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Helena Barop: Mohnblumenkriege

Rezensiert von Prof. Dr. Stephan Quensel, 22.04.2022

Cover Helena Barop: Mohnblumenkriege ISBN 978-3-8353-5086-1

Helena Barop: Mohnblumenkriege. Die globale Drogenpolitik der USA 1950-1979. Wallstein Verlag (Göttingen) 2021. 494 Seiten. ISBN 978-3-8353-5086-1. D: 62,00 EUR, A: 63,80 EUR.
Reihe: Moderne Zeit - 32
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Thema und Autorin

Angesichts des enormen Aufwands staatlicher Drogen-Politik vergisst man leicht, „dass das Drogenproblem ein über anderthalb Jahrhunderte gewachsenes Konstrukt ist, in dem bewusste und unbewusste Assoziationen, wissenschaftliche Erkenntnisse und Interpretationen, künstlerische Verarbeitungen und soziale Zuschreibungen zu einer kollektiven Problemwahrnehmung gemischt werden.“ (S. 15). Ein ‚politisches‘ Konstrukt, das seit Beginn des 20. Jahrhunderts ‚erfunden‘, und das nach dem 2. Weltkrieg wirkungsvoll umgesetzt wurde, wobei die USA von Beginn an ihr Politik-Modell international propagieren und durchsetzen konnte.

Die Autorin, seit 2021 freie Publizistin, untersucht in ihrem Buch, das 2020 von der philosophischen Fakultät der Universität Freiburg als Dissertation angenommen und mit mehreren Preisen [1] ausgezeichnet wurde – an Hand der in den USA im Rahmen des Freedom-of-Information-Acts freigegebenen staatlichen Akten – in zwei großen Schritten zunächst die innerstaatliche Entwicklung dieses ‚Drogen-Problems‘, und sodann, ausführlicher, in drei Kapiteln die globalen, außenpolitischen Bemühungen, dieses Problem, das weithin als Opium-Heroin-Problem begriffen wurde, ‚an der Wurzel auszurotten‘: In der französisch-türkischen ‚French-Connection‘, im südasiatischen ‚Goldenem Dreieck, und im benachbarten Mexiko.

Aufbau und Inhalt

In ihrem ersten Hauptteil rekapituliert die Autorin in geraffter Form, wie diese Konstruktion die ursprünglich als Heilmittel eingesetzten Drogen Opium und Cannabis von Anfang an mit einem un-amerikanischen, ‚äußeren‘ Feindbild kombinierte: Zunächst als um sich greifendes Opium-Übel der als Arbeiter angeheuerten Chinesen, dann als mexikanische Marihuana-Verführung, um im weiteren Verlauf mit einem ‚sizilianischen Mafia‘-Mythos den eigentlich zu bekämpfenden Feind zu stellen: „In den 1950ger und 1960ger Jahren erfüllte somit der Mafia-Mythos in der US-Gesellschaft die wichtige Funktion, über ein Bedrohungsszenario soziale Kohärenz zu schaffen.“ (S. 89).

Angetrieben von institutionell interessierten Akteuren – für das Cannabis-Verbot: Harry Anslinger vom FBN (Federal Bureau of Narcotics) und später als Leiter der DEA (Drug Enforcement Administration) und des internationalen UN Committee on Narcotic Drugs (CND), sowie für das Opium-Verbot: der auf den neuerworbenen Philippinen missionierende Bischof Charles Brent – gelang es, auf den internationalen Konferenzen von Shanghai (1909) und Den Haag (1911) vor allem das Opium zu ächten. Und zwar in einer Konvention, der schließlich auch das zögernde, um seine Pharma-Industrie besorgte Deutschland im Rahmen des Versailler Vertrages (1919) beitreten musste. Ein internationalisiertes Drogen-Verbot, das nach dem 2. Weltkrieg u.a. mit der Single Convention (1961) endgültig festgeschrieben wurde.

Eingepasst in eine allgemeine, moralisierende Mentalität, gleichzeitig mit der Alkohol-Prohibition (1919-33) und den Kommunisten-Verfolgungen der McCarthy-Ära (1947-56), erhielt diese gesellschaftspolitische Entwicklung ihren entscheidenden Schwung in der Auseinandersetzung mit der Drogen-affinen Hippie-Culture der 50ger, 60er Jahre einerseits und in Sorge um das ‚Heroin-Problem‘ der vom Vietnam-Krieg zurückkehrenden Kriegsveteranen (1960ger) andererseits. Im Vietnam-Protest gebündelt, wurde das Drogen-Problem in Nixons ‚War-on-Drugs‘ (1972) ‚politisch‘ als Amerika existentiell bedrohendes Kriminalitäts-Problem definiert: „Diese bewusste Verquickung von Devianz und politischem Protest machte Drogenpolitik zu einem geeigneten Steckenpferd für konservative Akteure, die den revolutionären Forderungen der Gegenkultur Recht und Ordnung entgegenstellen wollten.“ (S. 452).

