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Wolfram Lutterer: Eine kurze Geschichte des systemischen Denkens

Rezensiert von Prof. Dr. Wilfried Hosemann, 01.03.2022

Cover Wolfram Lutterer: Eine kurze Geschichte des systemischen Denkens ISBN 978-3-8497-0409-4

Wolfram Lutterer: Eine kurze Geschichte des systemischen Denkens. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2021. 216 Seiten. ISBN 978-3-8497-0409-4. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
Reihe: Systemische Horizonte.

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Thema

Das Buch geht der Frage nach: Was ist eigentlich systemisch? Der Begriff systemisch wird inflationär gebraucht, da ist es sehr hilfreich, wenn Zusammenhänge und Abgrenzungen deutlich werden. Für dieses Vorhaben nutzt Lutterer eine Zeitschiene. Entlang zentraler Autoren wird ein Überblick über die Vielfalt der Ideen und Theorien vermittelt, um systemisches Denken zu erfassen, aber keine bestimmte systemische Theorie weiterzuentwickeln.

AutorIn oder HerausgeberIn

Der Autor beschreibt sich selbst als in zwei Welten verankert, zum einen ist er Standortleiter der Uni/PH-Bibliothek der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern und zum anderen ist er darüber hinaus als Weiterbildner und Coach systemischer Ansätze in Freiburg tätig.

Aufbau

Nach der Einleitung folgt das Buch einer zeitlichen Struktur – ausgehend von der Antike bis zu den Anfängen der modernen Systemtheorie, werden grundlegende Fragen erörtert. In der zweiten Hälfte bekommen beraterisch-therapeutische Aspekte mehr Raum. Alle Kapitel sind über Abschnitte (Unterkapitel) gegliedert, die einem Autor gewidmet sind, z.B. Norbert Wiener, Carl Rogers oder Gregory Bateson. Im abschließenden Drittel werden auch aktuelle Einschätzungen präsentiert.

Inhalt

Lutterer will ein Buch für alle vorlegen, „die sich mit systemischen, kybernetischen, ökologischen oder konstruktivistischen Denkweisen befassen wollen“ (S. 11). In den ersten drei Kapiteln nähert er sich dem systemischen Denken an, geht Hinweisen in der Antike nach und unternimmt ein Intermezzo im Mittelalter, um die Relation von Welt und Menschen anhand der Texte von Hildegard von Bingen aufzugreifen. Im Kapitel 4 „Ambivalenzen der Neuzeit“ werden der Dualismus von Descartes aufgegriffen, Bezüge zu frühen konstruktivistischen Theoriebildungen hergestellt (G. Vico und I. Kant) und Theorien von Hegel und Nietzsche interpretiert.

Im Kapitel 5, „Die Welt wird reif für systemisches Denken“, wird ein weiter Bogen von der Physik mit Einstein, Heisenberg, Bohr über die Psyche mit Freud, die Mathematik mit Gödel, den Lerntheorien von Piaget, der Sprache mit Wittgenstein, der allgemeinen Systemtheorie von Bertalanffy, bis hin zur Dialektik der Aufklärung von Adorno/Horkheimer gespannt. In seiner Zwischenbilanz warnt Lutterer davor, dass nicht alles, was als systemisch etikettiert wird, auch systemisches Denken enthält (S. 73).

Mit Kapitel 6, ungefähr der Mitte des Buches, beginnt „Der große Durchbruch: die Kybernetik“ mit Wiener, Neumann, Shannon, Bateson, Lewin und Ashby. Ashbys Ansatz wird mit „Technokratische Kybernetik“ überschrieben und im letzten Satz des Kapitels wie folgt kritisiert: „Jedenfalls erscheint Ashbys Form der Kybernetik wenig anschlussfähig in Bezug auf eine humanistische, vernetzte und im eigentlichen Sinne systemisch orientierte Perspektive“ (S. 90). Ihm wird ein Platz in der ‚Ahnengalerie‘ verwehrt.

Im 7. Kapitel „Anfänge der modernen Systemik“ verschiebt sich der Focus auf therapeutische Zusammenhänge, beispielsweise mit Erickson, Perls, Rogers, Satir, Watzlawick, Bateson. Der Autor weist darauf hin, die dynamische Theorieentwicklung in den 1950er-Jahren passt nicht zu einem chronologischen Erzählstrahl und wird daher zurückgenommen, auch die Autorenschaft der Ideen lässt sich nicht zweifelsfrei nachvollziehen. Der Zeitraum ist maßgeblich für die Entwicklung des modernen systemischen Denkens und voller Erwartungen an zukünftige Erfolge. In seiner Zwischenbemerkung fragt sich der Autor: „Warum ist systemisches Denken nicht längst zum Mainstream geworden, sondern scheint sich stattdessen immer wieder neu legitimieren zu müssen?“ (S. 115).

Als 8. Kapitel wird ein Exkurs mit der Überschrift: „Auf der Suche nach neuer Einfachheit“ geboten. Unter den Titeln Reduktionismus, Behaviorismus und Verhaltenspsychologie, Neoliberalismus und Letztbegründung werden Theorien Bestrebungen attestiert, ‚zentrale Wirkursachen‘ auffinden zu wollen und ‚in wissenschaftstheoretischer Hinsicht im Gestern behaftet‘ zu sein (S. 130).

Im Kapitel 9. „Reifung und weitere Differenzierungen“ werden teilweise mehrere Autoren und Autorinnen gebündelt. Die Themen Selbstorganisation, Konstruktivismus, therapeutische Kontexte, reflexive Kybernetik bieten die Grundlagen für die Kapitelüberschrift. Für den Autor bilden das ‚systemische Dreigestirn dieses Buches‘ die Ansätze von Maturana, Bateson und von Foerster (S. 155). Kritisch wird dagegen die soziologische Systemtheorie Luhmanns präsentiert. Was nicht problematisch ist, sondern die Art der Abwertung, z.B. die Theorie sei reduktionistisch und verkomme ‚stellenweise zu einem reinen Nachschlagewerk für signifikante >Codes< verschiedener Systeme‘. Auch die Stellung des Menschen nicht theorieimmanent vorzustellen und zu diskutieren, sondern mithilfe eines Zitates, Menschen haben den ‚Status von Sklaven‘ zu diskreditieren (S. 165), enthält das Risiko, Autor und Buch zu beschädigen. Ganz anders dagegen die positiven Darstellungen von Stierlins systemischer Perspektive für die Familientherapie, Ciompis Affektlogik und dem Konzept der Ich-Zustände von John und Helen Watkins. Nach einer Einschätzung der weiteren Entwicklungen wird noch die hypnosystemische Therapie von G. Schmidt mit einem eigenen Unterkapitel gewürdigt.

In „Zum Abschluss: Wege systemischen Denkens“ wird die Besonderheit des systemischen Denkens als Ausrichtung an einer ‚Mehrperspektivität‘ gekennzeichnet (S. 193.) und die Bedeutung des Konstruktivismus für eine ‚konsolidierte systemische Denkweise‘ hervorgehoben. Letztlich sei die Wirklichkeit „…gleichermaßen als real und konstruiert anzunehmen, …“ (S. 194).

Diskussion

Der Autor bietet einen sehr gut lesbaren Einstieg in zentrale Themen des systemischen Denkens. Die historischen Ableitungen unterstützen eine Selbstvergewisserung und bieten Argumente dafür, systemtheoretisches Denken nicht als neumodischen Kram abzutun, der sicher bald wieder von der nächsten modernen Entwicklung abgelöst wird.

