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Martin Staats (Hrsg.): Lebensqualität

Rezensiert von Prof. Dr. Stefan Godehardt-Bestmann, 27.06.2022

Cover Martin Staats (Hrsg.): Lebensqualität ISBN 978-3-7799-6315-8

Martin Staats (Hrsg.): Lebensqualität. Ein Metathema. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. 825 Seiten. ISBN 978-3-7799-6315-8. D: 78,00 EUR, A: 80,20 EUR.
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Thema

Lebensqualität ist wahrlich ein Metathema, so ist das umfangreiche Buch untertitelt. Gleichsam hochaktuell, transdisziplinär rezipiert und durchaus auf eine beachtliche Historie als Fachbegriff fußend, besteht wie so oft bei diesen Fachtermini das Risiko einer verblassenden, für jeden Kontext einsetzbaren Verbaletikette. Zugleich ist Lebensqualität ein Marketingschlagwort, bekommt in gesellschaftlichen Transformationsprozessen bspw. der Debatte um die Notwendigkeiten zur Verhinderung der weiteren Klima- und Ökologiekatastrophe eine zentrale Relevanz und erlangt eben gerade in der Sozialen Arbeit unter dem professionsethischen Leitprinzip zur Ermöglichung eines selbstbestimmteren, gelingenderen Alltags der Menschen (Thiersch 1986) einen bedeutsamen Stellenwert in einem transdisziplinären Bezug.

Herausgeber

Martin Staats ist Sozialwissenschaftler und hat eine Professur für Soziale Arbeit an der IU Internationale Hochschule im Dualen Studiengang inne. Er forscht unter anderem an den Schnittmengen von Sozialer Arbeit und Gesundheit. So ist er bspw. in der thüringischen Landesarbeitsgemeinschaft der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit im Gesundheitswesen e.V. aktiv.

Aufbau und Inhalt

Das Buch startet mit einer orientierenden Einleitung des Herausgebers zur motivationalen Ausrichtung dieses wahrlich umfangreichen und vielschichtigen Sammelbandes sowie dem Aufbau des Buches und den Inhalten der Beiträge. Martin Staats möchte maßgeblich, „einen Diskursraum eröffnen, der klarer zeichnet, welche Facetten in den Diskussionen um eine Qualität des Lebens zu beachten sind“ (S. 15).

Im 1. Kapitel werden unter der Überschrift „Historische Zugänge zum Konzept Lebensqualität“ (S. 30) vier, in chronologisch-historische Phasen gefasste Beiträge gebündelt. László Kovács zeichnet, unter Herleitungen bis in die philosophische Antike, die ‚Vor- und Frühgeschichte eines flexiblen Wertbegriffs‘ (S. 30), und fokussiert sich dabei auf die 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die gesellschaftlichen Kontextualisierungen des Lebensqualitätskonzeptes in den 1960er bis 1980er Jahren rahmt ein Beitrag von Alban Knecht. Die Fortführung bis in die 2000er Jahre zeichnet Thomas Schübel mit seinem Beitrag von ‚Entwicklungslinien subjektiver Gesundheitsmaße‘ (S. 50) nach. Mit einem Fokus auf eine ‚Nachhaltige Lebensqualität‘ als ‚Agenda für das 21.Jahrhundert‘ (S. 59) durch Georg Feigl schließt dieses Kapitel.

Das 2. Hauptkapitel fasst acht „Persönliche Zugänge zum Konzept der Lebensqualität“ (S. 72), die in Interviewform ausgeführt sind, wobei einige dieser Gesprächsprotokollierungen bereits mehrere Jahre zurückliegen. So werden bspw. die Entwickler der Sozialindikatorenforschung Wolfgang Zapf oder auch Heinz-Herbert Noll, der maßgeblich in den 1960er bis 80er Jahren agierende Sozialdemokrat Erhard Eppler, die Nachhaltigkeitsforscherin Claudia Bieling oder, neben weiteren, der sozial-ökologischen Transformationsforscher Ulrich Brand in persönliche Reflexionen zu ihren Themenzugängen eingeladen.

In Kapitel 3 folgen nun ‚Disziplinäre Zugänge zum Konzept der Lebensqualität ‘ (S. 144) mit Beiträgen aus der Bildungstheorie (Michael Winkler), der Gerontologie (Manuela Weidenkamp-Maicher), der Gesundheitsförderung (Martin Staats), der globalen Gesundheitsforschung (Sabine Ludwig), der Kunsttherapie (Constanze Schulze-Stampa), der Medien- und Kommunikationswissenschaft (Paula Stehr und Sven Jöckel), zu Naturschutz und Umweltplanung (Stefan Heiland), aus der Pflegwissenschaft (Sabine Bartholomeyczik), der positiven Psychologie (Michael Mitterwallner), zu Public Health und maßgeblich gesundheitsbezogener Lebensqualität (Florian Fischer, Lea Raiber, Claudia Boscher und Maik H.-J. Winter),

zu raumsoziologischen Betrachtungen zur Messung von Lebensqualität (Simon Güntner und Alexander Hamedinger), zu Religiosität im Bezug zu Lebensqualität (Christian Zwingmann), aus der Sozialen Arbeit unter Zugriff auf den Capabilities Approach (Dieter Röh) sowie die Perspektive der Stadtentwicklung (Ingrid Breckner).

