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Eia Asen, Emma Morris: Kinder im Kreuzfeuer

Rezensiert von Dr. Anke Höhne, 30.08.2022

Cover Eia Asen, Emma Morris: Kinder im Kreuzfeuer ISBN 978-3-8497-0387-5

Eia Asen, Emma Morris: Kinder im Kreuzfeuer. Systemische Arbeit bei massiven Elternkonflikten. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2021. 194 Seiten. ISBN 978-3-8497-0387-5. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR.
Reihe: Systemische Therapie
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Thema

Das aus dem Englischen übersetzte Buch stellt einen innovativen Ansatz vor um mit Familien zu arbeiten, in denen Kinder unter dem feindseligen Verhalten ihrer Eltern im Kontext der elterlichen Trennung leiden.

HerausgeberInnen

Prof. Dr. med. Eia Asen hat 40 Jahre als Psychiater für Kinder, Jugendliche und Erwachsene im britischen National Health Service gearbeitet. Er hat darüber hinaus viele Jahre als klinischer Leiter des Marlborough Family Service, einer systemisch orientierten psychiatrischen Einrichtung für Kinder, Jugendliche und Familien in London gearbeitet.

Dr. Emma Morris ist klinische Psychologin und hat zehn Jahre mit Prof. Asen zusammen im Marlborough Family Service gearbeitet.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus neun Kapiteln.

In Kapitel 1 „Chronische Elternkonflikte: Der familiäre Kontext“ wird in die Thematik anhand der Familiendynamiken, die bei hochstrittigen Eltern nach der Trennung auftreten können, eingeführt. Zunächst beschreiben die Autor*innen, wie sich die elterliche Trennung auf die Kinder auswirkt bevor sie auf die Debatte über die Eltern-Kind-Entfremdung eingehen und herausstellen, dass das „Elternentfremdungssyndrom“ umstritten bleibt. Die Autor*innen verfolgen stattdessen eher das Konzept der Triangulierungsprozesse und Loyalitätskonflikte, in die Kinder im Zuge der elterlichen Trennung und anhaltender Streitigkeiten zwischen den Eltern geraten können. Sie beschreiben das Konzept des näheren und distanzierteren Elternteils, das die Basis für ihren Ansatz bildet. Darunter wird verstanden, dass es aufgrund von Triangulierungsprozessen häufig einen Elternteil gibt, der dem Kind nähersteht, da das Kind in der Regel bei diesem Elternteil lebt. Der distanziertere Elternteil hingegen steht dem Kind ferner als es für dessen gesunde psychosoziale Entwicklung angemessen wäre.

In Kapitel 2 „Konzeptueller Rahmen und Forschungsstand“ wird der Family Ties-Ansatz vorgestellt, dessen Ziel es ist, Kinder aus den elterlichen Verstrickungen nach einer Trennung zu befreien und das Kind dem distanzierteren Elternteil wieder näherzubringen, so das eine „hinreichend gute“ (Winnicot 1965) Beziehung zu beiden Eltern gelebt werden kann. Den theoretischen Hintergrund ihres Konzeptes stellen der systemische Ansatz, die Bindungstheorie, mentalisierungsbasierte als auch kognitive, behaviorale und psychoedukative Konzepte dar, die jeweils kurz mit ihrem Beitrag für den Family Ties-Ansatz präsentiert werden. Die zentralen Annahmen des Ansatzes werden skizziert und nachfolgend kurz Forschungsergebnisse zu dessen Wirksamkeit dargestellt.

Kapitel 3 „Gesetzlicher Rahmen und Planung der Arbeit“ thematisiert zunächst den gesetzlichen Rahmen bei Trennung und Scheidung. Unter Umständen werden das Familiengericht und Sachverständige tätig, familienpsychologische Gutachten eingeholt, wenn getrennte Eltern sich nicht über Sorgerechts- und Umgangsthemen einigen können. Im zweiten Teil des Kapitels geht es um die Arbeitsplanung im Family Ties-Ansatz. Es werden sieben Arbeitsphasen unterschieden:

  1. Netzwerktreffen
  2. Individuelle parallele Arbeit mit beiden Eltern
  3. Individuelle Arbeit mit Kind(ern)
  4. Identifizieren der Triangulationsprozesse und Erstellen der Interventionsschritte
  5. Arbeit mit dem Elternpaar
  6. Arbeit am Umgangskontakt
  7. Familienarbeit

In Kapitel 4 „Untersuchung der Eltern und ihrer Elternkompetenzen“ wird die Elternarbeit des Family Ties-Ansatzes vorgestellt. Durch separate Sitzungen mit beiden Eltern sollen diese in ihrer Selbstreflexions- und Selbstregulationsfähigkeit gestärkt und mit ihren Bedürfnissen und Wünschen ernstgenommen werden. Gleichzeitig geht es bei diesen Sitzungen auch darum, die psychische Gesundheit und Erziehungskompetenz der Eltern zu beurteilen. Das Kapitel geht auch auf spezifische Persönlichkeitsstörungen und psychische Erkrankungen ein und wie sich diese auf das elterliche Verhalten und das Konfliktverhalten der Betreffenden auswirken können.

Kapitel 5 „Untersuchung und Beurteilung von Kindern“ widmet sich folgerichtig der Kinderseite bei elterlichen Konflikten und gibt anschaulich Beispiele, wie der Beziehungsaufbau im Beratungskontext zu den Kindern gelingen kann und wie die Wünsche und Gefühle der Kinder festgestellt werden können. In einem Schaukasten werden Anzeichen und Dynamiken skizziert, die auf das Vorliegen eines Triangulierungsprozesses hindeuten können. Darüber hinaus werden verschiedene Diagnostik-Tools vorgestellt, um die Bindung einzuschätzen oder wie sich Misshandlungsvorwürfe und andere Beschuldigungen eines Elternteils beurteilen lassen. Darüber hinaus geht das Kapitel in einem Abschnitt auf die Beurteilung des Kindeswillens ein und wie das Mitspracherecht des Kindes gewahrt werden kann.

