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Wilhelm Rotthaus: Wir können und müssen uns neu erfinden

Rezensiert von Arnold Schmieder, 28.12.2021

Cover Wilhelm Rotthaus: Wir können und müssen uns neu erfinden ISBN 978-3-8497-0410-0

Wilhelm Rotthaus: Wir können und müssen uns neu erfinden. Am Ende des Zeitalters des Individuums – Aufbruch in die Zukunft. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2021. 189 Seiten. ISBN 978-3-8497-0410-0. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.
Reihe: Systemische Horizonte.

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Thema

Ein „Weckruf“ soll sein Buch sein, entlässt Wilhelm Rotthaus im Nachwort seine Leser:innen, und zwar „zu einer Öffnung für ein neues Selbst- und Weltbild des Menschen der sogenannten westlichen Welt“ (S. 177). Der Autor diagnostiziert, dass die sich über etwa neun Jahrhunderte hinziehende „Epoche des Individuums (…) zu Ende“ geht, womit sich eine „Jahrtausendaufgabe“ stelle, die beinhalte, „neue Vorstellungen über unsere Beziehungen zu unseren Mitmenschen, zu der uns umgebenden Natur, zu Raum und Zeit, zur Wirtschaft und zur Verteilung von materiellen Gütern“ zu entwickeln, was sich „in einem angepassten Rechtssystem“ spiegeln müsse (S. 9). Einem Begriff des Individuums, dessen Genese und jeweilige Verwirklichung in relevanten Bereichen menschlicher Entäußerungen wie Interaktionen auf der Folie von (historischen) Welt- und Selbstbildern er über ca. die Hälfte seines Buches vom Früh- und Hoch- wie Spätmittelalter (bis in die Anfänge der frühen Neuzeit) nachgeht, lastet er summarisch an, dass heutzutage „Gewalt zur Durchsetzung der individuellen Interessen (…) häufiger (wird), die Gesellschaft insgesamt rabiater“ (ebd.), was Rotthaus in seinem Vorwort zeitdiagnostisch ausführlich elaboriert. Der Autor prognostiziert das (überlebensnotwendige) Ende des Zeitalters des Individuums, dem er ein Kapitel widmet, um im abschließenden Kapitel seine Gedanken zu einem zukünftigen Selbst- und Weltbild des Menschen darzulegen, dessen „Kernpunkte“ er im Schlusssatz seines kurzen Nachwortes benennt, nämlich „eine Gemeinschaftsorientierung und ein Respekt gegenüber allen anderen Mitgeschöpfen und der Natur“ (S. 177).

Rotthaus sieht „Zeichen des Umbruchs“, zumal bei einer Jugend, die „zutiefst beunruhigt“ ist. Das „Individuum“, das bisher und bislang existierende, dessen Handlungsfolgen „inzwischen nicht mehr zu übersehen“ seien, habe einen „Zerstörungsprozess in Gang gesetzt, der kaum noch zu bremsen und aufzuhalten“ sei. „Mit seinem Egozentrismus, seiner binären Logik und seinem mechanistischen und interventionistischen Ursache-Wirkungs-Denken war und ist dieser Mensch, der sich als Individuum begreift, nicht bereit oder nicht in der Lage (beides ist letztlich nicht zu unterscheiden), die Eigendynamik und die ökologischen Prozesse des komplexen Systems Erde mit all ihren Lebewesen zu verstehen und bei seinen Handlungen zu berücksichtigen. Sein gottgleicher Herrschaftsanspruch hat ihn blind gemacht“ (S. 101) – und übe „Faszination“ vermittels dieses Selbstbildes aus, was blockiere, die „selbst ausgelösten Bedrohungen (…) ernst zu nehmen“. Zu befürchten sei, dass sich dies nur ändern werde, „wenn es dem Menschen gelingt, ein neues Selbst- und Weltbild für die Zukunft zu erfinden“ (S. 129). Denkbar sei ein „Selbst- und Weltbild der Zukunft, das eine Haltung umfasst, die den Sinn und die Nützlichkeit des Fortschritts hinterfragt“ (S. 158).

Der Autor

Dr. med. Wilhelm Rotthaus ist Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Systemischer Berater (DGSF), systemischer Therapeut (DGSF) und systemischer Supervisor (DGSF).

Inhalt

Nebst Vor- und Nachwort, gesonderten Anmerkungen und Literaturverzeichnis wie Angaben zum Autor ist das Buch in vier Hauptkapitel mit z.T. recht kurz ausfallenden Unterkapiteln gegliedert, wobei der Autor gleich im Vorwort darauf hinweist, wir befänden uns in einer „multiplen Krise“ und wüssten um diese „nicht mehr zu übersehenden Signale“, das „Vertrauen in unser Wirtschaftssystem“ sei „ins Wanken“ geraten“, es müsse mit „Verteilungskämpfen um die knapper werdenden Ressourcen gerechnet werden“, warnende Fingerzeige zu den „Grenzen des Wachstums“ seien längst bekannt, „durchgreifende Änderungen“ müssten getroffen werden, „um die Folgen des Klimawandels zumindest einzugrenzen“, wobei die Politik „zögerlich“ sei. Naheliegend sei, dass „niemand gerne Änderungen in seinem Lebensstil“ vollziehe, „wenn er sich dazu nicht gezwungen fühlt“, gleichzeitig löse das „Bedrohungsszenario Gefühle der Hilflosigkeit“ aus, ein „Gesamtphänomen“ schließlich, das einen „tieferen Grund“ haben müsse, der nach Ansicht des Autors im „anthropozentrischen Selbst- und Weltbild des Menschen“ zu finden ist. Ein „ökologisches Denkmodell (…), das Zusammenhänge und wechselseitige Abhängigkeiten wahrnimmt und berücksichtigt“, sei „dem Menschen mit einem individuumzentrierten Weltbild fremd.“ Mit seiner historischen Spurensuche, wie es zu diesem „individuumzentrierten Weltbild“ kam, will Rotthaus „erkennbar“ machen, „dass der Mensch und seine Beziehung zur Umwelt auch völlig anders gedacht werden kann“ (S. 9 ff.) – um eben, wie der Untertitel des Buches kündet, den „Aufbruch in die Zukunft“ anzutreten.

Der Autor beginnt mit dem Selbstbild und Weltbild des europäischen Menschen im Frühmittelalter, um mit diesem für uns Heutige so fremdartig anmutenden Welt- und Selbstbild zumindest eine „Ahnung vom Denken und Erleben des Menschen in der damaligen Zeit“ aufkeimen zu lassen, und zwar für den Zweck der Einsicht, „dass das heutige Verständnis des Menschen von sich und der Welt keineswegs unverrückbar und selbstverständlich ist“, was heiße: „Wir können uns neu erfinden“ (S. 13). Rotthaus stellt (u.a.) das mittelalterlich statische Gesellschaftsbild dar (mit Huizinga), die Durchdringung aller Handlungen von „religiösen Vorstellungen“ (S. 25), das frühmittelalterliche Eingebundensein in ein „Gemeinschaftsleben“ und die Nutzung persönlicher Fähigkeiten zur Verwirklichung seiner „soziale(n) Vorherbestimmung“ (S. 26 f.), dem Gefühl, von „‚Lastern belagert‘“ (Gurjewitsch) zu werden (S. 29) und der Vorstellung, „Allgemeinbegriffe“ seien „Wirklichkeiten“ und stünden „vor dem Ding“, die „Dinge der Welt“ seien „lediglich Abbilder oder Symbole dieser Wirklichkeit der Universalien“ und somit habe alles eine nicht nur „materielle, sondern auch eine symbolisch-geistige Seite“ (S. 31 f.). Der Autor exemplifiziert all das in seinem Niederschlag von Wissenschaft sowie Ethik und Recht bis hin zum Zeitverständnis wie auch zur Musik und zeigt, dass alle Handlungen und Bezugnahmen von „religiösen Vorstellungen“ durchdrungen waren und daraus eine „Einheitlichkeit der Weltanschauung“ resultierte, „die alle Lebensbereiche“ bestimmte; eine erste Veranschaulichung, dass unser heutiges Selbst- und Weltverständnis „keineswegs einzigartig und selbstverständlich“ ist, was, so kurz eingestreut, „auch durch Verweis auf ferne Kulturen“ hätte dargestellt werden können, aber insoweit prominent zu machen ist, als „nahezu alle grundlegenden Gedanken unseres heutigen Selbst- und Weltverständnisses damals entwickelt oder zumindest angestoßen“ worden seien (S. 54 ff.).

