socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Michael Klein, Hendryk von Reichenberg: Das Ende der Gender-Sprache

Cover Michael Klein, Hendryk von Reichenberg: Das Ende der Gender-Sprache. Genderismus, Sprachkampf, Tiefenpsychologie. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2021. 138 Seiten. ISBN 978-3-95853-729-3. 30,00 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK


Thematische Interessenkonflikt-Erklärung

Neben lacanianisch geprägtem Sprachverständnis und lexikalischen Sprach­spielsympathien ist der Rezensent auch von Genderpraxis bzw. -an­sprüchen betroffen und hat sich damit a.a.O. auseinandergesetzt (Kobbé, 2019). Fallweise schreibt er mit lesefreundlichem Binnen-I [1]. Hicksende Aussprache mit stimmlos-glottalem Verschlusslaut bei Gender-Gaps (Beispiel: Leser_innen, IPA: ˈleːzəʁ ̰ɪnən) steht für ihn auf der Liste sprachlicher No-Gos.

Thema

Ob, wie und wann Gendern (Entwicklung und Gebrauch geschlechtersensibler Schreib- und Sprachformen) eine sprachliche Option ist, soziale Relevanz haben bzw. gesellschaftliche Pflicht sein mag, geriet in den letzten Monaten zur – oft monoton-monologisierenden – Debatte mit end- und fruchtlosen Argumentationssträngen. Zu­gleich aber wird Jede/r in Medien, Berufs-, Alltagsleben mit unterschiedlich variiertem Gendervokabular konfrontiert.

Auch wenn es sich eher um Genderlekte [2] denn um Gendersprache(n) handelt, bedarf es der Auseinandersetzung mit Aspekten der sozialen Pragmatik, der Interaktionsformen und -deformierungen, der ideellen, idealen und ideologischen Kommunikation, der Auswirkungen auf soziale Wahrnehmungsroutinen, Einstellungsmuster, Gedankenreflexe, Verhaltenskompetenzen und Sprachkultur(en).

In eben diese – durch ‚Cancel Culture‘ und ‚Political Correctness‘ ideologisch verminte – Debattenfront [3] mischen sich die Autoren sach- und fachkundig ein. Doch schon ihr Buchtitel gerät zur programmatischen Coverversion, thematisiert er doch auf den ersten Blick „Das Ende der Sprache“, bei näherem Hinsehen allerdings das „der Gender-Sprache“. Der Aufmacher mit dem Wortspiel deutet an: Um Effekte von „Genderismus“ sowie „Sprachkrampf“ (Untertitel), um eine Analyse als „Tiefenpsychologie“ (Untertitel) der Fakten, Wirkungen und Möglichkeiten, um Perspektivenwechsel und Entwirrung von Vermengtem geht es ihnen.

Autoren

Der Website des Verlags [4] sind folgende Angaben zu entnehmen:

Prof. Dr. Michael Klein, tätig an der Katholischen Hochschule NRW, Köln. Lehrgebiet: Klinische Psychologie, Psychotherapie und Suchtforschung. Akademische Schwerpunkte: Suchterkrankungen (Alkohol, Drogen, Glücksspiel), Männergesundheit, kognitive Psychologie und Persönlichkeitsstörungen. Außerdem in eigener Praxis als Psychologischer Psychotherapeut, Coach und Supervisor tätig.“

Hendryk von Reichenberg (Pseudonym), promovierter Naturwissenschaftler und examinierter Kulturwissenschaftler, in unterschiedlichen Bereichen ehren- und hauptamtlich aktiv. Akademische Schwerpunkte im kultur- und sprachwissenschaftlichen Bereich: deutsche und indogermanische Sprachgeschichte, vergleichende Stellung des Deutschen im Kontext anderer Sprachen.“

Entstehungshintergrund

Das Vorwort offeriert eine programmatische Vor- und Entstehungsgeschichte: „Diesog. Gender-Sprache ist etwas, was viel zu lange belächelt und nicht. ernst genommen wurde. Dabei sind der dahinterstehende theoretische Unterbau und die totalitäre Gewalt, mit der diese ‚Sprache‘ durchgesetzt werden soll, erschreckend, gerade vor dem Hintergrund der Geschichte dieses Landes. Seit 2019 hat die Bewegung um die sog. Gender-Sprache eine neue Qualität gewonnen: zunächst mit der Zwangseinführung dieser ‚Sprache‘ in der Hannoveraner Stadtverwaltung (gefolgt von einer Anzahl anderer Gebietskörperschaften), dann durch den penetranten Gebrauch dieser ‚Sprache‘ in zahlreichen Öffentlich-Rechtlichen Sendern, besonders im Deutschlandfunk, im ZDF und bei Anne Will“ (7).

