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Nora Meuli, Carlo Knöpfel: Ungleichheit im Alter

Rezensiert von Prof. Simone Gretler Heusser, 07.09.2022

Cover Nora Meuli, Carlo Knöpfel: Ungleichheit im Alter ISBN 978-3-03777-250-8

Nora Meuli, Carlo Knöpfel: Ungleichheit im Alter. Eine Analyse der finanziellen Spielräume älterer Menschen in der Schweiz. Seismo-Verlag Sozialwissenschaften und Gesellschaftsfragen (Zürich) 2021. 224 Seiten. ISBN 978-3-03777-250-8. D: 33,00 EUR, A: 33,00 EUR, CH: 38,00 sFr.
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Thema

Auch in der Schweiz werden immer mehr Menschen werden immer älter. Und auch in der Schweiz löst dieser demographische Wandel Diskussionen aus, über Renten, über Gesundheitskosten im Alter, über Betreuungskosten beim Wohnen zuhause oder im Alters- oder Pflegeheim. Bekannt ist die grosse Heterogenität des Alterns und des Alters. Bekannt ist auch der Tenor „die Alten kosten (zu)viel“.

Neu erarbeiten Meuli und Knöpfel eine differenzierte Analyse der finanziellen Situation und ihrer Entwicklung für Rentnerinnen und Rentner. Sie zeigen auf, dass das frei verfügbare Einkommen nach Abzug von Steuern und Prämienverbilligung bei der Krankenversicherung je nach Wohnkanton enorm variiert. Speziell betroffen davon ist der Mittelstand. Zum Schluss zeigen Meuli und Knöpfel Perspektiven auf, wie eine würdige und gerechtere Finanzpolitik im Alter in der Schweiz aussehen könnte.

Autorin und Autor

Nora Meuli und Carlo Knöpfel sind beide am Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) tätig.

Nora Meuli ist Ökonomin und Sozialwissenschafterin und forscht zu Themen der ökonomischen Ungleichheit und dem System der sozialen Sicherheit in der Schweiz.

Carlo Knöpfel ist ebenfalls Sozialwissenschafter. Er war lange für die Caritas Schweiz tätig und besetzt heute eine Professur für Sozialpolitik und Soziale Arbeit. Seine Forschungsschwerpunkte sind Fragen der Armut, Arbeitslosigkeit und Alter.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch basiert auf Berechnungen und Untersuchungen zu den Auswirkungen der kantonal unterschiedlichen Umsetzung der gesetzlichen Grundlagen im Sozial- und Gesundheitsbereich auf das frei verfügbare Einkommen von Rentner*innen. Dieses Buch nimmt die sozialen Ungleichheiten in den Blick – in dieser Tiefe und Ausführlichkeit erstmalig in der Schweiz. Erstmals richtet sich der Blick nicht auf den Durchschnitt, sondern Meuli und Knöpfelspielen verschiedene Szenarien von Einkommens- und Vermögenslage und Pflegebedarf auf individueller Ebene durch.

Aufbau und Inhalt

Im föderalistischen System der Schweiz sind sowohl die Gesundheitspolitik als auch die Sozialpolitik in kantonaler Zuständigkeit. Zwar werden die Altersrenten über die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) geregelt und auch die Prämienverbilligung der obligatorischen Krankenversicherung ist grundsätzlich im Krankenversicherungsgesetz (KVG) festgehalten. Die Auslegung ist jedoch in kantonaler Zuständigkeit. Personen in der Schweiz zahlen einerseits Bundessteuern (hier ist der Satz für alle gleich) und andererseits Kantons- und Gemeindesteuern, welche auf kommunaler Ebene festgelegt werden und sich stark unterscheiden, und zwar sowohl im Steuersatz als auch in der Progression. Zudem unterscheidet sich die Handhabung, die Governance, bezüglich möglicher Vergünstigungen und Unterstützung stark. So gibt es in der Schweiz das System der Ergänzungsleistung, welche tiefe AHV-Renten wenn nötig (beispielsweise bei hohen Pflegekosten) ergänzt. Die Ergänzungsleistung ist keine Sozialhilfe, sondern – wie der Name sagt – eine Ergänzung zur Rente. In manchen Gemeinden werden die Bewohner*innen auf ihren Anspruch auf Ergänzungsleistung aufmerksam gemacht. Andere Gemeinden halten still und warten ab, ob ein Antrag kommt – dass dies bei Personen, welche weniger gut informiert und gebildet sind weniger häufig der Fall ist, kann man sich leicht vorstellen. Tatsache ist, dass ein Großteil der Menschen, die Anspruch auf eine Ergänzungsleistung haben diese nicht beziehen.

Die AHV bildet die sogenannte erste Säule im schweizerischen Altersvorsorgesystem. Die zweite Säule ist die berufliche Vorsorge. In die Pensionskasse bezahlen Arbeitnehmer*in und Arbeitgeber*in obligatorisch einen Teil der Lohnsumme ein. Knöpfel und Meuli zeigen die Diskussionen rund um die Pensionskassenguthaben auf. Zurzeit werden sie als Einkommen (Rente) respektive als Vermögen (bei Kapitalbezug) behandelt. Schliesslich kann sich, wer es vermag, noch eine dritte Säule aufbauen, das ist das privat Ersparte. Unter gewissen Bedingungen sind Einzahlungen in die dritte Säule während der Erwerbsphase attraktiv, da sie in der Erwerbsphase steuerbefreit sind und erst beim Bezug im Rentenalter besteuert werden.

Meuli und Knöpfel bauen ihr Buch in drei Teilen auf. Im ersten Teil finden sich alle Informationen über die geltenden gesetzlichen Grundlagen und ihr Zusammenspiel. Im Zentrum stehen die älteren Menschen in der Schweiz und die Verteilung ihrer Einkommen, Vermögen und Ausgaben. Carlo Knöpfel hat in einem anderen Zusammenhang modellhaft den Übergang vom agilen zum fragilen Alter und den steigenden Pflege- und Betreuungsbedarf aufgezeigt. Denn das ist es, was die Gestaltung einer guten Betreuung im Alter ausmacht: dass jede Person die Unterstützung und Pflege erhält, welche sie braucht – und welche ihr ein möglichst selbstbestimmtes und würdiges Altern ermöglicht.

Im zweiten Teil des Buches fokussieren Meuli und Knöpfel auf die altersspezifischen Kosten, nämlich die Gesundheitskosten älterer Menschen in der Schweiz. Anhand von Fallbeispielen unterschiedlich stark pflege- und betreuungsbedürftiger Rentner*innen in unterschiedlichen Lebenssituationen (z.B. alleinstehend, im Alters- und Pflegeheim lebend; in einem Paarhaushalt in eigener Wohnung lebend, etc.) zeigen sie auf, wie viel von ihrem Betreuungs- und Pflegebedarf die alten Menschen in der Schweiz aus ihrer eigenen Tasche bezahlen müssen. Kurz gesagt: es ist viel, sehr viel, vor allem für den Mittelstand. Also für jene, die etwas Geld haben, aber nicht unbegrenzt. Und vor allem: die Ungleichheiten sind riesig. Die Ungleichheit zwischen reichen und armen Haushalten, zwischen Verheirateten und Alleinstehenden, zwischen agilen und fragilen Rentner*innen. Viele alte Menschen – vor allem Frauen – sind in der Schweiz von Altersarmut betroffen. Andere – vor allem Verheiratete – verfügen über sehr viel Vermögen. Das föderalistische System der Schweiz führt zu sehr grossen Unterschieden im frei verfügbaren Einkommen – was man selbst bezahlen muss und wo man unterstützt wird, respektive in welchem Mass, das unterscheidet sich von Kanton zu Kanton. Steuern und Prämienverbilligung in der obligatorischen Krankenversicherung sollten theoretisch ausgleichend wirken (die Reichen bezahlen mehr Steuern und erhalten keine Prämienverbilligung, die Armen bezahlen keine oder weniger Steuern und erhalten die Prämienverbilligung). In der Realität, dies weisen Knöpfel und Meuli erstmals nach, werden die Ungleichheiten durch das System verstärkt statt abgemildert.

Im dritten Teil schließlich wagen Meuli und Knöpfel einen Blick in die Zukunft. Für sie ist es klar, dass es ein Umdenken, grundsätzlich neue Ansätze braucht. Es geht um eine Alterspolitik, die diesen Namen verdient. Ob diese in Richtung einer obligatorischen Pflegeversicherung, verstärkter ausgleichender Maßnahmen respektive mehr Unterstützung auch für den Mittelstand gehen soll oder eher in ein neu Denken der Betreuung im Alter mit mehr intermediären Angeboten und Tageszentren – oder eine Kombination verschiedener Maßnahmen sein soll: Carlo Knöpfel und Nora Meuli legen in ihrem Buch harte Zahlen und Fakten auf den Tisch, die jede an Gerechtigkeit und Ausgleich interessierte Person, ob Gemeindepolitikerin, Sozialwissenschafterin, Sozialarbeiter oder einfach citizen eines demokratischen Staates zum Umdenken und Handeln auffordern.

Diskussion

Im föderalistischen System der Schweiz sind sowohl die Gesundheitspolitik als auch die Sozialpolitik in kantonaler Zuständigkeit. Zwar werden die Altersrenten über die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) geregelt und auch die Prämienverbilligung der obligatorischen Krankenversicherung ist grundsätzlich im Krankenversicherungsgesetz (KVG) festgehalten. Die Auslegung ist jedoch in kantonaler Zuständigkeit. Personen in der Schweiz zahlen einerseits Bundessteuern (hier ist der Satz für alle gleich) und andererseits Kantons- und Gemeindesteuern, welche auf kommunaler Ebene festgelegt werden und sich stark unterscheiden, und zwar sowohl im Steuersatz als auch in der Progression. Zudem unterscheidet sich die Handhabung, die Governance, bezüglich möglicher Vergünstigungen und Unterstützung stark. So gibt es in der Schweiz das System der Ergänzungsleistung, welche tiefe AHV-Renten wenn nötig (beispielsweise bei hohen Pflegekosten) ergänzt. Die Ergänzungsleistung ist keine Sozialhilfe, sondern – wie der Name sagt – eine Ergänzung zur Rente. In manchen Gemeinden werden die Bewohner*innen auf ihren Anspruch auf Ergänzungsleistung aufmerksam gemacht. Andere Gemeinden halten still und warten ab, ob ein Antrag kommt – dass dies bei Personen, welche weniger gut informiert und gebildet sind weniger häufig der Fall ist, kann man sich leicht vorstellen. Tatsache ist, dass ein Großteil der Menschen, die Anspruch auf eine Ergänzungsleistung haben diese nicht beziehen.

Die AHV bildet die sogenannte erste Säule im schweizerischen Altersvorsorgesystem. Die zweite Säule ist die berufliche Vorsorge. In die Pensionskasse bezahlen Arbeitnehmer*in und Arbeitgeber*in obligatorisch einen Teil der Lohnsumme ein. Knöpfel und Meuli zeigen die Diskussionen rund um die Pensionskassenguthaben auf. Zurzeit werden diese als Einkommen (Bezug als monatliche Rente) respektive als Vermögen behandelt (Bezug des angesparten Kapitals – oder eines Teils davon – bei Pensionierung).

Schliesslich kann sich, wer es vermag, noch eine dritte Säule aufbauen, das ist das privat Ersparte. Unter gewissen Bedingungen sind Einzahlungen in die dritte Säule während der Erwerbsphase attraktiv, da sie in der Erwerbsphase steuerbefreit sind und erst beim Bezug im Rentenalter besteuert werden.

In ihrem Buch zeigen Carlo Knöpfel und Nora Meuli glasklar auf, wie sich die Schweizer Politik in die Tasche lügt: anstatt den Menschen durch ein gerechtes und wirksames Sozialversicherungssystem – es soll niemand sagen, in der Schweiz würden dafür die Mittel fehlen – ein entspanntes und würdiges Altern zu erleichtern, wiehert der Amtsschimmel (in föderalistisch unterschiedlich hohen Tönen) und es wuchert ein unendlich kompliziertes System von Zwangsabgaben und Versicherungen, welche auf Antrage ausgeglichen und ergänzt werden. Angesichts dieses Dschungels von (theoretischen) Ansprüchen und Möglichkeiten wirft jeder normale Mensch die Flinte ins Korn. Die Energie von Fachkräften fliesst ins Ausfüllen von Formularen. Das ist unwürdig, kurzsichtig und ungerecht. Der Verdienst von Carlo Knöpfel und Nora Meuli, diesen Missstand aufzuzeigen und Wege daraus zu skizzieren, ist nicht hoch genug einzuschätzen.

Fazit

Nicht alle Menschen in der Schweiz haben das Glück, alt zu werden, aber immer mehr Menschen werden immer älter. Dass die in der Schweiz vorhandene soziale Ungleichheit in diesem Ausmaß zu einer ungleichen Betroffenheit der finanziellen Belastungen des Alters führt, ist stoßend. Dass diese Ungleichheit nach Steuern und Prämienverbilligung noch zunimmt, Ärmere also überproportional belastet werden, ist geradezu skandalös.

Für Sozialwissenschafter*innen, Fachpersonen der Sozialen Arbeit und der Pflege, für Vertreter*innen der Gemeindepolitik und der Sozialpolitik sowie allgemein für alle Interessierten bietet das Buch von Carlo Knöpfel und Nora Meuli eine fast unendliche Quelle von Information, detaillierte Beispielsberechnungen und eine Vision für eine Alterspolitik, welche diesen Namen verdient.

Rezension von
Prof. Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
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Es gibt 45 Rezensionen von Simone Gretler Heusser.

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Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 07.09.2022 zu: Nora Meuli, Carlo Knöpfel: Ungleichheit im Alter. Eine Analyse der finanziellen Spielräume älterer Menschen in der Schweiz. Seismo-Verlag Sozialwissenschaften und Gesellschaftsfragen (Zürich) 2021. ISBN 978-3-03777-250-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28990.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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