Es folgen im wiederum sehr umfangreich gefassten 4. Hauptkapitel „Lebenslauf-bezogene Zugänge zum Konzept der Lebensqualität“ (S. 362) mit Beiträgen

  • aus Perspektive des Kindes- und Jugendalters, gleichwohl maßgeblich aus gesundheitsbezogener Fokussierung (Ulrike Ravens-Sieberer und Catharina Voß, Christiane Otto und Anne Kaman, Andreas Weber und Juliane Friedrichs sowie Stefanie Kruse und Kathrin Witek).
  • aus Perspektive von Menschen im Erwerbsalter bei „unbegleiteten minderjährigen Ausländern“ (S. 418) (Anja Tausch, Angela Teichert und Jennifer Winter) sowie aus Sicht von kleinen und mittleren Unternehmen bezüglich Personal- und Organisationsentwicklung (Gordon Heringshausen und Julius Späte)
  • aus Perspektive von Menschen ab dem Rentenalter (Christiane Fischer-Münnich und Sandy Jahn, Nikolaus Meyer, Nora Berner und Nikolaus Meyer, Johannes Steinle, Barbara Weber-Fiori und Maik H.-J. Winter sowie Andrea Kimmel, Bernhard Fleer und Stefanie Wiloth).

Dem schließen sich „Sozialraumbezogene Zugänge zum Konzept der Lebensqualität“ (S. 512) an. So werden integrierte Handlungsansätze aus einem Landkreis vorgestellt (Rolf Reul und Birgit Wollenberg), ein Hamburger Modellprojekt zur Gesundheitsförderung und Prävention im Setting Sozialraum (Elma Adedeji), Ergebnisse einer quantitativen Erhebung im Rahmen der Gesundheitsberichterstattung zu Faktoren, die mit der gesundheitsbezogenen Lebensqualität von Kindern in Frankfurt am Main assoziiert werden können (Manuela Schade), eine Perspektive zu einer Praxisforschungsstelle für Lebensmodelle im ländlichen Raum im brandenburgischen Heinersdorf (Tim Becker und Annegret Huth) sowie ein praxisnaher Erfahrungsbericht zu Herausforderungen und Chancen einer sektorenübergreifenden und multiprofessionellen Vernetzung im Gesundheitswesen am Beispiel einer gemeinsamen Sorgekultur am Lebensende (Veronika Schönhofer-Nellessen).

Dem gegenüber gestellt werden in Kapitel 6 nunmehr eher „Zielgruppenspezifische Zugänge zum Konzept der Lebensqualität“ (S. 512). Es folgen Betrachtungen zu Lebensqualität und Selbsthilfegruppen (Stefan Nickel, Alf Trojan und Christopher Kofahl), mit internationalem Bezug Reflexionen zu Lebensqualität in ländlichen Regionen in Zentralafghanistan (Stefanie Harsch, Uwe H. Bittlingmayer, Asadullah Jawid und M. Ebrahim Jawid) sowie das Glücks- und Sicherheitsgefühl bei aus Subsahara-Afrika eingewanderten Menschen in Deutschland (Adekunle Adedeji und Franka Metzner). Ebenso praxisnah diskutiert werden in diesem Kontext der Zusammenhang von Flucht, Trauma und Lebensqualität (Bianca Fiedler) sowie Ausführungen zur Lebensqualität älterer Menschen in queeren Milieus (Rüdiger Lautmann).

Das 7. Hauptkapitel ist überschrieben mit „Übergreifende Zugänge zum Konzept der Lebensqualität“ (S. 648) und befasst sich mit Aspekten aus Querschnittthemendiskursen bzw. komplexer zusammengesetzten Aspekten und Einflussgrößen. So wird Sexualität und Lebensqualität diskutiert (Martin Staats),

Blickwinkel des Achtsamkeitsdiskurse auf die Lebensqualität reflektiert (Elke Gemeinhardt), die Erzeugung von Lebensqualität durch Engagement kritisch diskutiert (Janine Kuhnt) sowie eine prosoziale Interaktionen als Teil eines guten Lebens aus einer kommunikationswissenschaftlichen Perspektiven nachgezeichnet (Paula Stehr und Constanze Rossmann). Durchaus praxiskritisch werden folgend die Tiny House-Bewegung (Janine Kuhnt und Jan Finzi), die Soziale Landwirtschaft (Alexandra Retkowski und Thomas van Elsen) sowie im spezifischen die Gesundheitsförderung und Prävention durch Soziale Landwirtschaft (Lene Frohnert und Thomas van Elsen) in Bezug auf Lebensqualitätsaspekte praxisbezogen diskutiert und fachwissenschaftlich konturiert.