Aufbau

Wenngleich der formale Aufbau aus dem Inhaltsverzeichnis (siehe oben) ersichtlich ist, wird anhand des nachfolgend zitierten Überblicks der Autoren deutlicher werden, dass es sich weniger um ein wissenschaftlich ‚korrekt‘ informierendes Sachbuch, sondern mehr um einen diskursiven Reader als Textsammlung sehr heterogener (und unterschiedlich bedeutsamer) Beiträge mit sich ergänzenden, illustrierenden bzw. legitimierenden Foki, Methoden, Analyse- und Reflexionsstrategien geht:

„In Teil A wird anhand einer Auswahl von anonymisierten Fallbeispielen deutlich gemacht, wie wenig Begründungsfähigkeit hinter dem Gebrauch der Gender-Sprache steckt. Der sich zeigende Zustand uniformer Ideenlosigkeit ist bezeichnend für das Reflexionsvermögen einer Gesellschaft, in der viele aus Angst vor Cancel Culture gegen ihre inneren Gedanken handeln oder gleich das Denken an vermeintliche moralische Autoritäten delegiert haben und in der deshalb ein erschreckender Verfall der Debattenkultur zu beobachten ist.

Teil B enthält einige Satiren, die aufzeigen, wohin die Reise noch hingehen kann, wenn nicht gesellschaftliche, politische und juristische Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Sehr erfreulich ist, dass Frankreich schon weiter ist und Gendern an Schulen und im Kultusministerium offiziell verboten hat – und dies, obwohl die französische Version der Gender-Sprache Männer deutlich weniger benachteiligt als das deutsche Pendant.

Teil C enthält einige Alternativvorschläge zur Gender-Sprache, die aufzeigen, dass sog. Gender-Sternchen ein fataler Irrweg sind, der schnellstens verlassen werden sollte.

Teil D enthält einige linguistische Betrachtungen.

Teil E enthält eine ausführliche Darstellung der psychologische: soziologischen und kulturellen Hintergründe der Gender-Sprache“ (8).

Inhalt

Will man die Übersicht auf Inhalt und Informationsgehalt dieses Readers eindampfen, bietet es sich an, die im Teil E eingestreuten „Leitsätze“ herauszupräparieren und aufzulisten:

  • „Leitsatz 1: Die feministische Linguistik will mit dem Propagieren der Gender-Sprache nicht nur Frauen sichtbarer machen. sondern auch Wiedergutmachung für jahrhundertelange Unterdrückung der Frauen in Gesellschaft und Sprache erlangen, die als patriarchales Erbe postuliert wird“ (123).
  • „Leitsatz 2: Jeder Mensch hat das Recht auf sprachliche, emotionale und personale Identität. Die muss auch für die Mehrheitsgesellschaft respektiert und umgesetzt werden. Sprache lässt sich nicht enteignen“ (127).
  • „Leitsatz 3: Gender-Sprache ist für den zwischenmenschlichen Kommunikationsalltag untauglich. Dies gilt auch für Partnerschaft, Familie und Arbeitswelt. Dadurch entsteht eine starke Spaltung zwischen öffentlicher und privater Sprache“ (128).
  • „Leitsatz 4: Gender-Sprache erzeugt einen Zuwachs an sprachlichem Umfang, ohne dass mehr Information transportiert wird. Sprache bläht sich quantitativ auf und wird umständlicher zu handhaben“ (130).
  • „Leitsatz 5: Sprache sollte stets so einfach und klar benutzt werden, wie es geht. Komplex wird sie durch die Abbildung von Realität und Denken von alleine. Das gilt besonders für das Deutsche“ (140).
  • „Leitsatz 6: Gender-Sprache steht dem Willen der Mehrheit der Bevölkerung entgegen. Sie erzeugt mentalen und emotionalen Stress. Sie beschädigt die Sprachgesundheit“ (143).
  • „Leitsatz 7: Nicht die propagierte Ideologie entscheidet über Diskriminierung und Gleichberechtigung, sondern die soziale Realität“ (149).
  • „Leitsatz 8: Sprachveränderungen lassen sich nicht aufoktrovieren, sondern müssen in der Gemeinschaft der Sprechenden, der Bevölkerung organisch heranwachsen“ (150).
  • „Leitsatz 9: Den meisten Leitfäden für gendergerechte Sprache ist eine Unkenntnis oder Ignoranz der Regeln der deutschen Grammatik zu eigen. Man bastelt sich eine eigene, vermeintlich gendergerechte Grammatik. Dies ist natürlich nicht zulässig. Es handelt sich um volkspädagogische Elitenpolitik“ (154).
  • „Leitsatz 10: Die Beidnennung von Männern und Frauen bei Begrüßungen und in anderen besonderen Situationen ist ein probater Weg zur Respekterweisung, die auch sprachlich einfach zu lösen ist. Es braucht keiner Zerstörung des generischen Maskulinums, um respektvoll zu sprechen“ (161).
  • „Leitsatz 11: Mit dem generischen Maskulinum (erstes Genus) werden alle Menschen unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung inkludiert, Man muss es nur hören wollen“ (162).
  • „Leitsatz 12: In der Alltagssprache so wenig wie möglich und so oft je nötig sexualisieren!“ (163).
  • „Leitsatz 13: Die feministische Linguistik ist in weiten Teilen unwissenschaftlich, ideologiegetrieben und hyperemotional. Sie kann aufgrund dieser einseitigen, männerfeindlichen Fixierung keine gesamtgesellschaftlich akzeptablen Beiträge zur gendergerechten Sprachdebatte liefern“ (166).
  • „Leitsatz 14: Die Ursprünge der Gender-Sprache in der feministischen Linguistik beruhen auf männerfeindlichen Schriften voller Hass und Minderwertigkeitsgefühlen“ (167).
  • „Leitsatz 15: Der Erfolg der Gender-Sprache beruht auf impliziten Motiven von Dominanz, Gleichmacherei und Kontrolle. Sie führt nicht zu mehr Gerechtigkeit, sondern zu Exklusion und Spaltung“ (170).
  • „Leitsatz 16: Gender-Sprache bedient Partikularinteressen, lenkt von den Basisproblemen der Gesellschaft ab und erzeugt vordergründige Gerechtigkeitsgefühle und verschafft das Gefühl, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen. Das alles beruht aber auf einem pseudowissenschaftlichen Irrtum“ (174).
  • „Leitsatz 17: Die in den öffentlich-rechtlichen Medien benutzte Sprache kann nicht mehr als Vorbild für korrekte Sprachnutzung dienen. Sie entfällt somit als Baustein im Bildungsbereich entgegen dem ihnen gestellten Auftrag“ (182).
  • „Leitsatz 18: Wenn Sie grammatisch korrekt und ideologiefrei formulieren wollen, benutzen Sie keinen Duden!“ (184).
  • „Leitsatz 19: Gutes Deutsch ist inklusiv und menschenfreundlich. Keiner ist ausgeschlossen, der es nicht sein will“ (185).
  • „Leitsatz 20: Mit dem unmarkierten Genus kann im Deutschen elegant jegliche Diskriminierung vermieden werden, weil alle inkludiert sind“ (188).
  • „Leitsatz 21: Geschlechter werden in der deutschen Sprache immer und überall deutlich gemacht, wo dies erwünscht und notwendig ist. Sie müssen aber nicht kontinuierlich betont werden, weil dies Sprache unnötigerweise sexualisiert“ (191).
  • „Leitsatz 22: Trotz der medialen Übermacht an Befürwortern für die Gender-Sprache lohnt sich qualifizierter Widerstand gegen Zeitgeist, Manipulation und Sprachzerstörung“ (193).
  • „Leitsatz 23: Gender-Sprache macht Denken, Abstrahieren und Sprechen langsamer. Ein Wettbewerbsnachteil für den Wirtschaftsstandort Deutschland!“ (204).
  • „Leitsatz 24: Was auch immer Sie sagen wollen, verwenden Sie im Deutschen das Partizip sparsam. Es könnte sich logisch und semantisch gegen Sie richten“ (209).
  • „Leitsatz 25: Gleichstellungsfragen müssen im Alltag, der Politik und im Zwischenmenschlichen und sollten nicht mit Sprache gelöst werden“ (210).
  • „Leitsatz 26: In der deutschen Sprache werden weder Frauen noch Männer unsichtbar gemacht. Jeder muss und kann sich aus dem sprachlichen Kontext herausidentifizieren“ (217).
  • „Leitsatz 27: Gender-Sprache ist nicht per se gerecht. Geschlechtergerechtigkeit zeigt sich nicht an der Benutzung oder Nicht-Benutzung des generischen Maskulinums“ (223).
  • „Leitsatz 28: Wer heutzutage Karriere im ÖRR machen will, muss gendern und sich zum Feminismus und Genderismus bekennen. Mutiger, kritischer Journalismus findet inzwischen andernorts statt, Es bedarf einer Renaissance des nach Wahrheit und Objektivität strebenden Journalismus abseits des genderistischen Konformismus“ (230).
  • „Leitsatz 29: Mit Gender-Sprache können keine literarischen Meist-werke (‚Meisterinnenwerke sie!) produziert werden. Sie führt zum ästhetischen Niedergang der deutschen Sprache, die damit dystopisch und unästhetisch wird“ (235).
  • „Leitsatz 30: Der derzeitigen akademischen Linguistik ist hinsichtlich Unabhängigkeit von feministischen Lehrsätzen nicht zu vertrauen. Ihre Desiderate genügen meist nicht akademischen Mindeststandards hinsichtlich kritischer Selbstreflexion und wissenschaftstheoretischer Herleitung“ (244).
  • „Leitsatz 31: Das unmarkierte Genus erlaubt nicht-sexualisiertes Sprechen, wann immer möglich. Sexualisierte Genera nur dann benutzen, wenn nötig!“ (259).
  • „Leitsatz 32: Die Gender-Sprache ist kein demokratisch legitimiertes Projekt. sondern ein feministisches Elitenprojekt gegen die Mehrheit der Bevölkerung“ (266).
  • „Leitsatz 33: Niemals angelsächsische. Lehnwörter gendern. Es könnte nach überheblicher germanischer Attitüde aussehen!“ (271).
  • „Leitsatz 34: Eine selbstbewusste Gesellschaft, die gegenüber ihren Minderheiten fair und respektvoll handelt, kann auch gegen chronisches Beleidigtsein als Geschäftsmodell und daraus erwachsende überzogene Forderungen souverän und ablehnend reagieren“ (275).
  • „Leitsatz 35: Widerstand gegen die undemokratisch etablierte Gender-Sprache ist möglich und nötig“ (278).
  • „Leitsatz 36: Wenn wir Sprache und Kultur vor weiterem Schaden bewahren wollen, müssen wir uns wehren und die Sprache modernisieren, ohne sie zu zerstören!“ (281)
  • „Leitsatz 37: Genus ist nicht gleich Sexus. Daher ist das generische Maskulinum kein Männergenus. Es ist die inklusivste, einfachste Möglichkeit des Ausdrucks von Respekt und Achtung für alle Menschen“ (300).
  • „Leitsatz 38: Die Standardsprache ist nach wie vor der beste Ausgangspunkt für inklusives, gerechtes Deutsch“ (301).
  • „Leitsatz 39: Zergendern erhöht den Widerstand in der Bevölkerung gegen Gender-Sprache und leitet das Ende dieser elitären Kunstsprache ein“ (312).

Diskussion

Wie oben ersichtlich, operieren die beiden Verfasser mit sehr unterschiedlichen Textformen (Begriffsregister, Fallbeispiele, Satiren bzw. Glossen, sprachwissenschaftliche Analysen, linguistische Reflexionen, philosophische Erörterungen, psychologische Modellbildungen, soziologische Ableitungen, gesellschaftspolitische Kommentierungen). Bedauerlicherweise werden dabei – siehe obige Leitsätze – Fakten, wissenschaftliche Befunde, persönliche Meinung, politische Forderung und/oder programmatische Empfehlung unsauber miteinander verquickt. Entsprechend essayistisch gerät die ursprünglich wissenschaftsbasierte Genderismuskritik.

Wenn der Anspruch systematisch generierter „Leitsätze“ ernst gemeint ist, wird dieser mit zunehmender (Subjektivität der) Meinungsäußerung verspielt bzw. unterlaufen: Anstelle allgemeingültig zusammenfassender Orientierungssätze i. S. verbindlicher Quasi-Richtlinien und zitierfähiger Fallanalysen, Leitsätzen eben, geht es den Autoren in ihrer Schreibe mitnichten nur um Inhalte, Sachverhalte, diskursive Praktiken und deren rationale Kritik. Vielmehr geht es zugleich um die Reinszenierung der affektiven Auswirkungen alltäglichen Genderns und gegenoffensiver Abwehrpos(ition)en. Dramatisierende bzw. skandalisierende Spielarten dieses mitunter empört, punktuell appellativ geratenden Diskurses tragen dabei zur unfreiwilligen Entwertung oder Infragestellung wissenschaftlicher Aufklärungsintentionen bei. Dies, obschon sich der Essay gegen dichotome Pro-Kontra-Schrumpfungen genderbezogener Diskurse verwahrt und dafür plädiert, solche Verengungen „durch einen ergebnisoffenen, freien, undogmatischen und den Menschen wieder als Ganzes in den Blick nehmenden Diskurs zu überwinden“ (Klappentext).

Auf Motiv und Zielsetzung der Genderlekte zurückkommend stellt Lummerding (2009, 202) grundlegend fest: „Um Identität als sprachlich bedingt und das Moment der Unmöglichkeit eines ‚Vollendens‘ und damit ‚Stillstellens‘ von Identität bzw. Bedeutung in seiner zugleich ermöglichenden Dimension benennbar zu machen – und um zu begründen, weshalb jede Identitäts- bzw. Bedeutungskonstruktion zugleich notwendig durch ein Darüberhinausweisen gekennzeichnet ist – wählt Lacan [5] den Terminus des ‚Realen‘“ als Unmöglichkeit des Fixierens und Sistierens. Insofern Existenz jedwedem Subjekt nur als sexuierte verfügbar wird, ist Identität notwendigerweise Ergebnis (und nicht Grundlage) einer Differenzierung, also Wirkung eines sprachlichen Prozesses. Mithin schlägt Lummerding (2009, 203) vor, ‚Geschlecht‘ als Kategorie neu zu denken: „Es ist also eine dezidiert politische Überlegung, die für die VerWendung gerade des Terminus ‚Geschlecht‘ (als analytischen Begriff) spricht, um eben nicht ‚Etwas‘ (quasi ‚vorsprachlich Vorhandenes‘) zu bezeichnen, sondern um das Moment des Realen – und damit die sprachlich bedingte Notwendigkeit einer Differenz als solcher – in ihrer konstitutiven Funktion für die je immer nur temporäre Herstellung von ‚Subjekt‘ im Sinne einer Identitätsposition deutlich zu machen“ (Lummerding, 2009, 204).

Welche Genderform (siehe Fn 8 und 9) auch immer bevorzugt und verwendet wird – ideelle Forderung wie Anwendungspraxis des Ersetzens bestimmter Termini durch (variierte) andere Begriffe zeigen „eine grundlegende Ahnungslosigkeit in Bezug darauf, wie Sprache funktioniert. Es ist naiv zu meinen, dass ‚angemessene‘ Worte einfach so an die Stelle von ‚unangmessenen‘ treten können, ohne dass diese Operation Spuren hinterließe“ (Pfaller (2017, 30). Denn die Ersetzung eines Signifikanten [6] durch einen anderen generiert – so Lacan (1957, 515) – zugleich einen dritten: Der neue Signifikant bezeichnet nicht mehr dasselbe wie der alte, sondern enthält immer auch (den Verweis auf) die Ersetzungsoperation. In dieser Hinsicht birgt jedes Gendern nicht nur eine u.U. angemessenere Bezeichnung in sich, sondern ist zugleich durch seine vermeintlich korrigierte/gelöschte unangemessene Bedeutung kontaminiert … und macht mitunter mehr darauf aufmerksam als zuvor.

Der oktroyierte Genderlekt legt damit die zwangsläufige Vergeblichkeit einer definitiv ‚gendergerechten‘ Sprachordnung offen. Sein sprachkrampfiger Impetus, sein agitierendes Insistieren, sein undialektischer Dogmatismus, ent- und verstellen sexuelle Differenz durch Dynamiken affektiver Differenz [7], verfolgen Inklusionsziele mit disziplinargesellschaftlichen Mitteln und Effekten sozialer Exklusion. Dass diese Deformation – nicht nur von Sprache, sondern auch des Sprechens – affiziert und provoziert, veranschaulicht der Reader von Klein & von Reichenberg. Offenbar ist das Ressentiment nur als ein Affekt zu begreifen, sondern auch „als ein Vermögen zur Produktion von Affekten“ (Pfaller, 2017, 124). Denn die eingeforderte political correctness wird, wie die Autoren darlegen, u.a. an Universitäten mit unlauteren Mitteln akademischer Abstrafung erzwungen, zugleich Hörern/Hörerinnen [8] wie Lesern/​Leserinnen [9] in den öffentlichen Medien unausweichlich aufgenötigt und in praxi durchgesetzt. Deutlich wird, dass es im Sprachkrampf um einen Sprachkampf, dass es beim – Top-Down-Modus des – Genderismus um ideologisch aufgeladene Absichten und Praktiken geht. Sprachwäsche, Konsens- und Solidaritätszwang [10], Medienkontrolle, Meinungsmache … sind weder links noch rechts, weder queer noch gendersensibel, sondern unerträglich doktrinär.

Dies herauszuarbeiten, in Ursachen, Folgen und Widersprüchen zu belegen und zueinander in Beziehung zu setzen, sind Stärke und Verdienst dieses Readers. Er enthält – auch wenn die Autoren dies leider nicht durchhalten – fachkundige, detaillierte und sprachspielinformierte Momentaufnahmen, Beschreibungen, Abgleiche, Analysen und Korrekturen. Er weist allerdings auch jene Wahrnehmungs- und Erkenntnisprobleme systemimmanenter Reflexion auf, die zur Bescheidenheit sowohl der Systemkritik wie auch – vor dem Hintergrund eigener Interessenkonflikt-Erklärung – der Beurteilung solcher Kritik veranlassen: „Auch du bist ein Subsystem/​Eines genügend reichhaltigen Sumpfes./Und ein Subsystem dieses Subsystems/Ist der eigene Schopf,/Dieses Hebezeug/Für Reformisten und Lügner./In jedem genügend reichhaltigen System/Also auch in diesem Sumpf hier,/Lassen sich Sätze formulieren,/Die innerhalb des Systems/​Weder beweis- noch widerlegbar sind“ (Enzensberger, 1971, 169).

Fazit

Der Reader untersucht, diskutiert und kritisiert die Praxis des Genderns. Ausgangspunkte sind soziologische, psychologische, sprachwissenschaftliche Fakten. Hierfür verwenden sie einen Mix aus Begriffsregistern, Fallbeispielen, Satiren bzw. Glossen, wissenschaftlichen Modellen, Analysen, Erörterungen, Kommentierungen. In 39 Leitsätzen entwickeln die Autoren schrittweise ihr Fazit der Ablehnung von Genderlekten. Die Gründe sind sprachlicher, kultureller, gesellschaftspolitischer und praktischer Natur. Konsequent arbeiten sie heraus, dass Für-oder-Wider-Verkürzungen als Totschlagargumente, sprich, als Doublebind-Falle eines Kampfdiskurses dienen. Auch die Autoren leben innerhalb einer Sprachgemeinschaft mit Genderansprüchen und -produktionen, d.h. sie sind keine außenstehenden, sondern teilnehmende Beobachter. Entsprechend heterogen (objektiv und subjektiv, wissenschaftlich und parteilich, sachlich und affektiv involviert) gerät ihnen ihr Streitbuch. Entsprechend informativ, faktenlastig, engagiert, widerständig und widersprüchlich ist sein Inhalt. Entsprechend lesenswert ist ihr Genderstilb(r)uch.

Literatur

Angerer, M.-L. (2015). Sexuelle Differenz in Zeiten des Zerebralen Unbewussten. In Psychoanalyse, 19 (1), 64–75.

