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Andrea Ludwig, Birgit Wolf: Veränderungsmanagement in der Sozialwirtschaft

Rezensiert von Hendrik Epe, 14.02.2022

Cover Andrea Ludwig, Birgit Wolf: Veränderungsmanagement in der Sozialwirtschaft ISBN 978-3-658-34993-6

Andrea Ludwig, Birgit Wolf: Veränderungsmanagement in der Sozialwirtschaft. Praxisorientierte Personal- und Organisationsentwicklung in unruhigen Zeiten des digitalen Wandels. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2021. ISBN 978-3-658-34993-6.
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Thema

Das Buch „Veränderungsmanagement in der Sozialwirtschaft – Praxisorientierte Personal- und Organisationsentwicklung in unruhigen Zeiten des digitalen Wandels“ fokussiert – grob formuliert – auf die Frage, wie Veränderungsmanagement in und von Organisationen der Sozialwirtschaft unter besonderer Berücksichtigung des digitalen Wandels gelingen kann. Anhand von Fallbeispielen werden Chancen wie auch Herausforderungen der digitalen Transformation für Organisationen und Mitarbeiter*innen in der Sozialwirtschaft aufgezeigt. Betrachtet werden die Aspekte der Digitalisierung im Bereich Lernen und Entwicklung, Wissensmanagement und Zusammenarbeit. Ferner werden mögliche Auswirkungen auf die Organisationskultur berücksichtigt. Über die Fallbeispiele sollen ferner „praxiserprobte Instrumente für ein gelingendes Change-Management im Rahmen von Best-Practice-Beispielen zur Verfügung gestellt und mit hilfreichen Praxistipps angereichert“ (1) werden. Über diese Beschreibung wird deutlich, dass die Autorinnen die Zielgruppe des Buchs auf Ebene der Entscheider*innen, Führungskräfte und Praktiker*innen in der Sozialwirtschaft sehen.

Autor*innen

Andrea Ludwig ist Projektleiterin für Personal- und Organisationsentwicklungsprojekte in einer Organisation der Sozialwirtschaft. Ihr Schwerpunkt liegt auf den Themen Wissensmanagement und Organisationskultur. Aktuell leitet sie ein Projekt mit dem Schwerpunkt Digitalisierung.

Birgit Wolf ist Betriebswirtin und arbeitet als Organisationsberaterin mit dem Schwerpunkt auf Kulturentwicklungsprozessen in Unternehmen.

Aufbau

Das Buch untergliedert sich auf 186 Seiten in die folgenden acht Kapitel:

  1. Einleitung
  2. Systemrelevante Rahmenbedingungen in der Sozialwirtschaft
  3. Organisationskultur und dessen Bedeutung
  4. Aus der Praxis für die Praxis – wie die digitale Transformation das Lernen, die Kommunikation und die Zusammenarbeit in Organisationen beeinflusst
  5. Auswirkung der Digitalisierung auf soziale Organisationen – betrachtet anhand der Wirkfaktoren nach Sackmann
  6. Praxistipps in Veränderungsprozessen
  7. Gastbeitrag: Mit Diversity die Transformation gestalten
  8. Fazit und Ausblick

Jedes Kapitel beginnt mit einer kurzen Zusammenfassung der wesentlichen Inhalte und schließt mit einem Literaturverzeichnis.