Breiten Raum nimmt das zweite Kapitel Der Umbruch und die Erfindung des Individuums zur Zeit des Hoch- und Spätmittelalters ein, mit dem die Erkenntnisse aus dem ersten Kapitel aufgegriffen und erweitert werden, insoweit um 1050 ein tiefgreifender, alle Lebensbereiche umfassender „Wandlungsprozess“ eingesetzt habe, somit zu einer „Veränderung der Gesellschaft“ geführt habe, die in eben „neuen Lebens- und Bewusstseinsformen“ zum Ausdruck gekommen seien. Dabei seien auch „klimatische Bedingungen“, „Bevölkerungswachstum“, Anzahl und Anwachsen der Städte, „zunehmender Handel und Warenaustausch“ zu berücksichtigen. Nicht vergessen werden dürften die „Diskrepanzen zwischen den hohen Idealen und dem realen Geschehen in den Klöstern und unter den Geistlichen“; ebenso nicht die Kreuzzüge und die „Begegnungen mit einem wissenschaftlich weit entwickelten Islam in Südspanien und politischen Verwerfungen.“ Vormalige „Himmel- und Höllenpredigten“ haben zunehmend weniger verfangen, das Volk habe den „feudalherrschaftlichen Prunk (…) adeliger Mönchs- und Prälatensippen“ missbilligt (S. 57 f.) Es war auch die Zeit der „Besessenheitsepidemien“, mit dem 14. Jahrhundert und der Pest die Hochzeit der „Veitstanzepidemien“, der „Geißler- und Flagellantenzüge“, die erst im 18. Jahrhundert deutlich verebbten, bis dahin und zumal in ihrer Blütezeit „als Ausdruck einer existenziellen Verunsicherung“ angesehen werden müssten (S. 62 ff.). In toto habe im Hoch- und Spätmittelalter „der mitteleuropäische Mensch die Idee des Individuums“ erfunden, der Mensch habe sich „zum Maß aller Dinge“ gemacht (S. 65), was der Autor in der Folge an der Entwicklung von Philosophie und Wissenschaft verdeutlicht, dabei Abaelard für letztlich eine „Art neuen Strebens nach Selbsterkenntnis“ heranziehend, „etwas vollkommen Neues“ (S. 86), und Petrarca gleichermaßen dafür, dass der Mensch „in den Mittelpunkt des Weltgeschehens“ gerückt worden sei, was insgesamt der Epoche ihren Namen gegeben habe: „Zeit des Humanismus“ (S. 67 ff.). Selbstverantwortung stand auf der historischen Tagesordnung, auch mit Auswirkungen auf Erziehungsvorstellungen. Der Natur stellt sich der Mensch entgegen, die „Dinge werden damit zu Objekten“ (S. 76); und laut Bacon habe Wissenschaft nur einen Sinn, „wenn sie zu nützlichen Resultaten führe“ (S. 80). Auch kam die Diskussion darüber auf, dass „jedwedes wirtschaftliche, soziale oder politische Handeln dem gemeinsamen Nutzen dienen sollte“, wobei Rotthaus in diesem Zusammenhang auf die Schrift „Von dem Lob deß Eigen Nutzen“(1564) des Ulmer Bürgers Leonhard Fronsperger (am Rande: bekannt als Militärschriftsteller) aufmerksam macht, der den Eigennutz als Kraft bezeichnet habe, „die den Menschen motiviere zu handeln“, eine Steilvorgabe für die spätere Vorstellung, „dass der Wohlstand des Staates nur durch den Wohlstand des einzelnen Bürgers zu erreichen sei, der deshalb in seiner Eigenverantwortlichkeit gestärkt werden müsse“ (S. 82 f.). Auch hier wie im vorhergehenden Kapitel geht der Autor der Wirksamkeit dieses sich über Jahrhunderte herausschälenden und dann in kürzerer Zeitperiode durchsetzenden Neuen in seinen Facetten in relevanten Lebensbereichen von etwa Wirtschaft bis Literatur nach. Er weist nach, dass sich im elften bis dreizehnten Jahrhundert die „charakteristischen Zeichen einer Umbruchphase“ zeigten, begleitet von einer „tiefgreifende(n) Unruhe und (…) Untergangsstimmung“, aber auch von schwindender Akzeptanz der „Unhinterfragbarkeit der kirchlichen Lehre“ und der Sicht, dass das „Individuum als von Gott mit Vernunft ausgestattetes und damit Gott ebenbildliches Wesen“ zu verstehen sei. Der Autor findet es „erstaunlich, in welchem Umfang in dieser relativ kurzen Zeitperiode auf allen Gebieten die Grundlagen unseres heutigen Weltbildes entwickelt wurden, wo er auch die Renaissance im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert mit ihrer „Wiederbelebung der kulturellen Leistungen vor allem der griechischen Antike“ ins Feld führt, „in der Individualismus bereits in ganz verschiedenen Formen auftrat“, wobei im „weiteren Verlauf (…) die Idee des Individuums im 17. und 18. Jahrhundert durch Aufklärung stärker ausgearbeitet“ und die „Handlungsfreiheit des Individuums (…) zu einem wichtigen Wert“ geworden sei (S. 98 ff.).

Das Ende des Zeitalters des Individuums laute die Überschrift des dritten Kapitels, mit dem der Autor beginnt, gleichsam die Ernte aus den historischen Entfaltungen seines Gegenstandes einzufahren, der Entstehung und Entwicklung des Begriffs ‚Individuum‘ und seines Durch- und Einsickerns in die historische(n) Wirklichkeit(en). Der Autor übersieht nicht den Protest einzelner Gruppen „gegen die starken Beharrungskräfte, wie sie vor allem die Wirtschaft zeigt“ (S. 101). Doch zunächst indiziert er „Einsamkeit als den tieferen Grund für populistische Bewegungen“, das „Erleben von Kontrollverlust (…) als entscheidendes Merkmal eine Umbruchphase“, die „auf die Spitze getriebene Egozentrierung des Individuums“, welche „Vorstellungen von Gemeinsamkeit und Solidarität“ habe „ganz in den Hintergrund treten lassen“ (102 ff.). Trotz eines beobachtbaren „Hyperindividualismus“ (S. 129) sei zwar das „Bedürfnis nach zwischenmenschlichen Beziehungen (…) nicht geringer geworden. Aber sie sind unverbindlicher“ – und: „Selbst in diesen Beziehungen sucht das Individuum vorrangig seinen eigenen Vorteil“ und richtet „sein Handeln unter dem Aspekt von Gewinnen und Verlusten“ aus. In solch einer „Ich-Kultur“ seien „(g)esellschaftliche Zukunftsvisionen“ kaum noch zu entwickeln (S. 107 ff.). In einem Exkurs, betitelt „‚Es war einmal…‘ – Das Märchen von Herr Markt“, persifliert er indirekt und ohne Namensnennungen bekanntere Botschaften aus den Lehren von Smith und Keynes (wobei man sich zugleich an Fronsperger erinnern mag), was damit endet: „Die Menschen, selbst diejenigen, die unter ihm litten, glaubten weiterhin treu an seine Weisheit. Und wenn sie nicht an einem Crash-down des Systems gestorben sind, leben sie heute noch“ (S. 117 f.). Der tiefere Grund für desaströses Weitermachen liege laut Welzer darin, „dass das Wachstumskonzept inzwischen in den basalen Vorstellungen über uns, also in unserem Selbstbild, verankert“ sei (S. 121). Dass Forschungsergebnisse darauf verwiesen, „dass ein ‚Weiter so‘ die Bewohnbarkeit des Planeten durch den Menschen in Gefahr“ bringe, werde „in erstaunlicher Weise nicht zur Kenntnis genommen oder bagatellisiert“ (S. 129).

Das vierte und abschließende Kapitel ist dem Aufbruch in eine unbekannte Zukunft – Gedanken zu einem zukünftigen Selbst- und Weltbild des Menschen gewidmet. Rotthaus beginnt mit einem Motto, entnommen aus dem Buch „Wir Untoten des Kapitals“ von Zelik, wo es heißt, in Momenten der Krise brauche man konkrete Antworten für konkrete Probleme und dabei müsse man wissen, „‚in welche Richtung man sich bewegen will, und dafür wiederum benötigt man gesellschaftliche Entwürfe, die über das Bestehende hinausreichen. … Über solche Gegenentwürfe der Solidarität, der Gleichheit, der Demokratie und der Sorge um das Leben müssen wir reden‘“ (zit. S. 130). Es gelte demnach, die im elften und zwölften Jahrhundert aufkommende „Idee“ des Individuums, eh eine „Fiktion“, nach Überzeugung des Autors zu überwinden, dem (u.a.) entgegenstehe, dass solche Individuen „den anderen eher als Konkurrenten, denn als Partner verstehen“. Gegen dieses Verständnis vom Individuum (mitsamt den Folgen für menschenwürdig sinngesättigte, zukunftsfähige Soziabilität) setzt Rotthaus erst einmal die Figurationssoziologie von Elias, ein „Prozess-Modell, das von der Annahme ausgeht, dass der Mensch sich mit und in den sozialen Beziehungen, in denen er sich vorfindet, verändert“, ergo ein „Beziehungsgeschöpf“ ist (S. 130 ff.), das nach der japanischen Psychologieprofessorin Uchida in seinem Handeln und Verhalten auf ein „‚Zusammenglück‘“ zielen sollte (S. 139). Zum „Selbstbild eines zukünftigen Menschen“ dürfte resp. müsste dazugehören, „diese Erde als gleichwürdiges Subjekt“ zu betrachten, Verantwortung nicht in der Bedeutung von „Verantwortungsübernahme für andere“ zu sehen, sondern als „Selbstverantwortung in der Beziehung zu anderen“ (S. 141 ff.). Eine Kritik ist eingespeist und somit benannt, was zu überwinden ist, nämlich die „Logik von Wachstum und Konsumzwang“ in diesem als Anthropozän bezeichneten Zeitalter, das besser als „Monetozän“ (laut Precht) zu bezeichnen wäre, „ein Zeitalter des Geldes, in dem die Verwertungsinteressen des Kapitals die Erde umpflügen“ (S. 146). Politisch wären Schritte in Richtung eines „Weltstaates und einer Weltregierung“ angezeigt, in „längerer Perspektive als eines der großen Ziele der Menschheit“ anzusehen (S. 154). Der Wissenschaft ist zu bedenken zu geben, dass „möglicherweise (…) die in Zukunft notwendige Erweiterung des Verstehens gerade darin (liegt), mehrere ‚Wahrheiten‘ nebeneinander stehen lassen zu können“ (S. 157). Auch müssten oder müssen „Entscheidungen über Werte getroffen werden, die als Maßstab dafür dienen, wo dem Machbaren eine Grenze gesetzt wird“ (S. 158 f.). Das Kapitel schließt mit einem sciencefictionalen „Interview vom 1. September 2252 mit dem Historiker Professor Dr. Fritz Tabari“, der längst vergangenen Fortschritt und eine „fantastische Industrie“ hervorhebt, und meint, für „einen Teil der Menschheit hatte das zu Wohlstand und einer enormen Erweiterung ihrer Möglichkeiten geführt“, und schließlich hätten sie es unter der Bedrohung der Klimakrise geschafft, „die UNO zu einer Weltregierung weiterzuentwickeln.“ Schließlich sei auch erreicht worden, „dass unser Planet zumindest von einer deutlich gesunkenen Bevölkerungszahl noch bewohnbar ist.“ Für eine „großartige Sache“ hält es der Professor, dass jeder Mensch in Europa seine „ökologische Fußabdruckserklärung“ habe abgeben müssen, wobei „Überschreitungen“ der jedem Menschen zugestandenen Größe „zu sehr schmerzhaften Ausgleichszahlungen“ führten, womit „zwischen den reichen und den armen Ländern doch weitgehend angeglichen wurde“ (S. 174 ff).

Diskussion

Rotthaus bietet reichlich Diskussionsstoff: Das Individuum – wie es war und wurde, was es heute ist – steht im Fadenkreuz dieser i. w. S. auch retrospektiv kulturkritischen Auslotung des Autors, der in dem real existierenden menschlichen Individuum, den in dem in allen Einzelnen sedimentierten ‚Selbstbildern‘, den Sumpf allen Übels sieht, gleichsam Ursache all der materiellen und immateriellen Faulgase, mit denen sich dieses als Massenansammlung gedachte Individuum nicht nur sprichwörtlich den Atem für kollektives Überleben der Spezies Mensch nimmt und mit ihm einem Großteil dessen, was auf diesem jetzt schon dramatisch unwirtlicher werdenden Planeten kreucht und fleucht oder sprießt. Eine erste Irritation mag sich bei Philosophiestudent:innen unter den Leser:innen des Buches einstellen, die sich der sehr langen geisteswissenschaftlichen Geschichte des Begriff ‚Individuum‘ erinnern. Mit ‚individua‘, so später das griechische Wort von Cicero ins Lateinische übersetzt, bezeichnete Demokrit die kleinsten, nicht sinnlich wahrnehmbaren ‚Elemente‘, der ‚Ursprünge des Ganzen‘ (neben dem ‚Leeren‘). Es stellen sich geraffte Erinnerungssplitter an Aristoteles ein, hier an seine These, an der später gefeilt wurde, von der ontologischen Priorität des Individuellen vor dem Allgemeinen, mehr aber noch, um sich gutwillig in die Spur von Rotthaus’ zentraler Argumentationsfigur einzufädeln, an den aristotelischen Begriff ‚zoon politikon‘, wie Aristoteles den Menschen in seiner ‚Politik‘ als Gemeinschaftslebewesen fasste, demgegenüber er die ‚Privatpersonen‘ als ‚idiotes‘ bezeichnete. Und flugs mag kritisch gesonnenen, insbesondere jugendlichen Zeitgenossinnen (die vom Autor wohlwollend genannten Jugendlichen von Fridays for Futur sind in weiter Überzahl auf den ersten Blick identifizierbar weiblichen Geschlechts) der persiflierende Gedanke kommen, ob man es heute nicht überwiegend mit ‚idiotes‘ zu tun hat. Und doch ist solche bittere Persiflage zu substantiieren; mit Hegel war die von Leibniz neu eröffnete Diskussion um den verschwisterten Begriff der Individualität – vorläufig – zum Schluss gekommen, wiewohl bei Kant in den Begriffen „Pflicht“ und „Eigendünkel“ eine als Kritik zu wendende Sicht aufschien: „Alle Neigungen zusammen“, lehrte er im Kapitel „Von den Triebfedern der reinen prakt. Vernunft“, „machen die Selbstsucht (solipsismus) aus. Diese ist entweder die der Selbstliebe, eines über alles gehenden Wohlwollens gegen sich selbst (arrogantia). Jene heißt besonders Eigenliebe, diese Eigendünkel.“ „Pflicht“ ist eine bittere Pille, nämlich als Vernunftgebot, die Menschheit in der Person eines jeden zu achten, was, so Kant, womöglich bisher nie so war oder kaum je sein wird. – Solche ‚vernunftwidrige‘ ‚Eigenliebe‘ hält unter anderem Vokabular an und wird auch bei Rotthaus als Manko am Individuum festgehalten, ohne dabei auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zu zeigen und die Grundlage aufzudecken, aus denen sie erwachsen, durch die das Individuum zur Seite seiner Subjektivität geprägt, resp. „bestimmt“ wird, wie es bei Marx heißt.

Worauf schon der Philosoph Herbart aufmerksam gemacht hatte, 1776 geboren und wie der von Rotthaus' zitierte Rousseau als Klassiker der Pädagogik geltend, legt das Zusammendenken von Geschichte, Gesellschaft und den jeweils in ihr handelnden und sich verhaltenden, denkenden und fühlenden Individuen nahe: „Der Mensch ist nichts außer der Gesellschaft. Den völlig Einzelnen kennen wir gar nicht.“ Man könnte oder kann den weiten Bogen spannen, dass im Sinne solcher Erkenntnis die aristotelische ‚Urschrift‘ vom ‚zoon politikon‘ gleichsam philosophisch revitalisiert wurde und auch auf die ‚idiotes‘ bezogen, selbstredend nicht expressis verbis (und allerdings anders als in der Hochrenaissance mit ihrer Besinnung auf griechische Philosophie und Kunst, was Rotthaus als Blickrichtung auf das Individuum in den Vordergrund schiebt). Philosophisch zunächst also im Verhältnis zu seinem faktisch aufgenommenen Anderen betrachtet, dem jeweils Allgemeinen, wurde dieser nicht denkbare „völlig Einzelne“ insbesondere im Verhältnis zu Gesellschaft und Geschichte betrachtet – womit Marx in den Vordergrund rückte und rückt. Fast schon müßig, nochmals Marxʼ Entfremdungsbegriff auszubuchstabieren und sich auf Spurensuche seiner Gültigkeit in der Gegenwart zu machen, ebenso müßig will scheinen, gebetsmühlenartig an sein bekanntes Wort zu erinnern: „Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.“ Und fast schon banal mutet (heute) an, was er im ‚Kapital‘ (u.a.) zu den kontrahierenden, „freie(n), rechtlich ebenbürtige(n) Personen“ schrieb, dass es jedem „nur um sich zu tun“ ist, und die „einzige Macht, die sie zusammen und in ein Verhältnis bringt, ist die ihres Eigennutzes, ihres Sondervorteils, ihrer Privatinteressen.“

