Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Heiner Lachenmeier: Mit ADHS erfolgreich im Beruf

Rezensiert von Werner Fröhlich, 14.12.2021

Cover Heiner Lachenmeier: Mit ADHS erfolgreich im Beruf ISBN 978-3-662-62289-6

Heiner Lachenmeier: Mit ADHS erfolgreich im Beruf. So wandeln Sie vermeintliche Schwächen in Stärken um. Springer International Publishing AG (Cham/Heidelberg/New York/Dordrecht/London) 2021. 195 Seiten. ISBN 978-3-662-62289-6. D: 21,49 EUR, A: 23,63 EUR, CH: 25,50 sFr.
Reihe: Sachbuch
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Der Schweizer Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Heiner Lachenmeier, selbst von ADHS betroffen, wendet sich mit seiner neuesten Veröffentlichung an Betroffene und nicht Betroffene, an Jugendliche, junge Erwachsene und deren Eltern, um darüber aufzuklären, wie sich ADHS auf das Arbeitsleben auswirkt, wie man mit Schwierigkeiten zurechtkommt und wie man sich ADHS-spezifische Vorteile zunutze machen kann.

Autor

Lachenmeiers Arbeitsschwerpunkt ist ADHS im Erwachsenenalter. Neben seinen Facharztkenntnissen kann er Erfahrungen und Erlebnisse wie auch zahlreiche Fallbeispiele aus über 20 Jahren Praxistätigkeit beisteuern.

Inhalt

Einleitend befasst sich Lachenmeier mit den „Basics“, den neurologischen Unterschieden zwischen ADHS-Betroffenen und Nicht-Betroffenen. Kennzeichnend ist, dass ADHSler die von außen kommenden Informationen weniger gut vorfiltern und gewichten können. Dies hat ein „ungebremstes Denken“ zur Folge, eine ungefilterte Flut von Gedanken, die einerseits den Zugang zu neuartigen, kreativen Lösungswegen eröffnet, andererseits aber den Überblick behindert und pragmatisch-schnelle Entscheidungen in Alltagssituationen erschwert.

Daran anschließend setzt sich der Autor damit auseinander, wie sich ADHS konkret im Arbeitsleben auswirkt, wie Betroffene ADHS-typische Schwierigkeiten umgehen oder verarbeiten können und wie sie ihre Innovationsvorteile für den beruflichen Erfolg nutzbar machen können.

Erfolge in der Arbeitswelt können durch ADHS-typische Fehler und Gefahren vereitelt werden. Hierzu hat Lachenmeier eine Reihe von Beispielen und Tipps parat. Er warnt zum Beispiel davor, sich in einer neuen Arbeitsstelle gleich als ADHSler zu „outen“. Übermäßige Offenheit und Ehrlichkeit könnten im Effekt selbstsabotierend sein. Hilfreich sei es, mit Kollegen über Stärken, Schwächen und Defizite zu sprechen – die Diagnose ADHS müsse dabei nicht genannt werden. Auch im Smalltalk mit Bekannten oder Kollegen könne zu viel Offenheit und Ehrlichkeit gefährlich werden – ADHSler müssten lernen, dass im Smalltalk Themen mit weitergehender Bedeutung für einen der Anwesenden ausgeschlossen sind.

Andererseits, so betont Lachenmeier, können ADHSler ihre „klassischen“ Qualitäten ins Arbeitsleben einbringen, wie etwa Loyalität ohne Unterwürfigkeit, Integrität, Mut, Toleranz bei gleichzeitiger Prinzipientreue, Verlässlichkeit, Freundlichkeit und Ausdauer.

Weitere Beispiele und Tipps befassen sich mit der Frage, wie chronischer Stress zu vermeiden ist und wie man der schlimmsten „Tretmine“, dem „negativen Röhrenblick“ ausweichen kann. Ein eigenes Kapitel ist dem Thema „ADHS-Medikamente und Beruf“ gewidmet.

Krankheiten infolge von „schlechtem“ Stress (Distress), auch Burnout oder Erschöpfungsdepression genannt, treten bei ADHS häufiger auf. Für den Fall, dass es infolge beruflicher Überlastung zu einer Stressfolgekrankheit kommt, empfiehlt Lachenmeier eine „ehrliche Selbstreflexion“, um zu ermitteln, ob der Stress möglicherweise daher rührt, dass einem die fachlichen Fähigkeiten oder die Erfahrungen für die zu bewältigenden Aufgaben fehlen.

Diskussion

Lachenmeier stößt sich daran, dass beim Begriff „Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung“ die Komponenten „Defizit“ und „Störung“ zu stark betont werden. Das lenke zu stark vom „Wesen“ der ADHS ab. Zutreffender könne man von „Unusual Management of Informations and Functions“ sprechen. Nur um keine Verwirrung zu stiften, verwendet Lachenmeier in seinem Buch trotzdem den konventionellen Begriff der ADHS, ohne zwischen ADHS und ADS zu unterscheiden.

Als „genetische Kondition“ ist ADHS, laut Lachenmeier, „per se“ keine Krankheit, sondern eine Normvariante des Menschseins mit Vor- und Nachteilen, ähnlich wie Mann- und Frausein Normvarianten sind. Erbetont, dass ADHS nicht unbedingt ein „Leiden“ sein muss, viele Menschen litten weniger an ADHS selbst als vielmehr daran, „diese nicht zu verstehen und sich folglich in immer wiederkehrende Missverständnisse und Konflikte zu verstricken.“

Daran wird deutlich, dass die Frage, ob ADHS eine Krankheit ist und was ggf. aus dieser Einordnung zu folgern ist, immer noch und immer wieder zu Diskussionen Anlass gibt. Zum Teil hängt die Antwort davon ab, aus welcher Sichtweise und welcher professionellen Richtung die jeweilige Aussage herrührt.

