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Heidrun Bründel, Klaus Hurrelmann: Erziehung zur Männlichkeit?!

Rezensiert von Christoph Nette, 18.05.2022

Cover Heidrun Bründel, Klaus Hurrelmann: Erziehung zur Männlichkeit?! ISBN 978-3-7799-6645-6

Heidrun Bründel, Klaus Hurrelmann: Erziehung zur Männlichkeit?! Auf dem Weg zur geschlechtersensiblen Persönlichkeitsentwicklung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 192 Seiten. ISBN 978-3-7799-6645-6. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.

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Autoren

Heidrun Bründel ist Diplom-Psychologin und Gesprächspsychotherapeutin. Seit 2009 führt sie freiberuflich Fort- und Weiterbildungen für Psycholog:innen, Schulleiter:innen und Lehrkräfte durch. Zu ihren Forschungsthemen gehören Schulfähigkeit, sexuelle Gewalt und Jugendsuizidalität.

Klaus Hurrelmann ist seit 2009 Senior Professor an der Hertie School of Governance in Berlin. Er gehört zu den bekanntesten Kindheits- und Jugendforschern in Deutschland. Zu seinen Forschungsgebieten zählen Sozialisation, Bildung und Gesundheit von Kindern in Familien und Schulen.

Aufbau

Das Buch besteht hauptsächlich aus zehn Kapiteln, die sich jeweils mit einem eingegrenzten Bereich der Erziehung von Jungen und jungen Männern, bzw. ihrer Voraussetzungen und Gegebenheiten befassen. Dabei dient das zehnte Kapitel als Bilanz und Zusammenfassung. Vorangestellt ist eine kurze Einführung, die sich dem Anliegen, Ziel und Aufbau des Buches widmet. Abschließend wird ein Ausblick der Autor:innen gewagt.

Inhalt

Wenn ein Buch über Geschlecht bzw. Männlichkeit und Weiblichkeit geschrieben wird, ist es angeraten zunächst zu klären, wie die Autor:innen diese Begriffe jeweils verwenden. Auch in diesem Buch wird das zunächst getan. Bründel und Hurrelmann machen das kurz und bündig, indem sie schreiben „In diesem Buch stehen Jungen und junge Männer im Mittelpunkt, deren biologisches Geschlecht eindeutig männlich ist.“ (S. 10). Und sollte der Titel des Buches mit Fragezeichen und Ausrufezeichen den Eindruck erwecken, als würde die Erziehung zur Männlichkeit zur Diskussion gestellt, wird auf den ersten Seiten aufgeklärt: „Wir plädieren für eine Erziehung zur Männlichkeit.“ (S. 10). Und: „Wir glauben, dass Jungen eine andere Erziehung als Mädchen brauchen.“ (S. 11). Geklärt wird auch, dass es aufgrund der grundsätzlichen Unterschiede zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit eine sensible Beachtung und Aufnahme derselben in pädagogischen Kontexten braucht. Wie das gehen kann und welche Herausforderungen und Möglichkeiten sich für Eltern, Erziehungsberechtigte und Pädagogen dadurch ergeben wird in den ersten neun Kapiteln des Buches geklärt.

Das erste Kapitel wirft dabei zunächst einen Blick auf die genetischen und hormonellen Grundlagen des Geschlechts und inwieweit besonders das Hormon Testosteron für die Entwicklung von Jungen verantwortlich ist. Außerdem wird kurz in die Unterscheidung von Sex und Gender eingeführt und auf die beiden Konzepte ‚Doing Gender‘ und ‚Undoing Gender‘ Bezug genommen.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit dem Habitus-Konzept (Bourdieu) und dem Konzept hegemonialer Männlichkeit (Connell). Vor allem die Arbeit Connells wird ausführlich vorgesellt und in Bezug gesetzt zu den Anforderungen, die gegenwärtigen Jungen und jungen Männer gestellt werden. Außerdem wird die Rolle der Gleichaltrigen und die Bedeutung von gleichgeschlechtlichen Gruppen in diesem Kontext dargestellt.

Kapitel 3 wirft dann einen Blick auf die Themen Körperlichkeit und Sexualität bei Jungen und jungen Männern. Dabei wird auf die Entwicklungsaufgabe der Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und der Aneignung einer Geschlechtsidentität rekurriert. Dabei wird besonders die Auswirkung der medial vermittelten Männlichkeitsbilder beleuchtet, die Bedeutung des Sports für Jungen hervorgehoben und welche Auswirkungen Heterosexualität als hegemonialer maskuliner Code für den Umgang mit Homosexualität hat dargestellt.

Das anschließende Kapitel widmet sich der Beziehung von Müttern und Vätern zu ihren Söhnen. Hier wird den Fragen nachgegangen, welche Wichtigkeit Mütter und Väter als Bindungspersonen für ihre Söhne haben, inwieweit sich genderneutral und gendersensible Erziehung unterscheiden und welche Unterschiede in der mütterlichen und väterlichen Erziehung erkennbar sind. Außerdem wird dargestellt, wie besonders Väter die Beziehung zu ihren Söhnen gut gestalten und als Geschlechter-Rollenvorbilder agieren können. Abschließend wird ein Blick auf die Eltern und Beziehung als soziale Rollenmodelle geworfen.

Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit Jungen in der Kita. Das sechste mit Jungen in der Schule. In beiden Kapiteln werden jeweils die besonderen Herausforderungen für die Kinder und das pädagogische Personal erläutert und wie eine geschlechtersensible Erziehung und Bildung aussehen könnte.

Kapitel 7 informiert darüber, wie Jungen ihre Freizeit gestalten, was Freundschaften für sie bedeuten, nach welchen Werten sie ihr Handeln ausrichten und welche Schlüsselrolle die digitalen Medien in diesem Bereich spielen. Besonders beleuchtet wird das Risikoverhalten der Jungen (v.a. im Unterschied zu Mädchen).

Das achte Kapitel beschäftigt sich mit der Rolle von Gewalt in der Entwicklung von Jungen und jungen Männern. Im Einzelnen wird hier auf Kriminalität, Mobbing, Gewalt in der Familie, Gewalt in der Schule, sexualisierte Gewalt und Gewaltprävention eingegangen.

Das neunte Kapitel beleuchtet das Verhältnis von männlichem Geschlecht und Gesundheit. Es wird gezeigt inwiefern Jungen und junge Männer mit ihrer körperlichen und psychischen Gesundheit eher sorglos umgehen (bzw. sorgloser als gleichaltrige Mädchen und junge Frauen). Ein besonderer Fokus wird auf das Thema Suizidalität gelenkt.

Kapitel 10 stellt eine Zusammenfassung und Bilanzierung der vorangegangenen neun Kapitel dar. In kurzen Abhandlungen wird das geschriebene verkürzt und konzentriert wiederholt. Außerdem wird das Plädoyer für eine Erziehung zur Männlichkeit erneut verstärkt. Beides geschieht anhand der vier Entwicklungsaufgaben Binden, Qualifizieren, Partizipieren und Konsumieren.

Diskussion

Deutlich wird, dass den Autor:innen eine geschlechtersensible Erziehung von hoher Wichtigkeit ist. Sie bedeutet, dass man den wechselseitigen Bedingungen von genetischer Disposition und Umweltbedingungen hinsichtlich der Entwicklung einer Geschlechtsidentität in der Erziehung Rechnung tragen sollte. Ziel ist eine Erziehung, die bewusst zum Mann erzieht, aber eine Persönlichkeitsentwicklung ermöglicht, die sich von starren Rollenvorstellungen löst. Welche Bedingungen, Voraussetzungen (soziale und biologische) und Herausforderungen bei dieser Aufgabe zu beachten sind, stellt das Buch klar und hinreichend vor Augen. Ob es damit gleich mit einem „Tabu bricht“, wie der Klappentext angibt, ist zumindest fraglich. Eine Anregung für Eltern, Erziehungsberechtigte und Professionelle aus dem Feld der Pädagogik ist es allemal.

Dem Buch wäre insgesamt ein gründlicheres Lektorat zu wünschen gewesen. Manchen Abschnitten hätten mehr (oder überhaupt) Quellen und Belege gutgetan, um sie vom Bereich der Behauptung abzugrenzen. Außerdem ist es unverständlich, warum die Strukturierung keiner numerischen Gliederung folgt. Einzig die Kapitel sind mit 1 bis 10 entsprechend gegliedert.

Fazit

Heidrun Bründel und Klaus Hurrelmann entwerfen in ihrem Buch ein Plädoyer für eine Erziehung zur Männlichkeit. Dabei werden in zehn großen Kapiteln die Besonderheiten von Jungen und jungen Männern in ihrer Entwicklung vorgestellt, und beschrieben, wie darauf aus pädagogischer Perspektive angemessen und im Sinne einer geschlechtssensiblen Erziehung reagiert bzw. entsprechend gehandelt werden kann.

Rezension von
Christoph Nette
Dipl. Theol., M.A. Bildungsreferent im Schulpastoralen Zentrum Fürstenried der Erzdiözese München und Freising
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Es gibt 5 Rezensionen von Christoph Nette.

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Zitiervorschlag
Christoph Nette. Rezension vom 18.05.2022 zu: Heidrun Bründel, Klaus Hurrelmann: Erziehung zur Männlichkeit?! Auf dem Weg zur geschlechtersensiblen Persönlichkeitsentwicklung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6645-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28956.php, Datum des Zugriffs 04.12.2022.


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