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Michael Borg-Laufs, Barbara Seidenstücker u.a.: Gutachtliche Stellungnahmen in der Sozialen Arbeit

Rezensiert von Michael Jojade, 22.06.2022

Cover Michael Borg-Laufs, Barbara Seidenstücker u.a.: Gutachtliche Stellungnahmen in der Sozialen Arbeit ISBN 978-3-7799-2367-1

Michael Borg-Laufs, Barbara Seidenstücker, Walter Röchling: Gutachtliche Stellungnahmen in der Sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. 2., vollständig überarbeitete Auflage. 223 Seiten. ISBN 978-3-7799-2367-1. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR.
Reihe: Grundlagentexte Soziale Berufe
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Thema

Die Erstellung von gutachterlichen Stellungnahmen für Gerichte oder Leistungsträger ist Aufgabe in verschiedenen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit, etwa in Bereichen der Jugendgerichtshilfe, bei familiengerichtlichen Verfahren, bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung, in Betreuungsverfahren, aber auch für Krankenkassen oder Landeswohlfahrtverbände (vgl. S. 11). Dieses Buch möchte eine differenzierte Orientierungshilfe für die Erstellung von gutachterlichen Stellungnahmen geben und so als Lehr- und Hilfsmittel Berufsanfänger/innen aber auch Berufserfahrenen bei der Erstellung von gutachterlichen Stellungsnahmen unterstützen (vgl. S. 12f).

Autoren

Michael Borg-Laufs (Dr. phil., Dipl. Psych.) ist Professor für psychosoziale Arbeit mit Kindern und Dekan im Fachbereich Sozialwesen an der Hochschule Niederrhein. Die Kindes- und Jugendwohlgefährdung, psychische Grundbedürfnisse in Kindheit und Jugend, Diagnostik sowie die Kinder- und Jugendpsychotherapie sind seine Schwerpunkte (vgl. S. 351).

Walter Röchling (Dr. jur.) ist Familienrichter a.D., Honorarprofessor an der Hochschule Niederrhein und Lehrbeauftragter für Familienrecht und Kinder- und Jugendhilferecht. Seine Schwerpunkte liegen in der institutionalisierten sozialen Arbeit in Familien- und Jugendhilfesachen (vgl. S. 351).

Barbara Seidenstücker (Dr. phil.) ist Professorin an der Hochschule Regensburg für Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften mit den Schwerpunkten Kinder- und Jugendhilfe, Kinderschutz, familiengerichtliche Verfahren sowie sozialwissenschaftliche Forschung und Forschungsmethoden (vgl. S. 351).

Entstehungshintergrund

Die Erstellung von gutachterlichen Stellungnahmen für Gerichte und Leistungsträger ist eine wichtige Aufgabe im Bereich der Sozialen Arbeit. Gerichte sind vielfach verpflichtet, die jugendhilferechtliche Perspektive in Verfahren einzubringen und das Jugendamt bei Entscheidungen zu hören (vgl. S. 25). Aufgrund steigender Fallzahlen werden zukünftig vermehrt gutachterliche Stellungnahmen nötig (vgl. S. 12). Das Buch stellt einen Diskussionsbeitrag zur Frage nach guten Formen von gutachterlichen Stellungnahmen dar. Oftmals dienen lediglich Vorlagen von Kollegen/​innen in der Praxis als einzige Lernhilfe, daher sollen aktuelle fachliche und methodische Erkenntnisse die Erstellung von qualitativ hochwertigen gutachterlichen Stellungnahmen unterstützen (vgl. S. 13). Die Erfordernisse der Praxis sollen hierbei ebenso eingebunden werden wie die Bedürfnisse der Klienten/​innen. Diskutiert werden Grundannahmen der Gestaltung, die Einflüsse auf solche Stellungnahmen und Probleme im Rahmen der Gutachtentätigkeit (vgl. S. 14). Ziel ist es, sich fachlich zur Erstellung von qualifizierten gutachterlichen Stellungnahmen weiterzubilden, sodass die Stellungnahmen eine gute Entscheidungshilfe darstellen, nachvollziehbar und gut begründet sind und dem Wohl des Kindes dienen (vgl. S. 24ff).

Aufbau

Das Buch gibt zunächst einen umfassenden Überblick über gutachterliche Stellungnahmen und deren Funktionen. Das breite Feld des Einsatzes dieser Stellungnahmen, und die damit verbundenen Variablen, beschreiben die Autoren grundlegend. Sie zeigen die wichtigen allgemeinen Merkmale einer gutachterlichen Stellungnahme auf und erläutern, welche notwendigen Daten für die Erstellung einer qualitativ guten Stellungnahme nötig sind. Der mündliche Vortag vor Gericht wird ebenso wie praktische Beispiele und die Konsequenzen für die soziale Arbeit dargestellt.

