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Veronika Fischer: Familienbildung

Cover Veronika Fischer: Familienbildung. Entstehung, Strukturen und Konzepte. UTB (Stuttgart) 2021. 248 Seiten. ISBN 978-3-8252-5619-7. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 26,90 sFr.

Reihe: Kindheitspädagogik und Familienbildung - Band 3. UTB - Nr. 5619.
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Thema

Das heterogene Handlungsfeld Familienbildung ist mit theoretischen, strukturellen und ökonomischen Herausforderungen konfrontiert. Bisher fehlt eine eigenständige Theoriedebatte zur Professionalisierung und Professionalität der Familienbildung (S. 203). Angesiedelt in der Sozialen Arbeit sowie in der Erwachsenen- und Weiterbildung unterliegt sie verschiedenen rechtlichen Rahmenbedingungen. Zusätzlich erschweren finanzielle Unsicherheiten und damit verbundene prekäre Beschäftigungsstrukturen die Verfolgung langfristiger Angebotsstrukturen. Daneben erfordert die Heterogenität der Zielgruppe „Familie“ flexible, vielfältige, adressatenorientierte und niederschwellige Zugänge und Angebote. Die vorliegende Monografie nähert sich diesen Themen an, beäugt kritisch die damit einhergehenden Implikationen für die Praxis, Forschung, Gesellschaft und Politik und erlaubt einen Überblick zur Familienbildung.

Autorin

Prof. Dr. Veronika Zimmer ist Professorin für Erziehungswissenschaft an der Hochschule Düsseldorf.

Entstehungshintergrund

Dieser Band gehört zu der Reihe „Kindheitspädagogik und Familienbildung“. Zwei Bände – darunter der vorliegende – fokussieren das Arbeitsfeld Familienbildung.

Aufbau und Inhalt

Die zwölf Kapitel dieser Monografie ordnen die Familienbildung in ihre historischen, gesellschaftlichen, politischen, rechtlichen und ökonomischen Entwicklungen und Strukturen ein.

Einleitend (S. 9–12) verdeutlicht die Autorin die Zielstellung und die theoretischen Zugänge zur Familienbildung. Erste Wissenslücken zur Familienbildung und ihrer Wirkung werden dargelegt.

Im ersten Kapitel (S. 13–15) geht Fischer auf die Problematik einer fehlenden allgemeingültigen Definition des Familienbegriffs ein. Die Autorin orientiert sich im Folgenden am Familienbegriff von Rosemarie Nave-Herz.

Das zweite Kapitel (S. 16–44) skizziert, wie historische und gesellschaftliche Entwicklungen die Familie, das Familienleben und die Familienbildung beeinflusst haben. Es beginnt mit der Industrialisierung und dem Erstarken des Bürgertums im 19. Jahrhundert und ihren Folgen für die Familie, ihre Strukturen und ihre Selbstdeutungen. Es entstehen erste Mütterschulen, welche sich auf die Mutter und Mütterlichkeit konzentrieren. Ab Mitte der 1960er Jahre verändern sich gesellschaftliche Leitbilder und Vorstellungen zu den Geschlechterrollen. Im Zuge dessen wandeln sich schrittweise das Familienleben und die Familienbildung, welche zunehmend die Väter mit in den Blick nimmt. Aus den Mütterschulen werden Familienbildungsstätten. Aktuelle Trends vermitteln eine zugenommene Vielfalt an Themenfeldern der Familienbildung. Dabei werden bisher nicht alle Zielgruppen zufriedenstellend erreicht.

Im dritten Kapitel (S. 45–49) werden mit § 16 SGB VIII die rechtlichen Grundlagen der institutionellen Familienbildung vorgestellt. Damit geht ein Perspektivwechsel von einer defizitorientierten hin zu einer präventiven Strategie in der Kinder- und Jugendhilfe einher.