Inhalt

Die Autorinnen steigen in Kapitel 2 in die Thematik des Veränderungsmanagement über die Darlegung von drei ausgewählten Megatrends ein, die Veränderungen auch in sozialen Organisationen notwendig werden lassen. Skizziert wird die Digitalisierung, veränderte gesetzliche Rahmenbedingungen sowie die Auswirkungen des demographischen Wandels auf soziale Organisationen. Diese Megatrends beeinflussen aus Sicht der Autorinnen „maßgeblich die Personal- und Organisationsentwicklung in den Organisationen und sollten in Veränderungsprozessen mindestens mitgedacht und idealerweise proaktiv einbezogen werden“ (5). Bezüglich des demografischen Wandels wird auf die Generationen Y und Z vertieft eingegangen, da „die zukünftigen Generationen andere Prioritäten im Arbeitsleben setzen“ (6). Bezüglich der Änderungen in den rechtlichen und normativen Grundlagen für die Organisationen der Sozialwirtschaft wird auf die Neufassung des Bundesdatenschutzgesetzes und damit einhergehend die Datenschutzgrundverordnung, die Änderungen durch das Bundesteilhabegesetz sowie die im Jahr 2015 geänderte DIN-Norm ISO 9001 vertieft eingegangen. Bezüglich des Datenschutzes und der Änderungen der DIN-Norm ISO 9001 werden die jeweiligen Ausführungen, die sich durch die Änderungen ergeben haben, explizit für Organisationen der Sozialwirtschaft beleuchtet. Der Megatrend „Digitalisierung“ wird dann vertiefend dargelegt. Angerissen werden die digitalen Entwicklungen bezogen auf kleinere und mittlere Einrichtungen, auf Großunternehmen, auf das sich durch Automatisierung ergebende Subsitutionspotenzial, auf verschiedene digitale Anwendungsfelder sowie auf Herausforderungen der Professionalisierung und Dequalifizierung. Das einführende Kapitel zu den systemrelevanten Rahmenbedingungen in der Sozialwirtschaft wird noch einmal zusammengefasst.

Das folgende Kapitel – Kapitel 3 - Organisationskultur und dessen Bedeutung – skizziert verschiedene Modelle, mit denen der umfassende Bereich der „Organisationskultur“ beschrieben werden kann. Angesprochen werden die Ausführungen von Edgar Schein, das Eisbergmodell nach Hall sowie die Ausführungen zur Organisationskultur nach Peters und Waterman. Darauffolgend werden methodische Ansätze zur Analyse von Organisationskultur dargestellt – namentlich das „BIMO“ (Bochumer Inventar zur Mitarbeiterzufriedenheit und Organisationsklima), das „CA“ (Culture Assessment), die „OCI“ (Organizational Culture Inventory) sowie der „DOCS“ (Denison Organizational Culture Survey). Weitergehend werden Phasenmodelle und Schlüsselfaktoren für Organisationskultur sowie der Prozess des Kulturwandels in Phasen des Managementkreislaufes (Vorbereitung, Analyse, Konzeption, Roll-out) dargelegt und auch auf die Nachhaltigkeit von Kulturveränderungsprozessen eingegangen und Tipps für das Gelingen von Veränderung der Organisationskultur abgeleitet. Im Folgenden wird noch der Zusammenhang zwischen Organisationskultur, Werten und Sinn dargelegt, Ausführungen zur lernenden Organisation gemacht und die 12 Wirkfaktoren zur Betrachtung von Organisationskultur nach Sackmann näher beleuchtet (Leistungsorientierung, Mitarbeiterorientierung, Führung, Beziehungen, Innovation, Veränderungsbereitschaft, arbeitsbezogene Aspekte, Teamorientierung, Kundenorientierung, Kommunikation, Werteorientierung, Zielorientierung).

Kapitel 4 - Aus der Praxis für die Praxis – wie die digitale Transformation das Lernen, die Kommunikation und die Zusammenarbeit in Organisationen beeinflusst – legt basierend auf vier beispielhaften Praxisprojekten im Rahmen von Veränderungsprozessen die Chancen aber auch die Herausforderungen dar, denen soziale Organisationen im Zuge der digitalen Transformation begegnen. Es wird ein Schwerpunkt auf die Themenbereiche Lernen und Entwicklung, Kommunikation, Wissensmanagement sowie Zusammenarbeit in Organisationen gelegt. Im ersten der beschriebenen Projekte wurde bspw. eine App zur Kommunikation des im Leitbild- und Kulturveränderungsprozesses entwickelten Vorgehens für die Gesamtorganisation eingesetzt. Im zweiten Projekt ging es um die Entwicklung von Digitalkompetenzen in einem Dienstleistungsunternehmen der Sozialwirtschaft. Projekt 3 zeigt die Einführung eines E-Learning-Systems in einem sozialen Unternehmen mit etwa 350 Mitarbeiter*innen und in Projekt 4 wird die Einführung eines Wissensmanagement-Systems in einer ähnlich großen Organisation beschrieben.

Kapitel 5 legt die „Auswirkung der Digitalisierung auf soziale Organisationen“ dar. Dazu werden die angesprochenen Wirkfaktoren nach Sackmann als theoretische Grundlegung verwendet. Jeder Wirkfaktor wird basierend auf den Aufgabenstellungen der vier Projekte analysiert und beispielhaft beschrieben. Die Autorinnen kommen zu dem Schluss, dass die Digitalisierung Vorteile auch für soziale Organisationen bringt. Demnach sind dies insbesondere die Zeit- und Kostenersparnis für weggefallene Reisezeiten, eine stärkere Nutzung von digitalen Kollaborationstools und die Erhöhung der Transparenz aufgrund digitalisierter Arbeitsprozesse. Als Nachteil wird gesehen, dass Homeoffice-Möglichkeiten in der Sozialwirtschaft nur bedingt bestehen, die Mitarbeiter*innen nicht umfassend über die notwendigen Kompetenzen verfügen und kaum Möglichkeiten haben, diese während ihrer Arbeitszeit zu erwerben.

Die Erfahrungen der Autorinnen fließen dann in Kapitel 6 zusammen in „Praxistipps in Veränderungsprozessen“. Es werden strategische Voraussetzungen bei Veränderungsprozessen (wie der lernförderlichen Arbeitsatmosphäre oder der Transparenz) dargelegt sowie „Instrumente und Tools zur besseren Integration und Motivation von Mitarbeiter*innen in Veränderungsprozessen“ (wie bspw. Teamcoachings). Anschließend wird das Anstoßen individueller Lernprozesse beschrieben (bspw. über individuelle Coachingformate).

Das Buch schließt mit einem Gastbeitrag von Gabriele Schambach, in dem die Aspekte zur Gestaltung organisationaler Transformation mit Diversity zusammengebracht werden. Sie erläutert, warum Diversity relevant für Unternehmen und Organisationen in der Transformation ist und gibt konkrete Umsetzungsempfehlungen, um Transformationsprozesse erfolgreich zu gestalten.

Diskussion

Die Thematik des Veränderungsmanagements in der Sozialwirtschaft ist enorm relevant. Gesamtgesellschaftliche Veränderungen treffen auf Veränderungen der Sozialsysteme, die soziale Organisationen unmittelbar berühren. Wenn dann noch ein besonderer Fokus auf die praxisorientierte Personal- und Organisationsentwicklung in Zeiten des digitalen Wandels gelegt wird, erhöht sich die Bedeutung. So sehen sich soziale Organisationen an vielen Stellen den im Buch skizzierten komplexen Herausforderungen gegenüber, suchend nach passenden Antworten. Rechtliche Veränderungen, der Fachkräftemangel und dessen Verbindung zu den Anforderungen der digitalen Transformation sind die aktuell bestimmenden Themen. Es ist darüber hinaus anzunehmen, dass kurz- und mittelfristig Themen rund um Fragen der ökologischen Nachhaltigkeit hinzukommen und die Anpassungsnotwendigkeiten deutlich erhöhen werden. Kurz: Wandel, Veränderung und Transformation sind schon jetzt und zukünftig die Regel.

Es ist weiterhin davon auszugehen, dass die Kultur der Organisationen ein wesentlicher Faktor für das Gelingen nachhaltiger Veränderungsprozesse sein wird. Hier liefern die Autorinnen einen guten, einführenden Überblick über Instrumente, die ermöglichen, die Organisationskultur in den Blick zu nehmen. Auch werden Ansätze zur Veränderung der Organisationskultur dargelegt.

