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Nicole Mayer-Ahuja, Oliver Nachtwey (Hrsg.): Verkannte Leistungsträger:innen

Rezensiert von Prof. Dr. sc.hum. Nina Fleischmann, 02.03.2022

Cover Nicole Mayer-Ahuja, Oliver Nachtwey (Hrsg.): Verkannte Leistungsträger:innen ISBN 978-3-518-03601-3

Nicole Mayer-Ahuja, Oliver Nachtwey (Hrsg.): Verkannte Leistungsträger:innen. Berichte aus der Klassengesellschaft. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2021. 566 Seiten. ISBN 978-3-518-03601-3. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.
Reihe: edition suhrkamp
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Thema

Systemrelevant – eins der vielen Schlagworte, die die Coronapandemie in der Hitliste häufig genutzter Begriffe weit nach vorn gebracht hat. Die Auswirkungen der Pandemie auf das Arbeitsleben sind allgegenwärtig: zwischen Home-Office-Pflicht und bröckelnden Lieferketten, leerstehenden Büros und Sonderregeln für Erntehelfer blieb kaum ein Arbeitsbereich verschont. Angela Merkel hat in ihrer Fernsehansprache im März 2020 allen gedankt, die „den Laden am Laufen halten“. Um genau diese Berufsgruppen, die an der Reproduktion Arbeitskraft und gesellschaftlichen Beziehungen arbeiten, geht es in diesem Buch.

Herausgeber

Nicole Mayer-Ahuja ist Professorin für die Soziologie von Arbeit, Unternehmen und Wirtschaft an der Georg-August-Universität Göttingen. Oliver Nachtwey ist Professor für Sozialstrukturanalyse am Fachbereich Soziologie der Universität Basel. Für dieses Buch hat das Herausgeberduo 28 Autor*innen gewonnen.

Aufbau

Auf 567 Seiten werden fünf Kapitel dargelegt:

  • I Arbeitskraft verfügbar machen: Professionelle Sorgearbeit
  • II Arbeitskraft wiederherstellen: Gesundheit
  • III Arbeitskraft aufrechterhalten: Ernährung
  • IV Arbeitskraft reproduzieren: Versorgung mit Waren
  • V Arbeitskraft sicher, pflegen und Bewegen: Hygiene und Mobilität

Inhalt

Mayer-Ahuja und Nachtwey ordnen vor den fünf Kapiteln ihr Buch ein. Sie wollen den Blick dafür schärfen, wie die Leistungsträger*innen, die hier porträtiert werden, leben und arbeiten, welchen Sinn sie mit ihrer Tätigkeit verbinden und was man daraus über die Klassengesellschaft lernen kann. Mit „Leistung muss sich wieder lohnen“ wird Helmut Kohl von 1982 zitiert und das, was Leistung (nicht) ausmacht, argumentativ bearbeitet und im Kontext von Theorien zur Klassengesellschaft und deren Wandel im Zuge wirtschaftlicher Prozesse bewertet.

Kapitel I zu Berufen, die professionelle Sorgearbeit implizieren, beschreibt Kita-Personal im Kampf um Anerkennung, Soziale Arbeit im bürokratischen Dickicht der Jugendarbeit in der Schweiz, professionelle Sorgearbeit in der stationären Altenpflege und den Dauereinsatz in der 24-h-Betreuung. Indem Menschen von Sorgetätigkeiten entlastet werden, können sie einer Erwerbstätigkeit nachgehen und die zuvor diskutierte Leistung erbringen.

Kapitel II nimmt das Setting Krankenhaus mit Pflege, Wäscherei und Transport in den Blick. Beruflich Pflegende werden mehr und mehr zum Subjekt und kollektiven Akteur, was sich in der steigenden Zahl und Intensität von Tarifkonflikten und Streiks ausdrückt. Beispielhaft ist dies am Berliner Universitätsklinikum Charité zu beobachten und den Schilderungen der porträtierten Pflegefachperson zu entnehmen. Der Abschnitt zur Krankenhauswäscherei zeigt im Vergleich zur Pflege eine gänzlich andere Beschäftigungsstruktur und deren Implikationen auf: ein Tochterunternehmen mit eigenen Strukturen, hohe körperlicher Belastung, ein großer Anteil monotoner Arbeit und geringe Wertschätzung bei gleichzeitig hohem Einsatz geringqualifizierter Personenkreise.

Kapitel II hat Arbeit im Restaurant, in der Lebensmittelproduktion, Erntehilfe, Fleischindustrie und bei Dienstleistungsplattformen im Fokus. „Wer nicht isst, kann auch nicht arbeiten“ ist der plakative Ausdruck des Herausgeberduos und bietet Einblicke in die Bereiche gastronomischer Betriebe, die einem als Gast üblicherweise verborgen bleiben, sogenannte Officetätigkeiten wie spülen, putzen und Hilfstätigkeiten für die Küche. Zwei geflüchtete Arbeiter mit unsicherem Aufenthaltsstatus bringen mit ihrer Arbeits- und Lebenssituation Aspekte ein, wie spezifische Formen der Diskriminierung, die auf der Exklusion ihrer Rechte durch migrations- und asylpolitische Regelungen beruht.

Um Onlinehandel, den Einzel- und Lebensmittelhandel, Paketzustellung und Fernfahrt geht es im Kapitel IV. Lesende lernen Frank und Josef und ihren Status als „Amazonier“ kennen und halten die Diskrepanz zwischen hohem Arbeitsengagement und fehlender Anerkennung bei Frau S. aus, die im Einzelhandel tätig ist und zeichnen den Weg des Paketzustellers Herr Tommé zum freigestellten Betriebsrat nach – in dieser Branche, die eher durch schwache Mitbestimmungsstrukturen und hoher Fluktuation unten der Zusteller*innen gekennzeichnet ist.

Kapitel V zum sichern, pflegen und bewegen von Arbeitskraft beschreibt Sicherheitsgewerbe, Gebäudereinigung, Flugbegleitung und Friseurhandwerk. Für diese Rezension wird beispielhaft ein Abschnitt betrachtet: Im Sicherheitsgewerbe bewegen sich die Inhaber der zumeist prekären Arbeitsverhältnisse zwischen der Aufgabe, Sicherheit und Ordnung aufrechtzuerhalten, ohne hoheitliche Befugnisse und dem Erleben „der Depp vom Dienst“ zu sein. Das Feld wird aus der Sicht einer Auszubildenden beleuchtet, die diesen gesellschaftlichen Annahmen mit dem Selbstbild einer sozial nützlichen Tätigkeit mit hoher Verantwortung entgegentritt.

Diskussion

Alle einzelnen Beiträge tragen eine Geschichte über den Menschen zum Lesenden. Über Interviewausschnitte kommen sehr persönliche und individuelle Sichtweisen zum Vorschein. Die Entstehungssituationen der Interviews oder Feldforschung werden jeweils in den Anmerkungen der Kapitel ausgewiesen, zum Teil handelt es sich um (von unterschiedlichen Stellen geförderte) Forschungsvorhaben aus Kontexten von Arbeit, Partizipation oder beruflicher Vertretung. Die Beiträge sind im deutschen oder Schweizer Kontext verfasst. Mitunter ist mir das erst an der Verwendung spezifischer Begriffe oder die Nennung von Währung aufgefallen.

Dieses Buch hat mich sehr zum Nachdenken gebracht. Hier werden die beruflichen und auch persönlichen Lebenswelten von Berufsangehörigen in den Fokus gestellt, die in meinem Alltag – und ich würde die Behauptung wagen: in jedem – vorkommen und über deren Implikationen in einer Klassengesellschaft mir in dieser Intensität bisher (zu) wenig bewusst waren. Diese Erkenntnisse möchte ich gern weitergeben und nutze das Buch für einen Lektürekurs mit Studierenden im Seminar „Zum Verhältnis von Individuum, Arbeit und Gesellschaft“ im kommenden Sommersemester.

Fazit

Systemrelevant und doch weitgehend gesellschaftlich unsichtbar: Soziale Arbeit mit Jugendlichen, Flugbegleiter*innen bei Ryanair, Produktionshilfe von Tiefkühlpizza, Verkauf bei einem Lebensmittelkonzern und weitere Bereiche. Dieses Buch dokumentiert die Arbeits- und Lebensrealität von Menschen in diesen Berufsfeldern. Es verbindet sehr gelungen Selbstzeugnisse aus Interviews und Feldforschung mit analytischen Abschnitten zur Reproduktion von Arbeitskraft und gesellschaftlichen Beziehungen.

Rezension von
Prof. Dr. sc.hum. Nina Fleischmann
Hochschule Hannover Fakultät V - Diakonie, Gesundheit und Soziales
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Es gibt 77 Rezensionen von Nina Fleischmann.

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Zitiervorschlag
Nina Fleischmann. Rezension vom 02.03.2022 zu: Nicole Mayer-Ahuja, Oliver Nachtwey (Hrsg.): Verkannte Leistungsträger:innen. Berichte aus der Klassengesellschaft. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2021. ISBN 978-3-518-03601-3. Reihe: edition suhrkamp. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28968.php, Datum des Zugriffs 14.08.2022.


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