Da die innerstaatlichen, alternativen Ansätze, dieses Problem zu lösen, gescheitert waren: es ‚medizinisch‘ zu definieren – Schließung der Heroin-Kliniken (1920-23) – bzw. präventiv-repressiv die jugendliche Subkultur einzudämmen, konzentrierte man sich jetzt, unter dem Motto einer ‚Angebots-Reduktion‘, auf die ‚von außen‘ kommende Drogen-Zufuhr aus dem Ausland, die von der Autorin in den drei Folgekapiteln detailliert geschildert wird.

Der zweite Hauptteil beginnt mit der French Connection. Passend zum Mafia-Modell boten zunächst die ‚Heroin-Küchen‘ im korsisch durchsetztem, schwer kontrollierbaren Marseiller Hafen-Milieu einen ersten Ansatzpunkt, durch den man – bei erheblichem Widerstand der ‚wenig Drogen-bewussten‘ Franzosen, erste Konfiskations-Erfahrungen sammeln konnte. Doch lag die eigentliche Wurzel dieses Übels in der – medizinisch erlaubten – Opium-Produktion im türkisch-anatolischen Hochland, das, administrativ weitgehend unberührt, kaum kontrolliert, und ‚korrumpiert‘ seine Überproduktion als Existenz-Grundlage umsetzte. Auf der politischen Ebene erreichte man hier – unter wechselnden demokratischen und autoritären Regimen – zunächst ein Opium-Verbot, das jedoch nach drei Jahren aufgehoben wurde, sowie eine schrittweise Reduktion der türkischen Anbau-Flächen.

Als zweites außenpolitisches Feld diente – vor allem im Zuge des Vietnam-Krieges, und weniger wegen der angebotenen Opium-Mengen – das ‚goldene Dreieck‘ mit Laos, Thailand und Burma (Myanmar) mitsamt dem Umschlagplatz Hongkong, das mit seinem internationalen Hafen die Rolle Marseilles übernahm. Während es in dem kleinen, weithin von den USA abhängigen Laos gelang, die Anbau-Flächen auf den landeseigenen Bedarf zurückzuschneiden, sträubte sich das auf Unabhängigkeit pochende Burma gegen den US-Einfluss. Demgegenüber entwickelte man in Thailand, vornehmlich mit Hilfe des Königs und des von der UN geführten Entwicklungs-Programms (UNDP), erfolgreich landwirtschaftlich-ökonomisch wirksame Alternativen: Crop-Substitution und Vermarktungs-Chancen. Als problematisch erwiesen sich hier – neben gravierender Korruption, unzureichender Administration und Polizei – vor allem die auf die Opium-Produktion angewiesenen, doch staatlich kaum erfassten ‚Berg-Völker‘ und der Dschungel-Transport sowie die Vermarktung durch gut bewaffnete Milizen, wie insbesondere durch die von der chinesischen Revolution vertriebenen Überreste der Tschiang-Kai-shek Armee, die Kuomintang (KTH), die nach und nach auch die ehemals in Hongkong angesiedelte Heroin-Veredelung übernahm.

Als drittes außenpolitisches Feld produzierte das Nachbarland Mexiko – im untersuchten Zeitraum – die Hauptmasse des geschmuggelten Opiums und Marihuana, und zwar ebenfalls im dortigen abgelegenen, kaum kontrollierbaren Bergland einerseits, bei entsprechenden grundsätzlichen eigenen Souveränitäts-Interessen andererseits. Sodass der US-amerikanische Einfluss erst unter erheblichen Druck – Schließung der ökonomisch vitalen Grenze (Operation Intercept) – weithin mit Hilfe von Subsidien und technischen Material, das zugleich der Bekämpfung des wachsenden Aufstands diente, ausgebaut werden konnte. Im Rahmen einer ohnehin brüchigen Staatlichkeit setzte man hier – ohne Rücksicht auf die Existenzbasis der Landbevölkerung – auf die militärisch organisierte Zerstörung der Drogen-Felder, u.a. mit von Helikoptern versprühten Herbiziden (Pasquat). Mit der erwartbaren Nebenfolge einer zunehmend aggressiveren Drogen-Kartell-Bildung, die bis heute die mexikanische Gesellschaft erschüttert.

Diskussion

In ihrer vornehmlich auf staatliche Akten gegründeten Analyse betont die Autorin drei Momente:

  1. Zunächst die diplomatische Mühsal, die eigentlich am ‚Drogen-Problem‘ kaum interessierten, ja, legal wie illegal, davon profitierenden ausländischen Regierungen durch Druck und Millionen-schwere Subventionen an diesem ‚Krieg gegen die Drogen‘ zu beteiligen.
  2. Sodann den damit einher gehenden Ausbau des – auch international eingesetzten – administrativen Apparates (FBN, BNDD, DEA) mitsamt den entsprechenden Ausbildungs-Angeboten und polizeilichem ‚Dual-Use‘-Equipment.
  3. Und schließlich die wechselseitigen ‚interaktiven‘ Folgen des Vorgehens einer relativ schwachen, durch Regeln gebundenen staatlichen Macht auf der einen Seite, und einer finanziell gut ausgestatteten, flexiblen Drogen-Ökonomie andererseits, die sowohl im Kleinen die Drogen-Felder immer besser verbarg, und die im Großen auf andere, weniger kontrollierte Regionen ausweichen konnte: „Gehemmt wurden [die US-amerikanischen Akteure der Drogenpolitik] somit vor allem von den Rahmenbedingungen der Staatlichkeit, die für die Akteure der Drogenökonomie in ihren staatsfernen Nischen keine Rolle spielten.“ (S. 362 f.)

So sehr, dass die USA zuletzt, eher resignativ, begann, ‚mit den Drogen zu leben‘: „Anstatt auf den Tag zu warten, an dem der War on Drugs gewonnen sein würde, waren nun immer mehr Menschen bereit, mit dem Drogenproblem zu leben und dessen negative Konsequenzen abzumildern, so gut dies eben möglich war.“ (S. 466). Woran sie freilich durch die – im Buch nicht mehr analysierte – aufkommende Kokain/​Crack-Welle, die alternativen synthetischen Drogen und zuletzt durch die eigene medizinische Opioid-Krise ebenso gehindert wurde, wie durch die Folgen der sich in den Einzelstaaten durchsetzenden Cannabis-Legalisierung.

Fazit

Der im ersten Hauptteil der Problem-Definition kompakt und kompetent zusammengefassten ‚innerstaatlichen‘ Entwicklung wird im zweiten Hauptteil an Hand von drei außenpolitischen Schwerpunkten der weithin vergebliche Versuch, das Problem ‚nach außen‘ zu verlagern, einsichtig und sinnvoll gegenübergestellt, wobei dessen ‚kolonisierender‘ Einfluss – der übrigens auch die deutsche Drogen-Politik bis heute prägt – deutlich herausgearbeitet wird. Zu Recht betont die Autorin die negativen ‚interaktiven‘ Folgen dieser Politik, deren ‚Drogen-ökonomische‘ Gegenseite freilich, wie sie unterstreicht, von außen recht wenig einzusehen ist. Weswegen die zahlenmäßigen Angaben nur geschätzt, die Handelswege phantasie-reich skizziert und die Akten-Nachrichten häufig eher anekdotisch ausfallen.

Insgesamt gelingt es der Autorin damit, überzeugend – und gut lesbar – aufzuzeigen, wie sehr unsere Drogen-Wahrnehmung im ‚kollektiven Bewusstsein‘ dauerhaft verankert wird, wie deren unterschiedliche Bewältigungs-Versuche – kriminalisiert, militarisiert, medizinisch, landwirtschaftlich-ökologisch bis hin zur ‚resignativen‘ Enkulturation – sowohl administrativ auf behördlicher Ebene, wie im staatlichen, also parteipolitischen wie zwischenstaatlichen und internationalen Machtspiel ‚konstruiert‘, durchgesetzt und in unseren Köpfen fest verankert werden.


[1] Dissertationspreis der AG Internationale Geschichte im Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands, Deutscher Studienpreis 2021 (2. Preis Geistes und Kulturwissenschaften) der Körber-Stiftung und dem Gerhard-Ritter-Preis 2021

Rezension von
Prof. Dr. Stephan Quensel
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Es gibt 72 Rezensionen von Stephan Quensel.

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Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 22.04.2022 zu: Helena Barop: Mohnblumenkriege. Die globale Drogenpolitik der USA 1950-1979. Wallstein Verlag (Göttingen) 2021. ISBN 978-3-8353-5086-1. Reihe: Moderne Zeit - 32. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29000.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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