Im vierten Kapitel (S. 50–61) wird die Komplexität des Begriffs Familienbildung illustriert. Das jeweilige Begriffsverständnis mit den damit verbundenen Zielen beeinflusst, ob die ganze Familie oder einzig die Eltern einbezogen werden. Im Zuge ihrer gesellschaftlichen Bedeutung ist Familienbildung im Sinne der Sozialen Arbeit ein „funktionaler Bestandteil von Sozialpolitik“ (S. 55) und dient im Sinne der Erwachsenen- und Weiterbildung der „Förderung selbstbestimmter Lern- und Bildungsprozesse“ (S. 55) von Erwachsenen. Im Zuge ihrer Struktur und ihres Auftrags ist sie nach Fischer in verschiedene Systemebenen eingebunden.

Das fünfte Kapitel (S. 62–105) stellt dar, wie die gesellschaftlichen Kontextbedingungen und Veränderungsprozesse in die Familie hineinwirken und ihre Entwicklungsmöglichkeiten, Gestaltungsräume und Lebensbedingungen beeinflussen. Gesetzte Schwerpunkte bilden die soziale Ungleichheit, Einstellungen zur Bedeutung der Familie, Familienleitbilder, Rollenaufteilung der Geschlechter, Familien mit Migrationshintergrund und der Diversity-Ansatz.

Wo kann die Familienbildung anknüpfen? Der Erziehungs- und Lernort Familie wird im sechsten Kapitel (S. 106–120) mit dieser Fragestellung untersucht. Dazu erläutert Fischer das Programm „PeKiP“ für Eltern mit Säuglingen, das „STEEP-Programm“ zur Unterstützung der Bindung sowie die Programme „Griffbereit“ und „Rucksack“ zur Förderung der Mehrsprachigkeit der Familienmitglieder. Weitere Anknüpfungspunkte der Familienbildung umfassen die elterlichen Erziehungs- und Beziehungskompetenzen sowie die Bewältigung kindlicher Transmissionen.

Das siebte Kapitel (S. 121–176) greift die Praxis in der Familienbildung auf. Die Vielfalt der Familienbildungsangebote erfordert eine Kategorisierung anhand ausgewählter Merkmale der Familien. Fischer nutzt dazu Familienphasenmodelle, unterschiedliche Familienkonstellationen, Belastungsfaktoren von Familien, die Familienaufgaben sowie die Zielgruppenorientierung. Zu den aufgeführten Themenfeldern führt sie beispielhaft konkrete Bildungsangebote an. Fischer verweist auf spezifische Fortbildungsbedarfe des Fachpersonals. Sie legt die Vorteile aufsuchender und begleitender Angebote dar. Zudem kritisiert sie die Zielgruppenorientierung aufgrund der damit einhergehenden Stereotypisierung. Zuletzt diskutiert Fischer die Qualität und Wirksamkeit der Angebote und beschreibt Veranstaltungsformate und Rahmenbedingungen der Familienbildung.

Fischer eruiert im achten Kapitel (S. 177–191) die Adressatenforschung. Wie können Eltern erreicht werden und welche Rahmenbedingungen liegen vor? Gezielte Werbung und Öffentlichkeitsarbeit sowie persönliche Ansprache und Brückenpersonen können Zugänge schaffen. Zugangsbarrieren können durch aufsuchende Strukturen und offene Treffs abgebaut werden. Weitere Möglichkeiten bieten die Bildungsinstitutionen der Kinder, Familienzentren sowie die sozialraumorientierte Arbeit.

Das neunte Kapitel (S. 192–202) betont die Bedeutung von Kooperation und Vernetzung der Familienbildung im Sinne der Lebensweltorientierung. Hierfür stehen verschiedene Institutionalisierungsgrade und Grundprinzipien einer gelingenden Kooperation zur Verfügung. Die öffentliche Jugendhilfe und lokale Bündnisse für Familien sollten nach Fischer die Angebote der Familienbildung koordinieren. Zuletzt geht sie auf relevante Kooperationspartner ein.

Das zehnte Kapitel (S. 203–212) thematisiert die Professionalisierung und Professionalität in der Familienbildung. Aufgrund der fehlenden eigenständigen allgemeinen Theoriedebatte (S. 203) erläutert Fischer kurz den Professionalisierungsdiskurs in der Sozialen Arbeit und in der Erwachsenen- und Weiterbildung. Die ausbaufähige Professionalität des Arbeitsfeldes verdeutlicht die Autorin anhand der lückenhaften Erfassung der Personalsituation und der fehlenden Qualifikationsstandards des Personals.

Das elfte Kapitel (S. 213–216) zeigt das Spannungsfeld von gesellschaftlichem Auftrag und unzureichender finanzieller Zuschüsse auf. Auch wenn die Familienbildung nach dem SGB VIII und den Erwachsenen- und Weiterbildungsgesetzen der Länder gefördert wird, bestehen Defizite der Finanzierung der Familienbildung weiter fort. Daraus folgen weiterhin existierende Hürden beim Erreichen benachteiligter Familien.

Zuletzt (S. 217–224) fasst die Autorin die zentralen Aspekte der vorliegenden Monografie zusammen. Sie unterstreicht ihren Appell, Familienbildung nachhaltig finanziell zu sichern.

Diskussion

Kompakt vermittelt diese Monografie einen gelungenen Überblick zu Entwicklungen und Herausforderungen der Familienbildung. Zudem geht sie gesondert auf die Familie, den Familienbegriff, die Familie als Lebens- und Lernort ein. Es wird deutlich, wie Familie und gesellschaftliche Entwicklungen miteinander zusammenhängen und in der Folge die Familienbildung beeinflussen.

Es werden das Begriffsverständnis der Familienbildung sowie die theoretischen Ansätze veranschaulicht. Zugleich wird deutlich, dass ein eigenständiger Professionalisierungsdiskurs zur Familienbildung bisher ausgeblieben ist. Fehlende empirisch gesicherte Daten zur Personalsituation und unzureichend gesicherte Personalstrukturen erschweren die Professionalität und Nachhaltigkeit in diesem Arbeitsfeld.

Rechtlich unterliegt die Familienbildung § 16 SGB VIII und den Landesgesetzen zur Erwachsenen- und Weiterbildung. Die Angebote der Familienbildung werden in ihrer Fülle dargelegt. Dabei wird deutlich, dass für einen gelungenen Überblick eine spezifische Kategorisierung der Merkmale von Familie hilfreich ist. Um diese Fülle und Diversität an Angeboten überhaupt leisten zu können, wird die Bedeutung der sozialräumlichen Kooperation und Vernetzung nachvollziehbar unterstrichen.

Der gesellschaftliche Auftrag und Nutzen der Familienbildung steht mit unzureichender finanzieller Förderung im Widerspruch, sodass ein niederschwelliger, aufsuchender Zugang zur Familienbildung für benachteiligte Familien nicht gesichert ist. Im Zuge dessen leitet Fischer die plausible Forderung einer nachhaltig gesicherten Finanzierung der Familienbildung ab.

Fazit

Die Monografie liefert einen wichtigen Beitrag zum aktuellen Stand der Familienbildung. Sie bietet einen Überblick zu dem bereits Geleisteten, unterstreicht die gesellschaftliche Bedeutung der Familienbildung und zeigt die zentralen Herausforderungen der Familienbildung auf. Für Studierende, Dozierende, Praktiker:innen und Forschende bietet die Lektüre wertvolle Hinweise und Impulse.


Rezension von
Dr. Susann Kunze
IU Internationale Hochschule, Erfurt, W2-Professorin für Kindheitspädagogik
Homepage www.iu.de/hochschule/unser-team/lehrende-sozialwiss ...
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Zitiervorschlag
Susann Kunze. Rezension vom 20.12.2021 zu: Veronika Fischer: Familienbildung. Entstehung, Strukturen und Konzepte. UTB (Stuttgart) 2021. ISBN 978-3-8252-5619-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28944.php, Datum des Zugriffs 23.01.2022.


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