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Oliver Musenberg, Raphael Koßmann u.a. (Hrsg.): Historische Bildung inklusiv

Cover Oliver Musenberg, Raphael Koßmann, Marc Ruhlandt, Kristina Schmidt, Seda Uslu (Hrsg.): Historische Bildung inklusiv. Zur Rekonstruktion, Vermittlung und Aneignung vielfältiger Vergangenheiten. transcript (Bielefeld) 2021. 431 Seiten. ISBN 978-3-8376-4435-7. D: 39,99 EUR, A: 39,99 EUR, CH: 48,70 sFr.

Reihe: Pädagogik
Tagung "Vergangenheiten, vielfältig, vergegenwärtigen - historische Bildung inklusiv".
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Thema

Im inklusiven Kontext findet historische Bildung bislang eher randständig statt, dabei bieten sich insbesondere durch unterschiedliche Zugänge vielfältige Erfahrungsmöglichkeiten von Geschichte. Der vorliegende Sammelband setzt an dieser Stelle an, um „Schnittstellen von Erziehungs-, Geschichts- und Kulturwissenschaft einerseits sowie Fachwissenschaft und Fachdidaktik andererseits“ (Klappentext) in den Beiträgen aufzugreifen und zu verbinden. Dazu werden entsprechende theoretische Grundlagen historischer Bildung erörtert und Hinweise zur praktischen Umsetzung im inklusiven Setting gegeben.

Herausgeber_innen

Prof. Dr. Oliver Musenberg ist Professor für Pädagogik bei geistiger Behinderung an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er arbeitet und forscht u.a. zu inklusiver Didaktik, historischer Bildung sowie schwerer Behinderung.

Dr. Raphael Koßmann ist Förderschullehrer und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Stiftung Universität Hildesheim. Er arbeitet und forscht u.a. zu pädagogischer Diagnostik und rekonstruktiver Schul- und Unterrichtsforschung.

Dr. Marc Ruhlandt ist ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Universität Hildesheim. Er arbeitet und forscht u.a. zu Inklusion sowie lebensbegleitendem Lernen und Organisationspädagogik.

Kristina Schmidt ist Doktorandin an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Stiftung Universität Hildesheim. Sie arbeitet und forscht u.a. zu partizipativer Sozialforschung und Disability Studies.

Seda Uslu ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Stiftung Universität Hildesheim. Sie arbeitet und forscht zur inklusiven schulischen Bildung.

Entstehungshintergrund

Im Jahr 2018 fand an der Stiftung Universität Hildesheim, ausgerichtet von der Plattform Zukunft Inklusion (ZINK), die Tagung „vergangenheiten | vielfältig l vergegenwärtigen. Historische Bildung inklusiv“ statt, in deren Rahmen ein Austausch zwischen Erziehungs- und Geschichtswissenschaften sowie der Fachdidaktiken stattfand.

„Die Sicht auf das Verhältnis von Geschichte, Bildung und Inklusion kann abhängig vom Standpunkt der jeweiligen Beobachter*innen changieren und zu ganz unterschiedlichen Narrationen führen“ (S. 9) und fungierte als wesentlicher Ausgangspunkt des interdisziplinären Austausches auf der Tagung.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband von Musenberg et al. beinhaltet ein Vorwort, vier Teile mit insgesamt 24 Beiträgen und ein Verzeichnis der Autor_innen und Herausgeber_innen.

I. Bildungs- und kulturhistorische Rekonstruktionen

Historische Bildung inklusiv – zur Einleitung (Oliver Musenberg)

Mit dem Blick auf eine sich verändernde historische Bildung müssen sich sowohl historische Bildungsforschung wie auch die didaktische Umsetzung vielfältigen Fragen aus interdisziplinärer Sicht stellen, um den Anforderungen einer inklusiven historischen Bildung gerecht zu werden. Den Prozess, der mit dem Sammelband angestoßen und vorangetrieben werden soll, leitet dieser erste Artikel ein.

Die pädagogische Konstitution von Ungleichheit und die Ungleichheit der Pädagogik mit sich selbst. Heuristische Überlegungen zu einer Geschichte der (Sonder-) Pädagogik (Andreas Kuhn)

Ausgangspunkt des zweiten Beitrags ist die Auseinandersetzung mit der „Historiographie der Sonderpädagogik“ (S. 23), durch die mittels methodologischer Überlegungen Gleichheit und Ungleichheit in der Pädagogik diskutiert werden. Der Blick in die Geschichte der eigenen Fachdisziplin ermöglicht die Öffnung weiterer Felder der historischen Betrachtung.

Hilfsschulpädagogik im Krieg: Übungsschulen für Kopfschussverletzte 1914 bis 1918 (Thomas Hoffmann)

Ein bislang wenig erschlossenes historisches Phänomen wird in diesem Beitrag erläutert, die Entwicklung von Übungsschulen für Kopfschussverletzte im Ersten Weltkrieg. Der Beitrag folgt unter anderem den Fragen, inwiefern Hilfsschulschüler_innen und Kopfschussverletzte gleichgesetzt wurden (zumindest für einen bestimmten Zeitraum) und mit welchem Verständnis Hilfsschullehrkräfte an Übungsschulen tätig wurden.

Inklusionspfade kategorisierender und dekategorisierender Repräsentanz von Behinderten-Selbsthilfe-Bewegungen (Udo Wilken)

Die Entwicklung hin zur Teilhabe und Teilgabe hängt mit dem „Interesse der einzelnen Gesellschaftsmitglieder an selbst gestalteter empathischer Resonanz und altruistischer Motivation im Rahmen ihrer sozialen Eingebundenheit“ (S. 63) zusammen. Die Darstellung der Geschichte der Behinderten-Selbsthilfe-Bewegungen dient der Illustration des Prozess hin zur Teilhabeorientierung.

Chancengleichheit und Diversität durch inklusive Musikpädagogik – das Beispiel der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (Beate Hennenberg)

Hennenberg legt die historische Entwicklung der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw) dar, um den historisch gewachsenen inklusiven Ansatz zu verdeutlichen. Hervorgegangen aus der,Gesellschaft der Musikfreunde‘, die bereits Anfang des 19. Jahrhunderts die musikalische Förderung von Mädchen wie Jungen in den Blick nahm und durch Stipendien auch weniger begünstigte Kinder unterstützte, bietet die mdw heute einen inklusiven Raum für Studierende und Mitarbeitende.

»Crashes permitted but no passengers allowed«. Invalid Carriages – Disability Cars (Behindertenfahrzeuge) of the UK. A historic dichotomous anomaly (Simon McKeown)

Die Geschichte der,Invalid Carriages‘ begann mit Kriegsversehrten aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, die im United Kingdom mit Mobilitätshilfen ausgestattet wurden. Daraus entwickelten sich motorisierte Gefährte, die ab 1930 gesetzlich in Beschaffenheit und Geschwindigkeit festgelegt waren. Erst in den 1970ern endete der Service der Regierung nach Protesten. Auch wenn diese Gefährte ein gewisses Maß an Mobilität und Freiheit boten, waren sie in der Konstruktion äußerst gefährlich für die Fahrenden.

Wider das einseitige Opferbild. Zur unbekannten Geschichte behinderter Menschen (Udo Sierck)

Die historische Darstellung von Menschen mit Behinderung wird skizziert, vor allem die überwiegende Zuweisung der,Opferrolle‘, die sich über die Zeit hinweg stets wiederholte und wiederholt, wird kritisiert. Abschließende Handlungsempfehlungen sollen zur realistischen Darstellung und Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung beitragen, „jenseits der Pole >Opfer< und >Superheld<“ (S. 113).