Kapitel 6 „Therapeutische Untersuchung von Familienbeziehungen und Interventionsplanung“ führt die vorangegangene Einzelarbeit mit den Eltern und Kindern zusammen und thematisiert, worauf geachtet werden muss, um zerstrittene Eltern auf eine Begegnung mit dem anderen Elternteil vorzubereiten, aber auch, wie man den distanzierteren Elternteil auf die Wiederherstellung des Kontakts zu seinem Kind angemessen vorbereitet bzw. das Kind auf den Kontakt mit dem distanzierteren Elternteil.

In Kapitel 7 „Wiederherstellung und Aufrechterhaltung des Kontakts“ wird beschrieben, wie der Kontakt zu den Kindern wieder hergestellt werden kann durch den distanzierteren Elternteil. Dazu wird zunächst eine sog. Desensibilisierung und abgestufte Exposition geplant und durchgeführt, die das Kind allmählich dem distanzierteren, vom Kind abgelehnten Elternteil wieder näherbringt. Sehr anschaulich wird dargelegt, wie verzerrte Repräsentationen des distanzierteren Elternteils hinterfragt und schrittweise aufgelöst werden können und wie man als Fachkraft mit Narrativem über den abgelehnten Elternteil arbeiten kann.

Kapitel 8 „Reflektierende Praxis“ behandelt die Fähigkeit, die eigene professionelle Praxis als Gutachter*in oder Berater*in/Therapeut*in kritisch zu betrachten um eine permanente Verbesserung des eigenen Tuns zu erzielen. Anschaulich wird aufgezeigt, wie man die eigene berufliche Praxis mit hochstrittigen Eltern weiterentwickeln kann, z.B. durch Co-Beratung oder einen anderen Umgang mit Vorwürfen und Beschwerden.

Das letzte Kapitel „Frühe Interventionen zur Vermeidung von Rechtsstreitigkeiten“ geht gedanklich einen Schritt zurück und macht Vorschläge, wie sich elterliche Auseinandersetzungen im Zuge der Trennung ggf. vermeiden lassen und wie es Eltern gelingen kann, ein gemeinsames Mantra zu entwickeln, das dem Wohl der von der Trennung betroffenen Kindern dient. Beispielhaft werden die proaktive Unterstützung von Kontakt zu beiden Eltern, Elternvereinbarungen oder die Einbeziehung des erweiterten familiären Netzwerks kurz beschrieben um aufzuzeigen, was alles Eltern dabei unterstützen kann ihre Elternkonflikte möglichst konstruktiv zu lösen.

Diskussion

Das Buch greift ein relevantes Thema auf, das für Fachkräfte in Erziehungs- und Familienberatungsstellen, die im Kontext der Trennungs- und Scheidungsberatung mit hochstrittigen Eltern arbeiten wichtige Impulse für eine Reflexion der eigenen Arbeitsweise gibt. Der sehr strukturierte Family Ties-Ansatz bietet eine Hilfestellung, die von den elterlichen Streitigkeiten betroffenen Kinder dabei zu unterstützen eine gute Beziehung zu beiden Eltern zu entwickeln und diese Beziehung zu stärken. Die elterliche Verantwortung für die Gestaltung eines guten Kontakts des Kindes zum anderen Elternteil wird dabei in diesem Buch klar herausgestellt sowie man Eltern dabei unterstützen kann, diese Verantwortung wahrzunehmen und zum Wohl ihrer Kinder umzusetzen.

Die einzelnen Kapitel des Buches können auch unabhängig voneinander gelesen werden, wenn nur ausgewählte Themen für die Arbeit mit hochstrittigen Eltern von Interesse sind. Wer sich jedoch die Zeit nimmt, das Buch chronologisch zu lesen, lernt den Family Ties-Ansatz grundlegend kennen.

Etwas irritierend ist der Begriff „Kliniker“, der im Buch sehr häufig auftaucht und vermutlich auf die Übersetzung des Buches aus dem Englischen zurückzuführen ist und sich auf alle Fachkräfte bezieht, die mit den betreffenden Familien im Kontext Hochstrittigkeit arbeiten.

Die vielen Fallbeispiele und in Abbildungen zusammengefassten Kernbotschaften des Ansatzes machen das Buch sehr praxistauglich.

Fazit

Das Buch versteht sich als praxisnah und der beschriebene Family Ties-Ansatz als innovativ. Diesem Anspruch wird das Buch in vollem Umfang gerecht. Der konsequente Einbezug von Praxisbeispielen für die Beratungsarbeit mit Kindern und Eltern, die Tipps für die konkrete praktische Arbeit mit den Eltern und Kindern sprechen für die klare Anwenderausrichtung des Buches.

Rezension von
Dr. Anke Höhne
Dipl.-Sozialwiss., Referentin bei Sucht.Hamburg gGmbH, Systemische Beraterin und Familientherapeutin
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Es gibt 17 Rezensionen von Anke Höhne.

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Zitiervorschlag
Anke Höhne. Rezension vom 30.08.2022 zu: Eia Asen, Emma Morris: Kinder im Kreuzfeuer. Systemische Arbeit bei massiven Elternkonflikten. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2021. ISBN 978-3-8497-0387-5. Reihe: Systemische Therapie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28935.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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