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Maria Sinnemann, Petra-Angela Ahrens: Flüchtlingsaufnahme kontrovers

Cover Maria Sinnemann, Petra-Angela Ahrens: Flüchtlingsaufnahme kontrovers. Relevanz von Motiven, Werten, Religion und Politik bei Engagierten Band 2. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2021. 355 Seiten. ISBN 978-3-8487-8007-5. 49,00 EUR.
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Thema

Die beiden Autorinnen gehen in ihrer umfassenden Studie der Frage nach, was Menschen bewegt, sich als Freiwillige zu engagieren. Sie untersuchen dabei das Engagement in Bezug auf Flüchtlinge und stellen zwei Gruppen einander gegenüber: Personen, die Flüchtlinge begrüßen und unterstützen einerseits und Personen, die die Aufnahme von Flüchtlingen ablehnen und begrenzen wollen andererseits.

Autorinnen

Die Soziologin (MA) Maria Sinnemann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Sozialwissenschaftlichen Institut der Evangelischen Kirche Deutschlands (Hannover).

Dort ist auch die Sozialwirtin und Oberkirchenrätin Petra-Angela Ahrens als wissenschaftliche Referentin tätig.

Aufbau

In sieben Kapiteln, jeweils sehr übersichtlich in Unterkapitel eingeteilt, führen die Autorinnen den Leser/die Leserin durch den Text. Sie beginnen mit dem Forschungsstand zum freiwilligen Engagement in Deutschland, setzen sich mit den Forschungen zum Wertewandel und speziell zum Populismus auseinander. Nach der Erläuterung der Methodik der Befragung ist das fünfte Kapitel, 170 Seiten stark, das „Herzstück“ der Studie erreicht. Das kurze Kapitel zum Sonderfall ambivalenter Einstellungen und eine „abschließende Einordnung“ schließen den Text.

Inhalt

Die Befragung im Sommer 2019 ergab, dass sich 339 Personen (aktuell, auch in der Rückschau der letzten 5 Jahre) dafür aussprechen, die Aufnahme von Flüchtlingen zu begrenzen und/oder die Flüchtlingspolitik zu verschärfen, während sich 507 Befragte für die politische Unterstützung und/oder Hilfe für Geflüchtete einsetzen.

Die eigentliche Forschungsfrage war also die, weshalb die engagierten Personen nach eigener Einschätzung so votierten, wie sie votierten – also etwa auch konkrete Hilfeleistung und politische Solidarität nicht notwendigerweise zusammenfielen, ja sogar manche Pro-und-Contra miteinander verbanden.

Die Autorinnen vergleichen den sozioökonomischen Hintergrund der beiden Gruppen (Abgrenzung/Verschärfung vs. Unterstützung/Hilfe): In der ersteren sind Männer mehr als Frauen vertreten; die wirtschaftliche Lage ist nicht unbedingt schlechter, wird aber fragiler, pessimistischer eingeschätzt. Von „Modernisierungsverlierern“ kann nicht eigentlich die Rede sein, bei den Wertorientierungen der Engagierten steht u.a. „Sicherheit“ gegen „Offenheit“. Beiden Gruppen bedeuten Gemeinschaft und Zusammenhalt viel. Im ersten Fall ist der Bezug zur Tradition wichtig, im zweiten Fall die Begegnung mit anderen Personen vor Ort.

Bei den kirchlich orientierten Personen, die sich für Unterstützung/Hilfe engagieren, ist das soziale Vertrauen ausgeprägter und organisatorisch eingebunden (Gemeinden). Es ist aber auch zu beachten, dass eine große Minderheit von etwa 40 % der kirchlich gebundenen Befragten mit den offiziellen Positionen der Kirchen nicht einverstanden sind.

Während die Personen, die Unterstützung/Hilfe praktizieren, den Medien weitgehend vertrauen, sind es bei den Personen, die für Begrenzung/Verschärfung stehen, mehr als ein Drittel, die den Rundfunkanstalten überhaupt nicht trauen. Generell geht damit auch das Vertrauen in die Demokratie, eben mehr oder weniger, einher, auch in Hinsicht auf die Problemlösungskompetenz:

73 % der für Hilfe/Unterstützung engagierten Personen sind sich sicher, dass die Demokratie die Aufgabe, Flüchtlinge aufzunehmen und zu integrieren, gut bewältigen kann. 81 % der für Begrenzung/Verschärfung engagierten Personen, sehen das nicht so.

Mit einer zunächst irritierenden Teilstudie befasst sich das 6. Kapitel. Insgesamt 241 Personen geben an, sich sowohl für die Begrenzung der Aufnahme oder Verschärfung der Flüchtlingspolitik eingesetzt zu haben, waren aber auch engagiert dabei, als es darum ging, Flüchtlinge zu unterstützen und Hilfe zu leisten. Hierfür sind kaum persönliche Enttäuschungen der Anlass gewesen, sondern eine grundlegende Trennung zwischen „Politik“ generell und Hilfe konkret. Bei allem Engagement waren eher Unzufriedenheit mit der Politik, populistische Neigungen, überdurchschnittliche Religiosität relevant.

Diskussion

Die vorliegende Studie zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Ergebnisse der Befragung klar, anschaulich und farbig präsentiert.

Wie aus dem schwerverständlichen Vorwort (!) und dem 7. Kapitel hervorgeht, sind die Lebenslagen, die kulturellen und religiösen Orientierungen der Befragten, ob sie sich hilfreich unterstützend engagieren oder für Abgrenzung und Verschärfung einsetzen, differenziert, aber nicht wesentlich verschieden. Polarisierung bringt nichts.

Auch deshalb plädieren die beiden Autorinnen dafür, das Gespräch zwischen den Gruppen zu suchen und die Gründe zu respektieren, die zu den Positionen führen.

Fazit

Die Autorinnen empfehlen den Kirchen, auf „Exklusionsmechanismen“ zu verzichten und sich – statt Nichtbeachtung/Ablehnung – auf die Gründe einzulassen, die Menschen zu ihrer Positionierung bringen. Respekt muss doch sein.

Ja!


Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 25.11.2021 zu: Maria Sinnemann, Petra-Angela Ahrens: Flüchtlingsaufnahme kontrovers. Relevanz von Motiven, Werten, Religion und Politik bei Engagierten Band 2. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2021. ISBN 978-3-8487-8007-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28914.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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