Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Michael Winkler: Poetologie zur Sozialpädagogik

Rezensiert von Prof. Dr. René Börrnert, 29.11.2022

Cover Michael Winkler: Poetologie zur Sozialpädagogik ISBN 978-3-7799-6533-6

Michael Winkler: Poetologie zur Sozialpädagogik. Über die Möglichkeiten von Belletristik für die Soziale Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 269 Seiten. ISBN 978-3-7799-6533-6. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.
Reihe: Soziale Arbeit und ihre erkenntnistheoretischen Zugänge.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Thema

Welche Möglichkeiten hat Belletristik für die Soziale Arbeit? Winkler erläutert die Dienlichkeit von literarischen Texten für eine umfassende sozialpädagogische Erkenntnis. Die Lektüre regt zum einen unsere grundlegende menschliche Eigenart, das Phantasieren, an. Zum anderen offenbaren poetische Quellen aber auch Einblicke in die Lebenswelt von Adressat:innen der Sozialen Arbeit, die über einen wissenschaftlichen Zugang nur beschränkt möglich sind. Die Herausgeber des Buches formulieren das so: „Im Erzählen öffnen sich Horizonte der Lebens- und Weltperspektiven. Der geistige Raum dehnt sich aus und vormals vorgegebene Grenzen werden verschoben oder gesprengt. Strukturen werden modelliert und anders konstelliert“ (5). 

Autor und Entstehungshintergrund

Michael Winkler, Dr. phil. habil., war bis 2018 Professor für Allgemeine Pädagogik und Theorie der Sozialpädagogik sowie langjähriger Direktor des Instituts für Bildung und Kultur an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er lehrt heute an der Evangelischen Hochschule Dresden und im Masterstudiengang der ARGE Bildungsmanagement in Wien.

Winkler arbeitet zudem als sozialpädagogischer Schriftsteller. In diesem Verständnis erscheint das vorliegende Buch, das als „extraordinärer Band“ in der von Markus Hundeck und Eric Mührel herausgegebenen Serie „Soziale Arbeit und ihre erkenntnistheoretischen Zugänge“ (Band 11) erschienen ist.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus zwei Teilen. Im Teil 1 werden „mögliche Grundlagen“ als theoretische Basis formuliert. Im Teil 2 widmet sich der Autor „möglichen Fallbeispielen“. Das sind bekannte Klassiker des anerkannten literarischen und pädagogischen Bildungskanons ebenso wie weniger oder (noch) unbekannte Bücher. Am Ende zeigt Winkler Wege auf, um selbst Geschichten zu erfinden. Eigenwillig ist der unvollständige Quellennachweis. Hierzu heißt es: „Verweise stören den Lesefluss, manchmal helfen die Literaturangaben nur noch bedingt weiter, etwa wenn Werke gar nicht mehr oder nur mühsam zugänglich sind.“ Diese Konsequenz ist für Winklers essayistischen Ansatz an der Stelle zwischen wissenschaftlichem und literarischen Duktus zwar folgerichtig, mag aber manche Leser:innen irritieren.

Ausführlich erläutert Winkler, warum die literarische Erzählform als unentbehrlich zu bezeichnen ist (128-142). Anhand seiner im Folgenden skizzierten elf Begründungen lässt sich die Argumentationslogik des Buches skizzenhaft aufzeigen.

  1. Literatur nimmt Prozessualität in den Blick im Zusammenhang von Ursache, Mittel und Wirkung.
  2. Literatur ist eigensinnig und doch gesamtsinnig, zumindest konkreter als abstrakte Theorien.
  3. Literarische Texte erzählen eine besondere Geschichte als (subjektiven) Einzelfall. Zugleich beschreiben und analysieren sie „ganze Praxen in ihrem Verlauf“ (131).
  4. Literarische Texte verweisen auf das Kontrafaktische.
  5. Literatur entwirft Leitbilder, an denen kollektive Muster, Mentalitäten und Einstellungen sichtbar werden, die wiederum als identitätsstiftende Merkmale dienen können. Es sind zumeist solche Kategorien, die sich der Forschung entziehen.
  6. Literatur berührt den Lesenden, hat Nebenklänge, stimmt ein: „Es geht um Resonanz in und mit einer Praxis, gegenüber den Beteiligten, die als Fähigkeit erworben und eingeübt werden kann, durch Perspektivübernahme, durch die mühsame Einarbeitung in das Leben eines anderen“ (137).
  7. Im literarischen Textmaterial stecken immer auch pädagogische Fragestellungen, die zum Nachdenken anstiften.
  8. Literatur bedient die Ungewissheit der pädagogischen Praxen. Die Inhalte müssen vom Lesenden mit Hilfe einer skeptischen und kritischen Hermeneutik verstanden und relativiert werden: „Sie sind eher heuristisch…“ (139) bzw. „erzählendes Wissen“ (140). 
  9. Literatur verdeutlich die (uneindeutige) Bedeutungsvielfalt von Sprache, mit anderen Worten „die Sprache der Literatur erweitert unsere Erkenntnis, weil sie Differenzierung erlaubt“ (140).
  10. Literatur kann Übungsvorlage sein, um die eigene sozialpädagogische Praxis sprachlich vor- bzw. darstellen zu wollen. In diesem Sinne kann „pädagogische Phantasie“ (141) ausgebildet werden. 
  11. schließlich und zusammenfassend: „Erzählte Bildung bildet“ (142).

Diskussion

Winkler versteht seinen Text lediglich als Angebot und die Auswahl der (möglichen) theoretischen Begründungen und Lesetexte als subjektive Auswahl und weist darauf hin, dass auch Wissenschaft diesem subjektivem Dilemma immer wieder ausgesetzt sei. Denn sie ist keinesfalls eindeutig und auf der Suche nach Wahrheit zugleich viel offener als uns das im Medienalltag suggeriert wird (vgl. 37). Was bleibt also zwischen Facta und Fictio, wo der einheitliche Bildungskanon verschwindet und gesellschaftliches Kontextwissen von Bestsellerlisten ausgeht. Etablierte Bildungslektüre wird ausgetauscht oder von Bildungsministerien abgewählt. So verschwindet bei der nachwachsenden Generation vor allem historisches Bezugswissen, das Verständnis von Mythen und damit der Sinn für den Hintersinn und das Erkennen von Aussagen „zwischen den Zeilen“.

Michael Winkler, in der Fachwelt bekannt für seine „Theorie der Sozialpädagogik“ (org. 1988; Wiederauflage 2022) versteht sich inzwischen (auch) als sozialpädagogischer Schriftsteller. Er bietet hier einen Ansatz, der zwar keineswegs grundlegend neu ist, der aber ausführlich für die Sozialpädagogik (weiter-)gedacht ist. Man muss ihm hierbei nicht folgen, wie er selbst betont, denn es sei schließlich nur ein Angebot (77). Doch dafür gilt ihm Respekt und Dank. Denn Winkler hilft, die konstruierten und etablierten Gegensätze zwischen Poesie und Wissenschaft aufzubrechen. Insofern ist dem folgenden Zitat an dieser Stelle (ganz subjektiv vom Rezensenten) zuzustimmen: „Es geht nicht ohne Literatur. Man muss in einer Wissenschaft erzählen, die von Menschen handelt und für diese sowie ihre Praxis geschrieben wird – besonders, wenn sie sich verpflichtet, dem Alltag und der Lebenswelt gerecht zu werden. Diese zu bewältigen, kann nicht in technischen Anleitungen vorgeschrieben werden, insbesondere angesichts der Be- und Gefangenheit in den Zwängen des Lebens“ (13).

Ein Manko zeigt sich jedoch: An nicht wenigen Stellen des Textes, der als „anregender, vielleicht sogar empörender Essay“ (17) formuliert ist, verlangt Winkler dem Lesenden mit sehr weit ausführenden Gedankensträngen einige Muße ab. Man muss sich durcharbeiten, um die zum Teil langatmige Argumentation in ganzer Breite zu erfassen. Das Format eines Hörbuches wäre in diesem Fall eine willkommene ergänzende Idee zum Lesebuch.

Fazit

Das Buch ist eine unbedingte Empfehlung für Studierende und Autor:innen, die literarische Quellen in die eigene Argumentation einbinden wollen, weil ihnen der sprachliche Duktus von Fachliteratur zu einseitig ist. Der Autor liefert dafür die passenden Zugänge und Argumente. Mit Winklers eigenen Worten formuliert: „Wer in sozialpädagogischen Dingen unterwegs ist, wird an all diesen Vorstellungen zweifeln – und doch selbst ein wenig an die Idee des Fortschritts und der Verbesserung glauben, weil ansonsten die Welt und ihre Wirklichkeit nicht auszuhalten sind“ (258).

Rezension von
Prof. Dr. René Börrnert
Prof. Dr. phil., Diplom-Pädagoge (Sozialarbeitswissenschaft), Fachhochschule des Mittelstands (Rostock)
Mailformular

Es gibt 27 Rezensionen von René Börrnert.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
René Börrnert. Rezension vom 29.11.2022 zu: Michael Winkler: Poetologie zur Sozialpädagogik. Über die Möglichkeiten von Belletristik für die Soziale Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6533-6. Reihe: Soziale Arbeit und ihre erkenntnistheoretischen Zugänge. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28981.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht