socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst

Cover Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst.. Die Kultur des Aufhörens. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2021. 288 Seiten. ISBN 978-3-10-397103-3. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Vorletzte Worte

Im Gegenwartsdiskurs kommen immer wieder Männer und Frauen der Worte zu Wort, die sich anschicken, zu ihren Lebzeiten darüber zu schreiben, welche Worte Menschen über sie finden (sollten), wenn sie nicht mehr sind (vgl. z.B. dazu: K. H. Kramberg, Hrsg., Vorletzte Worte, Ffm 1985, 288 S., ISBN 3-442-06889-4). Das sind ernste, lustige, reale und utopische Wünsche und Vorstellungen, was man über jemandem öffentlich sagen könnte, der gestorben ist. Eine andere Möglichkeit gibt es, die Highlights, Erfolge, Misserfolge und Erlebnisse des eigenen Lebens zu erinnern: in der Autobiografie. Und dann kann man sich auch eine dritte Variante vorstellen: Dokumente, Aufrufe und Aufforderungen zum Perspektivenwechsel beim individuellen und kollektiven Leben der Menschen.

Entstehungshintergrund und Autor

„Nur weg von hier“ – dieser kafkaeske Ausruf kann als Protest über real existierende Zustände im persönlichen oder gesellschaftlichen Leben von Menschen verstanden werden. Im besten Fall gibt es eine Vorstellung, wohin es gehen soll: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren: kurz: neue Lebensformen zu finden“. Diesen Appell hat 1995 die Weltkommission für „Kultur und Entwicklung“ formuliert. Unzählige Warnungen von der scheinbaren Allmacht der Menschen, dem egozentristischen Denken und Handeln des Homo sapiens in seinem Verhältnis zur Natur, der Entwicklung der Haben- und Alles-ist-machbar-Mentalität, liegen vor. Es sind Warnungen vor falschen und schädlichen Verläufen. Es sind Fakten über lokale und globale Entwicklungen. Und es sind Ermunterungen hin zu Veränderungs- und Wandlungsprozessen: „Alles könnte anders sein!“ (Harald Welzer, Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25575.php).

Der Soziologe und Gesellschaftskritiker Harald Welzer legt eine Studie vor, die er als „Nachruf auf mich selbst“ titelt. Es ist ein Warnruf, dass „die Welt … von einer Lebendigen in eine Tote umgewandelt“ wird. Es sind die zunehmenden, vernichtenden Krisen (Umwelt, Klima, Ökonomie, Pandemie…), die davor warnen, dass es der Menschheit gelingen könne, sich selbst zu vernichten und abzuschaffen. Es ist das Bewusstsein, dass jedes Individuum permanent die Verantwortung für eine gute, menschenwürdige Gegenwart und Zukunft für alle Menschen auf der Erde mit sich trägt, was bedeutet, dass es notwendig ist und gelingen kann, dass jeder Mensch das Seine dazu beitragen kann und muss, ein gutes, vergangenheitsbewusstes, gegenwartsbestimmtes und zukunftsorientiertes Leben führen zu können. Die Auseinandersetzung mit der persönlichen Endlichkeit und Verletzlichkeit im menschlichen Dasein (Angela Janssen, Verletzbare Subjekte. Grundlagentheoretische Überlegungen zur conditio humana, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25043.php), die Erkenntnis, „dass wir es nicht mit Krisen zu tun haben, sondern mit sich entfaltenden Ereignisketten, nach denen es nicht in einen status quo ante (kursiv) zurückgeht‘“, machen es aus, das Rätsel des Lebens zu entschlüsseln. Es ist der „gezähmte Tod“, der individuell und kollektiv eintritt, der ein Ende ist, aus dem Neues, anderes entstehen kann, ob als religiöse, weltanschauliche oder atheistische Gedanken – in jedem Fall aber das Denken es ist, das eine humane, verantwortungsbewusste Existenz möglich macht.

Aufbau und Inhalt

Welzer gliedert sein Essay über sich, sein Leben und die notwendigen Zugehörigkeiten in vier Kapitel. Im ersten fokussiert er seine Überlegungen auf die durchaus verständliche und nachvollziehbare Tendenz, „weg von hier“ zu gehen, den Imponderabilien der Zumutungen auszuweichen und nach anderen, erträglicheren Zuständen Ausschau zu halten. Die Möglichkeiten und Denkbarkeiten thematisiert er im zweiten Kapitel mit „Geschichten vom Aufhören und vom Leben“. Im dritten Kapitel diskutiert der Autor über Situationen, die sein „zu lebendes Leben“ betreffen. Dabei unternimmt er den Versuch, in 15 Aussagen einen „Nachruf auf mich selbst“ zu formulieren. Es sind Lebensweisheiten, Vorstellungen und Wünsche, die beim Nachdenken darüber paradiesische Zustände und Brücken, aber auch unüberwindbare Mauern und Zäune entstehen lassen. Und im vierten Kapitel spricht er von der „ungeheure(n) Reise“, die er mit 12 Merksätzen „Wer will ich gewesen sein!“ abschließt.

Diskussion

Es ist die Spannweite, die Welzer bei seiner Suche nach dem Titel seines Essays unternimmt: „Nachruf auf mich selbst?“ – „Nachruf auf uns?“, die ihn veranlassen darüber nachzudenken: „Wie will ich leben?“ – „Wie wollen wir leben?“. Es sind die Anforderungen, die uns bereits die antiken und nachfolgenden Philosophen mit ihren Aufforderungen anempfohlen haben: „Sapere aude – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, und mit der Frage der Fragen konfrontieren: „Wer bin ich?“ – „Was kann ich wissen?“ – „Was soll ich tun?“ – „Was darf ich hoffen?“ (Immanuel Kant). Es sind die realen Bestandsaufnahmen über die aus dem Ruder laufenden, inhumanen Denk-und Verhaltensweisen (Paul Collier/John Kay, Das Ende der Gier. Wie der Individualismus unsere Gesellschaft zerreißt und warum die Politik wieder dem Zusammenhalt dienen muss, 2021, www.socialnet.de/rezensionen/28719.php), und es sind die neuen, zukunftsweisenden Modelle des „Green New Deal“ (Ann Pettifor, Green New Deal. Warum wir können, was wir tun müssen, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/27787.php) und das Bewusstsein, dass „Mehr wird, wenn wir teilen“ (Elenor Ostrom), das zum Nachdenken auffordert: „All you need is less“ (Manfred Folkers/Niko Paech, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/26692.php).

Fazit

Harald Welzer nimmt mit seinem Essay den vielfältigen, literarischen und wissenschaftlichen Diskurs darüber auf, wie die Menschheit in den Zeiten des Ego-, Ethnozentrismus, Fundamentalismus und Populismus human überleben kann. Er illustriert und veranschaulicht seine Überlegungen mit zahlreichen Schwarz-Weiß-Abbildungen. Im mehrseitigen Register verweist der Autor auf Stichworte, die es ermöglichen, seinen Entwurf für eine „Kultur des Aufhörens“ auch als Handbuch zu benutzen!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1528 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.11.2021 zu: Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst.. Die Kultur des Aufhörens. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2021. ISBN 978-3-10-397103-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28899.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht