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Thomas Klie: Pflegereport 2021

Rezensiert von Prof. Dr. habil. Gisela Thiele, 07.06.2022

Cover Thomas Klie: Pflegereport 2021 ISBN 978-3-86216-858-3

Thomas Klie: Pflegereport 2021. Junge Menschen und Pflege. Einstellungen und Erfahrungen nachkommender Generationen. medhochzwei Verlag GmbH (Heidelberg) 2021. 196 Seiten. ISBN 978-3-86216-858-3. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR.
Reihe: Beiträge zur Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung - 35.

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Thema und Autoren

Von den mehr als vier Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden über die Hälfte zu Hause von ihren Angehörigen versorgt. Dabei wird kaum gesehen, dass auch viele junge Menschen bei der Pflege von Geschwistern, Eltern oder Großeltern zu Hause unterstützen. Der Pflegereport 2021 der DAK-Gesundheit rückt diese Generation der jungen Pflegenden in den Mittelpunkt und will an der Stelle auch politische Impulse setzen. Der DAK-Pflegereport 2021 skizziert in qualifizierten Einzelinterviews die vielfältigen Pflegeaufgaben der nachkommenden Generationen, deren Einstellungen und Erfahrungen. Ergänzend dazu ist erneut eine Bevölkerungsbefragung Teil dieses Pflegereports. Die Ergebnisse zeigen eine große Bereitschaft in der jungen Bevölkerung, Aufgaben der Pflege von Angehörigen zu übernehmen und zwar unabhängig von Alter und Einkommen.

Der Herausgeber des Fachbuches ist, Prof. Dr. Thomas Klie, Leiter des Forschungsinstitutes AGP Sozialforschung in Freiburg und Berlin.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist nach einem Vorwort und einem Geleitwort als Erstes Kapitel in acht weitere Kapitel mit Unterkapiteln in unterschiedlicher Länge gegliedert.

Im „Vorwort“ werden das Anliegen der Publikation und die Inhalte der folgenden Kapitel kurz umrissen. Die Arbeit im Pflegedreieck mit Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen sei eine Besonderheit der ambulanten Pflege.

Das erste Kapitel ist als „Geleitwort: Generationsbeziehungen und Pflege“ verfasst. 

Das zweite Kapitel von Thomas Klie, dem Herausgeber des Pflegereports, ist mit „Junge Pflege – eine vernachlässigte Wirklichkeit mit großer Relevanz für die Zukunft“ überschrieben. Pflege sei nicht nur ein Thema älterer Menschen, es seien auch junge Menschen, die Verantwortung für die Pflege übernehmen oder selbst auf Pflege angewiesen sind. In diesem Report wird junge Pflege multiperspektivisch beleuchtet. Etwa 30 % haben bereits Familienangehörige mit Unterstützungsbedarf und weitere 40 % rechnen damit, dass ihnen Pflegeaufgaben zuwachsen. Bemerkenswert sei das in der gesamten Bevölkerung tief verankerte schlechte Image von Pflegeheimen. Es folgen Ausführungen zu Ergebnissen von Literaturstudien über die sogenannten „Young Carers“.

Im dritten Kapitel „Die junge Pflege – Allensbach-Befragung der 16- bis 39- jährigen Bevölkerung mit besonderer Berücksichtigung junger Pflegender“ wird die grundsätzliche Pflegebereitschaft aus dem aktuellen Vorherrschen der Angehörigenpflege sichtbar, die als soziale Normalität begriffen werde. Die Angehörigenpflege erfolge meist in gerader Abstammungslinie, im jüngeren Alterssegment oft über zwei Generationen, die in der Regel im Verbund mit anderen Angehörigen realisiert werde. Kinder und Enkel von Zuwanderern übernehmen etwas häufiger als andere Pflegeaufgaben. Etwa die Hälfte der jungen Pflegenden erlebe eine starke (32 %) oder sehr starke finanzielle Belastung der Betroffenen durch die Kosten der Pflege (S. 55).

Das vierte Kapitel ist dem „Lernen und Kümmern: Der Alltag junger Pflegender – eine Interviewstudie“ gewidmet, das von Isabel Schön, Christine Moeller-Bruker und Thomas Klie verfasst wurde. Es wurden sieben qualitative Interviews durchgeführt. Für die Fallstudien wurden junge Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren interviewt, die mindestens ein Jahr lang an der Pflege Angehöriger beteiligt waren. In den weiteren Ausführungen werden die Fallvignetten ausführlich auf 36 Seiten beschrieben und die Probleme damit thematisiert. Es wäre deutlich zu erkennen, dass die jungen Pflegenden das zurückgeben möchten, was ihnen als Kindern an Sorge entgegengebracht wurde (S. 101). Familiäre Pflege verweise in der Regel über tief verankerte Orientierungsmuster, die unser gesellschaftliches Leben strukturiere.

Das weiteres längeres Kapitel ist das Vierte „Pflege- und Sorgeverantwortung in jungen Jahren: ein Literaturbericht“, das von den gleichen Autoren wie das vorhergehende geschrieben wurde. Young Carers seien junge Menschen bis 18 Jahre, die eine Person oder mehrere, der sie sich verbunden fühlen, über eine längere Zeit und in wesentlichem Ausmaß in der Bewältigung des Alltags unterstützen. Eine neuere Studie zeige eine deutliche Zurückhaltung gegenüber der Unterstützung von außen. Es wäre aber nicht davon auszugehen, dass die Übernahme von Pflegeverantwortung ausschließlich eine Belastung darstelle. Daraus könnten auch Gewinne resultieren: ein erhöhtes Selbstwertgefühl, eine vergleichsweise frühe persönliche Reife und die ausgeprägte Entwicklung einer eigenen Identität (S. 124). Es sei zu vermuten, dass das Bildungsniveau junger Pflegender eher niedriger ist als das von jungen Menschen ohne Pflegeverantwortung.

Es folgt ein weiteres Kapitel von den Autoren Stefanie Oyoyo und Christine Moeller-Bruker zur „Die Beratung junger Pflegender in den Pflegestützpunkten und durch die Berater*innen der DAK Gesundheit: eine online Befragung “.Kinder und Jugendliche, die sich an Pflegeaufgaben beteiligen und in pflegenden Familien leben, sei ein Beratungsansatz gefragt. Der Beratungsschwerpunkt liege deutlich bei den Klienten in den Alterskategorien ab 40 Jahren und älter. Im Hinblick auf Probleme sei vor allem die emotionale und psychische Belastung und die Organisation des Pflegealltags zu nennen (71 %)

Die „Beratungs- und Unterstützungsangebote für junge Pflegende: gute Praxis und Empfehlungen“ von Isabel Schön, Christine Moeller-Bruker und Thomas Klie verfasst steht im Mittelpunkt des siebenten Kapitels. Es existierten in Deutschland nur wenige Angebote, die sich dezidiert an junge Pflegende richteten. Die Auswahl von Pionier*innen auf dem Gebiet der Unterstützung junger Pflegender wurden jene Projekte und Organisationen ausgewählt, die sich an junge Pflegende richten, die in den folgenden Ausführungen mit Namen und Hintergrundinformationen genannt werden

Das letzte Kapitel acht ist dem „Ausblick: Agenda Jugend und Pflege“ von Thomas Klie gewidmet. Mit der Fokussierung der Pflegepolitik auf die stationäre Pflege liegt die deutsche Pflegepolitik jenseits dessen, was volkswirtschaftlich und vom Fachkräftebedarf her leistbar ist, so das Resümee des Autors (S. 187).

Diskussion

Es ist ein Pflegereport, ein Bericht, der kurz, vollständig und logisch strukturierte Informationen über die Pflege junger Menschen, die pflegeerfahrener sind als wir annehmen, enthält.

Reports zeigen einen förmlichen Stil, ohne aufgeblasen oder unnötig kompliziert zu sein. Es geht um Klarheit, Genauigkeit und Vollständigkeit. Eine unpersönliche Haltung wird durch den Gebrauch des Passivs und durch eine wertfreie Darstellung der Ereignisse zum Ausdruck gebracht. Diese Kriterien sind für den Pflegereport 2021 von Tomas Klie gegeben. Die Überschriften sind allerdings viel zu lang und können stringenter formuliert werden.

Fazit

Besonders interessant sind die Ausführungen und Verallgemeinerungen der Fallvignetten, die entscheidende Probleme junger Pflegender herausstellen und verallgemeinern. Wer sich in das Feld der „Young carers“ mit ihren sehr unterschiedlichen Anforderungen einführen lassen will, dürfte das Buch als eine lohnende Lektüre empfinden.

Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Es gibt 188 Rezensionen von Gisela Thiele.

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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 07.06.2022 zu: Thomas Klie: Pflegereport 2021. Junge Menschen und Pflege. Einstellungen und Erfahrungen nachkommender Generationen. medhochzwei Verlag GmbH (Heidelberg) 2021. ISBN 978-3-86216-858-3. Reihe: Beiträge zur Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung - 35. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28948.php, Datum des Zugriffs 04.12.2022.


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