Fraglich hingegen ist das Verständnis der Autorinnen, ob und wie sich Kultur gestalten lässt. Kultur kann aus systemischer Perspektive als informelle Struktur einer Organisation, bestehend aus den nicht-entscheidbaren Entscheidungsprämissen, verstanden werden. Damit rücken Verhaltenserwartungen in den Blick, die nicht bewusst – im Sinne entscheidbarer Entscheidungsprämissen – entschieden wurden. Die Organisationskultur ist aus dieser Perspektive nicht direkt veränderbar, sondern folgt – basierend auf Wiederholungen der Verhaltenserwartungen – Strukturen und Strategien der Organisation. Die Autorinnen legen im Gegensatz dazu ein eher technokratisches Verständnis der Veränderbarkeit von Kultur an. Dabei rekurrieren sie auch auf eher tradierte Theorien der Betrachtung von Organisationskultur. Als Beispiel beziehen sie sich auf Theorien von Peters und Matermann und kommen zu dem Schluss, dass Organisationskultur „verstärkt als beeinflussbarer Faktor innerhalb von Organisationen betrachtet und von unterschiedlichen Seiten beleuchtet“ (38) wird.

Hilfreich ist hingegen der Einblick in die vier Praxisprojekte, die jedoch nicht zwingend unter „Kulturveränderung“ positioniert werden müssen. So beeinflusst die Einführung von E-Learning oder einem Wissensmanagement-System die Kultur selbstverständlich, aber eben nicht primär. Vielmehr geht es auch hier um die Einführung neuer Regeln, Aufgaben und Strukturen, die die Kultur prägen.

Deutlich zu kurz kommen hingegen Fragen der Digitalisierung in sozialen Organisationen. Überspitzt formuliert ist die Erkenntnis, dass die Mitarbeiter*innen Sozialer Berufe nicht flächendeckend ins Homeoffice gehen können, trivial. Hier fehlen Auseinandersetzungen, die wirklich neue Erkenntnisse und Herangehensweisen ermöglichen. Sonst besteht die Gefahr, dass das wichtige und die Zukunft bestimmende Thema der Digitalisierung nicht in den Organisationen andockt. Hinzuweisen wäre bspw. auf die „Kultur der Digitalität“, die in der Verbindung aus analogen und digitalen Welten deutlich andockfähiger ist an die Realität Sozialer Arbeit als eine beinahe ausschließlich technikbasierte Perspektive.

Fazit

Das Buch lässt sich als praxisorientierter, grober Überblick über Möglichkeiten der Organisationsveränderung mit einem spezifischen Fokus auf die Beeinflussung der Organisationskultur verstehen. Dabei werden einige gute Ansätze der Gestaltung von Veränderungsinitiativen aufgezeigt, die dem einen oder anderen Projekte sicherlich dienlich sein können.

Wünschenswert hingegen wäre an einigen Stellen die tiefergehende Betrachtung systemischer Perspektiven, um darüber die Steuerungsfantasien insbesondere mit Blick auf die Gestaltung der Organisationskultur in Grenzen zu halten.

Für Praktiker*innen, die einen ersten Überblick über die Themen Kultur in Verbindung mit möglichen Aufgabenstellungen aus der Digitalisierung erhalten wollen, ist das Buch empfehlenswert.

Rezension von
Hendrik Epe
M.A.
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Es gibt 11 Rezensionen von Hendrik Epe.

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Zitiervorschlag
Hendrik Epe. Rezension vom 14.02.2022 zu: Andrea Ludwig, Birgit Wolf: Veränderungsmanagement in der Sozialwirtschaft. Praxisorientierte Personal- und Organisationsentwicklung in unruhigen Zeiten des digitalen Wandels. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2021. ISBN 978-3-658-34993-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28942.php, Datum des Zugriffs 19.08.2022.


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