Darüber, wenn auch mit anderen Worten, klagt auch Rotthaus, der sich dabei auch nicht auf Marx bezieht und sich auch nicht auf ihn beziehen muss, weil rundum mit solcherlei Charakterisierung moralisierend räsoniert wird, gerade auch gegenüber den Anrufungen an das neoliberale Selbst, das – gerade unter den herrschenden ökonomischen und sozialen Bedingungen – so stromlinienförmig nicht zu haben ist, weshalb ihm Resilienz als Kompensation physischer und psychischer Überforderungen angedient wird, die nicht heilt. Rotthaus stellt zwar verschiedentlich und deutlich das Mantra des ökonomischen Wachstums und die Anforderungen an die Individuen infrage, zitiert zustimmend Prechts Anprangerung der „Verwertungsinteressen des Kapitals“ (s.o.), entschlägt sich aber einer Kenntnisnahme dessen, was Marx im ‚Kapital‘ analysierte, eine die Gesellschaft(en) prägende Ökonomie, ein System, das auch die ‚geistigen‘ und mentalen, psychischen und emotionalen Bestände der Individuen eben nicht nur affiziert, sondern ausrichtet, das eben auch als „unternehmerische(s) Selbst“ (Bröckling) erscheint, was es gezwungenermaßen nicht erst seit der Zeit der sich ausbreitenden Industrialisierung ist. Das ‚System‘ ist es, „was die Menschen in Bewegung setzt“, und weiter mit Engels, alles „muß durch ihren Kopf hindurch; aber welche Gestalt es in diesem Kopf annimmt, hängt sehr von den Umständen ab.“ Diese ‚Umstände‘ hat Marx analysiert und entfaltet, dabei nicht übersehen, was die Steigerung der „Produktivkräfte“ im Kapitalismus für die bürgerliche Gesellschaft bedeutete, etwas, was Rotthaus betont. Nur folgte bei Marx der Formulierung seines „kategorischen Imperativ“ mit heute noch gültiger Begründung, diese „Verhältnisse umzuwerfen“, eine kritisch gesättigte Analyse der bestehenden Verhältnisse als eben auch solcher der Unfreiheit und Unterdrückung, der massenhaften Ausbeutung von Individuen. Das hat auf Gedeih und Verderb zu geschehen, kam er doch zu dem Schluss: „Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“

Ganz so müßig ist es wohl nicht, in unserer Jetztzeit an dieses Zitat zu erinnern und dann nicht nur die heute als Desiderat formulierte Mahnung aus längst vergangenen Zeiten ernst zu nehmen und in Handeln und Verhalten zu übersetzen: „Sofern wir in die Natur eingreifen, haben wir strengstens auf die Wiederherstellung ihres Gleichgewichts zu achten“, lehrte Horaz (der Inspirationsquelle für [u.a.] Hegel, Marx und Nietzsche war). Dieser Geist spricht auch aus Liebig (wie man den inzwischen in der MEGA IV/18 gedruckten Exzerpten Marx’ aus „Einleitung in die Naturgesetze des Feldbaus“ entnehmen kann): Wir wüssten jetzt, heißt es bei Liebig, „daß der Boden in eben dem Verhältnisse verbraucht wird, als er Feldfrüchte geliefert hat“. Der „Landwirth“ müsse bei all seinen Handlungen beachten, „daß die Pflanze ein lebendiges Wesen“ ist, und er müsse „alle Schädlichkeiten u. Hindernisse beseitigen, welche die Thätigkeiten der Pflanze beinträchtigen“. Dass unter kapitalistischen Bedingungen eine agrochemische Hilfestellung kontraproduktiv wurde, hat sich inzwischen als bedrohlich herausgestellt, und zwar im Reigen mit Agroindustrie und landwirtschaftlichen Flächen als Kapitalanlage. Dass „Erde und Arbeiter“ in einem domestizierten, gar grünen Kapitalismus nicht untergraben werden, scheint frommer Wunsch oder blauäugige Hoffnung, widerspricht doch all solchen Reformbestrebungen die Logik des Kapitalismus, die auf „geldheckendes Geld“ zielt, wie schon die „Beschreibung des Kapitals im Munde seiner ersten Dolmetscher, der Merkantilisten“, lautete. (Marx)