II. Historische Bildung: Theorie

Gender und historisches Lernen – Überlegungen zum systematischen Ort von Gender in der Geschichtsdidaktik (Martin Lücke)

Gender ist ein vergleichsweise junges Thema in der Geschichtsdidaktik, das um einen adäquaten Platz als eigenständige Kategorie kämpft. Mit Hilfe von Begriffsbestimmungen und der intersektionellen Ungleichheitsanalyse formuliert Lücke die historische Genderkompetenz als Rahmen zur Forschung und praktischen Umsetzung im Unterricht.

Inklusive Geschichtsdidaktik im Spannungsfeld von Lebenswelt und Wissenschaft – Chancen eines leibphänomenologischen Zugangs (Bärbel Völkel)

Die Vermittlung historischer Bildung insbesondere für Schüler_innen mit schwerster Behinderung stellt Lehrkräfte immer noch vor große Herausforderungen, die durch Völkels Ansatz der Leibphänomenologie neue Impulse erhält. Zudem bietet sich damit für alle Lernenden die Möglichkeit, sich selbst im eigenen Handeln und den damit verbundenen Auswirkungen wahrzunehmen und diese zu begreifen. Nach Völkel ist damit „Inklusion, kein Ressourcenproblem sondern eine Frage des Menschenbilds“ (S. 149).

»Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.« Über die dringende Notwendigkeit einer sprachaufmerksamen Geschichtsdidaktik (Georg Marschnig)

Sprache stellt einen elementaren Bestandteil von Geschichte da, welche ohne Sprache nicht erschlossen werden kann. Geschichte als Narration und das Erschließen literaler Quellen benötigt Sprache, an die wiederum hohe Anforderungen gestellt werden. Dementsprechend bedarf es umfassender und vielfältiger Methoden sowie eine fachübergreifenden Verschränkung von Inhalten, um historische Bildung erfolgreich zu vermitteln.

Perspektivwechsel durch Dis-Ability. Die Geschichte der Medien Stimme und Schrift als inklusionsverhindernde Differenzkonstruktionen (Miklas Schulz)

Historisch gesehen wird Bildung durch Schrift vermittelt, indem Inhalte festgehalten und weitergegeben werden. Grenzen hat Schrift als Vermittlungsmethode bei blinden Menschen, Hörbücher und Sprachausgaben bieten ihnen und auch anderen Menschen eine weitere, neuere Möglichkeit zur sinnlichen Auseinandersetzung mit Bildung. Schulz appelliert, „den Hörsinn [nicht] in seiner intellektuellen Dimension künstlich [zu] begrenzen“ (S. 179).

Aufgaben: Sache und Ort. Perspektivische Überlegungen zu einer inklusiven Aufgabenkultur historischen Lernens (Christian Heuer)

Aufgaben im Geschichtsunterricht können einen entsprechenden Rahmen zum inklusiven Lernen bieten, indem „die Ermöglichung der Kommunikation und Anerkennung identitätsbildender Lebenszusammenhänge als konstitutiv betrachtet“ wird (S. 188). Der Einbezug der Lernenden ist notwendig, um sich selbst als handelndes und durch Geschichte geprägtes Individuum zu begreifen.

Narrative Kompetenz im inklusiven Geschichtsunterricht im Spiegel differenztheoretischer Überlegungen (Maximilian Viermann/​Bettina Lindmeier

Narration ist eng mit historischer Bildung verbunden und narrative Kompetenz ein zentrales Merkmal des Geschichtsunterrichts, denn „Erzählungen [sind] von der Diversität und Vielfalt der Erzählenden geprägt und reproduzieren diese; Erzählungen machen Sie erfahrbar“ (S. 197). Im inklusiven Geschichtsunterricht erfordert die narrative Kompetenz eine (Binnen-)Differenzierung, um heterogenen Lerngruppen gerecht zu werden.