Für den Mut, ein solch riesiges wissenschaftlich hochdifferenziertes Feld in eine übersichtliche Reihenfolge und eine thematische Gliederung zu bringen, gebührt Lutterer Dank und Anerkennung. Dass dabei viele Themen und Autorinnen und Autoren nicht genannt werden können, ist ihm selbst bewusst, und auch über den Charakter des Buches gibt er klare Auskunft: es handelt „…nicht von systemischer Theorie oder gar von Systemtheorie“(S. 193). Der Anspruch, vom ‚systemischen Denken‘ zu handeln, ist allerdings noch höher. Das Buch fängt mit Grundlagen systemischer Fragestellungen an und landet im deutschen, therapeutischen Diskurs. Die wissenschaftliche aktuelle Diskussion um systemtheoretische Soziologie, siehe Nassehi, ist außerhalb der Reichweite des Buches. Systemtheoretische Fragen, die natürlich auch das systemische Denken betreffen (z.B.: Wie wird das systemische im digitalen Sozialen erfasst? Wie wirkt sich systemisches Denken in den wirtschaftlichen Dynamiken aus? Welche Rolle spielt systemisches Denken in der aktuellen Medizin- und Biologieforschung? Was ist am digitalisierten Kapitalismus systemisch? Welche Basis bietet systemisches Denken für kritische Gesellschaftstheorien und alternative Praxen?) werden weder diskutiert noch als Herausforderungen für systemisches Denken verstanden. Bei Bateson werden Grundlagen um die aktuellen Auseinandersetzung zum Klima- und Öko-Wandel kurz erwähnt. Hier ist interessant, wie gehen Naturwissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen mit wechselseitigen Einflüssen um? Welche Verständnisse von Systemen und Ökologie prägen die Analysen? Systemische Debatten über Länder- und Wissenschaftsgrenzen sind dringend erforderlich. Nun sind die Zeiten der Universalgelehrten vorbei und die Möglichkeiten auf ca. 185 Seiten Entwicklungslinien und aktuelle Diskussionen darzustellen, sind extrem begrenzt. Kritisch anzumerken ist, dass eine daraus ableitbare Zurückhaltung der Ansprüche nicht ersichtlich ist: „Die partikularwissenschaftlichen Perspektiven von Wilson bis Luhmann begehen(…) einen klassischen Kategorienfehler …“ (S. 191f) und weiter „Zudem tradieren sie in ihrem Primat der jeweiligen fachwissenschaftlichen Perspektive eher ein Wissenschaftsverständnis des 19. statt des 21. Jahrhunderts“ (S. 192).

Dem auch vom Rezensenten unterstützten Ansatz wird meines Erachtens durch solche Bemerkungen ein Bärendienst erwiesen. Die systemischen Beratungsgrundsätze u.a. des Respektes sind so nicht erkennbar. Eine systemische Perspektive, die in Erwägung zieht, dass systemisches Denken sowohl zu positiven wie zu negativ bewerteten Ergebnissen führen kann, ist angemessen und anschlussfähig. Der teilweise joviale Ton mag eine Geschmacksfrage sein, trägt aber wie die schlichten Abkürzungen („Es liegt in der Verantwortung des Einzelnen selbst, was er denkt …“ (S. 45)) dazu bei, dass kaum Mühen für die offenen Fragen, die Schwierigkeiten und die Irritationen des systemischen Denkens aufgewandt werden. Das Ernstnehmen von wissenschaftlichen und praktischen Herausforderungen täte den Protagonisten des Ansatzes aber gut und könnte auch Teil der Antwort sein, warum systemisches Denken (noch) kein Mainstream ist.

Fazit

Bei dem Buch handelt es sich um eine Kette von Essays und keine wissenschaftliche systemtheoretische Abhandlung. Es bietet viele nützliche Hinweise und Einblicke in Grundfragen des systemischen Denkens, insbesondere wie es im therapeutisch-beraterischem Umfeld diskutiert wird. Riskant wird es, folgt von man den Interpretationen unkritisch, verwechselt den Ausschnitt des Präsentierten mit dem „systemischen Denken“ und schließt sich den Überlegenheitsgefühlen an. Lutterers kurze Geschichte des systemischen Denkens kann das wissenschaftliche Herangehen nicht ersetzen, sondern lädt dazu ein und unterstützt informierte Neugier.

Rezension von
Prof. Dr. Wilfried Hosemann
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Es gibt 21 Rezensionen von Wilfried Hosemann.

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Zitiervorschlag
Wilfried Hosemann. Rezension vom 01.03.2022 zu: Wolfram Lutterer: Eine kurze Geschichte des systemischen Denkens. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2021. ISBN 978-3-8497-0409-4. Reihe: Systemische Horizonte. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28911.php, Datum des Zugriffs 04.12.2022.


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