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Michael Rentz: Ökologie der Schuld

Cover Michael Rentz: Ökologie der Schuld. Geschuldetes Handeln statt Schuldsprüche auf dem Weg zur Nachhaltigen Entwicklung. oekom Verlag (München) 2021. 200 Seiten. ISBN 978-3-96238-274-2. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR.
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Thema

Die ökologischen Herausforderungen sind derzeit in aller Munde, zuletzt unübersehbar der Klimaschutz im bundesdeutschen Wahlkampf. Doch der große umweltpolitische Wurf steht bis heute aus. Und dies, obwohl die ökologische Krise mittlerweile seit fünfzig Jahren bekannt, bewusst und allgegenwärtig ist.

Das Buch (eBook, PDF, broschiert) geht den Gründen für das Ausbleiben einer ökologischen Wende nach. Der Autor entlarvt diese in Denkmustern der (post-)modernen Gesellschaft und erarbeitet einen philosophisch reflektierten Weg: hin zu gesellschaftlichen Lösungen und persönlicher aktiver Verantwortung, die so erst als Voraussetzung für das eigene Lebensglück erkennbar wird.

Autor

Dr. Michael Rentz, Jahrgang 1957 ist Diplom-Physiker und arbeitet seit vielen Jahren als freier Wissenschaftler zu Fragen der Ökologie und Nachhaltigkeit. Seit über 15 Jahren leitet er u.a. das interkonfessionelle Projekt „nachhaltig predigen“.

Entstehungshintergrund

Im Jahr 2018 hat der Autor an der Gutenberg-Universität zum Dr. phil. promoviert. Das 2021 erschienene Sachbuch ist eine aktualisierte und zum Teil gekürzte Fassung der Dissertation des Autors.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht, nach einer Einleitung des Autors, aus zwei großen Blöcken, bevor es mit einem persönlichen Dank und dem Literaturverzeichnis schließt. Jeder dieser Abschnitte

  1. „Schuldverständnis und Ökologie“ und
  2. „Possible Worlds“

gliedert sich in vier Kapitel mit je zwei bis sechs Unterkapiteln.

Die Einleitung steigt mit einem Zitat von Kaichiro Mishima ein und signalisiert damit die Hauptmotive des Buches: Perspektivwechsel und Transformation. In Analogie zum Film „Matrix“ zeigt der Autor auf, wie sich die Industriestaaten „in eine Situation hineinmanövriert haben, aus der sie seit fünfzig Jahren keinen richtigen Ausweg finden“ (S. 9). „Ökologie der Schuld“ versteht sich in dieser Analogie als „rote Pille„: Mit Hilfe eines philosophischen Zugangs soll es gelingen, die Gründe für die jahrzehntelange Lethargie zu erklären und gleichzeitig ein „Instrumentarium“ bereitzustellen, „um die Matrix zu verlassen und in eine andere Welt zu gelangen“ (S. 10).

In Abschnitt A: „Schuldverständnis und Ökologie“ werden der Begriff der Umwelt und ein, nach Ansicht des Autors, zeitgemäßes Verständnis von Ökologie diskutiert. Die Terminologie – und Haltung – eines (der globalen Situation, aber auch sich selbst) geschuldeten Handelns wird an die Stelle von Schuld-Diskursen gestellt. In einem weiteren Schritt werden Einflüsse aus der christlichen Religion vorgestellt und mit der bisherigen Argumentation abgeglichen. Mit dem – für mache womöglich überraschenden – Aspekt der Schönheit und ihrer Macht sowie dem Gedanken der Sehnsucht nach Heilung endet der erste große Block.

Abschnitt B: „Possible Words“ setzt mit dem Programm der Nachhaltigen Entwicklung ein, diskutiert darauf Parallelwelten und, aus der Ansicht des Autors, mögliche Welten innerhalb der Umweltpolitik – die existieren, jedoch ohne offensichtlich voneinander zu wissen. Das abschließende Unterkapitel ist mit „Eine Sprache der Versöhnung“ überschrieben und erleutert den Stellenwert von Sprache in der Nachhaltigkeitsdebatte, für eine gelingende Transformation bzw. das noch mögliche Entkommen aus der „Matrix“.

Der Schluss des Buches ist als „Dank“ überschrieben und richtet sich an die Begleiterinnen und Begleiter des Autors während seiner Promotion und beruflichen Arbeit zu den Themen des Buches.

Mit elf Seiten ist das Literaturverzeichnis im Verhältnis zum überschaubaren Zuschnitt des Buches umfangreich angelegt, drei Seiten davon widmen sich Internetquellen.

Diskussion

Der Titel ist zugleich innovativ wie provokativ: Ökologie und die Frage nach Schuld werden in einen Zusammenhang gestellt und dieser philosophisch diskutiert. Dabei ist ein zentrales Motiv die Freiheit des Menschen – die ihn anthropologisch erst zum Menschen macht –, die der Autor zwischen unbedingte und bedingte differenziert. Freiheit kann, nach Ansicht des Autors, nicht als ein sich von den Herausforderungen sich Freisetzen verstanden werden. In dieser gesellschaftlich vermittelten Haltung, sich Problemen wie der ökologischen Krise zu entziehen, läge jedoch ein Missverständnis von Freiheit vor, da eine so verstandene Freiheit am Lebensglück vorbeifahre. Im Zuge der Erörterung betont der Autor das „dialogische Prinzip“ als eine innere Haltung, die der Mensch in Bezug auf die ihn umgebende fassbare oder auch immaterielle Umwelt einnehmen kann und die ihm die Fülle des Lebens aus eigener Kraft heraus zu erschließen vermöge.

Durch diesen elementaren Zusammenhang sei der Mensch aber auch immer in Strukturen der Schuld – im Buch wird das Hauptaugenmerk auf „kafkaeske Schuld“ und „existenzielle Schuld“ gelegt – eingebunden, ohne dass ein direkter Ursache-Wirk-Zusammenhang immer gegeben sein muss. Diese anthropologische Verfassheit wird mit Rückgriff auf Heideggers „Sein und Zeit“ philosophisch und anhand praktischer Beispiele erläutert. In diesem Kontext ist der „innere Ruf der Sorge“ (S. 47) zentral, der dem Menschen qua Menschsein mit- und aufgegeben sei und welchem er sich nicht durch Verweis auf seine Freiheit entziehen dürfe.

Exemplarische Stimmen aus der christlichen Religion (v.a. „Laudato si“) setzen daran an und untermauern die bisherigen Ausführungen. Ebenso wie in dem päpstlichen Dokument wird in „Ökologie der Schuld“ plausibel der Aspekt der Ästhetik/Schönheit eingebunden; ebenso wie die urmenschliche Sehnsucht nach Heilung, die in einer Welt der ökologischen Krise, der „Matrix“, nicht zur Geltung kommt. Darauf wird der Bogen zu „Possible Worlds“ geschlagen.

Auch der zweite Block des Buches dreht sich um die innere Haltung und das Bewusstsein zu den unübersehbaren, jedoch systemisch wie individuell oft verdrängten Herausforderungen. Hier wird an die Grundlagen des Nachhaltigkeitsbegriffes durch Hans Carl von Carlowitz aus dem Jahr 1713 als zukunftsweisendes und auch heute noch tragfähiges Denkmuster erinnert und gefragt, wie „die Welt“ überhaupt ins Bewusstsein gelangt – oder eben nicht. Hier ist für den Autor die Sprache von entscheidender Bedeutung. Insofern schließt das Buch mit dem Wunsch – und konkreten Vorschlägen für – eine „Sprache der Versöhnung“, welche sich aus anderen Mustern herleitet.

Spätestens hier wird deutlich, dass „Ökologie der Schuld“ nicht anklagt, sondern einen Weg der versöhnlichen Bewusstseinserweiterung sucht. Das Buch hinterfragt kulturell erworbene Denkmuster, die jede und jeder Einzelne in sich trägt und insbesondere ein Verständnis von Freiheit, das an allen aktuellen Herausforderungen der Zeit vorbeigeht. Wenn die Freiheit, sich den Problemen zu entziehen, als Lebensglück verkauft wird, fehle der nachhaltigen Entwicklung ihre Grundlage. Stattdessen sei adäquates, zielgerichtetes und zeitnahes Handeln geschuldet, um Lösungen erarbeiten und gesellschaftlich umsetzen zu können. Diese seien keine rein gesellschaftliche Notwendigkeit, sondern sie hingen direkt auch mit der Frage nach dem Glück – als philosophisches und praktisches Ziel – zusammen. Denn, da ist sich der Autor sicher: „Die Erde dreht sich weiter – mit und ohne glückliche Menschen“ (S. 11).

Auch, wenn beim Lesen inhaltliche Kürzungen deutlich werden und kleinere stilistische Brüche offenbar nicht zu vermeiden waren, handelt es sich um ein gut lesbares Buch, das einordnet, erklärt und einen neuen Weg beschreitet. Hierbei sind – gerade, weil der Stil philosophisch und akademisch ist – insbesondere die praktischen Einschübe – wie übungen und praktische Anwendungsvorschläge – sehr hilfreich. Wenige kritische Anmerkungen betreffen keineswegs den inhaltlichen Kern des Sachbuches:

So bleibt beispielhaft offen, weshalb bei einem derart globalen Thema lediglich christliche Einflüsse (Block A, Kap. 3) herangezogen worden sind, zumal der skizzierte Weg ins Glück in der Anlage des Buches philosophisch und nicht religiös abgeleitet ist. Sind eine muslimische Leserin oder ein atheistischer Leser dann überhaupt offen für das – ansonsten durchaus glaubwürdige – Motiv einer „Sprache der Versöhnung“.

„Ökologie der Schuld“ ist nicht nur ein Sachbuch, sondern es ist ein Plädoyer, das von einer Leidenschaft seines Autors durchzogen ist. Für diese Authentizität zwischen Autor und Werk wären Kontaktmöglichkeiten – und ggf. auch ein Foto des Autors – wünschenswert gewesen.

Fazit

Das sehr empfehlenswerte Buch kann für alle, die sich beruflich und auch ehrenamtlich mit Fragen von Ökologie und Nachhaltigkeit befassen, hilfreich sein, eigene Denkmuster bzw. die von Systemen erstens zu reflektieren, zweitens zu korrigieren und drittens eine veränderte aktive Haltung abzuleiten. Obgleich „Ökologie der Schuld“ den Finger in die Wunde legt und an vielen Stellen Betroffenheit beim Lesenden auslöst, arbeitet das Sachbuch nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Motivierende Perspektiven und Anstöße vermögen es stattdessen, in einen eigenen inneren – und hoffentlich auch – äußeren Veränderungsprozess zu kommen. Dabei ist die – trotz allem – hoffende Haltung des Autors nicht zu übersehen, ja leitend. Mit einem Verkaufspreis von 28 € (D) liegt das Buch im Verhältnis zum Umgang nicht gerade am untersten Ende der Preisskala. Jedoch muss betont werden, dass es sich um ein Sachbuch handelt und dass „Ökologie der Schuld“ bei einem Verlag erschienen ist, der mit sehr hohen ökologischen Ansprüchen druckt. Diese Stimmigkeit, die sich übrigens auch im ansprechend designten Cover niederschlägt, wirkt überzeugend und ist sehr zu begrüßen. Es handelt sich um ein sehr aktuelles, aufrüttelndes Buch, das man nicht so einfach in den Schrank zurückstellt. Wer „Ökologie der Schuld“ gründlich und bewusst liest, kommt an seinen nachhaltigen Forderungen zum „geschuldeten Handeln“ nicht vorbei.


Rezension von Dr. Thomas Hanstein Dipl.-Theol., OStR, Business- und-Team Coach, Seelsorger, Autor, Fortbildner, Koordinator eines BNE-Teams Homepage www.coaching-hanstein.de


Rezension von
Dr. Thomas Hanstein
Dipl.-Theol., OStR, Business- und Team Coach, Seelsorger, Autor, Fortbildner, Koordinator eines BNE-Teams
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Zitiervorschlag
Thomas Hanstein. Rezension vom 17.11.2021 zu: Michael Rentz: Ökologie der Schuld. Geschuldetes Handeln statt Schuldsprüche auf dem Weg zur Nachhaltigen Entwicklung. oekom Verlag (München) 2021. ISBN 978-3-96238-274-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28934.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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