Von der Konzentration auf den „persönlichen Vorteil“ (S. 12) spricht auch Rotthaus, der Klimawandel ist ihm vorläufiger Endpunkt desaströser Entwicklungen, wie bei dem Philosophen Anders (unter dem Eindruck der Atombombe) wird bei ihm dessen gefordertes „Nichtkönnen“, an dem es uns fehle, thematisch da, wo er wissenschaftlich-technischen Fortschritt reflektiert. Er spitzt nicht wie Horstmann 1985 in seinem Buch „Das Untier“ auf ein schlussendlich ‚anthropofugales‘ Denken zu, wo es gleich in den ersten Zeilen heißt: „Die Apokalypse steht ins Haus. Wir Untiere wissen es längst, und wir wissen es alle.“ Rotthaus macht das „anthropozentrische Selbst- und Weltbild des Menschen“ (s.o.) als tiefer liegende Problemursache dingfest, die „Idee des Individuums“, erfunden im zwölften Jahrhundert (s.o.), fürwahr eine „Fiktion“ (s.o.), wie schon aus der Geschichte philosophischer Lehren zu entnehmen. Rotthaus greift etwa über die Hälfte seines Buches historisch weit zurück, geschuldet seiner speziellen Thematik, was wie ein Eilmarsch durch die lange Periode des Mittelalters anmuten kann, wie Historiker:innen bemängeln könnten, aber ohne größeren Substanzverlust seine zentrale These unterfüttert. Doch so statisch und gemeinschaftlich orientiert, wie es anklingt, waren die Jahrhunderte, die wegen der Quellenlage als dunkel bezeichnet wurden, wohl nicht; nach neueren Forschungen ist der Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter eben keine ‚Verfallszeit‘, sondern schon die Zeit der Spätantike eine Transformationszeit mit Geburtswehen zum Frühmittelalter in Richtung des Hochmittelalters, worauf sich Rotthaus (unter Berufung auf Gurewitsch) bezieht. Gemeinsinn war vorhanden, aber nicht das Miteinander, auch rechtliche, beherrschend. Solchen Hinweis könnte man als lässlich bezeichnen, würde Rotthaus in Zeiten vor der Erfindung des Individuums nicht eine visionäre Perspektive auf von Empathie getragener Gemeinschaftlichkeit andeuten, wie sie als überlebensnotwendig von Paläoanthropologen ausgemacht wird und wie sie Neurobiologen als eben auch angelegt identifizieren. Hüther ist da die Referenz des Autors, der allerdings auf die Epigenetik und auch darauf aufmerksam macht, dass wir unsere ‚Außenwelt‘ verändern müssen, um unsere ‚Innenwelt‘ zu verändern. Damit aber wäre das Thema der Dialektik von Bewusstsein und Handeln aufgemacht, wie es im Anschluss an Marx und viele Jahre nach ihm diskutiert wurde. Doch damit wäre der Autor zum einen vielleicht darauf gekommen, dass nicht die Erfindung des Individuums in Schuldhaft für fortwährende und sich zuspitzende Problemhorizonte zu nehmen ist, immerhin eine Erfindung, die auch emanzipatorischen Charakters gegenüber klerikaler Sicht der Welt und Sinn und Zweck des Lebens hienieden war; zum anderen hätte er sich auf die Epoche des Kapitalismus mit dessen Ansprüchen an die Individuen, den scheintʼs nicht zu hintergehenden Ansprüchen an deren subjektive Ausstattung verlegt, in der kapitalistischen Ökonomie als Grundlage von gesellschaftlichem Sein und seinem Niederschlag in den Menschen, durch deren „Kopf hindurch“ (Engels, s.o.) alles gehen muss, schließlich den Angelpunkt für Transformation schlussendlich auch eines Leid erhaltenden und Leid verlängernden Verständnis von Individualität gefunden. – Doch Gegenwart, d.h. die Epoche der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, in der wie hier angeregten Weise als ‚Außenwelt‘ analytisch in Augenschein zu nehmen, liegt zu entfernt von der auf die Erfindung des Individuums konzentrierten Argumentationsfigur des Autors.

Mehr jedoch setzt Rotthaus, wenn auf überfällige Veränderung von Gesellschaft denkend, auf die Angelegenheit der Welt über alle Nationen hinaus regelnde Institutionen, was schon Beck in seinem letzten, posthum herausgegebenen Buch in wenig fruchtbarer Verlängerung dessen, was ist, in die Zukunft anriet, wie auch die fiktionale Rückschau des Professors Tabari aus sehr ferner Zukunft eine recht magere Perspektive auf das suggeriert, was wir aus eben zukünftiger Sicht im Hier und Jetzt hätten tun können oder sollen oder bestenfalls getan haben. Das Zitat zu „gesellschaftliche(n) Entwürfe(n)“, über „Gegenentwürfe“ (s.o.), welches Rotthaus seinem letzten Kapitel als Motto voranstellt, wäre um die Zeilen des Dichters Platonow zu erweitern: „Um das Leben zu verändern und in eine glückliche Zukunft umzuwandeln, muß man schon zu Beginn des Kampfes diese Zukunft in sich tragen, wenigstens im verborgenen Zustand, als Keim, als ein Element des persönlichen Charakters.“ Die Zukunft auszupinseln, „glückliche Zukunft“ in fassbaren Inhalten zu imaginieren, kann fehlleiten, selbst wenn in nicht bewusst intendiertem vorauseilendem Gehorsam die Grenzen des Systems nicht überschritten werden. Adornos Einrede lautet, dass „Hinweise zur Änderung (…) nur dem Block (helfen), entweder als Verwaltung des Unverwaltbaren, oder indem sie sogleich die Widerlegung durchs monströse herausfordern.“ Das war und ist beobachtbar, doch scheint auch zu gelten: „Bewegungen ohne Visionen sind blind; aber Visionen ohne Bewegungen sind leer.“ (Benanav, der hier offensichtlich bei einer Sentenz von Kant anleiht). Insoweit, um nicht vorschnell das Arsenal an Zukunftsentwürfen, utopischen wie dystopischen, weiter zu bestücken, um vorab emanzipatorischem Handeln einen – orientierenden – Hebel an die Hand zu geben, die Schranken vor einer möglichen „glückliche(n) Zukunft“ wegzuräumen, wäre es doch und insbesondere im Anschluss an die Lektüre des Buches von Rotthaus angezeigt, sich bei Marx zu vergewissern, weil „there can be no question as to the plausibility of his logic“, wie schon in „The Saturday Review“ (dto. MEGA, s.o.) vom 18. Januar 1868 halbherzig lobend hervorgehoben. Inzwischen scheint die Lektüre dringend geboten und nicht nur anzudienen, um den Samen für jenen „Keim“ des von Stalin barsch abgetanen sowjetischen Schriftstellers Platonow zu legen, der, was Rotthaus begrüßen dürfte, das Individuum sich aus seiner alten Haut schälen lassen kann, ohne dass es in faulkompromisslerische Fallen tappt und motiviert, auf solche Transformation hin zu arbeiten und auch bereits jetzt seine Lebensform zu verändern, ohne diesen Wandlungsprozess mit fundamentaler Überwindung zu identifizieren, die vonnöten ist.

Sollte Rotthaus das als ggf. ‚Revolutionsaufruf‘ verstehen, würde er eventuell Bedenken äußern und ebenfalls ggf. eher bei der Dialektik von Handeln und Bewusstsein einhaken, selbstredend Geschäft (auch) von ‚vereinzelt Einzelnen‘ und sich ‚vereinigenden‘ Individuen, die in ihrem praktisch-umwälzenden Handeln auf eine menschenwürdige Zukunft zielen, eine, in der Natur und Mensch ‚befreit‘ sind. Um Abwendung von (noch) Schlimmeren, als es bereits in Vorboten der Klimakatastrophe, in durchaus realistischer Erwartung weiterer epi- und gar pandemischen ‚Seuchenzüge‘ und herber sozialer Einschnitte infolge ökonomischer Krisen zutage tritt, sind viele Einzelne durch Änderung ihrer Konsumgewohnheiten und ihres Lebensstils bemüht, größere Gruppierungen hauptsächlich kalendarisch jüngerer Menschen treten sogar rebellisch auf. Damit sich daraus keine Revolten oder Ärgeres entwickelt, werden sie angeleitet (wonach sich Rotthaus mit seinem Kaprizieren auf das Individuum auch eigeninitiativer ‚Neuerfindung‘ befragen lassen muss), Wege eines Wandels einzuschlagen in der Hoffnung, die mögliche und entlang historischer Erfahrungen wenig attraktive Radikalität der Beschleunigung von Transformation abzufedern. Rehbein treibt solche Blendung in seinem Buch „Die kapitalistische Gesellschaft“ auf die Spitze, wenn er es für „so gut wie unmöglich“ hält, „das kapitalistische System zu beseitigen, bevor es die Erde unbewohnbar gemacht hat“. Sein Antidot: „Als Individuum können Sie jedoch viel zur positiven Veränderung des Systems beitragen, indem Sie sich der Sphäre des Kapitalismus möglichst weitgehend entziehen sowie Konsum, Arbeit und Subjektivität in die Bereiche von Markt und sozialer Wirtschaft verlagern“ – eine nicht fundierte, fern der Kenntnis um das, was ‚Kapitalismus‘ ist, ideologische Augenwischerei, eine Nebelkerze als Lichtlein am Ende des Tunnels für Bangende und Hoffende?

Doch vor solcher Morgendämmerung steht das Tagesgeschäft, sich mit den leider nicht fiktionalen Individuen auseinandersetzen zu müssen, die von Botschaften und impliziten Verhaltensansinnen à la Fronsberger befeuert werden, den Rotthaus treffend ins Feld führt, die unausgesprochen am Mandeville-Paradox orientiert sind, „Private Vices, Publick Benefits“, wie der Untertitel seiner „Bienenfabel“ lautet, oder, wie der Ladenbesitzer und Händler Thomas Turner im Jahr 1758 in Abgrenzung vom Müßiggang des Adels formulierte, „At home all day, and, thank GOD, extremely busy“, von wo aus es nicht sonderlich weit ist zur immer wieder aufgewärmten ‚Tellerwäscherideologie‘, die gegen alle ökonomischen und sozialen Fakten in narrativen Verbrämungen als Joker aus den Ärmeln von Macht und Herrschaft gezogen werden. Jene „Veitstanzepidemien“, wie sie Rotthaus als „Zeichen einer existenziellen Verunsicherung“ (s.o.) eben in Umbruchzeiten qualifiziert, sie scheinen in einer verbreiteten Einwandsimmunität gegen Fakten und hoher Akzeptanz von Verschwörungstheorien wie anderen Formen von Irrationalität zwischen krudem Nationalismus und menschenverachtendem Rassismus in neuem Gewand die historische Bühne zu betreten – als missliche bis brandgefährliche Zeichen einer Umbruchphase, die gegen solchen Strich eben auch im emanzipatorischen Tagesgeschäft in eine zukunftssichernde Richtung zu lenken ist.

Fazit

Irritationen sind wichtig, betont der Herausgeber der Reihe auf der ersten Seite, in der das Buch von Rotthaus erschienen ist, und reklamiert einen „Wechsel der Perspektiven und Beobachtungsweisen“, schlägt ihn als „Denkstil“ vor, der „Kreativität begünstigt.“ Das leistet Rotthaus zweifelsfrei, und zwar in einer leser:innenfreundlichen Sprache, reiht sich ein in die breiter werdende Phalanx von Wissenschaftler:innen, die unter einer wie auch immer kritischen Optik Zeit und Umstände ausleuchten, mehr oder minder zaghaft an die Tür der Systemtranszendierung klopfen, ohne den Raum ernsthaft verlassen zu wollen. Sein Gegenstand ist das Individuum, er kreist es ein, indem er vor allem historisch, aber auch philosophisch, soziologisch und sozialpsychologisch ausgewiesen sachkundig anleiht, geschuldet der Anlage seiner Schrift teilweise selektiv. Und Rotthaus provoziert Einreden bis Widerspruch, z.T. konfrontative, womit er dazu beiträgt, eine konstruktive Diskussion um Aufnahme von Zukunftsgestaltung in Gang zu halten, die für praktisch-emanzipatorisches Handeln unerlässlich ist.

Rezension von
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 28.12.2021 zu: Wilhelm Rotthaus: Wir können und müssen uns neu erfinden. Am Ende des Zeitalters des Individuums – Aufbruch in die Zukunft. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2021. ISBN 978-3-8497-0410-0. Reihe: Systemische Horizonte. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28910.php, Datum des Zugriffs 03.12.2022.


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