Enzensberger, H.-M. (1971). Hommage à Gödel. In Enzensberger, H.-M. (Hrsg.). Gedichte 1955–1970 (168-169). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Huckauf, A.; Hensel, L.; Oberzaucher, E. & Ehlers, J. (2018). Okulomotorik und Lesefluss beim Lesen von Texten in geschlechterfairer Schreibweise. In Schwender, C.; Schwarz, S.; Lange, B.P. & Huckauf, A. (Hrsg.). Geschlecht und Verhalten aus evolutionärer Perspektive. Die Psychogenese der Menschheit, Bd. IV (293-307). Lengerich: Pabst.

Kobbé, U. (2004). Wider die Nächstenliebe oder: Psychologie über die philosophische Hintertreppe. Versuch zur Ontologie (un)solida­rischer Intersubjektivität. In Zeitschrift für Politische Psychologie, 12 (1/2), 25–46.

Kobbé, U. (2019). Geschlechterdifferenz als Infragestellung – Gender als Praxis der Improvisation. In Kobbé, U. (Hrsg.). Lilith im Maßregelvollzug. Ein frauenforensischer Reader (19-37). Lengerich: Pabst.

Lacan, J. (1957). L‘instance de la lettre dans l‘inconscient ou la raison depuis Freud. In Lacan, J. (1966). Écrits (491-528). Paris: Seuil.

Lacan, J. (1972). De la jouissance. In Lacan, J. (1975). Le Séminaire, livre XX: Encore (9-22). Paris: Seuil Points.

Lacan, J. (1973). Télévision. Paris: Seuil.

Lummerding, S. (2009). Mehr-Genießen: Von nichts kommt etwas. Das Reale, das Politische und die Produktionsbedingungen – zur Produktivität einer Unmöglichkeit. In Paul, B. & Schaffer, J. (Hrsg.) (2009). Mehr(wert) queer. Visuelle Kultur, Kunst und Gender-Politiken. Queer Added (Value). Visual Culture, Art, and Gender Politics (199-211). Bielefeld: transcript.

Pfaller, R. (2017). Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur. Frankfurt am Main: Fischer.


[1] Huckauf et al. (2018)

[2] Genderlekt= Spracheigentümlichkeit in Abhängigkeit vom sozialen Geschlecht (Gender)

[3] https://taz.de/Grenzen-der-Debattenkultur/!5765381/

[4] https://www.psychologie-aktuell.com/buecher/​buecher-lesen/​das-ende-der-gender-sprache-genderismus-sprachkrampf-tiefenpsychologie.html

[5] Als das Reale bezeichnet Lacan komplementär zum Imaginären und zum Symbolischen die dritte Strukturbestimmung des Subjekts: Das Reale ist etwas Unsagbares, Unfassbares, Unkontrollierbares außerhalb jeder konkreten Realität. Lakonisch konstatiert Lacan (1972, 14): „Es gibt nicht die Frau“, weshalb er den bestimmten Artikel ab 1975 durchstreicht bzw. andernorts feststellt: „Die Frau ex-sistiert nicht“ (Lacan, 1973, 60).

[6] Signifikant = Bezeichnendes, sprachl. Zeichen

[7] Angerer (2015, 73)

[8] vermurksen Sie‘s selbst: Hörer_innen, Hörer*innen, Hörer/innen, Hörer(innen), HörerInnen, Hörer:innen, Hörer!innen, Hörerïnnen, Höras, Hörxs, Hörecs, Hörenden (m/w/d)…

[9] dito nach Ihrem Gusto: Leser_innen, Leser*innen, Leser/​innen, Leser(innen), LeserInnen, Leser:innen, Leser!innen, Leserïnnen, Lesas, Lesxs, Lesecs, Lesenden (m/w/d)…

[10] Kobbé (2004)


Rezension von
Dr. Ulrich Kobbé
Klinischer und Rechtspsychologe, forensischer Psychotherapeut, Supervisor und Gutachter
Homepage www.iwifo-institut.de
E-Mail Mailformular


Alle 14 Rezensionen von Ulrich Kobbé anzeigen.


Zitiervorschlag
Ulrich Kobbé. Rezension vom 11.01.2022 zu: Michael Klein, Hendryk von Reichenberg: Das Ende der Gender-Sprache. Genderismus, Sprachkampf, Tiefenpsychologie. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2021. ISBN 978-3-95853-729-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28943.php, Datum des Zugriffs 28.01.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht