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Katja Nowacki (Hrsg.): Die Neuaufnahme in der stationären Heimerziehung

Rezensiert von Prof. Dr. Jutta Harrer-Amersdorffer, 26.01.2023

Cover Katja Nowacki (Hrsg.): Die Neuaufnahme in der stationären Heimerziehung ISBN 978-3-7841-3360-7

Katja Nowacki (Hrsg.): Die Neuaufnahme in der stationären Heimerziehung. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2021. 2., aktualisierte Auflage. 216 Seiten. ISBN 978-3-7841-3360-7. 26,00 EUR.

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Thema

Das Herausgeberwerk bietet einen umfassenden Einblick in die methodischen und praktischen Herausforderungen, welche mit der Neuaufnahme von Kindern und Jugendlichen in die stationäre Wohngruppe verbunden sind. Die Aufnahme in eine Wohngruppe stellt sowohl für die Familien als auch für den jungen Menschen einen großen Einschnitt in die bisherige Lebensführung dar. Dies gilt es gerade im Aufnahmeprozess umfassend zu berücksichtigen. Hier setzt das rezensierte Werk an.

Herausgeberin

Prof. Dr. Katja Nowacki, Diplom-Psychologin und Diplom-Sozialpädagogin, lehrt klinische Psychologie und Sozialpsychologie an der Fachhochschule Dortmund. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Bindungsbeziehungen, Entwicklungsprozessen im Kindes- und Jugendalter und Maßnahmen im Rahmen der Hilfen zur Erziehung. Davor war sie u.a. zwölf Jahre in der Kinder- und Jugendhilfe tätig (Infos aus dem Klappentext übernommen).

Aufbau

Das Herausgeberwerk ist in acht inhaltliche Kapitel gegliedert.

Zunächst wird im Kapitel von Richard Günder auf allgemeine Erkenntnisse und Probleme im Aufnahmeprozess der stationären Jugendhilfe rekurriert. Daran anschließend widmet sich Hermann Muss dem Aufnahmeprozess als Schlüsselsituation im Hilfeverfahren. Die Autorinnen Katja Nowacki und Silke Remiorz greifen in Kapitel 3 und 4 jeweils Ergebnisse zum Aufnahmeprozess einerseits aus Sicht der Kinder und Jugendlichen und anderseits der Mitarbeiter:innen innerhalb der stationären Jugendhilfe auf. In Kapitel 5 werden von Heiner van Mil Perspektiven einer stresssensiblen Gestaltung des Ankommens in Gruppen der stationären Jugendhilfe beleuchtet. Nicole Knuth stellt in Kapitel 6 die Partizipations- und Beteiligungsmöglichkeiten der Eltern im Aufnahmeprozess in den Fokus. Durch die Kapitel 7 und 8 erhält das Buch neben den bisher genannten theoretischen und empirischen Überlegungen noch methodische und praktische Perspektiven. Nathalie Kompernaß führt in Kapitel 7 eine Fallvignette zum Aufnahmeprozess an und erlaubt damit den Leser*innen einen umfassenden Einblick in die einzelnen Prozessschritte. Durch das abschließende Kapitel von Katja Nowacki wird das Buch mit Handlungsempfehlungen für Fachkräfte abgerundet.

Inhalt

Das Herausgeberwerk beginnt mit dem Beitrag „Stationäre Jugendhilfe – Erkenntnisse und Probleme zum Aufnahmeprozess“ von Richard Günter. Dieser grundlegende Beitrag kann eher als historische Hinführung zur Themenstellung verstanden werden. Der Autor vermittelt zunächst ein sehr allgemeines Bild der Heimerziehung und beschreibt daran einzelne Wohn- und Betreuungsformen der stationären Jugendhilfe. Anschließend an diese ersten Erläuterungen werden im Beitrag grundlegende geschichtliche Konzepte zum Aufnahmeprozess beschrieben. Hier stützt sich der Autor u.a. auf August Aichhorn, Bruno Bettelheim und Andreas Mehringer. Als Fazit stellt der Verfasser vor allem die positive Grundhaltung der Fachkräfte gegenüber den Kindern und Jugendlichen, welche einen Lebensabschnitt in der stationären Jugendhilfe verbringen, ins Zentrum. Der Beitrag stützt sich vor allem auf historische Zugänge.

Ähnlich zeigt sich dies im zweiten Beitrag des Herausgeberwerks. Hier konzentriert sich Hermann Muss unter dem Titel „Aufnahme als Schlüsselprozess aus Sicht eines freien Trägers der Jugendhilfe“ zunächst auf die Geschichte der freien Träger in der stationären Jugendhilfe. Diese Einführung bietet einen sehr allgemeinen Einblick in die Strukturen des Feldes. Ausgehend von zentralen Klassikern der Soziologie, wie Giddens oder Goffman, rahmt der Autor den Aufnahmeprozess in die stationäre Wohngruppe. Obwohl eine normative Argumentationsführung seitens des Autors bereits zu Beginn stark kritisiert wird, greift der Verfasser selbst auf teils wertende und normativ gesetzte Aussagen zurück. Einige Aussagen scheinen auf der persönlichen Wahrnehmung des Autors zu gründen, wobei die Fundierung mit Literatur oder aktuellen empirischen Ergebnissen an einigen Stellen offenbleibt. Als aktuelle Entwicklungslinien führt Hermann Muss den 8. Jugendhilfebericht aus dem Jahr 1990 aus und beschreibt auch die Einführung des achten Sozialgesetzbuches als neu. Die Veränderungen im Zuge des Kinder- und Jugendstärkungsgesetz sowie die Zusammenführung der Sozialgesetzbücher im Sinne der, gerade in den vergangenen Jahren vieldiskutierten, „großen Lösung“ in der Kinder- und Jugendhilfe finden im Beitrag keinen Niederschlag. Kritisch beleuchtet wird das Spannungsfeld zwischen Ökonomisierung und pädagogischen Ansprüchen in der stationären Jugendhilfe, wobei vorwiegend klassische Argumentslinien, wie Luhmann und Schorr, aufgegriffen werden.

In den Kapiteln 3 und 4 werden von den Autorinnen Katja Nowacki und Silke Remiorz ausführlich die Ergebnisse einer Evaluationsstudie zum Aufnahmeprozess aus Sicht der Kinder und Jugendlichen (Kapitel 3) und aus Sicht der Mitarbeitenden der stationären Jugendhilfe (Kapitel 4) vorgestellt. Insgesamt wurden 46 Kinder und Jugendliche in den Jahren 2012 und 2013 zum Aufnahmeprozess interviewt. Als zentrales Ergebnis wird in Kapitel 3 vor allem die Berücksichtigung der Individualität und damit einhergehend praktische Schlussfolgerungen, wie die Möglichkeit, das eigene Zimmer zu gestalten sowie der Aufbau einer transparenten und tragfähigen Arbeitsbeziehung zu den Fachkräften herausgestellt. Bei den Ergebnissen der Befragung der Fachkräfte (48 Mitarbeiter*innen) wird deutlich, dass die Aufnahme in der stationären Jugendhilfe weit über den eigentlichen Aufnahmetag hinausgeht. Es handelt sich um einen umfangreichen Prozess, welcher eine hohe Flexibilität der Fachkräfte einfordert.

In Kapitel 5 werden von Heiner van Mill Perspektiven einer stresssensiblen Gestaltung des Ankommens in Gruppen der stationären Jugendhilfe beschrieben. Einführend nähert sich der Autor an den Stressbegriff an. Ausgehend von diesen theoretischen Vorüberlegungen werden Stressreaktionen und die Folgen von Stressbelastungen näher erläutert. Auf dieser Grundlage schafft Heiner van Mill darauf aufbauend eine Verbindung zur Aufnahme in die stationäre Jugendhilfe und plädiert in diesem Kontext für eine stresssensible Arbeit gerade in diesem Übergangsprozess. Hierzu wird von den Fachkräften u.a. ein hohes Fachwissen über Stresskonzepte und damit einhergehende Handlungsoptionen eingefordert.

Die Kapitel 6, 7 und 8 sind eher praktisch orientiert. In Kapitel 6 bietet Nicole Knuth Einblick in Partizipationsmöglichkeiten für Eltern im Rahmen des Aufnahmeprozesses. Neben einer allgemeinen Einführung zur Themenstellung fokussiert sich die Autorin vor allem auf klare Handlungsideen und Konzeptentwürfe für die Beteiligung von Eltern im Rahmen des Aufnahmeprozesses. Hier werden sehr detailliert einzelne Prozessschritte und Empfehlungen ausgearbeitet.

Kapitel 7 von Nathalie Kompernaß bietet durch die Einführung der Fallvignette „Leon“ anhand eines konkreten Beispiels einen Einblick in mögliche Herausforderungen und Handlungsansätze im Aufnahmeverfahren. Als Ziel benennt die Autorin in diesem Zusammenhang die Sensibilisierung für die Beteiligung der Kinder und Jugendlichen am Aufnahmeprozess. Gerade durch die sehr umfangreich dargestellten Prozessschritte gelingt dies der Autorin sehr anschaulich.

In Kapitel 8 stellt Katja Nowacki exemplarische Handlungsempfehlungen für den Aufnahmeprozess zusammen. Sie geht dabei sehr praktisch vor und beschreibt die einzelnen Schritte und Ideen sehr ausführlich und praxisorientiert. Das abschließende Kapitel kann als eine Art Leitfaden für den Aufnahmeprozess in der Wohngruppe verstanden werden. Exemplarisch werden z.B. die Etablierung eines Starthelfers bzw. einer Starthelferin für die Kinder und Jugendlichen nach der Neuaufnahme vorgestellt. Auch die Vermittlung wichtiger Gruppenregeln und die Elternarbeit im Rahme dieses zentralen Prozesses werden etwas ausführlicher erläutert.

Diskussion

Grundsätzlich bietet das Herausgeberwerk einen allgemeinen Einblick in den Aufnahmeprozess der stationären Kinder- und Jugendhilfe. Es ist eher als basaler Einstieg in die Thematik geeignet. Leider finden aktuelle Entwicklungen, wie die Reformprozesse im SGB VIII im Buch und die damit zu erwartenden gravierenden Veränderungen auch im Aufnahmeprozess der stationären Kinder und Jugendhilfe keine Berücksichtigung. Auch die kritische Auseinandersetzung etwa im Rahmen der Bedarfsfeststellung, der Kooperation und dem Rollenverständnis und -verhältnis zu den Fachkräften im Allgemeinen Sozialdienst der Jugendämter im Zuge der Hilfeübernahme oder auch zu diskutierende neuere Ansätze der Kinder- und Jugendhilfe, wie beispielsweise das Modell der Bedingungslosen Jugendhilfe von Mark Schrödter (2020) werden nicht aufgegriffen. Dadurch wirkt das Herausgeberwerk gerade in den ersten Kapiteln als eine eher historisch-fundierte Einführung in die Themenstellung. Spannungsfelder, wie das Rollenverständnis der Fachkräfte der freien Träger oder kritische Fragestellungen bleiben weitgehend offen und/oder werden teils verkürzt (Ökonomisierung in Kapitel 2) aufgegriffen.

Fazit

Das Herausgeberwerk kann als allgemeine Einführung in den Prozess der Neuaufnahme in stationäre Settings betrachtet werden. Es bietet eher historisch fundierte Einblicke und damit einhergehende theoretische Überlegungen in den Aufnahmeprozess. Gerade für Berufseinsteiger*innen oder zu Beginn des Studiums kann dieses Werk als Handreichung eingesetzt werden, wobei gerade das Kapitel zur Fallvignette oder auch die Perspektiven zur Partizipation der Eltern im Rahmen des Aufnahmeprozesses als gewinnbringend beschrieben werden können.

Literatur

Schrödter, Marc (2020): Bedingungslose Jugendhilfe. Von der selektiven Abhilfe defizitärer Elternschaft zur universalen Unterstützung von Erziehung. Wiesbaden: Springer VS.

Rezension von
Prof. Dr. Jutta Harrer-Amersdorffer
Professorin für Theorie und Handlungslehre der Sozialen Arbeit unter besonderer Berücksichtigung der Kinder- und Jugendhilfe, Technische Hochschule Nürnberg
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Es gibt 14 Rezensionen von Jutta Harrer-Amersdorffer.

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Zitiervorschlag
Jutta Harrer-Amersdorffer. Rezension vom 26.01.2023 zu: Katja Nowacki (Hrsg.): Die Neuaufnahme in der stationären Heimerziehung. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2021. 2., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-7841-3360-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28924.php, Datum des Zugriffs 27.02.2024.


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