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Edzard Ernst: Heilung oder Humbug?

Rezensiert von Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens, 10.02.2022

Cover Edzard Ernst: Heilung oder Humbug? ISBN 978-3-662-61709-0

Edzard Ernst: Heilung oder Humbug? 150 alternativmedizinische Verfahren von Akupunktur bis Yoga. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2021. ISBN 978-3-662-61709-0.
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Thema

Das vorliegende Buch, so lässt uns Edzard Ernst (auf S. VIII) wissen, richte sich an all jene, die nach den Fakten über alternative medizinische Verfahren suchen, Vertrauen in die Wissenschaft, wie sie in der Tradition der europäischen Aufklärung entstanden ist, haben und eine kritische Bewertung der von kommerziellem Interesse geprägten (Eigen-)Propaganda der Alternativ-Medizin in all ihren verschiedenen Erscheinungsformen vorziehen. Der Autor forscht seit mehr als 25 Jahren auf dem Gebiet der alternativen Medizin, hat dadurch eine Fülle von Wissen, Fakten sowie Erfahrungen gesammelt und fasst das Wesentliche seiner Expertise hier in einem auch fachfremden Publikum zugänglichen Text zusammen. Der bietet eine Einführung in die wichtigsten Fragen der Alternativmedizin sowie eine prägnante, evidenzbasierte Analyse von 150 alternativen Therapien und Diagnosetechniken.

Edzard Ernst unternimmt es, mit dem soliden Kompass des in bester Tradition der Europäischen Aufklärung entwickelten Konzepts der Evidenzbasierung in der Hand, ein Feld zu erkunden und zu vermessen, das selbst unter vielen Gebildeten Deutschlands, aber auch Österreichs und der Deutschschweiz doch weitgehend nur durch anekdotische Evidenz (Fremd- und Selbsterlebnisse) und vollmundige Versprechungen der Anbieter das Meinungsbild prägt. In elf Kapiteln nimmt der Autor auch hierzulande sehr beliebte und populäre Verfahren der „Alternativmedizin“ unter die Lupe. Zuerst widmet er sich – bald nur als „zwielichtig“ zu bezeichnenden – Methoden zur Krankheitserkennung wie Irisdiagnostik, Kinesiologie und Pulsdiagnose. Dann checkt er die – als Eigen- und als Placeboeffekt identifizierbare – „Wirksamkeit“ verschiedener Mittelchen: von Globuli über chinesische Heilkräuter bis Paläo-Ernährung. Danach seziert er physikalische Therapien, etwa Akupunktur, Osteopathie, Reflexzonenmassage und Schröpfen. Ergänzend führt er uns zunehmend zweifelhaft werdende Behandlungen wie Geistheilung, Eigenbluttherapie, Krebsdiäten und Ayurveda vor – nicht ohne auch seinen Spott über die so genannte „Neue Germanische Medizin“ zu verbergen.

Autor

Der in 1948 in Wiesbaden geborene und in der Bundesrepublik zum Arzt ausgebildete Edzard Ernst wurde 1993 von seinem Lehrstuhl für Physikalische Medizin und Rehabilitation an der Universität Wien an die Universität Exeter, eine der sechs britischen Eliteuniversitäten berufen, um dort das Institut für Alternativmedizin einzurichten und erster Inhaber eines durch Stiftungsmittel eingerichteten Lehrstuhls für Alternativmedizin zu werden. Im Jahr 2002 kam er, nunmehr seit 1999 britischer Staatsbürger, in die Funktion des Direktors für den Bereich Alternativmedizin an der Peninsula Medical School (Campus Exeter); 2011 wurde er emeritiert.

Wer sich mit der „Alternativmedizin“ auseinandersetzt, bewegt sich dies- wie jenseits des Ärmelkanals auf vermintem Gelände, Das gilt nicht nur für das Gebiet der Wissenschaft, sondern auch für jenes der Politik. „Es ist schon Mittag, aber noch ruhig. Keine Hassmails von Homöopathen, keine Briefe von Anwälten, kein Ärger mit Prinz Charles.“ Mit diesen Sätzen eröffnete am 6. Dezember 2011, also vor rund einem Jahrzehnt, Max Rauner seinen ZEIT-Artikel „Edzard gegen Charles“ (nachzulesen unter https://www.zeit.de/zeit-wissen/2012/01/Portrait-Ezard-Ernst/​komplettansicht). Wie nur kann frau/man mit dem netten Charles in Streit geraten – es sei denn, frau/man(n) wäre seine Mom? Nun dann, wenn der ewige Prinz seine Alternativität wieder einmal unter Beweis stellen will, indem er vor rund anderthalb Jahrzehnten die Verwendung homöopathischer Mittel selbst bei Asthma-Patient(inn)en empfiehlt, Edzard Ernst öffentlich und öffentlichkeitswirksam dagegen protestiert und der designierte Thronfolger auf dem Klavier der politischen Einflussnahme hässliche Weisen zum Besten (oder sollte man/frau sagen: „zum Schlechtesten“) gibt.

Am Ende der Geschichte beschließt das britische Unterhaus 2010, Homöopathie dürfe nicht mehr vom britischen National Health Service gefördert und es sei verboten, homöopathische Mittel im Vereinigten Königreich künftig als „wirksam“ zu bewerben werden (https://www.science.org/doi/10.1126/science.333.6043.687). Ungestraft durfte der Citoyen Ernst den Royal Charles 2011 auf einer Pressekonferenz als „Schlangenölverkäufer“ (Snake Oil Salesman) titulieren (vgl. die beiden letzten Quellenangaben) und 2015 konnte Ernst in seiner Leib-und-Magen-Zeitung The Guardian, ohne dass ihm dies auf den Magen geschlagen wäre oder er ein sonstiges leibliches Leiden hätte erdulden müssen, einen Text mit diesem Titel veröffentlichen: There is no scientific case for homeopathy: the debate is over (https://www.theguardian.com/commentisfree/2015/mar/12/no-scientific-case-homeopathy-remedies-pharmacists-placebos).

Der Beitrag beginnt mit diesen Worten: „Homeopathy has been with me all my life. As a boy, I was treated by homeopaths; my first post as a junior doctor was in a homeopathic hospital, later I researched homeopathy and published more than 100 papers on the subject, and finally I summarised the entire experience in a memoir entitled A Scientist in Wonderland.“ Das ist ein 200 Seiten starkes Buch, das im Januar 2015 bei Imprint Academic (Exeter) veröffentlicht wurde, und damit zwar für die Elfenbeintürmlerei von Bedeutung war, nicht aber für das, was man „Bildung der öffentlichen Meinung“ nennt. Zur Bildung der öffentlichen Meinung im deutschsprachigen Raum trug Edzard Ernst in Sachen „Homöopathie“ im Besonderen und zu „Alternativmedizin“ im Allgemeinen bei durch insgesamt sieben Publikationen, beginnend mit „Praxis Naturheilverfahren: Evidenzbasierte Komplementärmedizin“ (Springer) von 2005.

Von diesen sieben Publikationen sind sechs Übersetzungen aus dem Englischen, so auch die vorliegende. Eine einzige Publikation war keine Übersetzung eines zuvor im englischsprachigen Raumes veröffentlichten Buches: Auf Bitte des Münchener Gräfe und Unzer (GU) Verlags im Jahr 2020 – da war „Corona“ schon ein Thema! – wurde eigens für den deutsch(sprachig)en Raum ein neues Buch verfasst und 2021 beim anfragenden Verlag veröffentlicht unter dem Titel „Alternativmedizin – was hilft, was schadet: Die 20 besten, die 20 bedenklichsten Methoden“ (Ernst, 2021). Dieses GU-Buch ist der neuste Edzard Ernst-Text zur Sache und von seiner Entstehungsgeschichte her zeitlich am nächsten dran an der Corona-Epidemie, die sich erst 2020 als solche zeigte; auf diese Publikation wird im Zusammenhang der vorliegenden Rezension daher aus sachlichen Gründen immer wieder verwiesen.

Entstehungsgeschichte des Buches

Das vorliegende Buch ist die Übersetzung einer Publikation, die bereits 2019 – da war „Corona“ noch kein Thema – unter dem Titel „Alternative medicine – a critical assessment of 150 modalities“ bei Copernicus, einem Imprint der Springer Nature Switzerland AG (Cham) erschienen war. Bei der Übersetzung des Buches wurde ein Weg beschritten, der vielen Leser(inne)n nicht nur hierzulande noch unbekannt sein dürfte. In einem ersten Schritt erfolgte eine Übersetzung mit Hilfe artifizieller (künstlicher) Intelligenz, bereit gestellt von DeepL.com (https://www.deepl.com/translator), die dann (dem Inhalt nach) „händisch“ nachkorrigiert wurde.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus insgesamt 11 Kapiteln, die gerahmt werden durch einerseits ein knappes Vorwort und andererseits durch vier anschließende Textteile: Literatur, Nachwort, Glossar und Stichwortverzeichnis.

Aus dem Vorwort wurde schon oben unter dem Stichwort „Thema“ referiert. Ich bringe hier ergänzend die – in heutigen Zeiten, da sensible Seelen sich von jeglichem „Anderen“ leicht und schnell verletzt fühlen – Warnung zur Kenntnis, die ich sinngemäß auch für die vorliegende Rezension zur Geltung bringen möchte: „Wenn Sie ein Anhänger der Alternativmedizin sind, dem die Fakten egal sind, oder ein Enthusiast, für den die Alternativmedizin zu einer Art Religion geworden ist, oder jemand, der glaubt, dass Wissenschaft weniger wichtig ist als eine Anekdote, dann legen Sie dieses Buch besser wieder in die Schublade; die Lektüre wird Sie nur beunruhigen.“ (S. VIII)

Am Ende des Buches findet sich zunächst einmal ein professionell gestaltetes Literaturverzeichnis. Dem folgt ein Nachwort, auf das wir gleich noch eingehen werden, und dann ein äußerst hilfreiches Glossar, das von „Adjuvante Therapie“ bis „Ying und Yang“ reicht, dem ein – selbstverständlich mit Seitenangaben versehenes – Stichwortverzeichnis folgt: von „Agrohomöopathie“ bis „Zungendiagnose“.

