematischen Nachbesprechung von Zwangsmaßnahmen vor. Das Modell wurde auf der Grundlage des personenorientierten Behandlungskonzepts Weddinger Modell in einer multiprofessionellen Arbeitsgruppe und mit einer Expertin aus gelebter Psychiatrieerfahrung entwickelt. Das Buch beinhaltet eine kurze Einbettung der Nachbesprechung in den psychiatrischen Kontext, stellt das Vorgehen bei der Nachbesprechung sehr anschaulich dar und beinhaltet viele Hinweise für den Implementierungsprozess sowie ein umfangreiches Downloadmaterial.

Der Praxisleitfaden ist für alle, die mit Zwangsmaßnahmen in der stationären Psychiatrie arbeiten, dringend zu empfehlen. Wenn es nach Ansicht der Autorinnen und des Autors schon nicht möglich ist, auf Zwangsmaßnahmen ganz zu verzichten, so sollte angesichts der gravierenden Folgen doch offen darüber gesprochen werden. Die Transparenz hilft aus den Erfahrungen zu lernen, möglicherweise traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten und kann ein Baustein zur Reduktion und Vermeidung von Zwang in der Psychiatrie sein.

Rezension von
Michael Mayer
M.A. in Sozialwissenschaften, Krankenpfleger für Psychiatrie und Supervisor. Referent für den Studiengang Pflege (B.Sc.) an der Hochschule Kempten.
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Es gibt 7 Rezensionen von Michael Mayer.

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Zitiervorschlag
Michael Mayer. Rezension vom 01.02.2022 zu: Lieselotte Mahler, Alexandre Wullschläger, Anne Oster: Nachbesprechung von Zwangsmaßnahmen. Ein Praxisleitfaden. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2021. ISBN 978-3-96605-101-9. Reihe: Psychosoziale Arbeitshilfen. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783966051095. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28882.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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