Der Begriff ADHS wird aus dem amerikanischen Attention Deficit Hyperactivity Disorder – zumeist, aber nicht immer, mit Aufmerksamkeitsdefizit/​Hyperaktivitäts-Störung übersetzt. Bei „Disorder“ – im medizinischen Wortgebrauch korrekt mit Störung übersetzt – schwingen immer auch die Bedeutungen Chaos und Unordnung mit. Daraus folgern scheinbar „einfache“ Antworten: Defizite müssen beseitigt werden. Was nicht ordentlich ist, muss aufgeräumt werden.

Unter „Störung“ wird im deutschen Sprachgebrauch eine prinzipiell überwindbare bzw. reparierbare, vorübergehende Fehlfunktion verstanden, zum Beispiel eine Entwicklungsstörung im Kindesalter. Wer von einer „Störung“ spricht, wird nicht annehmen, dass diese für immer bleiben wird. Störungen wachsen sich aus oder werden durch eine geeignete Therapie behoben. Bei einer Krankheit wird zu unterscheiden sein, ob es sich um einen vorübergehenden oder einen chronischen Zustand handelt. Eine „Schwäche“ muss nicht zwingend Krankheitswert haben. Man muss an „Schwächen“ nicht „leiden“. Sie können überdeckt, überspielt, aus eigener Kraft oder mit Hilfe von anderen ausgeglichen werden, sie können manchmal sogar zum „Trumpf“ werden. Das heißt: Schwächen werden nicht immer bemerkt, sie werden aber von Dauer sein.

Es ist daher nicht ganz unproblematisch, bei ADHS, die 60 Prozent der Betroffenen vom Kindesalter ins Erwachsenenalter hinübernehmen, von einer „Störung“ zu sprechen. Das könnte die falsche Erwartung nähren, ADHS werde sich auswachsen oder von selbst wieder verschwinden.

ADHS ist international als Krankheit, englisch „Disease“, anerkannt. Wäre das nicht der Fall, hätten Ärzte und Therapeuten Schwierigkeiten, ihre Leistungen privat oder über die Krankenkasse abzurechnen. Die international anerkannte Klassifikation heißt ICD 11, International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems. ADHS wird unter die Ziffern F 90 ff. einsortiert. Wer diese Klassifikation anerkennt, spricht genau genommen nicht von Disorders oder Störungen, sondern von Diseases, das heißt Krankheiten und Health Problems, das heißt Gesundheitsproblemen. Ob ADHS tatsächlich Probleme verursacht und Krankheitswert erlangt, hängt von zusätzlichen Faktoren ab. Menschen, bei denen die Vorteile von ADHS, wie zum Beispiel Kreativität, Hartnäckigkeit, Stehaufmännchen-Qualitäten usw. überwiegen und die mit ihrer Nonkonformität zurechtkommen, werden keine Ärzte, Therapeuten oder Coaches in Anspruch nehmen.

Lachenmeier kommt das Verdienst zu, zwar nicht „erstmals“, wie der Klappentext behauptet, aber doch deutlich und in leicht fasslicher, lebendiger Sprache ein Thema behandelt zu haben, das in der sehr umfangreichen ADHS-Literatur noch nicht ausreichend dargestellt worden ist: ADHS im Berufsleben. Seine 19 Fallbeispiele handeln überwiegend von Führungskräften und Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen. Es versteht sich, dass ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, der sich ADHS im Erwachsenenalter zum Arbeitsschwerpunkt gewählt hat, seine Behandlungserfolge und nicht die Misserfolge und Fehlschläge herausstellt. Das Buch kann, gerade für Betroffene, die am Anfang ihres Berufslebens oder vor einem Wechsel stehen – ebenso für ihre Angehörigen, Bezugspersonen und Betreuer – eine wichtige Hilfe und ein Mutmacher sein.

Fazit

Heiner Lachenmeier, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit dem Arbeitsschwerpunkt ADHS im Erwachsenenalter, berichtet auf der Grundlage einer über 20-jährigen Praxistätigkeit über positive und negative Auswirkungen von ADHS auf das Arbeitsleben. Er geht ausführlich darauf ein, wie Betroffene mit Schwierigkeiten zurechtkommen und wie sie sich ADHS-spezifische Vorteile im Beruf zunutze machen können. Sein Buch ist in leicht fasslicher, lebendiger Sprache geschrieben und bietet eine wichtige Hilfestellung für Betroffene, deren Angehörige, Bezugspersonen und Betreuer.

Rezension von
Werner Fröhlich
Mailformular

Es gibt 2 Rezensionen von Werner Fröhlich.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Werner Fröhlich. Rezension vom 14.12.2021 zu: Heiner Lachenmeier: Mit ADHS erfolgreich im Beruf. So wandeln Sie vermeintliche Schwächen in Stärken um. Springer International Publishing AG (Cham/Heidelberg/New York/Dordrecht/London) 2021. ISBN 978-3-662-62289-6. Reihe: Sachbuch. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28997.php, Datum des Zugriffs 19.08.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht