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Astrid Elsbernd, Lisa Heidecker: Aus der Krise lernen

Cover Astrid Elsbernd, Lisa Heidecker: Aus der Krise lernen. Studie zur aktuellen Lage in Einrichtungen der stationären und ambulanten Langzeitpflege in Baden-Württemberg während der Corona-Pandemie. Laufzeit: 2020 bis 2021. Jacobs Verlag (Detmold) 2021. 252 Seiten. ISBN 978-3-89918-289-7. D: 24,90 EUR, A: 27,90 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Mit Beginn der Pandemie im Frühjahr 2021 setzte das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg eine „Task Force Langzeitpflege und Eingliederungshilfe“ ein. Zugleich zeigte sich in ersten Gesprächen des Ministeriums mit Mitgliedern dieses Gremiums, dass grundlegendes Wissen über die Herausforderungen sowie die Lebens- und Arbeitssituation der in der Langzeitpflege Arbeitenden, den Bewohner:innen und ihren Angehörigen fehlt und es wichtig ist, solches über eine empirische Studie zu generieren. Das Ergebnis der „Studie zur aktuellen Lage in Einrichtungen der stationären und ambulanten Langzeitpflege in Baden-Württemberg. Dynamische Erhebung der aktuellen Herausforderungen zur Bewältigung der Corona-Pandemie“ mit der Laufzeit von August 2020 bis August 2021 liegt nun mit dieser Veröffentlichung vor.

Autorinnen

Astrid Elsbernd ist Professorin für Pflegewissenschaft der Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege der Hochschule Esslingen. Ihre Schwerpunkte liegen in der Entwicklung innovativer Bildungskonzepte sowie Themen der Theorie- und Qualitätsentwicklung in der Pflege, wie auch in Fragen rund um die Nutzung von Hilfsmitteln in der Pflege. Lisa Heidecker studierte Soziologie an der Universität Tübingen und absolvierte einen Masterstudiengang in empirischer Politik- und Sozialforschung an der Universität Stuttgart.

Aufbau

Nach drei Vorworten, dem des Ministers, einem zum Zwischenbericht im Januar 2021 und dem zur Veröffentlichung der Studie, gliedert sich die Forschungsarbeit in fünf Kapitel. Einer kurzen Beschreibung des Projekts und des Projektgegenstands folgt die gesellschaftliche und wissenschaftliche Einordnung, dem schließt sich die Vorstellung des Projektdesigns und Verlaufs an. Der umfangreichste Teil widmet sich den Ergebnissen der qualitativen und quantitativen Erhebungen in unterschiedlichen Perspektiven und Schwerpunkten. Mit einer Zusammenfassung und konkreten, aus dem empirischen Material generierten Empfehlungen richtet sich das letzte Kapitel direkt an die Gesellschaft.

Inhalt

Kapitel 1

Der Auftrag und das Ziel dieser Studie ist, „den unterschiedlich handelnden Akteuren (Politik, Verbände, Träger) konkrete Hinweise auf potenzielle und wirksame Unterstützungsangebote und -systeme zu geben.“ (S. 25). Diesem Anliegen folgend, veröffentlichen die Autorinnen bereits im Oktober 2021, also wenige Wochen nach Laufzeitende des Projekts (August 2021) ihre Ergebnisse, die sie als „vertiefte Dokumentation“ der bisherigen Pandemie mit dem Fokus auf die ambulante und stationäre Altenhilfe in Baden-Württemberg bezeichnen.

Kapitel 2

Mit dem sich daran anschließenden Kapitel wird eine historische und wissenschaftliche Rahmung vorgenommen. So geben die Autorinnen einen knappen Abriss über historische Grippe-Pandemien und stellen einige zentrale Studien zur Langzeitpflege vor. Sie blicken auf einige europäische Länder und ihre Strategien im Umgang mit den Herausforderungen durch das Virus und geben einen Überblick über die Maßnahmen der aktuellen Pandemie mit den zentralen Verordnungen des Bundeslandes Baden-Württemberg. Das Feld der Altenhilfe als ihr Untersuchungsgegenstand wird mittels aktueller statistischer Daten zu den Pflegebedürftigen, den Pflegeinrichtungen und ihrer Trägerstrukturen vorgestellt.

Kapitel 3

Das methodische Vorgehen sowie die Daten zu den Befragungen werden im Anschluss ausführlich präsentiert. Dabei zeigt sich die immense Erhebungsarbeit, die dieses Team unter den Bedingungen geschlossener Einrichtungen leistete. So wurden bis Mai 2021 107 Personen interviewt: Die meisten von ihnen waren in der Langzeitpflege beschäftigt, doch es gelang auch Bewohner:innen und Angehörige zu ihrem Erleben zu befragen. Ausgewertet wurden die narrativen Interviews nach der qualitativen Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring. Damit konnten Kernkategorien gebildet werden – sequenzielle Analyseverfahren, so betonen Astrid Elsbernd und Lisa Heidecker waren aufgrund des doch begrenzten personal- und Zeitbudgets nicht möglich. Im Mai 2021 wurde zudem noch eine quantitative Erhebung mit 490 Teilnehmer:innen durchgeführt, mit der Absicht, die Daten in beschreibenden Statistiken darzustellen.

Kapitel 4

Die Studienergebnisse werden im vierten Kapitel in zwei gleich gewichteten Teilen und nach vergleichbaren Kategorien präsentiert – dem ersten für die qualitative Erhebung und dem zweiten für die quantitative. Große Aufmerksamkeit gilt im ersten Unterabschnitt der Lebenssituation der Bewohner:innen und Klient:innen sowie dem Lebens- und Arbeitsalltag der Mitarbeiter:innen und der Führungspersonen. Dem Konzept der „vertieften Dokumentation“ folgend werden die Erfahrungen in den unterschiedlichen Phasen der Pandemie beschrieben. Beginnend mit dem Blick auf die Pflegebedürftigen wird anhand des empirischen Materials für die erste Phase deutlich, dass sich in der ambulanten Pflege verglichen mit dem stationären Setting die Versorgung mit Schutzmaterial nochmals deutlich schwieriger darstellte. Die Verschlechterung des Gesundheitszustands im Bereich der Ernährung, der Mobilität und Kognition aufgrund der Einrichtungsschließung und dem Fehlen von Externen, seien es die Angehörigen, Ergo- und Physiotherapeuten oder Ehrenamtliche wurde in beiden Bereichen benannt. Die Angehörigen fühlten sich zu Beginn der Pandemie in ihrer eigenen Einsamkeit und Sorge um die Pflegebedürftigen nicht ausreichend wahrgenommen. Dies änderte sich erst mit den oft sehr fantasievollen Kommunikationsstrukturen wie Videotelefonie oder Newslettern und mit der Öffnung der Einrichtungen.

Für das Beschreiben der Lebens- und Arbeitssituation der Mitarbeiter:innen sei das Material besonders dicht. Das Phänomen „Zeit“ würde in unterschiedlicher Weise und auch widersprüchlich skizziert werden. Zum einen nahmen manche beim ersten Lockdown wahr, Zeit und Ruhe mit den Bewohner:innen als sehr angenehm erlebt zu haben, während andere betonten, vor allem funktioniert zu haben. Die Arbeitsbelastung und die Verantwortung nahm zu und wirkte auch im Sommer 2020 nach. Zitate wie „Uns geht so langsam die Luft aus“ oder „Die Zahlen steigen wieder, ohne dass wir uns richtig erholt haben“ kennzeichnen die Situation.

Den Führungspersonen kommt in der Pandemie eine besondere Verantwortung zu, sie erlebten die Organisation im „dauerhaften Krisenmodus“ und müssen nun im Sommer 2021 versuchen, wieder eine Normalität zu schaffen.“ Themen, die zu den Aufgaben der Führungspersonen zählen, wie die, die gesamten Regelungen der Landesregierung rasch umzusetzen, Schutzmaterialien zu beschaffen, Testungen und Impfungen zu organisieren, wird nochmals in einem eigenen Unterkapitel betrachtet, ebenso die Erfahrungen mit Gesundheits- und Landratsämtern, oder der Presse und Öffentlichkeit. Der erste Teil der Ergebnisdarstellung schließt mit den Wünschen und Anliegen der Interviewten, die in vielen Originalzitaten wiedergegeben werden.

Der Aufbau des zweiten Teils orientiert sich an der Struktur des Fragebogens und beginnt nach dem Darlegen der Rahmendaten mit einem Blick auf Infektionszahlen der Einrichtungen. 75 % der Befragten berichteten von mindestens einem Infektionsausbruch in der Einrichtung unter Bewohner:innen oder Mitarbeiter:innen, 3 % gaben an, dass mindestens eine in ihrer Einrichtung versorgte oder beschäftigte Person an Covid 19 verstorben sei. Viele der Ergebnisse stimmen mit denen der qualitativen Befragung überein, ergänzen oder präzisieren zuvor Dargelegtes. Als neues Thema wurde hier der Umgang der Presse mit den Mitarbeitenden der Langzeitpflege aufgenommen. Viele haben die Darstellung in der Presse als „eher nicht fair“ eingeordnet. Im Verlauf der Pandemie, so ihre Meinung, habe sich dieses Bild nur unwesentlich verbessert. Sie wünschten sich eine differenziertere aussagefähigere Berichterstattung und eine Abkehr von den Klischees, wie dem der erschöpften und überforderten Pflegeperson.

Kapitel 5

Die im letzten Kapitel pointierten, aus der Empirie gewonnenen Empfehlungen konzentrieren sich auf acht Kernpunkte. Dabei geht es um die gesellschaftliche Sichtbarkeit der Pflege, die Entbürokratisierung oder eine verbesserte Personalausstattung. Wiederholt wird die Beteiligung von Betroffenen und Angehörigen empfohlen, so bei ethischen Entscheidungen und Wertediskursen oder auch in den politischen Gremien. Als weiteres Thema zieht sich durch die Handlungsempfehlungen durch der wenig im Fokus stehenden ambulanten Pflege mehr Beachtung zu schenken. An mehreren Stellen wird die Schlüsselfunktion von Pflege bei der Bewältigung der Pandemie hervorgehoben, deren Partizipation der Pflege an politischen Entscheidungen und in den dafür installierten Gremien gleichzeitig auch gefordert wird.

Diskussion

Die Studie ist als Auftragsstudie für die Politik entstanden, die Ergebnisse wurden zur Politikberatung und Unterstützung der Bewältigung der Pandemie sehr rasch publiziert. Mit den wohlbegründeten, empirisch fundierten Empfehlungen können und müssen die politischen Vertreter:innen, die Presse, die Träger, die Verbände und die Pflegenden nun arbeiten und es ist zu wünschen, dass möglichst viele der Empfehlungen in weitere Diskussionen münden und nach und nach umgesetzt werden. Ein Großteil der dort formulierten Erschwernisse im Pflegealltag bestanden bereits schon vor der Pandemie, wie das Thema Bürokratisierung, Bild in der Presse und Öffentlichkeit, oder das Nichtwahrnehmen der Arbeit in der ambulanten Pflege und müssen nun endlich lösungsorientiert angegangen werden. Insbesondere die Empfehlung, die Pflegepersonen mehr in politische Prozesse einzubeziehen, sollte unbedingt Gehör finden. Die Autorinnen formulieren ebenfalls die Limitationen dieser Studie: So wurde keine umfangreiche Literaturrecherche betrieben und keine breite Einordnung dieser Studie in bisherige Forschungen zur Pandemie vorgenommen. Auch wurden die Interviews nicht transkribiert und sequenziell analysiert, was sicherlich noch andere Themen hätte erschließen können. Dies in weiteren Forschungen angehen zu können und die hoch spannenden, zeitgeschichtlichen Interviews und Erhebungen nochmals zu bearbeiten, wäre überaus wünschenswert. Sicherlich kann auch mit neuen Fragen wie dem Erzählen von Strategien im Umgang mit Leid, Körper- und Leibwahrnehmung unter Stressbedingungen, oder dem Diskurs zu Sicherheit und Unsicherheit, oder Sorgekultur das Material gesichtet und analysiert werden und so wichtige Erkenntnisse zu Lebens- und Arbeitsbedingungen, oder beruflichen Deutungs- und Handlungsmustern in der Langzeitpflege gewonnen werden.

Fazit

Die Studie zur aktuellen Lage in der ambulanten und stationären Langzeitpflege während der Pandemie in Baden-Württemberg beschreibt und analysiert chronologisch und dicht die Lebenswelt in den Einrichtungen. Dabei gelten die Pflegenden, ihre Vorgesetzten, die Bewohner:innen und ihre Angehörigen nicht nur als Zeitzeug:innen, sondern als Expert:innen ihres Alltags. Dieser methodische Zugang ermöglicht es, ein differenziertes Bild zu erlangen und nicht über diese Menschen zu sprechen, sondern sie zu Wort kommen zu lassen und ernst zu nehmen. Es ist zu wünschen, dass diese hochaktuelle, sehr strukturiert aufgebaute, wissenschaftlich fundierte und mit vielen Tabellen anschauliche Studie vielfach gelesen und rezipiert wird und ihre Empfehlungen hinsichtlich der Lehre aus der Krise in politische Arbeit münden.


Rezension von
Dr. rer. soc. Gudrun Silberzahn-Jandt
Referentin Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart e.V., freiberufliche Kulturwissenschaftlerin Esslingen, Lehrbeauftragte an Hochschulen und Universitäten
Homepage www.silberzahn-forschung.de
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Zitiervorschlag
Gudrun Silberzahn-Jandt. Rezension vom 19.11.2021 zu: Astrid Elsbernd, Lisa Heidecker: Aus der Krise lernen. Studie zur aktuellen Lage in Einrichtungen der stationären und ambulanten Langzeitpflege in Baden-Württemberg während der Corona-Pandemie. Laufzeit: 2020 bis 2021. Jacobs Verlag (Detmold) 2021. ISBN 978-3-89918-289-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28886.php, Datum des Zugriffs 09.12.2021.


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