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Simon Schaupp: Technopolitik von unten

Cover Simon Schaupp: Technopolitik von unten. Algorithmische Arbeitssteuerung und kybernetische Proletarisierung. Matthes & Seitz (Berlin) 2021. 351 Seiten. ISBN 978-3-7518-0332-8. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 26,90 sFr.

Reihe: Batterien - NF, 106.
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Thema

Schaupp behandelt wesentliche Themenfelder sehr weit umspannend, die er jeweils im Hinblick für seinen Untersuchungsgegenstand ausweist, um Folgen und Wirkungen neuer digitaler Technologien auf die Beschäftigten, d.h. Arbeitnehmer:innen in Produktion und Distribution genauestens zu inspizieren, wobei er es nicht unterlässt, auch Manager:innen in seine Untersuchung einzubeziehen wie ebenso politische Versuche organisatorischer Intervention in den Blick zu nehmen. Wie durch algorithmische Arbeitssteuerung menschliche Arbeit verdichtet resp. intensiviert sowie kontrolliert und zugleich für einen, wenn nicht den größten Teil der Beschäftigten entwertet wird, was nicht nur Nebeneffekt des Einsatzes neuer Technologien ist, wird mit zahlreichen Belegen dokumentiert, wobei ein wichtiger Fokus auch darauf liegt, wie Widerstandspotenziale von Aneignung bis Selbstorganisation seitens der Betroffenen aufkeimen bzw. entwickelt und praktiziert werden. Klar wird oder bleibt, „dass der kapitalistische Arbeitsprozess ein ‚umkämpftes Terrain‘ ist“, auf dem auch die „Beschäftigten strategiefähig sind“ (S. 14). Dezidiert geht der Autor der Frage nach, „wie die betroffenen Arbeiter:innen mit ihrer Beschäftigungssituation umgehen“ (S. 7), wie „Beschäftigte selbst auf die Einführung algorithmischer Arbeitssteuerung reagieren“ (S. 14), und gleich eingangs hält er den in der Folge argumentativ gehaltvoll gemachten Begriff „kybernetische Proletarisierung“ parat (S. 11), d.h. „Abwertungstendenzen“ (S. 17), und macht darauf aufmerksam, dass „algorithmische Arbeitssteuerung“ nicht vorrangig Phänomen einer „Plattformökonomie“ ist, sondern ihren „Ursprung“ in der „produzierenden Industrie“ hat und dort „weiterhin ihre größte Verbreitung“ findet (S. 13). Schaupp schätzt ein, dass dieser Prozess zumal angesichts „technopolitische(r) Aushandlungen“ zu einer (weiteren) „Verelendung breiter Gesellschaftsschichten“ führen kann, andererseits aber auch „zum Kristallisationspunkt neuer Klassenkonflikte“ werden könnte (S. 19). Im Vorfeld solcher Klassenkonflikte bleibt jedoch festzuhalten, dass algorithmische Arbeitssteuerung, zuvörderst zu verstehen als „eine Antwort auf dauerhaft stagnierende Wachstumsquoten“, nicht nur „technischen, sondern stets auch politisch-ökonomischen Faktoren“ folgt, daher eben nicht als von Manager:innen und Ingenieur:innen vollstreckte „Naturgewalt“ zu verstehen ist, demzufolge die Beschäftigten „als passive Objekte oder Opfer dieses Prozesses dastehen“ würden. Nicht zu vergessen sei dabei, dass „Implementierungsstrategien aufgrund von Widerständen der Beschäftigten geändert werden“ (S. 284 f.). Hinzu komme, dass „kybernetische Kontrolle“, vermittels derer „an die Stelle der Herrschaft des Managements die kontrollierte Selbstorganisation des Systems treten soll“, in der Praxis eine unerreichbare „Vision“ wie vergleichbar der Taylorismus bleibe, weil die Beschäftigten „die Selbstoptimierungsimperative der kybernetischen Kontrolle nur in seltenen Fällen verinnerlichen“ und es ihnen gelang und gelingt, und zwar „den verschiedenen Formen der Atomisierung zum Trotz, widerständige Solidaritätskulturen zu etablieren“ (S. 289 f.). Insofern will Schaupp den von ihm eingeführten Begriff der „kybernetischen Proletarisierung“ als Vorschlag verstanden wissen, um zum einen „den arbeitssoziologischen Proletarisierungsbegriff nicht vorschnell für veraltet zu erklären“, um zum anderen nicht zu übersehen, dass „neue Spielräume für unbemerkte autonome Praktiken“ eröffnet sind, was bei weiterer Durchdringung des Arbeits- und Privatlebens von Algorithmen bedeute, dass eine „weitreichende Neuaushandlung der Organisation unserer Gesellschaft“ damit einhergeht (S. 292 f.).

