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Christoph Möller: Drogenmissbrauch im Jugendalter. Ursachen und Auswirkungen

Rezensiert von Prof. Dr. Barbara Ketelhut, 14.03.2006

Cover Christoph Möller: Drogenmissbrauch im Jugendalter. Ursachen und Auswirkungen ISBN 978-3-525-46228-7

Christoph Möller: Drogenmissbrauch im Jugendalter. Ursachen und Auswirkungen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2009. 3. Auflage. 246 Seiten. ISBN 978-3-525-46228-7. 28,00 EUR.

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Einführung

"Einem Drogenmissbrauch oder einer Abhängigkeit im Jugendalter liegt in der Regel eine schwere Grundstörung in Form seelischer Fehlentwicklungen oder komorbider Störungen zugrunde, was Auswirkungen auf die Behandlungspraxis hat." (S. 9) Sowohl die Komplexität der Thematik als auch der Umstand, dass insbesondere Traumata und Drogenmissbrauch in Theorie und Praxis getrennt behandelt werden, veranlasste Christoph Möller den vorliegenden Band herauszugeben. ÄrztInnen, Neurobiologen und PsychiaterInnen, die alle in leitenden Funktionen in Forschungs- und/oder therapeutischen Einrichtungen tätig sind, bieten in neun Beiträgen eine knappe, aber breit angelegte Übersicht über den aktuellen Stand der Hirnforschung, der Pharmakologie und über komorbide Störungen im Kontext des Drogenmissbrauchs.

Aufbau und Inhalte

  • Nach einem Überblick über Konsumhäufigkeiten und die Lage der jugendlichen KonsumentInnen von Rainer Thomasius beschäftigt sich Wolfgang Poser mit den Wirkungsweisen der von Jugendlichen bevorzugten Substanzen (Nikotin, Cannabis, Alkohol, Entaktogene und "Liquid Ecstasy"). Als Ergänzung dazu liest sich der Beitrag von Gerald Hüther, der auf Beeinträchtigungen des Hirns durch psychostimulierende Substanzen und Entaktogene eingeht.
  • Christoph Möller erläutert am Beispiel von "Teen Spirit Island", einer Therapiestation für drogenabhängige Kinder und Jugendliche in Hannover, die er leitet, warum und wie sowohl spezifische Konzepte für Jugendliche notwendig sind als auch verstärkte Kooperationen der Einrichtungen im Suchtkrankenhilfesystem mit denen der Jugendhilfe. Um auf Vorgeschichte, Komorbidität, Identitätsentwicklung und mögliche Orientierungen der Jugendlichen eingehen zu können, ist es demnach erforderlich bestehende Angebote von Beratungsstellen als Zugang zur stationären Behandlung (inklusive verschiedener Lernangebote) und anschließende Eingliederungshilfen (wie z.B. betreutes Wohnen) zu vernetzen.
  • Substanzmissbrauch und komorbide Störungen, so zeigen einige AutorInnen, lassen sich aufgrund ihrer Wechselwirkungen nicht getrennt behandeln. Annelie Welge, Birger Dulz und Nima Forouher setzen sich in ihrem Beitrag mit der Frage auseinander, inwiefern eine Borderline-Persönlichkeitsstörung bereits im Kindesalter diagnostizierbar und therapierbar ist. Substanzmissbrauch, den die Autorinnen eher als ein Symptom der Borderlinestörung sehen, stelle eine besondere Anforderung an die stationäre psychotherapeutische Behandlung dar, da aufgrund des Verbotes von Drogenkonsum immer wieder individuell mit den jugendlichen PatientInnen verhandelt werden müsse.
  • Inwieweit müssen Cannabis- und/oder Alkoholmissbrauch als Risikofaktor, an einer schizophrenen Psychose zu erkranken, gesehen werden? Dieser Frage geht Heinz Häfner nach, indem er eine unter seiner Mitarbeit durchgeführte Studie mit 232 ProbandInnen im Alter von 12 bis 59 Jahren vorstellt.
  • Über den aktuellen Forschungsstand der Hirnforschung informiert ausführlich und explizit nachvollziehbar der Beitrag von Lutz Ulrich Besser. Einen Schwerpunkt seiner Ausführungen bildet die Frage nach der Bedeutung von Traumata bei der Entwicklung von missbräuchlichem Drogenkonsum. Im Anschluss an die Darstellung seiner Ergebnisse in Bezug auf die Wechselwirkungen von sozialem Verhalten und Veränderungen in der Hirnstruktur entwickelt er ein Konzept zur Behandlung von traumatisierten (jugendlichen) SuchtpatientInnen: die "Körper-, Ressourcen- und systemorientierte Traumatherapie" (vgl. S. 157 ff.).
  • Ausgehend von zwei Fallbeispielen befasst sich Annette Streeck-Fischer mit Problemen, denen Jugendliche in der Adoleszenz ausgesetzt sind. Nicht alles ist, ihrer Erfahrung nach, für die Jugendlichen verbalisierbar. So fragt sie z.B. danach, wie nonverbale Botschaften Aufschluss über Befindlichkeiten geben können als Voraussetzung für therapeutische Behandlungen.
  • Aktuelle Forschungsergebnisse zum Thema Cannabis (von der Geschichte, über die Epidemiologie, Pharmakologie bis hin zur Therapie) - dokumentiert von Udo Schneider - runden den Band ab.

Diskussion

Immer wieder verweisen die AutorInnen auf soziale Problemlagen der Jugendlichen, z.B. ihren Mangel an Orientierung, an Möglichkeiten Beziehungen einzugehen und zu halten. Gerade die wiederkehrende Flucht als gelerntes Verhalten von Kindern und Jugendlichen stellt insbesondere in stationären Einrichtungen eine große Anforderung an die MitarbeiterInnen dar. Wenn aktuelle Ergebnisse aus der Hirnforschung (vgl. den Beitrag von Lutz Ulrich Besser, S. S. 122 ff.) von einem reziproken Verhältnis von sozialem Verhalten und Veränderungen im Gehirn ausgehen, stellt sich die Herausforderung, diese Ergebnisse mit denen von Sozial- und Sozialarbeitswissenschaften zu verknüpfen, um neben den notwendigen Therapie- und Beratungsangeboten auch potentielle Wege nicht nur in der so wichtigen primären Prävention sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene zu entwickeln.

Zielgruppen

Ich stimme den Ausführungen von Michael Schulte-Markwort im Vorwort darin zu, dass die Vorgehensweise des Bandes Möglichkeiten zum besseren Verständnis der Bedingungen jugendlichen Drogenmissbrauchs als Voraussetzung der Verständigung und zur Entwicklung von Perspektiven (vgl. S. 11f.) bereit stellt. Damit kann ich das Buch allen MitarbeiterInnen in der Suchtkranken- und in der Jugendhilfe (SozialarbeiterInnen, PsychologInnen u. a.) aber auch Eltern und PädagogInnen empfehlen, obwohl nicht jeder Beitrag ohne medizinisches Vorwissen gleichermaßen leicht verständlich gehalten ist.

Fazit

Der vorliegende Band bietet mit seinen neun Beiträgen über den aktuellen Stand der Hirnforschung, der Pharmakologie und über komorbide Störungen im Kontext des Drogenmissbrauchs von Jugendlichen einen guten Überblick aus der Perspektive von Forschungen und berufspraktischen Erfahrungen von ÄrztInnen, Neurobiologen und PsychiaterInnen. Er liefert damit einen Beitrag (vorwiegend aus medizinischer Sicht) Verhaltensweisen von jugendlichen Drogenabhängigen einschätzbar zu machen als Voraussetzung dafür, auf ihre spezifischen Bedürfnisse eingehen zu können. Um aber Jugendlichen auf Dauer Orientierungen und Perspektiven eröffnen zu können, sind darüber hinaus gehende sozialwissenschaftliche Forschungen und Erkenntnisse notwendig, die sich mit den gesellschaftlichen Bedingungen, die Drogenmissbrauch als Selbstmedikation oder Verarbeitungsstrategie für junge Menschen attraktiv erscheinen lassen, auseinandersetzen.

Rezension von
Prof. Dr. Barbara Ketelhut
(im Ruhestand) Hochschule Hannover, University of Applied Sciences and Arts Homepage www.hs-hannover.de E-Mail: barbaraketelhut@aol.com
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Es gibt 13 Rezensionen von Barbara Ketelhut.

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Anmerkung der Redaktion: Die Rezension basiert auf der 1. Auflage aus dem Jahr 2005.

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Zitiervorschlag
Barbara Ketelhut. Rezension vom 14.03.2006 zu: Christoph Möller: Drogenmissbrauch im Jugendalter. Ursachen und Auswirkungen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2009. 3. Auflage. ISBN 978-3-525-46228-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2897.php, Datum des Zugriffs 08.12.2022.


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