Im angesprochenen Nachwort weitet der Autor die Perspektive und den Verstehenshorizont: „Die Gefahren, implausible Konzepte oder mystische Ideen zu akzeptieren, reichen weit über das Gesundheitswesen hinaus. Viele Verbraucher werden so weit in die Irre geführt, dass es fast einer Gehirnwäsche gleicht. Einige Formen der alternativen Medizin können sie sogar in ein kultähnliches Umfeld ziehen, in dem die Rationalität aktiv untergraben oder völlig außer Kraft gesetzt wird. Die alternative Medizin kann zu einem quasi-religiösen Glaubenssystem werden, in dem Evidenz nicht mehr zählt. Die Folgen sind nicht nur für den Einzelnen, sondern, wenn ausreichend verbreitet, auch für die Gesellschaft schädlich. 'Wer uns an Absurditäten glauben macht, kann uns dazu bringen, Gräueltaten zu begehen', warnte der französische Philosoph Voltaire.“ (S. 361)

Kommen wir damit zum Kern des Buches mit seinen insgesamt elf Kapiteln, von denen ab dem zweiten alle mit einem eigenen Literaturverzeichnis versehen sind.

Im 1., Einführung, informiert uns der Autor über sich selbst und benennt Inhalt. Von ihm intendierte Ziele und möglichen Nutzen des Buches.

Das 2. Kapitel trägt die Überschrift Warum Beweise? Dort legt der Autor dar, weshalb und wofür Erfahrung gut sei, aber keine Evidenz biete oder darstelle. Was unter „Evidenz“ zu verstehen sei, weshalb sie wichtig ist und wann wir davon reden können, es bestünde eine „hinreichende“ Evidenz füllen weitere Seiten.

In Die Attraktivität der Alternativmedizin, dem 3. Kapitel setzt sich Edzard Ernst detailliert und kenntnisreich auseinander mit den werbewirksamen Behauptungen, „Alternativmedizin“ sei effektiv, risikofrei, „natürlich“, „ganzheitlich“ altbewährt, preiswert, „menschlicher“ usw. Die dortigen kritischen Ausführungen versieht der Autor mit noch mehr Substanz in den beiden anschließenden Kapiteln.

Zunächst legt er im 4. Kapitel, Die Unattraktivität der Alternativmedizin, dar, dass und weshalb die „Alternativmedizin“ nicht plausibel und selten evidenzbasiert, weshalb sie nur als Pseudowissenschaft zu qualifizieren und ein „gelobte Land“ für Scharlatane – hier sind v.a. die Heilpraktiker(innen) Deutschlands im Blick- (oder sollte man sagen: Schuss-)feld – sei.

Diese Kritikpunkte werden anschließend im 5. Kapitel Ethische Probleme in der Alternativmedizin ergänzt: Die Alternativmedizin müsse sich vorhalten lassen, gegen die Grundprinzipien der Schadensvermeidung (Nihil nocere) als auch der umfassenden Patient(innen)aufklärung (Informed consent) zu verstoßen, Vernachlässigung nicht in Rechnung zu stellen. mangelnde Kompetenz als Kavaliersdelikt zu behandeln und es mit der Wahrheit nicht allzu genau zunehmen.

Ergänzende Überlegungen finden sich anschließend unter der Überschrift Andere Themen. Dieses sechste Kapitel ist thematisch so uneinheitlich, dass man es schwerlich in Gänze kurz skizzieren kann. Hier seien nur die beiden ersten Punkte exemplarisch angerissen. Da geht es zunächst einmal um die Frage, ob es denn zur Wahlfreiheit der Patient(innen) nicht auch gehöre, dass sie sich ihre Behandler(innen) selbst auswählen könnten und deren Leistungen, seien sie auch abweichend vom Katalog der Schulmedizin und nicht von Mediziner(inne)n, sondern von Heilprakter(inne)n erbracht, zum Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenkasse gehören müssten. Eine zweite Frage ist, ob man denn alternativmedizinische Behandlungsmethoden allein schon deshalb ablehnen könne oder gar müsse, weil ihre Wirkmechanismen sich nicht nach der Logik der (Körper-)Medizin darstellen ließen (was beispielsweise auch für die von der Medizin anerkannte und zu den Kassenleistungen gerechnete Eye Movement Desensitization and Reprocessing gilt).

Mit dem siebten Kapitel beginnt jener Buchabschnitt (bis Kapitel 11), der uns nähere Einblicke in das diagnostische und therapeutische Vorgehen einzelner „alternativmedizinischer“ Handlungsformen gewährt. Jedes dieser Kapitel wird abgeschlossen mit einer Standardtabelle, die einleitend (auf den S. 5–6) dargestellt, erläutert und begründet sind. Besagte Tabelle enthält fünf Punkte:

  • Plausibilität (Mit derzeitigem Expertenwissen vereinbar?)
  • Wirksamkeit (Nach allgemeinen Kriterien der Evidenzbasierung nachgewiesen?)
  • Unbedenklichkeit (Keine direkten oder – oft übersehen – indirekten negativen Folgen.)
  • Kosten (Finanzielle Behandlungskosten.)
  • Risiko-Nutzen-Verhältnis (Anmerkung: Ohne nachgewiesene Wirksamkeit ist stets! negativ)

Zunächst werden in Diagnostische Techniken (Kap.7) neun einzeln unter die Lupe genommen, von denen der Rezensent, sich in Sachen „Alternativmedizin“ einigermaßen informiert wähnend, in der Mehrheit

usste; die Auflistung reicht von „Angewandte Kinesiologie“ über „Irisdiagnostik“ und „Kirlian-Fotographie“ bis zu „Wünschelrutengehen“.

Danach (8. Kap.) werden Medikamente und orale Behandlungen der „Alternativmedizin“ aufgelistet, ganze 43 an der Zahl, unter denen manche sind, die sich auch in Bad und Küche bildungsbürgerlicher Haushalte finden wie etwa Antioxydantien. Aloe vera und Arnika. Und dann gibt es andere, die in der Regel unbekannt sind (Antineoblaston und Gerson-Therapie beispielsweise) oder ein gewisses Befremden auslösen (Urintherapie etwa).

Das neunte Kapitel behandelt Physikalische Therapien der „Alternativmedizin“. Der Bogen der 39 betrachteten Formen reicht von Akupressur und Akupunktur über Hot-stone-Massage und Jin Shin Jyutsu bis zu Tui Na und Viszerale Osteopathie.

Andere Therapien, und zwar 29 an der Zahl. werden im 10. Kapitel behandelt. Das fängt mit Autogenem Training an, geht weiter mit Eigenbluttherapie, Geistheilung und Mediation, um mit Zero Balance zu schließen.

Das elfte und abschließende Kapitel trägt die Überschrift Überbegriffe. Man ahnt: Hier findet gegenüber den Kapiteln 7 – 10 ein Wechsel zweiter Ordnung statt. Hier geht es nicht mehr um weitere einzelne diagnostische und/oder therapeutische Modalitäten, hier werden Themen höheren Komplexitätsgrades behandelt. Man könnte sagen: Hier ist von „alternativmedizinischen“ Ansätzen, Entwürfen oder Konzepten die Rede. Als solche werden insgesamt 30 vorgestellt: Von Alternative Krebstherapien und Anthroposophische Medizin über Kneipp-Therapie und Neue Germanische Medizin bis zu Unani und Yoga.

Diskussion

Ohne Zweifel ist das vorliegende Buch die hinsichtlich Quantität wie Qualität hervorragendste wissenschaftliche Publikation zur „Alternativmedizin“ – und dürfte das auf Jahre hinaus bleiben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Edzard Ernst sich in einer weiteren Publikation noch einmal selbst übertrifft; es scheint mir sein Opus Magnum. Und ich sehe auch keine anderen, die das hier beackerte Feld in absehbarer Zeit erneut umpflügen könnten; es wird damit für geraume Zeit das Standardwerk zur Sache sein.

Es sich zu erarbeiten kostet freilich Mühe und Geduld. Da ist zum einen der bloße Seitenumfang und, was schwerer wiegen mag, seine „wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit“. Beides schreckt viele Menschen ab, die in den widrigen Zeiten von Fernsehen und „Internetdienst(leistung)en“ zum Lesen von Grund- bis (Fach-)Hochschule nicht erzogen wurden. Wer zwar am Thema interessiert ist, aber wenig(er) Ausdauer hat, möge es versuchen mit dem schon oben erwähnten Buch „Alternativmedizin – was hilft, was schadet: Die 20 besten, die 20 bedenklichsten Methoden“ (Ernst, 2021).

Für beide Bücher stellt sich die Frage: Was eigentlich versteht der Autor unter „Alternativmedizin“? Darauf muss man zwei Antworten geben. Die erste betrachtet den Wortbestandteil „Medizin“, die zweite jenen mit „alternativ“ markierten. Als Antwort auf die erste Frage bringe ich folgende Ernst-Äußerung zur Kenntnis: „Auf die lange und mühsame Frage, was Alternativmedizin ist, möchte ich hier nicht im Detail eingehen. Wie immer man sie auch definieren mag, sie ist MEDIZIN!“ (Ernst, 2021, S. 9). Eine solche Definition hat einige pragmatische Folgen. So etwa die, dass wir bei den von Edzard Ernst betrachteten Handlungsformen klären müssen, ob und inwieweit sie heilkundlicher Natur sind, das heißt bei psychischen und/oder somatischen „Störungen mit Krankheitswert“ zum Einsatz kommen (können/sollen). So mag es ja zutreffen, dass Meditation bei hämatologischen Erkrankungen und ADHS keine positive Wirkung zeigt (S. 277–278); nur heißt das nicht, Meditation sei generell nicht in der Lage, das seelische und oder körperliche Wohlbefinden von Menschen zu steigern; das bestreitet Edzard Ernst ja auch nicht (vgl. S. 276–278).

Die andere Frage lautet: Wo zieht der Autor die Grenze zwischen der „Alternativmedizin“ und der nicht-alternativen Medizin? Auf ein Lehrbuch, das die Grenze nach der Sache (zu Grunde liegende Anthropologie, Theorienbildung, Methodik etc.) klar markieren würde, verweist der Autor nicht. Könnte er aug Grund seiner Sachkenntnis auch nicht und tut er klugerweise auch nicht, weil er spätestens beim Kapitel „Psychosomatik“ – über die sich der Autor ebenso gründlich ausschweigt wie zu „Psychotherapie“ – in größte Schwierigkeiten geriete. Die Grenze zu ziehen zwischen Heilbehandlung durch Ärztinnen/Ärzte und Nicht-Ärztinnen/-Ärzten klappt zumindest hierzulande ebenfalls nicht. Und das gleich aus einem doppelten Grunde: Zum einen finden sich jede Menge approbierter Mediziner(innen), die die (Zusatz-)Bezeichnung „Anthroposophischer Arzt (GAÄD)“ führen, und zum anderen gibt es sehr viele Nicht-Mediziner(innen), die ihre Tätigkeit an den Richtlinien der „Schulmedizin“ ausrichten (Pflegekräfte etwa). Zumindest für Deutschland hilft es auch nicht, in Gebührenordnungen für das heilkundlich tätige Personal und Leistungskataloge der öffentlichen und privaten Krankenkassen sowie der einzelnen Beihilfe-Träger zu schauen. Als beihilfeberechtigter Privatversicherter, der nicht nur für sich selbst, sondern auch für einige Familienangehörige Jahrzehnte lang Abrechnungen bewerkstelligen durfte, habe ich hier vertiefte Feld- und Sachkenntnis.