Inhalt

Im ersten Kapitel wird einleitend beschrieben, wozu gutachterliche Stellungnahmen dienen und eingesetzt werden. Das Ziel des Buches und eine inhaltliche Zusammenfassung werden dargestellt. Weiterhin wird auf die Notwendigkeit der integrativen Betrachtungs- und Handlungsweise aufmerksam gemacht. Diese ist vor allem durch Sozialarbeiter/​innen und Sozialpädagogen/​innen möglich, denn diese bringen Fachwissen aus der Pädagogik, der Entwicklungs-, Familien- und Rechtspsychologie, Medizin und Soziologie interdisziplinär ein (vgl. S. 16).

Im zweiten Kapitel wird auf die Ambivalenz von gutachterlichen Stellungnahmen eingegangen und zwei Ansätze, der konstruktive und der klassifikatorische, dargestellt. Während im konstruktiven Ansatz flexible situations- und interaktionsabhängige Informationen, beispielsweise in Gesprächen, gesammelt werden, stehen im klassifikatorischen Ansatz zuverlässige Informationen im Blickpunkt, beispielsweise durch Erhebungs- und Auswertungsinstrumente. Außerdem werden die Ambivalenzen zwischen Macht und Zwang sowie zwischen Kundenorientierung und Wächteramt thematisiert (vgl. S. 17–22). Darauffolgend wird auf die Funktionen von gutachterlichen Stellungnahmen eingegangen. Hierzu gehören die Orientierungshilfe und die maßgebliche Beteiligung an den Entscheidungsprozessen des Gerichtes sowie die Wahrung von Kinder- und Elternrechten.

Im dritten Kapitel stellen die Autoren Unterschiede zwischen einem Bericht und einem Gutachten heraus und beschreiben die Kompetenzen der Sozialarbeiter/​innen bei der Erstellung von gutachterlichen Stellungnahmen.

In Kapitel vier werden die Variablen in einer gutachterlichen Stellungnahme beschrieben. Hierzu gehören die Person des/der Sozialarbeiters/in mit seinen/​ihren Einstellungen, Werten und Fertigkeiten, die Beobachtungs- und Beurteilungsprozesse, die Besonderheiten bei Beurteilungen und ihren Auswirkungen (beispielsweise der Unscharfe Begriff des Kindeswohls), das Gericht als Adressaten (z.B. die unterschiedliche Ausbildung von Richter/​innen) sowie institutionsbedingte Einflüsse.

Im fünften Kapitel werden die allgemeinen Merkmale eines Gutachtens erläutert. Hierzu gehört der Aufbau sowie die Grundzüge wie Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Nachprüfbarkeit. Ein strukturiertes Vorgehen wird dargestellt und Probleme sowie Einwände der Praxis hierzu beschrieben. Ein folgerichtiger Aufbau wird dargestellt:

  1. Anlass der Anrufung
  2. Daten und Quellen
  3. Psychosozialer Befund
  4. Sozialpädagogische Diagnose
  5. Entscheidungsvorschlag

Zu einer hochwertigen gutachterlichen Stellungnahme gehören eine professionelle Sprache und ein gutes Layout. Die Autoren benennen hierfür hilfreiche Hinweise.

In Kapitel sechs werden die für eine gutachterliche Stellungnahme notwenigen Daten aufgeführt. Hierbei wird detailliert nach den unterschiedlichen Anforderungen, je nach Anlass der gutachterlichen Stellungnahme, spezifisch nach einzelnen Gesetzen, unterschieden. Fallbeispiele im siebten Kapitel setzen die zuvor genannten Aspekte zur Erstellung von gutachterlichen Stellungnahmen praktisch um. Das achte Kapitel benennt Besonderheiten für einen mündlichen Vortrag bei Gericht. Abschließend werden im neunten Kapitel die sich aus diesem Buch ergebenen Konsequenzen für die Soziale Arbeit aufgeführt.

Diskussion

In einigen Bereichen der sozialen Arbeit gehört die Erstellung von gutachterlichen Stellungnahmen zur Aufgabenstellung für Sozialarbeiter/​innen. Da die Inhalte von Stellungnahmen gesetzlich nicht klar definiert sind, besteht Unsicherheit, gerade bei Berufsanfänger/innen. Das Buch „Gutachterliche Stellungnahmen in der Sozialen Arbeit“ bietet hier eine sehr gute Orientierung. Auch ohne vorherige Kenntnisse in der Erstellung von gutachterlichen Stellungnahmen ist der/die Leser/in nach der Durcharbeitung des Buches in der Lage, eine qualitative gute gutachterliche Stellungnahme zu verfassen.

Die Gliederung des Buches in viele Unterkapitel erleichtert die Suche nach bestimmten Aspekten, gerade in Hinsicht auf bestimmte Anlässe der Erstellung von Gutachten. Die Nennung von relevanten Gesetzen, je nach Anlass der Stellungnahme, erleichtert das Verfassen und gibt einen guten Überblick. Die Gesamtlektüre des Buches führt jedoch zu mehrfachen Wiederholungen von Inhalten.

Das Buch gibt dem/der Leser/in eine gute Übersicht über die Struktur, das Layout sowie die zu beachtenden inhaltlichen Aspekte (beispielsweise welche Aspekte bei der Bestimmung des Kindeswohls zu berücksichtigen sind). Hilfreich ist die Nennung von Ambivalenzen und häufigen Fallstricken oder Problemen bei einer gutachterlichen Stellungnahme. Hierdurch ist es dem/der Leserin möglich bereits im Vorfeld auf Stolpersteine zu achten. Zu bemerken ist, dass das Buch hauptsächlich auf die Erstellung von gutachterlichen Stellungsnahmen vor Gericht eingeht. Für die Erstellung von anderen thematischen gutachterlichen Stellungnahmen in der sozialen Arbeit gibt das Buch keine Auskunft.

Datenschutz ist ein wichtiges Thema, das in dem Buch punktuell in einzelnen Kapiteln aufgegriffen wird. Die Weitergabe von Daten in einer gutachterlichen Stellungnahme ist ausgesprochen wichtig im Vorfeld zu überprüfen. Wünschenswert wäre eine grundlegende und zusammenfassende Übersicht über geltende Datenschutzbestimmungen. In der 2022 neu erschienenen Auflage werden alle Gesetze in ihrer aktuellen Fassung berücksichtigt. Dabei ist zu bemerken, dass sich am 01.01.2023, durch die Reform des Vormundschafts- und Betreuungsrechts, einige Bestimmungen verändert werden. Das Buch weist als Fußnote hierauf, geht aber inhaltlich nicht darauf ein, sodass bereits im nächsten Jahr die entsprechenden Passagen nicht mehr aktuell sind.

Leser/​innen, die nicht bereits umfassend in die Thematik eingearbeitet sind, stoßen im Buch auf viele Abkürzungen, die hier als bekannt vorausgesetzt werden. Ein Abkürzungsverzeichnis fehlt leider.

Fazit

Das Buch „Gutachterliche Stellungnahmen in der Sozialen Arbeit“ bietet eine sehr gute Orientierung und Unterstützung gutachterliche Stellungnahmen zu erstellen, auch ohne vorherige Kenntnisse. Es eignet sich als Lehr- und Hilfsmittel für Berufsanfänger/innen aber auch für Berufserfahrene. Das Buch ist in viele Unterkapitel gegliedert, was die Suche nach bestimmten Aspekten, gerade in Hinsicht auf Anlässe der Erstellung, erleichtert. Jeweils relevante Gesetze werden benannt. Das Buch gibt dem/der Leser/in einen guten Überblick über die Struktur, das Layout sowie die je nach Anlass des Verfassens zu beachtenden Inhaltlichen Aspekte. Hilfreich ist die Nennung von Ambivalenzen und häufigen Fallstricken oder Problemen bei einer gutachterlichen Stellungnahme. Hierdurch ist es dem/der Leser/in möglich, bereits im Vorfeld auf Stolpersteine zu achten. Zu bemerken ist, dass das Buch hauptsächlich auf die Erstellung von gutachterlichen Stellungsnahmen vor Gericht eingeht. Für die Erstellung von anderen thematischen gutachterlichen Stellungnahmen in der sozialen Arbeit, gibt das Buch keine Auskunft.

Rezension von
Michael Jojade
Student im Masterstudiengangs „Kindheits- und Sozialwissenschaften“ der Hochschule Koblenz
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Es gibt 1 Rezension von Michael Jojade.

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Zitiervorschlag
Michael Jojade. Rezension vom 22.06.2022 zu: Michael Borg-Laufs, Barbara Seidenstücker, Walter Röchling: Gutachtliche Stellungnahmen in der Sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. 2., vollständig überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-7799-2367-1. Reihe: Grundlagentexte Soziale Berufe. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28894.php, Datum des Zugriffs 04.07.2022.


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