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Nitza Katz-Bernstein, Erika Meili-Schneebeli u.a. (Hrsg.): Mut zum Sprechen finden

Rezensiert von Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner, 16.03.2022

Cover Nitza Katz-Bernstein, Erika Meili-Schneebeli u.a. (Hrsg.): Mut zum Sprechen finden ISBN 978-3-497-03085-9

Nitza Katz-Bernstein, Erika Meili-Schneebeli, Jeannette Wyler-Sidler (Hrsg.): Mut zum Sprechen finden. Kinder mit selektivem Mutismus in der Therapie. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2021. 4., aktualisierte Auflage. 220 Seiten. ISBN 978-3-497-03085-9. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema

Kinder mit selektivem Mutismus fordern die Kompetenz und das Einfühlungsvermögen der Therapeutin. Wie überwindet man das hartnäckige Schweigen in der Therapie? Die Autorinnen zeigen, wie die therapeutische Arbeit verlaufen kann. Neben Informationen über das Kind, Diagnostik und Therapiezielen stehen die angewandten Methoden und die ausführliche Darstellung der therapeutischen Meilensteine im Mittelpunkt.

Herausgeberinnen

Prof. Dr. Nitza Katz-Bernstein war Professorin für Sprach- und Kommunikationsstörungen an der Universität Dortmund.

Dr. phil. Erika Meili-Schneebeli ist Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche in freier Praxis in Pfäffikon (CH).

Jeannette Wyler-Sidler ist Dipl. Logopädin und Kindertherapeutin in Bülach (CH).

Aufbau und Inhalt

Im einführenden Kapitel stellen die Herausgeberinnen vor, was selektiver Mutismus ist (Definition, Ursachen, Begleitumstände), kurz und knapp in einem Umfang, sodass die Falldarstellungen nachvollzogen werden können. Es werden gemeinsame theoretische Positionen und Haltungen und die Bausteine der Therapien und Fördermaßnahmen herausgearbeitet. Mit der Frage, was die Arbeit mit mutistischen Kindern so faszinierend macht, wird Neugier für das Folgende geweckt.

Im Mittelpunkt des Buches stehen sieben ausführliche Falldokumentationen.

Die ersten drei haben psychotherapeutische Aspekte im Focus:

  • Franziska Florineth-Baatsch berichtet über Stephanie, 6 Jahre bei Therapiebeginn. Es war das erste selektiv mutistische Kind in ihrer therapeutischen Anfangszeit. Sie zeichnet den Therapieverlauf über eineinhalb Jahre bis zum erfolgreichen Abschluss nach. In ihrem Resümee diskutiert sie mögliche Wirkfaktoren der Therapie sowie psychodynamische Aspekte.
  • Auch Erika Meili-Schneebeli beschreibt ihre erste therapeutische Begegnung mit einem selektiv mutistischen Mädchen (Liliana, 8 Jahre bei Therapiebeginn) und ihre therapeutische Begleitung über 3 Jahre. Am Ende sprach Liliana mit allen Menschen in vertrauter und unvertrauter Umgebung, nur nicht mit der Therapeutin, mit der sie bis zum Schluss nur schriftlich kommunizierte.
  • In der dritten Falldarstellung berichtet Jeannette Wyler-Sidler über Naomi, deren Therapie im Alter von 5 Jahren begann und knapp 2 Jahre dauerte. Naomi drückte sich zu Beginn auch nonverbal kaum aus, und war zum Ende ein lebenslustiges, aufgewecktes, lernfreudiges und sprechendes Kind. Die Autorin geht ausführlich auf die Kooperation mit anderen Fachleuten ein und diskutiert Wirkfaktoren.

Die beiden folgenden Falldarstellungen haben den Schwerpunkt auf sprachtherapeutischen Aspekten:

  • Kerstin Bahrfeck beschreibt die Therapie von Julien, zu Beginn 4 Jahre alt. Nach Abschluss der Therapie wurde er normal eingeschult, redete mit Bekannten und Fremden, nur gegenüber dem Kinderarzt blieb er zurückhaltend. Nach der Einschulung erhielt er noch Sprachtherapie wegen einer verbliebenen Aussprachestörung.
  • Anke Schuler Pitschmann stellt die Therapie von Lukas (4 Jahre) vor. Lukas wurde vorher schon heilpädagogisch gefördert. Überraschende Fortschritte waren nach einer Therapiepause (zu der es überraschend gekommen war) zu beobachten. Nach 3 Jahren sprach er im Kindergarten und mit allen vertrauten Personen. Ausführlich wird die interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Zusammenarbeit mit der Familie besprochen. Abschließend reflektiert die Autorin ihre Arbeit und bespricht, was sie im Nachhinein betrachtet anders gemacht hätte.

Die beiden letzten Falldarstellungen stellen „Therapie ohne Ende“ dar, Therapien, die nicht zum Abschluss gebracht werden konnten:

  • Die Therapie von Alexander (zu Beginn 10 Jahre alt) wird von Anja Schröder vorgestellt. Alexander schwieg bereits 7 Jahre, als er der Autorin vorgestellt wurde. Zu Beginn der Therapie waren schon einige Fachleute involviert. Es wird ausführlich besprochen, welche großen Vernetzungsschwierigkeiten es gab und was bei einer besseren Vernetzung anders hätte verlaufen können. Alexander begann bis zum Ende durch Umzug nicht zu sprechen, begann aber später in der neuen Umgebung zu sprechen.
  • Abschließend berichtet Kerstin Bahrfeck über Philipp, 9 Jahre alt. Der Junge hatte schon im Kindergarten Sprachtherapie und Ergotherapie bekommen, sein mutistisches Verhalten war jedoch nicht Gegenstand der Therapie, weil er in den Einzelstunden mit den Therapeutinnen sprach. Nach anfänglichen Fortschritten wurde die Therapie abgebrochen.

Diskussion

Das Vorwort und das einführende Kapitel wurden überarbeitet und aktualisiert und darin neuere Erkenntnisse eingearbeitet. Die Falldarstellungen sind zu den früheren Ausgaben nicht verändert, da das dargestellte Vorgehen nichts von seiner Aktualität eingebüßt habe. Das Buch ist bewusst so konzipiert und soll kein theoretisches Übersichtsbuch sein.

Die Darstellungen zeigen ein weites Spektrum der Störung, von Kindern, die außerhalb der Familie mit keinem Erwachsenen reden, über Kinder, die weder mit Kindern oder Erwachsenen reden, bis zu Kindern, die auch nicht-sprachlich nicht kommunizieren.

Die Darstellungen zeigen, dass es den „richtigen“ Weg nicht gibt, sondern zeigen auch alle Umwege, Stolpersteine, Gratwanderungen bis zu Abbrüchen. Jede Therapie muss an den Einzelfall angepasst werden. Die Therapeutinnen wollen in Anlehnung an Winnicott „good enough therapists“ sein. Sie beschreiben ausführlich den Therapieverlauf vom Erstkontakt bis zur Beendigung der Therapien mit seinen Bausteinen wie Aufbau nonverbaler Kommunikationskompetenzen, allmählicher Aufbau der Sprachkompetenzen, Stärkung der Selbstwirksamkeit, Aufbau von sozialen Kompetenzen, Aufbau eines tragenden sozialen Netzes, gehen aber auch auf die Elternarbeit und die Kooperation der beteiligten Fachleute untereinander ein.

Es wird gezeigt, dass sowohl psychotherapeutische wie logopädische Interventionen sinnvoll sind und sich ergänzen. Die Therapeutinnen integrieren soziale, systemische, tiefenpsychologische, behaviorale, psycholinguistische und entwicklungspsychologische Aspekte. Wichtig ist in allen Therapien, dem Kind Sicherheit zu vermitteln (einen „Safe Place“ zu schaffen).

Beklagt wird die unzureichende Zusammenarbeit der Fachkräfte. Ich hoffe, dass sich dies seit der Zeit, in der die Falldarstellungen formuliert wurden, verbessert hat. Zumindest in Deutschland und für die noch nicht eingeschulten Kinder ist dies der Anspruch und die Aufgabe der Interdisziplinären Frühförderstellen.

Jede Autorin arbeitet in ihrem Beitrag heraus, was ihr besonders wichtig ist. Jeder Beitrag ist eine Bereicherung des empfehlenswerten Buches. Ich begrüße es sehr, dass dieses Buch wieder aufgelegt wurde. Es trägt dazu bei, dass Kindern geholfen wird, wieder „Mut zum Sprechen“ zu finden.

Zielgruppen

TherapeutInnen, LogopädInnen, PädiaterInnen, LehrerInnen.

Fazit

In sieben Falldarstellungen beschäftigen sich Autorinnen aus unterschiedlichen Fachdisziplinen mit selektivem Mutismus. Die ausführliche Beschreibung der Therapieverläufe mit Zielen und therapeutischen Methoden geben viele Anregungen für die Praxis.

Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
ehem. Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen in Dorfen, Erding und Markt Schwaben im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Es gibt 178 Rezensionen von Lothar Unzner.

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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 16.03.2022 zu: Nitza Katz-Bernstein, Erika Meili-Schneebeli, Jeannette Wyler-Sidler (Hrsg.): Mut zum Sprechen finden. Kinder mit selektivem Mutismus in der Therapie. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2021. 4., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-497-03085-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28928.php, Datum des Zugriffs 14.08.2022.


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