Hintergrund

Bei „Technopolitik von unten“ handelt es sich um eine bearbeitete Dissertation, wobei der Autor bei seiner Untersuchung auf die Unterstützung einiger Kolleg:innen zurückgreifen konnte, denen der Autor im Vorwort dankt, was angesichts seines so differenzierten wie reflektierten methodischen Vorgehens, das am Ende des Bandes ausführlich dargelegt wird, sicherlich im Sinne begleitender Kooperation angezeigt war – auch aus methodischen Gründen, ggf. Korrekturen und Präzisierungen bei teilnehmender Beobachtung wie „ethnografische(m) Vorgehen“ mit insbesondere Blick auf „Herausbildung von organisationalen Subkulturen sowie widerständige Praktiken“ (S. 250).

Der Autor

Dr. Simon Schaupp, Assistent Prof. Dr. Nachtwey, ist Soziologe und arbeitet an der Universität Basel.

Inhalt

Nebst einem Verzeichnis der Interviews und Ethnografien sowie Anmerkungen ist das Buch einschließlich der Einleitung in der Machart eines informativen und zusammenfassenden Essays in insgesamt acht Hauptkapitel mit jeweils Unterkapiteln gegliedert und beginnt mit Algorithmische Arbeitssteuerung als Konfliktfeld. Gezeigt wird, dass algorithmische Arbeitssteuerung im Vergleich zur Automatisierung an Bedeutung als „zentrales Mittel der Profitabilitätssteigerung“ insb. im Bereich des Managements gewann, provoziert durch eine „Krise der Überakkumulation“ (S. 49), doch würden sowohl Verbreitung als auch die Effektivität der teils „bizarren Kontrollstrategien“ häufig überschätzt (S. 51).

Im Kapitel Technopolitik hebt der Autor zunächst die Perspektive von Marx für ein „konfliktzentriertes Verständnis des Produktionsprozesses“ hervor und betont, was die „Steuerung kapitalistischer Arbeit zu einem politischen Konfliktfeld“ mache, sei „zuallererst ein Interessengegensatz“ (S. 55 f.), wobei die „Rolle des Staates“ wichtig sei, „ergänzt durch zwei weitere Aktionsgruppen: Unternehmensverbände und Gewerkschaften“ (S. 67). Für eine „Technopolitik von unten“ seien die Beschäftigten gezwungen, „sich kollektiv zu organisieren“, was hinsichtlich der Gewerkschaften zu dem „Dilemma“ führe, „dass mit jeder Delegation von Macht an eine höhere Ebene auch die Distanz zur Basis größer wird und sich die Wahrscheinlichkeit der Herausbildung institutioneller Eigeninteressen erhöht“ (S. 71).

Im Kapitel Die Regulationsarena geht Schaupp weiter auf institutionelle Rahmenbedingungen und die Bearbeitung von Interessendivergenzen ein, wobei er sich auch kurz dem „Label Industrie 4.0“ widmet und zeigt, dass sich die „deutsche staatliche Technopolitik (…) durch eine Mischung aus Subventionen und Mediation von Digitalisierungsprojekten“ auszeichnet, wodurch eine „Modernisierung der industriellen Produktionsmittel gefördert werden“ soll (S. 121 f.). Zweifel meldet er an, „ob das gestaltungsorientiert-kooperative Modell der gewerkschaftlichen Technopolitik sich als stabil erweisen wird“ (S. 124).

Danach geht es in Die Implementierungsarena auch um Dequalifizierung und Flexibilisierung, wobei der Autor wiederum kurz auf Marx und dessen nach wie vor gültige Analyse verweist, wonach bei Subsumtion der lebendigen Arbeit „‚unter die selbstständig wirkende vergegenständlichte‘“ der Arbeiter als „‚als überflüssig‘“ erscheint (Marx, zit. S. 135). Schaupp geht dem detailliert in aktuellen Erscheinungsformen nach und weist (u.a.) dabei auch auf die Vermischung von „Privatleben und Erwerbsleben“ und darauf hin, dass es allenthalben ein „Ziel der digitalen Überwachung, aber auch der Feedbacksysteme“ ist, die „Beschleunigung des Arbeitsprozesses und die Eliminierung von Leerläufen“ voranzutreiben, wobei die „kontinuierliche Reduktion von Taktzeiten“ und die „Eliminierung von Leerlauf“ ganz und gar nicht neu seien (S. 179 f.).

Wie im vorhergehenden Kapital angekündigt, wird unter Die Aneignungsarena behandelt, dass die „zwangsläufige Inkorporierung der Betriebsrät:innen in die Managementlogik (…) regelmäßig zu einer Entfremdung von den Belegschaften“ führt (S. 186), nicht aber aushebelt, dass „abweichende Technikaneignung zu einem Akt des Widerstandes werden“ kann, nach wie vor Beschäftigte daran interessiert sind, „Belastungen durch den Arbeitsprozess zu reduzieren“ (S. 192), die (sattsam bekannten) Anrufungen zur „Selbstoptimierung“ schließlich „nach einer gewissen Zeit“ in den „Dienst nach Vorschrift“ übergehen und auch das „Versprechen von Boni (…) seine Motivationswirkung“ bald verliert (S. 203). Viele Beispiele ließen sich auch für „technologischen Ungehorsam“ insofern finden, als Beschäftigte üblicherweise versuchen, „Technik im Arbeitsalltag so einzusetzen, dass sie selbigen erleichtert oder zumindest nicht zusätzlich erschwert“ (S. 205). Dabei wüssten sie, dass sie den „Auswirkungen von Herrschaft“ ausgesetzt sind und verlören gleichwohl „weder ihren Gerechtigkeitssinn noch ihren Freiheitsdurst noch ihre Urteilskraft über das (…), was wirklich los ist“ (S. 215). Dabei sind auch in der „Plattformarbeit Solidaritätskulturen“ auszumachen, bestehend aus „gegenseitiger Hilfe, die sich teilweise gegen die betriebliche Herrschaft wendet“ (S. 231). Die „besondere Verwundbarkeit der digitalen Infrastruktur“ begünstige auch „Sabotage“ als „relevante(s) Machtmittel“, eine „Lohnabhängigenmacht, die historisch fast ebenso wichtig war wie die Drohung, die Arbeitskraft zurückzuhalten“ (S. 237).

Im vorletzten Kapitel Kybernetische Proletarisierung werden die bislang vorgestellten empirischen Erkenntnisse erneut aufgegriffen und theoretisch fokussiert, wobei die „beiden zentralen Elemente“, die zur Erklärung anstehen, „erstens die deutliche Abwertung der hier untersuchten Tätigkeiten im Zuge der algorithmischen Arbeitssteuerung und zweitens die hohe Konfliktintensität der Digitalisierungsprozesse“ sind (S. 243). Schaupp geht dabei, um den wie von ihm verwendeten Begriff der „Proletarisierung“ gegen seine Verabschiedung in (u.a.) der Industriesoziologie auszuweisen, wiederum von Marx aus: „‚Unter ‚Proletarier‘ ist ökonomisch nichts zu verstehen als der Lohnarbeiter, der ‚Kapital‘ produziert und verwertet und aufs Pflaster geworfen wird, sobald er für die Verwertungsbedürfnisse des ‚Monsieur Kapital‘, […], überflüssig ist‘“ (Marx, zit. S. 247). Darunter fielen, so Schaupp, auch „Arbeitslose oder die (Schein)selbstständigen der sogenannten Gig-Economy“ und zugleich rücke der Begriff der „Klassengesellschaft“ wieder in den Vordergrund (ebd.). Der Autor greift die in marxistischen Debatten verwendete Terminologie von Arbeiterbewusstsein und Klassenbewusstsein auf und rekurriert darauf, dass die „traditionell marxistische Fassung des Bewusstseinsbegriffs (…) einerseits nach der Einsicht der Befragten in ihre objektive Ausbeutungssituation und andererseits nach ideologischen Einstellungen in Bezug auf den Klassenkampf“ fragt. Unter Bezug auf Referenzen für seinen Ansatz und mit seinem „ethnographische(n) Vorgehen“ konzentriert sich der Autor auf Erfahrungen aus und in Arbeitsprozessen und damit „einhergehende(n) praktische(n) Konflikte(n), vor allem am Arbeitsplatz“, pointiert konfliktträchtige „Heteronomieerfahrungen“ und macht in Bezug auf die „Dimension der politischen Handlungsfähigkeit (…) einerseits die Entstehung proletarischer Subkulturen innerhalb der Unternehmen“ dingfest, andererseits „verschiedene Formen einer Technopolitik von unten“, aus der „neue Machtressourcen“ erwüchsen (S. 249 ff.). Produktion von Reichtum, was dem Kapitalisten zufällt, auf der einen Seite und tendenzielle Verelendung der Arbeiter:innen auf der anderen, dieses Verhältnis sei wie schon von Marx analysiert unter „Bedingungen algorithmischer Arbeitssteuerung (…) noch einmal verschärft“ (S. 255), ein „hohe(s) Konfliktpotenzial der kybernetischen Proletarisierung“, wodurch „heute das kybernetische Proletariat zur Basis einer erneuerten Arbeiter:innenbewegung werden“ könnte (S. 276) und „möglicherweise zum Kern“ dieser Bewegung (S. 283).

In seinem Ausblick verweist der Autor darauf, dass auch die „produzierende Industrie, deren Digitalisierung seit 2013 unter dem Label Industrie 4.0 vorangetrieben wird, (…) zunehmend auf die algorithmische Steuerung manueller Arbeit“ setzt, wobei eine „konsensuelle Digitalisierungspolitik“ von „Unternehmen und Gewerkschaften gleichermaßen“ betrieben werde, was aber teilweise zu einer „Entfremdung zwischen den Gewerkschaften und denjenigen Beschäftigten“ führe, „die den Digitalisierungsmaßnahmen skeptisch gegenüberstehen“ (S. 286 f.). Dank „digitale(r) Arbeitsleitsysteme“ ist eine „dequalifizierte Flexibilisierung“ leichter möglich, die Ersetzung hochqualifizierter Arbeitskräfte durch niedrigqualifizierte, auch ein Verschieben bestehender Belegschaften zwischen verschiedenen Tätigkeiten, und „temporär Beschäftigte (können) leichter eingebunden“ werden, was alles eine größere Rolle spielt „als in der arbeitssoziologischen Digitalisierungsforschung üblicherweise angenommen wird“ (S. 289). Auch das zeitigt „widerständige Solidaritätskulturen“ (s.o.), wobei jedoch, so Schaupp, keine generelle „technologische Arbeitslosigkeit“ entsteht, sondern gerade mit der algorithmischen Arbeitssteuerung verschiedene arbeitsintensive Tätigkeiten und Jobs entstehen, bei denen es sich „fast immer um prekäre Arbeitsverhältnisse handelt“, um eine Form „digitaler Prekarisierung“ in der „Dialektik von Verdrängung und Reintegration menschlicher Arbeitskraft“ (S. 291 f.). Das könne „sowohl zur Verelendung wachsender Bevölkerungsteile führen als auch neue Klassenkonflikte befeuern.“ Notwendig sei, „Digitalisierung als politischen Prozess“ zu verstehen, „Voraussetzung dafür, sie so zu gestalten, dass sie zu einer würdevollen menschlichen Existenz beiträgt anstatt ausschließlich zur Akkumulation von Kapital“ (S. 293).