Von der Pluralisierung historischer Subjekte zu Historisierung von Geschlecht, Sexualität und Körper. Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der historischen Bildungsarbeit (Nina Reusch)

Bislang wenig Einbezug in historische Bildung für Jugendliche und junge Erwachsene hat die Thematisierung von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Durch die Öffnung des Fokus besteht die Gelegenheit, weitere individuelle historische Perspektiven sinnbildend einzubeziehen, sowie ein Bewusstsein für die historische Konstruktion von Geschlecht und Sexualität zu schaffen. Mithilfe eines Praxisbeispiels zur Ausstellung, »Verschweigen – Verurteilen« über die Repression und Verfolgung homosexueller Menschen in Rheinland-Pfalz‘ wird die Umsetzung im Unterricht verdeutlicht.

III. Historische Bildung: Empirie

Blinde Zugänge zur Vergangenheit? Untersuchung zur historischen Imagination blinder Schüler_innen als Beitrag inklusiver Geschichtsdidaktik (Susan Krause)

Die Vorstellungsmöglichkeiten und inneren Bildern von Vergangenheit bei blinden Schüler_innen stehen im Fokus des beschriebenen Forschungsvorhabens. Inwiefern ist es blinden Schüler_innen möglich, sich Vergangenheit bildlich vorzustellen? Dazu werden der Förderschwerpunkt Sehen und historische Imagination vorgestellt und das Untersuchungsdesign erläutert.

Historisches Lernen im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung – Sinnbildung über die eigene Biografie? (Franziska Rein)

Anhand einer Probandin der zu Grunde liegenden Studie werden individuelle Sinnzuweisungen als rekurrierend auf geschichtsdidaktische Aspekte hin überprüft. Mittels Repertory Grid lässt sich der subjektive Sinn eines Individuums konstruieren, Rein nutzt dieses Vorgehen, um anhand von Arbeitserfahrungen historische Sinnbildung beobachten zu können. Da aber nicht alle Aspekte historischen Lernens bei der Probandin zu erkennen sind, benötigt es einer weiteren Auseinandersetzung, „wie gezielt biografisch oder anders gerahmte historische Lernprozesse angestoßen werden können“ (S. 269).

Dis/ability in Objekten: ein Beitrag für inklusives historisches Lernen (Sebastian Barsch/​Bettina Degner)

Neben der bekannten Arbeit mit Textquellen im historischen Lernen bieten sich auch Dinge und Objekte an, da „Menschen einerseits Ordnungen in Objekte hineinschreiben, die Objekte selbst aber auch Einfluss auf die Entstehung solcher Wahrnehmungsmuster nehmen“ (S. 273). Zur weiteren Nutzung dieses bislang weniger genutzten Potenzials von Dingen und Objekten werden von Barsch und Degner „erste Ansätze einer erneuerten Didaktik der Objekte“ (S. 285) formuliert.

Dis/ability History in der Lehrer*innenbildung: Einblicke in Studierendenvorstellungen (Natascha Korff/​Sabine Horn/Cordula Nolte)

Durch das Projekt Dis/ability History können sich Studierende des Lehramts an der Universität Bremen „differenzierter Vermittlungsangebote zu einem aktuellen geschichtswissenschaftlichen Thema“ (S. 295) vergewissern sowie die Geschichte von Dis/ability kennen lernen. Die Umsetzung dieser Ziele erfolgt mit Hilfe eines eigens entwickelten Projektmoduls, dass zwei Lehrveranstaltungen umfasst und durch Studierende evaluiert wurde.

Differenzierung in Geschichtsschulbüchern. Wege und Herausforderungen für einen inklusive Geschichtsunterricht (Christoph Bramann/​Christoph Kühberger)

Zentrales Material der Wissensvermittlung in Schulen sind Schulbücher, die hinsichtlich des inklusiven Unterrichts näher betrachtet werden müssen, um zu prüfen, ob eine Differenzierung hinsichtlich unterschiedlicher Leistungsniveaus angeboten wird. Aufgrund der lediglich als „Tendenz zu eher punktuellen Momenten der Differenzierung“ (S. 326) vorhandenen Geschichtsschulbücher bedarf es weiterer differenzierter Materialien für eine inklusive historische Bildung.

Differenzierende Lernaufgaben als Baustein für inklusiven Geschichtsunterricht (Martin Buchsteiner/Jan Scheller)

Inklusive Beschulung im Bereich des Geschichtsunterrichts bedarf einer Differenzierung von Aufgaben und Methoden, um alle Schüler_innen entsprechend ihres Leistungsstands einzubeziehen. Insbesondere im Geschichtsunterricht ist die Medienanalyse eine zentrale Methode, die im Beitrag differenziert dargestellt und durch weitere Ansätze zur Binnendifferenzierung ergänzt wird.

IV. Historische Bildung: Pragmatik

Verunsichert? Betroffen? Nachdenklich? Alltagsgeschichte erkunden und Biographien durchspielen am künftigen »ZeitZentrum Zivilcourage – das Z« in Hannover (Friedrich Huneke)

Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus lässt sich für Jugendlichen und jungen Erwachsenen – wie in dem beschriebenen Projekt – u. A. durch Biografiearbeit ansprechender und nachvollziehbarer gestalten. Studierende des Lehramtes und der Sonderpädagogik haben gemeinsame Vorschläge erarbeitet, um den zukünftigen Lernort,ZeitZentrum Zivilcourage – das Z‘ mitzugestalten. Insbesondere Reflexion wird angestrebt, „wenn Demokratielernen und Menschenrechtsbildung einen Beitrag zum Lernen aus der Geschichte leisten sollen“ (S. 372).

Geschichte erleben – Umgang mit Menschen mit Behinderungen während der NS-Zeit. Anforderungen an Lernmaterialien zum historischen Lernen im Kontext inklusiver Hochschullehre (Alice Junge/​Bettina Lindmeier/​Claudia Schomaker)

Im Rahmen eines Studienprojektes können an der Universität Hannover Menschen mit und ohne geistige Behinderung gemeinsam ein Seminar zum Thema Geschichte und Nationalsozialismus besuchen. Das Seminar ist Bestandteil eines Moduls, das wiederum aus dieser und einer weiteren Veranstaltung besteht. Ziel ist die Erweiterung des historischen Wissens und die Entwicklung einer stabilen, professionellen Haltung.

Von Menschen mit Lernschwierigkeiten – für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Inklusiver Ausbau der gedenkstätten-pädagogischen Angebote der NS-Euthanasie-Gedenkstätte in Brandenburg an der Havel für Menschen mit Lernschwierigkeiten (Christian Marx)

Das Inklusions-Projekt – initiiert durch die Gedenkstätte – gestaltet Strukturen und Angebote der Gedenkstätte um, sodass Menschen mit Lernschwierigkeiten selbstständig teilhaben können. Dadurch erweitern Mitarbeitende mit Lernschwierigkeiten ihr Wissen, lernen aber auch es an Besucher_innen zu vermitteln. Nach Marx „werden [sie] auf diese Weise zu aktiv Handelnden in der Erinnerungskultur“ (S. 407).

Vergessen und Erinnern. Denkanstöße zu einer veränderten Perspektive auf das Erinnern an die NS-Euthanasie-Verbrechen am Beispiel eines inklusiven/​partizipativen Hochschulseminars (Sarah Saulheimer)

Gemeinsam mit dem Künstler_innenkollektiv,I can be your translator‘ entstand ein Seminar zur künstlerischen Aufarbeitung der NS-Euthanasie-Verbrechen an der Technischen Universität Dortmund. Vier aus dem Seminar entstandene Impulse werden in dem Beitrag diskutiert, diese sind 1. Sprache als Zugang zum Thema, 2. emotionale Zugänge durch Besuche/​Besichtigungen, 3. Perspektivwechsel und Reflexion von und mit Menschen mit Behinderung sowie 4. Wahrnehmen (fehlender) Opferbiografien.

Diskussion

Die Verbindung von inklusiver Bildung/Förderpädagogik/​Sonderpädagogik und historischer Bildung bzw. Geschichtsdidaktik/​Geschichtswissenschaft ist ein noch junges Thema mit einigen Publikationen, aber noch vielen offenen Fragen: Fragen zur theoretischen Begründung, aber auch zur praktischen Umsetzung. Der vorliegende Sammelband bietet hier einen vielfältigen Überblick aus interdisziplinärer Sicht.

Es wird deutlich, dass die Herausgeber_inneneine möglichst umfassende Darstellung der Thematik geplant und veröffentlicht haben. Obgleich alle Erkenntnisse eine hohe Relevanz zur Einordnung inklusiver historischer Bildung aufweisen, gefährdet die Informationsmenge die Lesenden teilweise, den Überblick zu verlieren. Nichtsdestotrotz stellt der Sammelband ein umfangreiches Nachschlagewerk zu verschiedenen Aspekten inklusiver historischer Bildung dar. Es wäre wünschenswert, wenn dem viele weitere Einzelpublikationen folgen würden.

Darüber hinaus findet sich in den Beiträgen eben jene Mischung, der man immer wieder begegnet, wenn man sich mit (inklusiver) historischer Bildung beschäftigt: Einerseits Ausführungen zu historischer Bildung an sich, vergleichbar zum Geschichtsunterricht für den (förder-)schulischen Kontext, und andererseits Ausführungen zur Geschichte z.B. eines Begriffes, einer Bewegung oder einer Erfindung. Darin spiegelt sich wider, wie heterogen die Ausgangslage und die Erwartungshaltung von Forschenden/​Lehrenden ist, die sich mit (inklusiver) historischer Bildung beschäftigen.

Die Diversität der Beiträge und auch deren Überschneidungen machen eine Zuordnung zu den einzelnen Teilen nicht immer leicht bzw. für alle Lesenden schlüssig, wie auch von Musenberg darauf hingewiesen, „die Zuordnung der einzelnen Beiträge zu diesen drei Überschriften ist nicht immer eindeutig oder zwingend […]. Eindeutiger fällt die Zuordnung der Beiträge zum ersten Kapitel aus, da sich die hier versammelten Texte jeweils bildungs- und kulturhistorischen Fragen widmen“ (S. 19).

Fazit

Es ist den Herausgeber_innen und Autor_innen gelungen, einen umfassenden Blick auf die Verschränkung von Inklusion und historischer Bildung zu werfen. Durch die fachliche Expertise und eine differenzierte Betrachtung der Schnittmenge beider Disziplinen ist ein wesentlicher Beitrag zur historischen Bildung von Menschen mit Behinderung entstanden. Denn „Inklusion als aktuelle Reformidee und Menschenrecht verlangt nach einer weiteren Öffnung und Neujustierung der Optiken für den Blick in die Vergangenheit und für die Rekonstruktion von Geschichte“ (S. 13).

Das Buch kann allen Lehrkräften, pädagogischen Fachkräften, Mitarbeiter_innen der Museumspädagogik/​Gedenkstättenpädagogik, Forschenden aus den beteiligten Fachdisziplinen und Studierenden sowie weiteren interessierten Leser_innen uneingeschränkt empfohlen werden.


Rezension von
Dr. Karoline Klamp-Gretschel
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Zitiervorschlag
Karoline Klamp-Gretschel. Rezension vom 14.01.2022 zu: Oliver Musenberg, Raphael Koßmann, Marc Ruhlandt, Kristina Schmidt, Seda Uslu (Hrsg.): Historische Bildung inklusiv. Zur Rekonstruktion, Vermittlung und Aneignung vielfältiger Vergangenheiten. transcript (Bielefeld) 2021. ISBN 978-3-8376-4435-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28895.php, Datum des Zugriffs 22.01.2022.


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