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Heidemarie Bennent-Vahle: Besonnenheit - eine politische Tugend

Rezensiert von Prof. Dr. em. Maria Nühlen, 21.12.2021

Cover Heidemarie Bennent-Vahle: Besonnenheit - eine politische Tugend ISBN 978-3-495-49151-5

Heidemarie Bennent-Vahle: Besonnenheit - eine politische Tugend. Zur ethischen Relevanz des Fühlens. Verlag Karl Alber (Freiburg /München) 2020. 367 Seiten. ISBN 978-3-495-49151-5. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.
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Autorin

Heidemarie Bennent-Vahle ist Philosophin und Logotherapeutin. Sie führt eine Philosophische Praxis in Henri-Chapelle (Belgien) und ist Mitglied im Vorstand der Internationalen Gesellschaft für Philosophische Praxis.

Thema

Das Werk von Heidemarie Bennent-Vahle richtet den Blick auf unsere gegenwärtige Gesellschaft, auf die Gefährdung der Demokratie, auf die Auswüchse von Radikalisierung und Verrohung, die über Soziale Netzwerke ebenso wie im täglichen Umgang von Menschen miteinander zu beobachten sind. Sie greift zur Heilung und Überwindung dieser die Demokratie gefährdenden Strömungen auf die alte Tugend der Besonnenheit zurück. Ihr philosophischer Ansatz ist jedoch neu, es ist nicht einfach die Erinnerung an bewährte Tugenden, nicht die Anwendung erfahrener Weisheiten der Antike, sondern in einem modernen, anthropologischen Menschenbild wird die Tugend der Besonnenheit in die Gegenwart gestellt und das Potenzial dieser Ethik dezidiert erarbeitet.

Inhalt

In der klassischen Antike stand die Betrachtung der Sophrosyne schon auf der Agenda von Sokrates, Platon und Aristoteles. Für Sokrates war es eine Art Gleichmut, eine Mäßigung, eine Selbstbeherrschung durch die Vernunft. Ebenso bei Platon, der die Ansicht vertrat, dass man sich nicht impulsiven Emotionen hingeben, sondern sich durch die Vernunft mäßigen soll. Gemäß Aristoteles sollen wir Menschen die Mitte suchen zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig, sowohl was die Ideale der Tugenden generell anbelangt als auch in der individuellen Ausprägung der eigenen Persönlichkeit. Durch die rechte Einsicht finden wir unsere Mitte des Guten, finden wir zur Besonnenheit. Es handelt sich bei der Sophrosyne nicht um eine angelernte Tugend, sondern um eine durch den Verstand erkannte; durch Selbstreflektion finden wir unseren Weg der Besonnenheit.

Und „eine politische Tugend“, wie es im Titel heißt, ebenso hier der Rückgriff auf das Verständnis im antiken Athen. Die Polis war die politische Gemeinschaft, zu der alle Bürgerinnen und Bürger gehörten und das im Zentrum des Geschehens stand. Privates Handeln war im eigentlichen Sinne immer auch politisches Handeln, denn es betraf direkt oder indirekt die Polis, die soziale Gemeinschaft, in der der Einzelne aufgehoben war.

Aus diesem Potenzial antiker philosophischer Betrachtungen schöpft Bennent-Vahle, wenn sie das komplexe Geschehen ihres Szenariums aufzeigt; sie überträgt es auf unsere Polis, auf unsere demokratische Gesellschaft. Wenn Hassbotschaften auf schnellstem Wege eine vielfache Verbreitung finden, so ist nicht nur der direkt benannte, sondern sind viele betroffen, indem sie diese Art und den Inhalt dieser Kommunikation erleben. Nachahmung und Übernahme in eigene Verhaltensmuster geschehen so schnell, dass sie in ihrer Eigendynamik kaum zu bremsen sind. Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus werden „salonfähig“, verbreiten sich auf digitalen Kanälen in einer nie geahnten Schnelligkeit und finden in unmittelbaren verbalen Äußerungen von Angesicht zu Angesicht und direkten Handlungen vor Ort ihre Anwendung. Daher der Aufruf von Bennent-Vahle, sich auf die Besonnenheit zu besinnen, verstanden als eine politische Tugend. Mit „politisch“ sind also sowohl die Polis als soziale Gemeinschaft gemeint als auch explizit die Riege der Politiker.

Nun zum neuen Ansatz im Menschbild, wodurch die Tugend der Besonnenheit eine sehr viel weitere Relevanz im Geschehen erlangt. Wir Menschen haben Vernunft und Emotionen, die unser Menschsein ausmachen, die nicht als Getrenntes in uns ihr Eigenleben führen, sondern die einander bedingen und zusammenspielen, die nicht wertend in einer Hierarchie zu verorten sind, sondern gleichermaßen zur philosophischen Betrachtung gehören und diese erst ermöglichen. Daher der Untertitel des Buches „Zur ethischen Relevanz des Fühlens“. Im alten Menschbild sollte der Verstand die Emotionen beherrschen, so die Basis der ethischen Theorien, im neuen Menschenbild unserer Zeit bilden Verstand und Emotionen die Grundlage von Erkenntnis und Einsicht, führen zur Sophrosyne. Die emotionale Intelligenz kann nur gemeinsam mit der vernünftigen Intelligenz uns zum Guten hin agieren lassen.

Das bipolare Denken – Körper und Geist, Vernunft und Gefühl – typisch für zahlreiche Denkmodelle in der Philosophiegeschichte, wird von Bennent-Vahle aufgegriffen, wenn sie von den zwei Weltenzugängen spricht. Demnach erkennen wir die Welt durch Denken und durch Fühlen. Wir begreifen die Welt, wir erschließen sie uns, wir sind in der Welt nur durch diesen Zweiklang von Fühlen und Denken, wir sind „denkfähige Gefühlswesen“.

Was also zur Philosophie des Verstandes (oder Geistes oder der Vernunft) hinzukommt, ist die Philosophie der Emotionen.

Was verstehen wir unter Mitleid und Mitgefühl, unter Empathie und Resonanz, was bedeuten uns diese Gefühle in Hinblick auf eine ethische Relevanz? Ihre Antwort ist klar: Ja! Wir Menschen können uns in unserem Verhalten und Handeln reflektieren, ebenso können wir in distanzierter Sicht unsere Gefühle reflektieren und hinterfragen. Wir erleben die Welt im Kontext kultureller Räume, die wir betrachten können. Gefühlsausbrüche überkommen uns nicht einfach (nicht gemeint sind körperliche Reaktionen wie etwa Schmerz oder Angst), wir können mit Empathie und Mitleid, mit Hass und Zorn umgehen, uns nicht einfach hineinsteigern, sondern sie in Hinblick auf ihre moralische Zulässigkeit hinterfragen. Wir müssen nicht nur unser geistvolles (oder geistloses) Handeln verantworten, sondern ebenso unser gefühlsintendiertes Handeln. Indem wir eine geeignete Sprache für Emotionen finden, können wir diese dezidiert benennen, reflektieren und analysieren, um so zu einer begründeten Aussage zu gelangen.

Dem Absolutheitsanspruch, der in der Philosophie nicht unüblich ist, wird von Beginn an eine Absage erteilt, die einzig richtige Wahrheit, die richtige Vernunft, die tatsächliche Wirklichkeit, die absolute Erkenntnis, das Richtige überhaupt gibt es nicht. Wir kennen Tatsachenwahrheiten, den Wahrhaftigkeitsanspruch in der Aussage, die Annäherung an Vieles, nicht mehr. Durch gemeinsames Suchen und Nachdenken, durch Austausch, Fragen und Gespräche können wir einen hohen Grad an Übereinstimmung erlangen und dadurch eine Sache gut in den Blick nehmen und zu guten Lösungen kommen.

Bennent-Vahle pflegt das philosophisch-pädagogisch-psychologische Denken ohne disziplinäre Trennung, also so, wie es in den Anfängen der Philosophie, insbesondere in der klassischen Periode mit Aristoteles und Platon, selbstverständlich war, wie es sich jedoch in den Jahrhunderten der Philosophiegeschichte auseinander differenzierte, immer weiter sondierte zu Fachdisziplinen und Perspektiven, die den Menschen nur noch in Teilen sahen. Aber Philosophen wie Martin Buber war die Synthese von Pädagogik und Philosophie selbstverständlich, oder bei Hannah Arendt der Fokus auf das politische Wesen ‚Mensch‘ in der philosophischen Betrachtung und mit pädagogischen Implikationen. Heute finden die Wissenschaft und Philosophie wieder den Weg zur Interdisziplinarität, um sich auf den Menschen als Einheit in seiner Vielfältigkeit zu besinnen. Bennent-Vahle schöpft aus dem Fundus der Philosophiegeschichte bis hin zu Nietzsche, beruft sich verstärkt auf Hannah Arendt und Martin Buber und belegt ihre Recherchen mit Verweisen und kurzen Zitaten.

Hervorheben möchte ich die dezidierte Arbeit von Heidemarie Bennent-Vahle insbesondere mit Verweis auf die Komplexität des Menschen, die sie ins Zentrum ihrer philosophischen Ausführungen stellt. Für die praktische Umsetzung als Konsequenz ihrer Analyse sieht sie die philosophische Praxis, in der mit pädagogisch-psychologischem Ansatz mit Kindern bis hin zu Jugendlichen gearbeitet werden kann. Die Bildung im weiteren Erwachsenenalter, Selbstbildung inklusive, kann darüber hinaus korrigieren, sensibilisieren und zur Implementierung eines Selbstverständnisses von Besonnenheit im alltäglichen Umgang genauso wie im politischen Handeln führen bzw. sollte es.

Die philosophische Praxis ist der geeignete Raum des Lernens. Philosophieren mit Kindern ist der Königsweg in Bildungsinstitutionen wie Kita und Schule oder auch im Privaten, um eine besonnene Lebenshaltung auszubilden. Literatur zum Philosophieren mit Kindern gibt es in Fülle.

Diskussion

Das Buch richtet sich an den einzelnen Menschen, wie Bennent-Vahle schreibt, zur Orientierung und Reflexion mit Unstimmigkeiten und Unzufriedenheiten im Zusammenleben der Menschen in der Gegenwart.

M.E. ist es aber mindestens ebenso ein Lehrbuch für Pädagoginnen, Psychologinnen, Therapeutinnen, die professionell mit Kindern oder auch Jugendlichen arbeiten. Gleichwohl werden ganz allgemein auch erziehende Eltern angesprochen, die in ihrer Erziehungsarbeit verantwortliche Antworten auf gegenwärtige negative gesellschaftliche Entwicklungen geben wollen. „Ein Leitfaden Philosophischer Praxis“ schließt demzufolge das recht umfangreiche Werk von 367 Seiten ab, denn die Intention der Autorin ist es, für eine mögliche praktische Umsetzung zu schreiben.

Schließlich definiert Bennent-Vahle ihr Verständnis von Besonnenheit als eine politische Tugend in Antwort auf schwierige Strömungen in unserer gegenwärtigen Demokratie. „Besonnenheit ist das Vermögen, im Abstandnehmen von spontanen Handlungsantrieben gedanklich bei einer Sache zu verweilen, das heißt, die Angelegenheit behutsam von allen Seiten zu betrachten, sie in der Überlegung hin und her zu rücken und dabei die Folgen möglichen Tuns zu überdenken. Entfalten kann sich Besonnenheit besonders gut im kontinuierlichen Austausch mit wohlmeinenden Anderen.“ (S. 329)

Einige kritische Bemerkungen noch zum Schluss:

Ein Kind ist ein unfertiger Mensch, schreibt sie in ihren pädagogischen Ausführungen, aber was ist ein fertiger Mensch, gibt es überhaupt fertige oder unfertige Menschen, frage ich? In meinem Verständnis gibt es nur verschiedene Menschen in verschiedenen Alters- und Entwicklungszuständen, aber niemals einen fertigen und ebenso wenig einen unfertigen Menschen. Wir Menschen verändern uns bis zum Tod, sind prinzipiell ein Leben lang lern- und entwicklungsfähig. An anderer Stelle schreibt sie m.E. richtig vom Selbstbildungsprozess, der zu keinem Endpunkt der Vollkommenheit gelangen kann.

Die nicht seltene Verwendung des Adjektivs „echt“ irritiert mich. Was sind echte Gespräche, eine echte Beziehung, ein echtes Verstehen, eine echte Empathie und ein echtes Mitgefühl? Hier klingt ein Idealanspruch an, der aber durch die Relativierung jeglicher Ganzheits- und Totalitätsansprüche durch die Autorin eigentlich verneint wird. In der ethischen Diskussion die Variable des „echten“ einzuführen, halte ich für problematisch. Gleichwohl vermute ich, dass die Verwendung des Wortes „echt“, wie es in der Alltagssprache gebräuchlich ist, eigentlich die Authentizität und Kongruenz einer Person in Bezug auf Denken, Fühlen und Handeln meint.

Fazit

Besonnenheit – ein Buch, das sich demokratiegefährdenden Entwicklungen in der Gegenwart unserer Gesellschaft stellt. Im Verständnis nicht ganz einfach zu lesen, denn im Denken muss man sich von der abstrakten Ethik zum konkreten moralischen Handeln und zur pädagogischen Praxis bewegen. Aber genau dies macht auch die Spannung des Buches aus. Wer sich für ein fundiertes wertebasiertes Handeln in der Arbeit mit Menschen entscheidet, findet im Werk von Heidemarie Bennent-Vahle gute Reflexionsansätze und praktische Hinweise zur Umsetzung.

Rezension von
Prof. Dr. em. Maria Nühlen
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Es gibt 1 Rezension von Maria Nühlen.

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Zitiervorschlag
Maria Nühlen. Rezension vom 21.12.2021 zu: Heidemarie Bennent-Vahle: Besonnenheit - eine politische Tugend. Zur ethischen Relevanz des Fühlens. Verlag Karl Alber (Freiburg /München) 2020. ISBN 978-3-495-49151-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29002.php, Datum des Zugriffs 02.07.2022.


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