Das Buch wird mit dem 8. Hauptkapitel durch „Kritische und reflexive Zugänge zum Konzept der Lebensqualität“ (S. 648) abgeschlossen. Hier finden sich kritische Reflexionen zu Lebensqualität zwischen Wohlfahrt und Wohlbefinden (Thomas Schübel), zu (meta-)ethischen Implikationen einer medizinischen Zielgröße, die Lebensqualität als ein normatives Konzept könnte (Ralf Lutz) bis hin zu Überlegungen zur Zukunft des Lebensqualitätskonzepts (Heinz-Herbert Noll). Den inhaltlichen Schlusspunkt dieses umfassenden Bandes setzt der Herausgeber selbst mit einer Idee zu einer ganzheitlichen und nachhaltigen Lebensqualität als einer programmatischen Utopie (Martin Staats).

Diskussion

Dieser für den deutschsprachigen Raum durch allein die Vielzahl und die unterschiedlichen Themenzugänge beeindruckende Sammelband sticht durch eine Vielzahl an Aspekten heraus: Es wurde durch den Herausgeber in der Tat eine Menge an Autor:innen aus Wissenschaft und Praxis mit unterschiedlichsten Betrachtung zu diesem Metathema Lebensqualität ‚eingesammelt‘. Gleichwohl stehen die Beiträge zumeist in einem inhaltlich sichtbaren Bezug und werden nicht allein ‚nebeneinander‘ unter einer rein begrifflichen Klammer gebündelt. Das Buch ist in sich konsistent und zugleich sind die Beiträge quasi wie in einem Nachschlagewerk einzeln, ohne eine Reihenfolge einhalten zu müssen, lesbar. Die Struktur dieses Herausgeberbands ist bei der thematisch gegebenen Vielschichtigkeit gut sortiert und nachvollziehbar konzipiert, ohne dabei den einzelnen Beiträgen einen zu einengenden Rahmen zu setzen.

Die vielfältigen theoretischen Rahmungen, sehr konkreten Praxisbezüge, persönlichen Reflexionen, historischen Herleitungen und kritischen Diskursperspektiven weisen dieses Buch als ein vermutlich zukünftiges Grundlagenwerk einer transdisziplinären Betrachtung zu Lebensqualität aus.

Fazit

Laut Klappentext ist es das Ziel dieses Buches, „das Spezifische von Lebensqualität aus unterschiedlichen disziplinären, professionsbezogenen und lebensweltlichen Sichtweisen herauszustellen, immanente Themen, Methoden, Theorien, Zielgruppen etc. der Lebensqualität zu analysieren und aufbauend darauf zu ergründen, wo die Schnittstellen zu einer einenden Perspektiven auf Lebensqualität bestehen“ (Klappentext).

Dieser Anspruch wird in Gänze umgesetzt, zugänglich dargelegt und trotz der Breite an Autor:innen in einem insgesamt hohen Fachniveau ausgeführt. Dieses Buch sollte in jede:r Hochschulbibliothek zugänglich sein und kann mit dieser Thematik befassten Wissenschaftler:innen, Praktiker:innen sowie anspruchvollen Studierenden unbedingt empfohlen sein. Gleichwohl wird bei einer zu wünschenden 2.Auflage eine Erweiterung zu weiteren Zugangsperspektiven notwendig werden.

Literatur

Thiersch, Hans (1986): Die Erfahrung der Wirklichkeit. Perspektiven einer alltagsorientierten Sozialpädagogik, Weinheim.

Rezension von
Prof. Dr. Stefan Godehardt-Bestmann
Professor für Soziale Arbeit im Fernstudium an der IU Internationale Hochschule und Studiengangleiter sowie seit 2000 in freier Praxis als Sozialarbeitsforscher, Praxisberater und Trainer tätig [www.eins-berlin.de]. Schwerpunkte: Sozialraumorientierte Soziale Arbeit, Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen, Lösungsfokussierter Beratungsansatz, Inklusion, Partizipation, Organisationsentwicklung, Personalentwicklungsmaßnahmen in Organisationen Sozialer Arbeit, Gestaltung von Qualitätsmanagementprozessen, partizipative Praxisforschungen und Evaluationen.
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Zitiervorschlag
Stefan Godehardt-Bestmann. Rezension vom 27.06.2022 zu: Martin Staats (Hrsg.): Lebensqualität. Ein Metathema. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. ISBN 978-3-7799-6315-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28996.php, Datum des Zugriffs 13.08.2022.


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