Edzard Ernst versucht eine Grenzmarkierung auf zweierlei Weise. Einmal über das Kriterium „Evidenzbasierung“: „In der Medizin spricht (im Unterschied zur 'Alternativmedizin') die Evidenz für sich und braucht weder enthusiastische Befürworter noch ewige Neinsager.“ (Ernst, 2021, S. 9) Gut gebrüllt, Löwe! Nur was ist denn der dunklen Rede heller Sinn? Soll sie etwa meinen, das heilkundliche Handeln von Anhänger(innen) der nicht-alternativen Medizin sei der bloße Ausfluss, quasi eine 1:1-Übersetzung von Erkenntnissen methodisch korrekter Primär- und Sekundärevaluationen (Meta-Analysen, Cochrane Reviews)? Was glaubt der Autor denn, zu welchem Maße in den Anlaufstellen der medizinischen (Erst- und Grund-)Versorgung in Deutschland, den lokalen Praxen der (Allgemein-)Mediziner(innen), das Gold der Evidenzbasierung legiert wird mit dem Kupfer der klinischen Erfahrung, die sich aus so evaluations-methodisch bedenklichen Quellen wie anekdotische Evidenz, Augenscheinvalidität u.a.m. speist und der es an allen methodischen „Gütekriterien“ wie Objektivität, Reliabilität und Validität mangelt?

Unverdrossen unternimmt der Autor noch einen zweiten Versuch einer – mehr oder minder – exakten Grenzziehung zwischen „Normalmedizin“ und „Alternativmedizin“, ohne die sich über die zweite je schwerlich reden lässt, will man dem Vorwurf der „Themaverfehlung“ entgehen, Dieser zweite Versuch läuft über die Unterscheidung zwischen zwei Berufsgruppen: den Ärztinnen und Ärzten einer- sowie den Heilpraktiker(inne)n andererseits. Ich zitiere auszugsweise den Abschnitt „11.12 Heilpraktiker“ des vorliegenden Buches (S. 321–322):

  • „Derzeit sind in Deutschland etwa 35.000 Heilpraktiker zugelassen.
  • Der Heilpraktiker verfügt über keine nennenswerte medizinische Ausbildung, ist jedoch ein voll anerkannter Therapeut im Gesundheitswesen, hat die Befugnis eine Vielzahl von diagnostischen und therapeutischen Verfahren auszuüben, und darf fast jede Krankheit behandeln. Eine kürzliche Umfrage hat gezeigt, dass Heilpraktiker häufig allgemeine und nicht spezifizierte Beschwerden behandeln (68 Prozent), gefolgt von psychischen Erkrankungen (64 Prozent) und Probleme des Bewegungsapparates (53 Prozent). In der Regel praktiziert ein Heilpraktiker eine breite Palette alternativer Therapien, darunter Akupunktur, Homöopathie, Kräutermedizin, Neuraltherapie, Reflexzonenmassage, verschiedene Detox-Behandlungen und so weiter.
  • Diese Situation hat ein zweistufiges System der Gesundheitsversorgung mit medizinisch kompetenten Ärzten (und einer psychotherapeutisch qualifizierten Psychologenschaft) auf der einen Seite und medizinisch inkompetenten Heilpraktikern auf der anderen Seite geschaffen.“

Ich möchte den Ernstschen Ausführungen über die Privilegierung – sprich vorzugsweise und vorzügliche Sonderbehandlung – der Heilpraktiker(innen) in Deutschland hinzufügen, dass Entsprechendes hierzulande auch auf dem Gebiete der für die „Alternativmedizin“ bedeutsamen Medikamente gilt: „Homöopathische Mittel profitieren wie anthroposophische und viele pflanzliche Medikamente von einer Sonderregel im Arzneimittelgesetz: Für sie genügt meist eine Registrierung bei der zuständigen Behörde. Auch bei Präparaten, für die eine forrmale Zulassung nötig ist, sind die Hürden niedrig.“ (Door, 2021) Das steht in der 2021er Septemberausgabe der Apotheken Umschau, die wahrlich unverdächtig ist, als vorurteilsbehafteter Gegner der „Alternativmedizin“ zu gelten; am Verkauf „alternativmedizinischer“ Präparate verdienen Deutschlands Apotheker(innen) mehr als an jenen der Schulmedizin; die Gewinnmargen sind vorab höher eingestellt.

Was (auch) Edzard Ernst nicht beantworten kann ist die Frage: Weshalb die an zwei ihrer bedeutsamsten Punkte aufgezeigte Privilegierung der „Alternativmedizin“ hierzulande (und nur für Deutschland habe ich hinreichend Kenntnis) auch heute noch Bestand hat. Wieso schweigt hierzu beispielsweise sowohl die Bundesärzte- als auch die Bundespsychotherapeutenkammer? Zur Beantwortung der Frage sind weniger die für Heilkunde Qualifizierten und auch nicht die Spezialist(inn)en für Evaluationsforschung aufgerufen. Vielmehr sollten sich qualifizierte Vertreter(innen) der Politologie, Soziologie und (Sozial-)Psychologie um die Angelegenheit kümmern; selbst von der Völkerkunde/​Ethnologie und Geschichtswissenschaft erwarte ich mir wertvolle Hinweise. So könnte man etwa verstehen, dass und weshalb in Großbritannien, wie oben angemerkt, die Homöopathie trotz massiver royaler Unterstützung durch Charles einfach out ist.

Zur Frage, ob „alternativmedizinische“ Behandlungsformen alleine oder ergänzend (adjunkt/​komplementär) zu klassischer/​traditioneller medizinischer Behandlung (Psychotherapie inklusive) wirksam sind, gibt es viele primär- und sekundäranalytische Studien, die nach allen Regeln evidenzbasierter Wirksamkeitsforschung durchgeführt wurden. Eine neuere dieser Studien, die seit Januar 2021 online verfügbar ist, veröffentlichten drei Mitarbeiter(inne)n klinischer Einrichtungen in Andalusien (María Dolores Guerra-Martín, María Sandra Tejedor-Bueno und Matías Correa-Casado) unter dem Titel „Effectiveness of complementary therapies in cancer patients: a systematic review“ im International Journal of Environmental Research and Public Health (https://doi.org/10.3390/ijerph18031017). Nur: Wer ist denn entsprechend ausgebildet, einen solchen Artikel fach- und sachkundig zu lesen? Die Klinischen Sozialarbeiterinnen im deutschsprachigen Raum jedenfalls nicht, aber auch im Regelfall nicht Mediziner(innen). Die einzige deutschsprachige Berufsgruppe, die seit Jahren und Jahrzehnten lernt, wie man primär- und sekundäranalytische Wirksamkeitsstudien herstellt bzw. bewertet, sind die Psycholog(inn)en; und die schweigen zur hier behandelten Sache.

Dem interessierten „Normalmenschen“, und sei er auch noch so sehr auf klinischem Gelände tätig, bleibt daher im Regelfalle nur etwas übrig, was sich jeglicher Evidenz-Evaluierung entzieht: Vertrauen. Auf die setzt – es bleibt ihm faktisch nichts Anderes übrig – auch Edzard Ernst. Ich zitiere aus dem Vorwort des hier betrachteten Buches:

„Ich forsche seit mehr als 25 Jahren auf dem Gebiet der alternativen Medizin. Durch diese Arbeit habe ich eine Fülle von Wissen, Fakten und Erfahrungen gesammelt. In diesem Buch habe ich das Wesentliche in einem leicht zugänglichen Text zusammengefasst. Mein Buch bietet eine Einführung in die wichtigsten Fragen der Alternativmedizin sowie eine prägnante, evidenzbasierte Analyse von 150 alternativen Therapien und Diagnosetechniken.

Solche Information ist sicherlich eine gute Sache, aber sie sollte dennoch mit einer Warnung versehen werden: Sie mag nicht jedem gefallen! Wenn Sie ein Anhänger der Alternativmedizin sind, dem die Fakten egal sind, oder ein Enthusiast, für den die Alternativmedizin zu einer Art Religion geworden ist, oder jemand, der glaubt, dass Wissenschaft weniger wichtig ist als eine Anekdote, dann legen Sie dieses Buch besser wieder in die Schublade; die Lektüre wird Sie nur beunruhigen.

Wenn Sie jedoch nach den Fakten über alternative Medizin suchen, Vertrauen (Herv. v. Verf.) in die Wissenschaft haben, eine kritische Bewertung der kommerziellen Propaganda vorziehen, dann könnte dies durchaus ein Buch sein, das Sie interessiert.

Ich hoffe, dass Sie zu der letzteren Gruppe gehören und dass dieses Buch Ihnen helfen wird, die richtigen therapeutischen Entscheidungen für sich und Ihre Familie zu treffen.“

Fassen wir es in aller Klarheit: Auch für den sich als beinharten Vertreter der empirischen Forschung gebenden Edzard Ernst gilt eine sich der quantitativen empirischen Forschung entziehende Größe als Vorabbedingung (!) für die wohlwollende Kenntnisnahme konventioneller empirischer Forschungsbefunde: „Vertrauen“. Über die hat der Autor in seinem Buch nichts Nennenswertes zu sagen. Wie denn auch? „Vertrauen“ ist eine Thema, das ins Gebiet der Psychologie fällt – und in jenes der Soziologie, wie uns Niklas Luhmann in und mit „Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität“ (Luhmann, 2005; Erstauflage 1968) eindrücklich vor Augen geführt hat.

Vertrauen tut not – auch und gerade in Corona-Zeiten. Unter den Menschen, die im Januar 2022 gegen die behördlichen Coronamaßnahmen protestieren, gehören auch solche, die weder dumm den Faschisten hinterher laufen, noch Esoteriker(innen) sind. Sie haben einfach das Vertrauen verloren: in die Politik und die sich in Gestalt von Epidemiologie und Virologie präsentierende Schulmedizin.

Edzard Ernst ist sich sehr wohl bewusst: Hilfreiches heilkundliches Handeln lebt nicht von evidenzbasiertem Wissen allein, sondern von einer jeden Handlung zur Herstellung einer „hilfreichen Beziehung“, die ohne Vertrauen – wechselseitigem Vertrauen! – nicht vorstellbar ist. Ich zitiere zur Anschauung aus einem Interview mit ihm (Droll, 2021), das veröffentlicht wurde am 1. September 2021 in der „Apotheken Umschau“, dem meistgelesenen Medizin-Journal deutscher Patient(inn)en. Dort ist zu lesen:

(Frage) Was sind die anderen Gründe (für die Beliebtheit alternativmedizinischer Behandlungsformen)?

(Antwort) Die vielen Defizite der konventionellen Medizin! Die Erwartungen wurden jahrzehntelang extrem hochgeschraubt – und bei allzu vielen chronischen, aber auch manchen akuten Erkrankungen bislang leider nicht erfüllt. Was ebenso wichtig ist: Das Menschliche droht in der Medizin verloren zu gehen. Und Menschlichkeit bietet die Alternativmedizin im übermaß (sic!).

Dann macht sie doch etwas richtig.

Ja, sicher. Die Medizin steht aus meiner Sicht aber auf zwei Beinen: der Wissenschaft und der Heilkunst, also Empathie, Verständnis und dem nötigen Zeitaufwand dafür. In dieser Heilkunst ist die Alternativmedizin in der Regel sehr gut. Die Wissenschaft vernachlässigt sie (sc. Die Alternativmedizin) völlig. Die konventionelle Medizin macht zu oft das Umgekehrte. Doch eine gute Medizin muss auf diesen beiden Beinen stehen. Ansonsten ist es eben keine gute Medizin.

Wenn die Alternativmedizin mit Empathie und Menschlichkeit etwas bewirkt und die Patientinnen und Patienten zufrieden sind: Hat sie dann nicht doch ihre Berechtigung?

Die Medizin ist kein Supermarkt. Der Patient muss nicht das bekommen, was er will, sondern das, was er braucht. Wenn ich nur auf Empathie setze, betrüge ich meine Patientinnen und Patienten um den spezifischen Effekt der Therapie, der ihnen zusteht und der auch ganz entscheidend ist. Ich finde das Wort „betrügen“ hier nicht zu stark. Denn es handelt sich oft um einen Betrug.“

Man und frau versteht: Was für Patient(inn)en gut ist, können diese in ihrer tumben Torheit doch gar nicht wissen. Das kann nur der allwissende Halbgott in Weiß! Oh, Edzard Ernst, mussten Sie es ihren Kritiker(inne)n aus dem „alternativmedizinischen“ Lager denn wirklich so leicht machen, indem sie sich in der ältlichen Pose des paternalistischen „Onkel Doktor“ darbieten? Ihre Argumente sind (auf weite Strecken) klüger als Ihre besserwisserische Attitude, die für das Gebiet der Heilkunde informierte Selbstbestimmung – Stichwort „mündige Patient(inn)en“ – nur als „Insubordination“ begreifen kann.

Der für seine Medizin-Berichterstattung mehrfach ausgezeichnete Reinhard Door hat Anfang September 2021, zu „bester Corona-Zeit“ also, in der schon bekannten Apotheken Umschau einen äußerst klugen Beitrag unter dem Titel „Evidenzbasierte Medizin: Wissen, was wirkt“ veröffentlicht. Dort vertritt er – den Begriff und Konzept „evidenzbasiert“ weit überdehnend – die Ansicht, eine Medizin, die sich zu Recht „evidenzbasiert“ nennen könne, beruhe auf drei Säulen und schon das Zusammenbrechen einer würde das Gebälk (er hat offensichtlich Architraven vor Augen) zum Einsturz bringen. Die drei Säulen sind (in seinen Worten):

„Wissen“, „Erfahrung“ und „Patientenwunsch“. In seinem Artikel (Door, 2021) liest man Folgendes:

„Dabei degradiert die EbM (Evidenzbasierte Medizin) Medizinerinnen und Mediziner keineswegs. Denn sie basiert auf drei Säulen: dem bestmöglichen Wissensstand, der Ärztlichen Erfahrung und den Wünschen von Patientinnen und Patienten. Behandler können zum Beispiel von einer (EbM-basierten) Leitlinien-Empfehlung abweichen, wenn sie im Einzelfall nicht passt. Sie können Behandlungsprioritäten setzen, wenn jemand an mehreren Krankheiten zugleich leidet.

Letzten Endes entscheidet ohnehin nicht die Wissenschaft über eine Therapie, sondern die Patientin oder der Patient – etwa darüber, ob man bei Gelenkverschleiß lieber mit Schmerzmitteln lebt oder einen Gelenkersatz will.“

Oh, wäre es nur so, dass letztendlich die Patient(inn)en entschieden, welche der zur Wahl stehenden Behandlungsmethoden denn zum Tragen kämen. Als Augen- und Ohrenzeuge sowie informierter Beobachter kann ich auf Grund jahrzehntelanger Erfahrung nur sagen: Ja, das kommt vor; aber doch eher selten. Es fällt „Normalpatient(inn)en“ schwer, sich offen gegen die mit großer Überredungskunst vorgebrachten Meinungen der „Halbgötter in Weiß“ aufzulehnen. Die eigene Meinung wird anderswo und anderswie zur Geltung gebracht. Etwa indem man Präsentier-Symptomatik (gestern zwickte es mich hier, vorgesteran da) und konsultierte Ärzteschaft (hier herrscht wahre Wahlfreiheit!) wechselt. Oder indem man es bei einer verordneten Medikation an „Behandlungstreue“ mangeln lässt: Nach allgemeiner Schätzung ist das in der Hälfte der Fälle so und faktisch eine milliardenschwere Verschwendung von Volksvermögen. In die: Nicht eingenommene und unsachgemäß „entsorgte“ Medikamente verseuchen in zunehmendem Maße unser Fließ- und Grundwasser. Nach den von Ernst Edzard aufgestellten Kriterien „Unbedenklichkeit“, „Kosten“ und „Risiko-Nutzen-Verhältnis“ fällt die schulmedizinische Medikationsstrategie auf den zweiten Blick recht negativ aus.

Kommen wir zum Schluss. Manche Leser(innen) des vorliegenden Buches werden vermissen, dass der Autor näher auf die seit Beginn der Corona-Pandemie zunehmende Diskussion über den Zusammenhang von „Alternativmedizin“ und Impf-Einstellung eingeht. Das verwundert nicht, wenn man sich vor Augen führt, dass der Text für das englischsprachige Original bereits 2018 fertig gestellt war. Erst zwei Jahre später vollendet wurde der Text für „Alternativmedizin – was hilft, was schadet“ (Ernst, 2021), und dort widmet er eine gute Textseite dem Thema „Kritik an Impfungen & Medikamenten“ (S. 22–23). Er beginnt mit dem sachlich nicht zu bestreitenden Satz: „Ein weiteres Merkmal vieler Befürworter der Alternativmedizin ist ihre kritische Einstellung zum Impfen.“ (S. 22) und führt dann aus, mit welchen Argumenten in der „Alternativmedizin“ das Impfen abgelehnt wird. Dass die Schulmedizin dabei nicht gut wegkommt, versteht sich von selbst.

Das Wort „Esoterik“ fällt dabei nicht. Öfter aber bei dem früher als Arzt, heute im Wissenschaftsjournalismus bei der ZEIT tätigen Jan Schweizer, der auf der Titelseite (S. 1) der ZEIT-Ausgabe vom 13. Januar 2022 einen Beitrag platzierte mit dem Titel „Schluss mit lustig. Nicht erst der Fall des ungeimpften Tennisprofis zeigt: In der Pandemie hat die Esoterik ihre Unschuld verloren“. Dort heißt es beispielsweise: „Wissenschaftliche Medizin zu verunglimpfen und unpassende Fakten zu leugnen gehört zur Esoterik, seit es sie gibt.“ (S. 1). Vorher war zu lesen: „Gerade jetzt in der Pandemie zeigt sich, wie gefährlich die Esoterik sein kann, vor allem die alternativmedizinischen Auswüchse.“ (S. 1) Jede(r), der halbwegs bei Verstand ist und über einen nicht allzu getrübten Bick verfügt, weiß, „dass es eine gewisse Wahlverwandtschaft zwischen anthroposophischer Glaubenslehre und der Kritik an den Corona-Maßnahmen gibt“, wie das der ZEIT-Feuilletonist Peter Neumann zum Jahresende 2021 formuliert hatte (Neumann, 2021).

Fazit

Lesen? Ja unbedingt! Keineswegs aber ohne Sinn und Verstand, denn man (und frau) bewegt sich auf vermintem Gelände. Wer fürchtet, sein Denken würde von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, möge Hilfe suchen. Etwa in der Lektüre von „Denkt mit! Wie uns Wissenschaft in Krisenzeiten helfen kann“ (Lesch & Kamphausen, 2021).

Literatur

Door, R. (2021). Evidenzbasierte Medizin: Wissen, was wirkt. Apotheken Umschau vom 1. 9.2021. Verfügbar unter: https://www.apotheken-umschau.de/therapie/​evidenzbasierte-medizin-wissen-was-wirkt-802789.html.

Droll, S. (2021). Interview mit Edzard Ernst. Apotheken Umschau vom 1. 9.2021. Verfügbar unter: https://www.apotheken-umschau.de/therapie/​alternativmedizin-oft-handelt-es-sich-um-betrug-802939.html.

Ernst, E. (2021). Alternativmedizin – was hilft, was schadet: Die 20 besten, die 20 bedenklichsten Methoden. München: Gräfe und Unzer (GU) Verlag.

Illich, I. (1975). Die Enteignung der Gesundheit. Medical Nemesis. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1975;

Lesch, H. & Kamphausen, K. (2021). Denkt mit! Wie uns Wissenschaft in Krisenzeiten helfen kann. München: Penguin.

Luhmann, N. (2005). Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität (5. Aufl.). Konstanz – München: UVK – UVK/Lucius.

Neumann, P. (2021). Um Himmels willen, nein! DIE ZEIT vom 30.12.2021, S. 53.

Rezension von
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 10.02.2022 zu: Edzard Ernst: Heilung oder Humbug? 150 alternativmedizinische Verfahren von Akupunktur bis Yoga. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2021. ISBN 978-3-662-61709-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28991.php, Datum des Zugriffs 14.08.2022.


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