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Detlef Pollack: Das unzufriedene Volk

Rezensiert von Dr. Inga Haese, 16.12.2021

Cover Detlef Pollack: Das unzufriedene Volk ISBN 978-3-8376-5238-3

Detlef Pollack: Das unzufriedene Volk. Protest und Ressentiment in Ostdeutschland von der friedlichen Revolution bis heute. transcript (Bielefeld) 2020. 232 Seiten. ISBN 978-3-8376-5238-3. D: 20,00 EUR, A: 20,00 EUR, CH: 25,30 sFr.
Reihe: X-Texte
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Autor

Detlef Pollack, gebürtiger Weimarer, studierte zunächst Theologie in Leipzig, bevor er 1989 an die Universität Bielefeld kam. Von 2002 bis 2008 war er Direktor des Instituts für Transformationsstudien an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Heute hat er eine Professur für Religionssoziologie an der Universität Münster inne.

Thema

Schon im Titel klingt an, dass Detlef Pollack eine historische Analyse der ostdeutschen Protestkultur über die Zeit vornimmt und Parallelen zwischen den unterschiedlichen Bewegungen zieht, nämlich der friedlichen Revolution von 1989 und Protesten von heute, als deren parlamentarischer Arm sich die AfD versteht. Dabei stellt Pollack die Protestbewegung der 1980er-Jahre in einen kulturellen Kontext, dessen Ausläufer heute zu Pegida und Rechtspopulismus führen. Ob diese Entwicklung zwangsläufig war und wie sie zu verstehen ist, zeichnet der Autor auf 230 Seiten nach. So sei die politische und soziale Macht der ostdeutschen Bevölkerung immer weithin unterschätzt worden, sowohl von ostdeutschen Bürgerrechtler:innen als auch besonders im Westen der Republik. Und genauso würden sich die politischen Eliten heute „angeekelt“ von rechtspopulistischen Tendenzen in Ostdeutschland zeigen, und trotz dieser umfassenden Geringschätzung, so der Autor, hätten sich die Ostdeutschen in den letzten 30 Jahren sozial und politisch als erstaunlich erfolgreicher Akteur erwiesen. Pollacks Ton ist klar: Er will um Verständnis werben, gerade bei den Ostdeutschen selbst, dass diese ihren eigenen politischen Errungenschaften Anerkennung zollen dürfen und sollen, anstatt sich in Selbststigmatisierung zu ergehen.

Aufbau

Das Buch ist in drei Hauptteile gegliedert, die von „Wir sind das Volk“ über „Wir sind ein Volk“ bis zu „Wir war’n das Volk“ die ostdeutsche Protestgeschichte analysiert. Dabei erklärt Pollack zunächst, was er unter dem Begriff des „Volkes“ versteht – jene in Ostdeutschland hervorgebrachte Konstruktion eines bestimmten Typs gesellschaftlichen Mehrheitsprotests, der sich dieses Begriffes ermächtigt hat, und nicht etwa den Mythos Volk. „Volk“ soll hier vielmehr als eine zu analysierende Größe gelten. Im ersten Kapitel geht es um die Emergenz dieses „Volkes“ während der friedlichen Revolution von 1989, die in fünf mikrohistorischen Fallstudien in verschiedenen Städten eingehend beschrieben wird. Im zweiten Teil des Buchs untersucht der Autor den Prozess der Wiedervereinigung: Die Mauer ist gefallen, die friedliche Revolution war „irreversibel“ (S. 90) geworden, und stetig wurde der Ruf nach einer Wiedervereinigung mit dem Westen Deutschlands lauter. Im dritten Teil schreibt Pollack schließlich über die „schwierige Ankunft der Ostdeutschen in Deutschland“ (S. 137 ff.), über das Umschlagen von Erwartungen und Hoffnungen in jähe Enttäuschungen und eine große Unzufriedenheit, die sich über die Jahre noch steigerte – obwohl sich die subjektive Lebenslage der Ostdeutschen stetig verbessert hätte.

Inhalt

Pollack schickt im ersten Teil des Buches voraus, dass eine Geringschätzung der Ostdeutschen die Wiedervereinigung permanent begleitet habe, die Vereinigungseuphorie wurde von West-Linken als D-Mark-Nationalismus abgewertet. Die Schuld daran gibt Pollack den Oppositionsgruppen selbst. Hatte „das Volk“, eine „über Jahre hinweg gedemütigte und entmündigte Masse“, die Revolution entscheidend vorangetrieben (S. 79), so wurden die oppositionellen Gruppen am und um den 9. Oktober an die Spitze der entstandenen Volksbewegung geschoben. Anschließend im zweiten Teil geht es um die Abkehr jener Protestmehrheit vom politischen Selbstgestaltungswillen zugunsten einer raschen Wiedervereinigung.

Das Versagen der Oppositionsgruppen

Pollack macht die Oppositionsgruppen für die Depolitisierung der Bevölkerung mitverantwortlich, wenn er schreibt, die Oppositionsgruppen verhielten sich nicht „wie die Repräsentanten des Volkes, sondern […] eher als dessen Aufklärer und Erzieher“ (S. 97). Die Allianz zwischen Bürgerrechtler:innen und Bevölkerung zerfiel, das selbst ernannte Volk, die Protestbewegung, wandte sich von ihnen ab. Fürchteten die einen, ihren gerade erst erlangten politischen Einfluss nach jahrelang gefristetem Schattendasein wieder zu verlieren, so sahen die anderen nur in einer Wiedervereinigung ihre Vision von Teilhabe erfüllt (S. 100ff). Pollack erzählt die Geschichte der verpassten Chancen der Linken, auf eine Wiedervereinigung nach ihren Vorstellungen zu setzen und ihrem gedankenverlorenen Überlassen der Vereinigungsspielwiese just jenen konservativen Kräften, die gerade nicht an einem reformierten Sozialismus interessiert waren; er erinnert an die intellektuellen Befürchtungsdiskurse von deutsch-nationalem „Wiedervereinigungsgeschrei“ (Günter Grass, S. 103), aber auch an die nun ins Licht rückende Misere des DDR-Staatshaushaltes und das immer größer werdende Bewusstsein für die desolate wirtschaftliche Lage, in der sich das Land befand. Pollacks These ist keine geringere als die, dass die Oppositionsgruppen versagt und die ostdeutsche Bevölkerung in der Einheitsfrage zum Zweckbündnis mit Helmut Kohl getrieben hatte (S. 116). Immerhin konnten die Oppositionellen im Überschreiten der „sozialen Grenzen ihres Milieus“ das Bündnis mit den Massen dafür nutzen, die Stasi-Unterlagenbehörde zu gründen (S. 120).

Die großen Erwartungen an die Wiedervereinigung

Den dritten Teil schließlich beginnt Pollack mit den großen Erwartungen an die Wiedervereinigung, mit den positiven Einstellungen zur Demokratie der Ostdeutschen, aber auch mit überzogenen Aufschwungsfantasien, die mit dem Zusammenbrechen der ostdeutschen Industrieproduktion um 70 % zwischen 1989 und 1991 zunächst tief erschüttert wurden. Pollack erzählt die gesamte Einigungsgeschichte, von sinkenden Eheschließungen, der Abwertung des Industriearbeiters, den Demütigungen im gesamtdeutschen Kontext, und immer wieder von aufflammenden Protesten und Widerstand, etwa gegen Betriebsschließungen, die 1991 noch einmal rund 70.000 Demonstrierende auf die Straßen Leipzigs brachten (S. 153). Der Protest, so Pollack, scheiterte tragisch, denn es fehlte ein Adressat. Für Pollack liegt hier wohl eine der Ursachen, warum die Unzufriedenheit mit Demokratie und Marktwirtschaft im „Volk“ bestehen blieb. „Sie hatten sich als Künstler des Informellen, ausgestattet mit Chaosqualifikation und Innovationsgeist verstanden, als Arbeiter, als Meister und Ingenieure, die in der Lage sind, selbst aus den widrigsten Verhältnissen noch das Beste zu machen. Nun mussten sie sehen, dass sie trotz aller Anstrengungen aus dem Arbeitsprozess kurzerhand herausfielen.“ (S. 158)

Kulturelles Bashing

Dazu, so Pollack, kam das gönnerhafte Gebaren von arroganten Besser-Wessis, die eine soziale Deklassierung Ost zuerst durch die Privatisierungspolitik und anschließend durch kulturelles Bashing des „Jammer-Ossis“ erwirkten. Pollack führt hier eigene Erinnerungen ins Feld und zeichnet nach, wie sich westlich orientierte DDR-Intellektuelle immer stärker gegen den West-Diskurs stellten und sich in einer Verteidigungsposition Ost wiederfanden. Der Autor ist jedoch um einen versöhnlichen Ton bemüht: Er verstehe, dass die Westdeutschen, die nie nach ihrer Meinung zur Einheit befragt wurden, auch ihr Engagement für Ostdeutschland anerkannt sehen wollten (S. 172).

Transfererfolg statt Eigenleistung

Im Kapitel über die schwierigen Neunzigerjahre arbeitet sich Pollack an den Messungen zur Einstellung der Bevölkerung ab: Die subjektive Lebenslage der Ostdeutschen verbesserte sich erheblich, – warum aber blieb die Einstellung gegenüber dem Wiedervereinigungsprozess negativ? Pollack zieht die verzerrte Vergleichsgröße der Ostdeutschen als Ursache heran: Anstatt andere Transformationsstaaten in Osteuropa zu betrachten, wurde als sozioökonomische Vergleichsgröße das saturierte Westdeutschland herangezogen. Die darauf basierende negative Einschätzung der wirtschaftlichen Lage in Ostdeutschland habe sich auch auf die Unzufriedenheit mit der Demokratie ausgewirkt. Und diese wurde verstärkt durch den Eindruck, die Ostdeutschen selbst hätten wenig zu ihrer eigenen positiven Lage beigetragen: Diese galt als Transfererfolg, nämlich 1 Billon von West nach Ost gepumpte D-Mark zwischen 1991 und 1998.

80 % Demokratiezufriedenheit im Osten

Das unglücklichste Volk der Welt – bis heute scheint es so geblieben zu sein: Obwohl sich die Zustimmungswerte zu Demokratie und Marktwirtschaft unter Ostdeutschen längst erholt hätten, dominierten „in Öffentlichkeit und Politik, wenn es um den Osten geht, apokalyptische Krisendiskurse“ (S. 177). Und diese gipfelten 30 Jahre nach der Wiedervereinigung in einem „schockierenden Wahlverhalten“ einer Minderheit, welche sich Aufmerksamkeit durch Selbststigmatisierung verschaffe. Pollack lässt allzu augenfällige Interpretationen der Neoliberalismus- und Globalisierungskritik nicht gelten, um das Wahlverhalten in Ostdeutschland zu erklären. Ein solches Narrativ, vertreten etwa von Philipp Ther, Ilko Sascha-Kowalczuk oder Daniela Dahn, sähe den erfolgreichen Rechtspopulismus als Ende einer Verkettung von De-Industrialisierung, Kolonialisierung und sozialen Verwerfungen im globalisierten Kapitalismus. Diese Lesart lehnt Pollack ab. Mit zahlreichen Statistiken belegt der Autor, dass es ökonomisch für den Osten seit 1991 aufwärts ging, vom gestiegenen BIP über den geringen Gini-Koeffizienten bis hin zu positiven Wanderungssalden kann Pollack die positive Bilanz ins Feld führen, sogar die Demokratiezufriedenheit sei im Osten mit 80 % erstaunlich hoch.

Diskussion

Pollack reiht sich damit ein in die Stimmen derer, die eine neue gesellschaftliche Konfliktlinie zwischen Globalisierungsverlierer:innen und -gewinner:innen, den „Somewheres“ und den „Anywheres“, konstatieren und eine kultursoziologische Deutung zur Erklärung des Rechtspopulismus teilen. Er ist entschlossen, dem Mantra des abgehängten Ostdeutschlands entgegenzutreten und jenen den Spiegel der Selbststigmatisierung vorzuhalten, die sich durch Ressentiment und Protest Gehör zu verschaffen suchen. Betrachtet man die Proteste gegen die Coronaschutzmaßnahmen von heute und die erschreckenden Wahlergebnisse der Bundestagswahl 2021 in Sachsen, so ist die Strategie der Selbststigmatisierer wohl aufgegangen, möglichst laut das Eigene in Abgrenzung zur Gesellschaft hervorzukehren.

Fazit

Im Lichte der Pandemie liest sich Pollacks Buch wie eine Prophezeihung, dass die tief empfundene Kränkung einer gesellschaftlichen Minderheit durchaus brutale Konsequenzen für die Mehrheit haben kann.

Rezension von
Dr. Inga Haese
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Zitiervorschlag
Inga Haese. Rezension vom 16.12.2021 zu: Detlef Pollack: Das unzufriedene Volk. Protest und Ressentiment in Ostdeutschland von der friedlichen Revolution bis heute. transcript (Bielefeld) 2020. ISBN 978-3-8376-5238-3. Reihe: X-Texte. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28995.php, Datum des Zugriffs 16.08.2022.


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