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Wolfgang Benz (Hrsg.): Querdenken

Rezensiert von Prof. Dr. Gertrud Hardtmann, 28.12.2021

Cover Wolfgang Benz (Hrsg.): Querdenken ISBN 978-3-86331-621-1

Wolfgang Benz (Hrsg.): Querdenken. Protestbewegung zwischen Demokratieverachtung, Hass und Aufruhr. Metropol-Verlag (Berlin) 2021. 318 Seiten. ISBN 978-3-86331-621-1. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
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Thema

Nachdenken über eine zunehmende antidemokratische Stimmung bei Teilen der deutschen Bevölkerung.

Herausgeber und Autoren

  • Wolfgang Benz (Hg.) ist Historiker und war bis 2011 Professor und Leiter des Instituts für Antisemitismusforschung TU Berlin, zahlreiche Publikationen zu Nationalsozialismus und Antisemitismus.
  • Claudia Barth ist Professorin in Esslingen, Fakultät für Soziale Arbeit.
  • Angelika Censebrunn-Benz ist Historikerin, seit 2019 wissenschaftl. Mitarbeiterin im Projekt »Heimerziehung in Spezialheimen der DDR«.
  • Maria Fiedler ist polit. Korrespondentin des Tagesspiegels und Co-Autorin eines Buches über die AfD.
  • Nadine Frei ist wissenschaftl. Mitarbeiterin (Soziologie) in Basel, Schwerpunkt Theorie der Moderne.
  • Josef-Otto Freudenreich war bis 2010 Chefreporter der Stuttgart Zeitung und gründete 2011 die Wochenzeitig ‚Kontext‘.
  • Gudrun Hentges, Prof. Dr., ist Leiterin des Lehr- und Forschungsbereichs Politikwissenschaft Universität Köln
  • Sebastian Leber ist Reporter beim Tagesspiegel und recherchierte zu Rechtsextremismus und Antidemokraten.
  • Oliver Nachtwey ist Prof. für Sozialstrukturanalyse Universität Basel, u.a. mit Schwerpunkt Autoritarismus.
  • Thomas Pfeiffer, Dr., ist Diplomjournalist und Sozialwissenschaftler und arbeitet beim Verfassungsschutz in NRW und Lehrbeauftragter an der Universität Bochum.
  • Recherchenetzwerk AS ist ein ehrenamtliches Team, das antidemokratische Strömungen erforscht und über Twitter unter dem Namen @antischwurbler publiziert.
  • Robert Schäfer ist Soziologe für qualitative Methoden an der Universität Basel mit den Schwerpunkten Kultur und Religion.
  • Christoph Seidler ist Nervenarzt, Psychoanalytiker, Gruppenanalytiker, und Priv.-Dozent.
  • Gundel Seidler ist Dipl. Pädagogin und Sozialtherapeutin i. R.
  • Andreas Speit ist Diplom-Sozialökonom und freier Journalist, u.a bei der taz, Deutschlandfunk Kultur und WDR.
  • Volker Weiß ist Historiker, Publizist und Hochschuldozent.
  • Juliane Wetzel ist Historikerin und seit 1991 wissenschaftl. Mitarbeiterin am Zentrum f. Antisemitismusforschung TU Berlin.
  • Peter Widmann, Dr, ist Referent für Migration bei der AWO.
  • Gerd Wiegel, Dr., ist Politikwissenschaftler, Fachreferent für Rechtsextremismus/​Antifaschismus der Fraktion DIE LINKE.

Entstehungshintergrund

Wachsender Protest im Gefolge der Corona-Epidemie gegen die Demokratie (eine bunte Mischung von Impfgegnern, Esoterikern, Lebensreformern, Identitären, Reichsbürgern, Öko-Nazis, religiösen Sektierern, Aufsässigen, Querköpfen und Verschwörungsphantasten). Untersucht werden Zusammenhänge und Ziele dieser unterschiedlichen Gruppierungen.

Aufbau

Nach einleitenden Überlegungen von Wolfgang Benz folgen die verschiedenen, sehr unterschiedlichen Beiträge zum Thema.

Inhalt

Querdenken: Usurpation und Radikalisierung, Verweigerer und Aufsässige. (Wolfgang Benz)

Die Autoren des Buches versuchen aus unterschiedlichen Perspektiven – Beobachtungen, Analysen, Deutungsversuche – dem Phänomen ‚Querdenken‘ nachzugehen und zum Verständnis einer sich zunehmend radikalisierenden antidemokratischen Bewegung beizutragen.

Zürnen mit der Obrigkeit – erboste Bürger im Kontakt mit Volksvertretern. (Angelika Censebrunn-Benz)

Verschiedene alltägliche Beispiele, wie Volksvertreter missbraucht werden als Ventil für angestauten Ärger und ungelöste persönliche Probleme in offensichtlicher Unkenntnis oder Missachtung ihrer Aufgabe in einer parlamentarischen Demokratie.

Auf der Suche nach dem gemeinsamen Boden. Populistische Verschwörungserzählungen und die politische Jugendbildung. (Peter Widmann)

Kernelement des Populismus ist ein generelles Misstrauen gegen die ‚herrschenden Eliten‘, unterstützt durch die Entwicklung der Corona-Pandemie und deren Instrumentalisierung durch die AfD. Politische Bildung besteht nicht in der Affirmation des Bestehenden, sondern in der Affirmation von Konflikten und Kontroversen als Kernelemente des Politischen. Im Schulunterricht spielt die politische Bildung eine zu geringen Rolle.

Die Radikalen von nebenan. (Maria Fiedler)

Der Beitrag beschäftigt sich mit dem völkischen Kurs der AfD im Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt und in den östlichen Bundesländern. Wahlerfolge gehen zum Teil auf Enttäuschung nach den Erfahrungen 1989 zurück und auf eine rechtsextrem eingestellte Stammwählerschaft.

Antisemitismus – Bindekitt für Verdrossene und Verweigerer. (Juliane Wetzel)

Rechtsextreme nutzen gesellschaftliche Konflikte für ihre Zwecke durch öffentlich wirksame Radikalisierung (der Sänger Xavier Naidoo). Beispiele sind die Occupy-Bewegung, die Mahnwachen für den Frieden, Pegida, QAnon, die Querdenker/​Corona-Leugner. Sie alle bedienen sich u.a. Verschwörungserzählungen und mehr oder weniger offen auch antisemitischer Stereotype.

Warum sind Verschwörungsmythen so attraktiv? (Wolfgang Benz)

Die Mythen transportieren Legenden und Gerüchten (absichtliche Fehlinfomaitonen, fake news), die kollektive Wünsche und Abneigungen repräsentieren. Früher wurden Freimauer, Jesuiten und Illuminaten als Verschwörer denunziert. Heute werden Verschwörungsmythen politisch instrumentalisiert. Ein Prototyp für Antisemitismus war und ist ‚Die Protokolle der Weisen von Zion‘. Mythen sind Erklärungsmodelle und Wegweiser, sie stiften Sinn und schaffen eine falsche Sicherheit.

„Geeinte deutsche Völker und Stämme“. Einblicke in die Reichsbürger-Szene. (Sebastian Leber)

Der Verfassungsschutz zählt- trotz einer Verbotsverfügung – inzwischen 20 000 Reichsbürger, die auch von der Corona-Epidemie profitieren. Politisch gegen die Demokratie und die Verfassung eingestellt sind sie aktiv, obgleich ihre Aktivitäten teilweise Straftaten sind.

Aufruhr in Stuttgart. (Josef-Otto Freudenreich

Ausführlich wird Jebsen Ballweg (Widerstand gegen »Stuttgart 21«, »Querdenken 711«) dargestellt und die unübersichtliche Querdenker-Bewegug und eine Erklärung versucht (Revolutionsgeschichte in Württemberg, Anthroposophie).

Nicht angekommen? Ist Demokratieverdrossenheit ein besonderes Problem der Ostdeutschen? (Christoph Seidler, Gundel Seidler, Wolfgang Benz)

Themen sind der Stimmungsumschlag 1990, Enttäuschungen nach 1989, die Wanderung der Opposition vom Parlament auf die Straße, zerbrochene (auch Halt gebende Strukturen in der DDR), Marginalisierung, Kollektiverziehung und die DDR als machtbesessene Parteiobrigkeit. Gibt es einen wichtigen DDR-Beitrag zur deutschen Geschichte?

Der „Impfrebell“. Die Pandemie aus der Sicht rechtsextremistischer Videoblogger. (Thomas Pfeiffer)

Die Pandemie wird von rechtsextremen als ‚Türöffner‘ benutzt im Verbund mit einem dynamischen Medienmix, mit dem vor allem Jüngere angesprochen werden sollen (Beispiel Frank Kraemer). Zentrale ideologische Muster werden vorgestellt, u.a auch die Kampagne ‚Impfrebell‘. Der Begriff ‚Rasse‘ wird vermieden (stattdessen ‚Eliten‘), um die Anschlussfähigkeit zu erhöhen. Videoblogs sind eine neue Facette im Medienmix des Rechtsextremismus, die auch über Corona hinaus im Kern auf die liberale Demokratie zielen.

Antimoderner Reflex mit langer Tradition. Querdenken und Corona-Leugnen als Strömung der Lebensreformbewegung. (Andreas Speit)

Die neue Bewegung mit unterschiedlicher politischer Ausrichtung könnte als dritte Lebensreformbewegung bezeichnet werden. Klimawandel sorgt für eine Endzeitstimmung, und die Aktivisten wollen nicht mehr warten, sondern handeln. Inzwischen wurde aus einer ‚Festgemeinschaft‘ eine ‚Leidensgemeinschaft‘. Rückblick auf die Lebensreformbewegung I „Lichtgebet“ und II „Grüner Adolf“ und III ihre Ambivalenzen und Interferenzen. Es besteht eine Tendenz zum Irrationalen und Spirituellen, Wissenschaftsfeindlichkeit und Verschwörungsnarrativen.

Generalverdacht und Kritik als Selbstzweck. Empirische Befunde zu den Corona-Protesten. (Oliver Nachtwey, Nadine Frei, Robert Schäfer)

Die Autoren gingen wegen der Heterogenität von einer ‚normativen Unordnung‘ aus. Die Ergebnisse beruhen auf einer qualitativen Umfrage Dezember 2020. Die Mehrheit der Teilnehmer gehörte zur Mittelschicht und überraschend auch viele Selbstständige. Sehr unzufrieden mit der Demokratie waren 36,05 %, sehr zufrieden nur 3,05 %, entsprechend gering war das Vertrauen in die Regierung. Es war ein latenter Antisemitismus zu beobachten und eine Verschiebung zu einer ‚Widerstandsgemeinschaft‘. Trotz Verbots fanden Demonstrationen statt. Drei Formen der Kritik ließen sich identifizieren: Mediale Desinformation, Panikmacherei, totale Kontrolle; es ging um Aufklärung, Authentizität und Autonomie. Die Kritik war inhaltsleer in Bezug auf Maßnahmen und in der Hauptsache „dagegen“.

Gemeinsam gegen den „Great Reset“. Synergien zwischen Neuer Rechter und Sprachohr Corona-Protesten. (Volker Weiß)

Auf parlamentarischer Ebene versucht sich die AfD als Sprachrohr der Proteste (Handlungsunfähikeit der Regierung, Gefahren der Infektion oder Impfung, ‚Corona-Sozialismus‘ nach Weidel) und Ängste vor einer Krisenkulmination (‚Reset‘ durch die Eliten); sie sucht deshalb auch eine Nähe zu Querdenkern. Referenzpunkte für ein grundsätzliches Misstrauen sind Nationalsozialismus oder das SED-Regime. Krisendeutungen und Antisemitismus bilden eine Brücke zwischen Corona-Protesten und der Neuen Rechten.

Der Einfluss fundamentalistischer Sekten auf die Querdenker-Bewegung. (Recherchenetzwerk AS)

Der Beitrag beschäftigt sich mit der Schweizer Sekte „Organische Christus Generation“ (Ivo Sasek) und deren mediale Verbreitung durch Gespräche mit Aussteigern und mit Attila Hildmann u.a., mit Reichsbürgern und Querdenkern und deren zielstrebiger Netzwerkarbeit.

Spiritualität goes politics. Die “Basisdemokratische Partei Deutschland”. (Claudia Barth)

Die Partei „die Basis“ repräsentiert Themen und Tendenzen einer Protestbewegung unter Rückgriff auf autoritäre, auch ‚faschistische‘ Traditionen. Es werden verschiedene Parteien und Netzwerke vorgestellt, die in demokratischen Parallelwelten agieren, u.a. mit der schwarz-weißroten Flagge des Kaiserreichs, esoterischen Anleihen unterschiedlicher Provenienz und Impfverweigerung (u.a. in Berufung auf Rudolf Steiner). ‚Innerlichkeit und Natürlichkeit‘ werden der aktuellen Gesundheitspolitik und den wissenschaftlichen Standards entgegen gesetzt. Das anthroposophische Parteiprogramm zielt auf eine spirituell-geistige Elitenführung unter Berufung auf eine ‚Basisdemokratie‘ (Einheit zwischen Regierung und Regierten), die den ‚gefühlten Wahrheiten‘ Rechnung trägt.

Vergebliche Avancen: AfD und Querdenken. (Gudrun Hentges, Gerd Wiegel)

Die Corona-Politik der AfD ist von Inkonsistenzen geprägt: 2020 wurden Hygienedemonstrationen und die Initiative ‚Querdenken‘ (Michael Ballweg) ins Parlament getragen und Differenzen verdeckt. Verschwörungsmythen (Politik als Teil einer Verschwörung), Bedrohung der Grund-, Bürger- und Freiheitsrechte und eine ‚Corona-Diktatur‘ wurden propagiert und Vergleiche mit der NS-Diktatur angestellt. Corona wurde verharmlost, Impfungen und Masken kritisiert. Nach einer Studie des Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin (WZB) 2021 besteht ein ‚erhebliches und relativ stabiles Mobilisierungspotenzial in der deutschen Bevölkerung‘, u.a. auch aus der Mitte der Gesellschaft (Misstrauen gegenüber der Bundesregierung und Glaube an Verschwörungsmythen). Die AfD schwankt zwischen Parlaments- und Bewegungspartei (auf der Suche nach Zuwachs an Sympathisanten). Angesichts der Vielzahl von Gruppen ist das nicht gelungen.

Diskussion

Eine bunte Vielfalt von Beiträgen, teils wissenschaftlich, teils Berichte und Reportagen. Die Beiträge geben ein buntes Spektrum von Hinweisen auf unterschiedliche Aktivitäten im Umgang mit ‚Querdenkern‘. Das macht eine zusammenfassende Rezension schwer, ist aber vielleicht auch ein Vorteil dieser Veröffentlichung, da sich jeder Leser heraussuchen kann, was ihn interessiert. Außerdem spiegeln die Beiträge die verschiedenen Bezüge und Traditionen der Querdenker- Bewegung, die in der Coronakrise vehement zum Ausdruck gekommen sind. Sie zeigen, dass die Demokratie, selbst wenn sich die Querdenker auf sie berufen, als Parlamentarische Regierungsform noch längst nicht in allen Köpfen angekommen ist. Unter dem Druck von aktuellen Affekten, Missstimmungen und Unsicherheiten entwickeln sich Misstrauen und Verschwörungsphantasien, – was allerdings sehr kindlich und unerwachsen ist.

Solange die Corona-Epidemie andauert wird die Regierung vor allem mit der aktuellen Bekämpfung beschäftigt sein, danach allerdings scheint mir – vor allem im Schulunterricht und den Medien – eine intensive Beschäftigung mit den Vorteilen und Grenzen einer parlamentarischen Demokratie, mit paranoiden Verschwörungsmythen, Gefühl und Verstand und deutscher Geschichte (einschließlich der familiären Überlieferungen) wichtig. Denn das Buch enthält trotz der sehr unterschiedlichen Beiträge, und vielleicht sogar gerade deshalb, viele Anregungen, sich liebevoll, kritisch und verantwortungsbewusst mit den zahlreichen und sehr unterschiedlichen Facetten eines deutschen ‚Volkscharakters‘ auseinander zu setzen, z.B. mit der Sehnsucht nach Spiritualität, Überschaubarkeit, autoritärer Führung und ‚Erlösung‘ von Gefühlen, z.B. Aggressionen; letztere wären, konstruktiv eingesetzt, auch geeignet, den Herausforderungen einer nicht vorhergesehenen Pandemie gerecht zu werden.

Fazit

Ein auf verschiedenen Ebenen – Wissenschaft, Bericht und Reportage – lesenswertes und informatives Buch.

Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 28.12.2021 zu: Wolfgang Benz (Hrsg.): Querdenken. Protestbewegung zwischen Demokratieverachtung, Hass und Aufruhr. Metropol-Verlag (Berlin) 2021. ISBN 978-3-86331-621-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28988.php, Datum des Zugriffs 19.08.2022.


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