Diskussion

Ohne Wortklauberei und Spitzfindigkeit in Bezug auf den Schlusssatz: „ausschließlich“ oder ‚primär‘? – weil ja im Prozess der Kapitalverwertung und Akkumulation immer etwas abgezwackt werden muss, um die Lohnarbeiter erst einmal existenzfähig zu erhalten, diese „Race eigentümlicher Warenbesitzer“, wobei die „Wertbestimmung der Arbeitskraft ein historisches und moralisches Element“ enthält (Marx); beim ‚moralischen Element‘ bleibt der Begriff der Würde, so nicht rechtlich bestimmt, außen vor. Doch genau darum kreist die Studie von Schaupp auf der – derzeit – aktuellen Ebene. Und meint die Rede von der „würdevollen menschlichen Existenz“ (s.o.) weit mehr als einen salbungsvollen Schlussakkord, dann, um ein für Schaupp gewiss nicht entlegenes Vokabular zu bemühen, eine ‚befreite Gesellschaft‘ zu verwirklichen, und zwar im Weltmaßstab? Kann in einer solchen zukunftsfähigen Welt das Kapital und seine Form der Akkumulation auch noch sein Plätzchen haben, wo es so gesehen halt nicht mehr das ‚System‘ bestimmend ‚ausschließlich‘ oder nicht einmal ‚primär‘ um Wertverwertung und Geld und Profit geht? Wo das Kapital nichts mehr oder weniger mit seiner Gleichgültig gegen Mensch und Natur zu tun hat, nicht alles „untergräbt“ (Marx)?

Derzeit stranden reichlich Theorien um Reformierbarkeit eines domestizierten Kapitalismus und um Einhegung von Märkten an, die sich zumeist im Komparativ bescheiden mit den politisch tastenden Schritten: alles gerechter und friedlicher. Zugleich aber zetteln meist Minderheiten, die das mit Weitblick auf die historische Nähe beziehen, Diskussionen um notwendige Radikalität in Richtung einer immer offenkundiger überfälligen Transformation an, was selbstredend unliebsame Töne sind für alle, die ein unmittelbare vitales Interesse am höchstens behutsam modellierten Bestandserhalt haben, der eifrig allen Mustermännern und -frauen ins Bewusstsein massiert wird. Doch da fängt die Diskussion um emanzipatorische Praxis an, die sich ihrer Initiationsmomente vergewissern muss, wie sie Schaupp in seiner beachtenswerten, so fundierten wie erhellenden Studie auf der Folie des Ist-Zustandes mit Perspektiveneröffnung auf einen Soll-Zustand in durchaus emanzipatorischem Sinne vorgelegt hat.

Digitalisierung geht zwar versetzt, doch aber mit einer umfassenden Automatisierung einher, dokumentiert Schaupp und verweist auf polit-ökonomische Erklärung. Gegenüber dem in der Konkurrenz abzuwägenden Vorteil für jeweiliges Einzelkapital bleibt der Einsatz technologischer Innovationen ein Risiko, wozu eine verschärfte Kontrolle, Dequalifizierung und Flexibilisierung mittels Datenerfassung und digitaler Steuerung als gangbare Kompensation oder Alternative erscheint. Ob im Maschinenbau, der Chemieindustrie, ob im Versandhandel oder der Gig-Economy, überall wird von den wie auch immer, zunehmend jedoch auch prekär Beschäftigten die Erfahrung gemacht, dass die eigene Arbeit abgewertet wird und vielfach zudem noch, dass kognitive Anforderungen während des Arbeitsprozesses eliminiert werden. Erinnert ist man Marxʼ Beispiele und Analysen und es ist, zumindest der Tendenz nach, aus älteren industrie- und betriebssoziologischen Studien bekannt. So mag es heute irritieren bis kurios anmuten, wenn F. J. Roethlisberger 1941 aus den Hawthorne-Experimenten, in denen es um Güte und Stärke der Beleuchtung und der Arbeitsleistung von Industriearbeitern ging, den scheint’s überraschenden Schluss zog: „Die Arbeiter sind keine isolierten, beziehungslosen Einzelmenschen, sondern soziale Wesen, die auch als solche behandelt werden wollen“ – ein vom Forschungsdesign her gesehen nicht intendiertes Ergebnis. Unter dem Label Betriebspsychologie konkretisierte Ernst Bornemann 1961, Monotonie und Antriebslosigkeit bei repetitiven Teilarbeiten seien dadurch zu überwinden, indem man „außerhalb der eigentlichen Arbeit geistige Anregungen schafft“, wobei es dann „u.U. möglich“ sei, „durch starke Unterteilung des auszuführenden manuellen Prozesses die Arbeit noch stärker an die Peripherie des Bewußtseins zu rücken.“ Solche ‚geistigen Anregungen‘ waren dann nach Qualität und Inhalt Blaupausen für Tagträume während stupider Arbeit und wurden von späteren Forschungen ebenso zur Kenntnis genommen wie die ‚Apotheke unterm Band‘. Immer ging es darum, und dem lässt sich in älteren Elaboraten der Arbeits-, Industrie- und Betriebssoziologie trefflich nachspüren, vor allem im Zuge technologischer Innovationen die Arbeiter:innen als fehlerhafte Menschen einzupassen. Wie das heute geschieht, und zwar mit raffiniert ausgeklügelten und gleichzeitig nicht ohne Bruchstellen zu habenden Methoden, führt Schaupp in aller Deutlichkeit vor Augen.

Man kann Schaupps Arbeit in die Tradition der lohnabhängige Arbeit in den forschenden Blick nehmenden Untersuchungen stellen, die er kennt und z.T. zitiert (etwa Anm. 23, S. 343), wie sie bspw. von Popitz et. al., Kern und Schumann, Goldthorpe, Lockwood et al. (erwähnt auf S. 250) u. v.a. m. vorgelegt wurden, mit denen die Marxschen Analysen unschwer zu marginalisieren waren. Rekurse auf polit-ökonomische Erklärungen blieben sie weitestgehend schuldig, auch wo Bezugnahmen auf ‚Herrschaft‘ und/oder ‚Ungleichheit‘ anklangen. Was Wolfgang Littek bereits 1973 den Forschungen um Industriearbeit ins Stammbuch schrieb, nämlich auf eine „Ausweitung der Perspektive“ zu zielen, den aus ihren Kategorien verschwundenen „Verwertungszusammenhang“ aufzunehmen und eben auch auf „Produktionsverhältnissen, Klassenlage und Bewegungsgesetzen des Kapitals“ zu reflektieren, das alles löst Schaupp mit seinem Buch ein und mehr noch: Von marxistischer Seite wurde die schon vorher in der Forschung behandelte Frage nach dem ‚Arbeiterbewusstsein‘ insofern weiterentwickelt, als es da um Klassenlage und Bewusstseinsformen und letzten Endes um das Problem des ‚revolutionären Subjekts‘ ging, wie es sich z.B. in der Bundesrepublik in etwa den ‚wilden Streiks‘ zu rühren schien, eben auch in Schulterschlüssen von Arbeitsemigrant:innen und deutschstämmigen Arbeiter:innen. Diese Zeiten sind abgeklungen, nicht zur Gänze verklungen. Der Essenz nach setzt Schaupp eine so zu unterlegende Fragestellung fort, nämlich mit dem, was er ganz wesentlich einkreist und pointiert: Es sind die ‚ungehorsamen‘ und nicht erfolglosen, nicht von vornherein zum Scheitern verurteilten Versuche, die nicht abschlusshaft im Räderwerk einer Aushandlung zerrieben werden, Restbeständen von (nur Teil-)Autonomie zu bewahren und im Zuge der „kybernetischen Proletarisierung“ nicht völlig entwürdigt zu werden. Abgesehen davon, dass es auch hier lohnt, bei Marx und Engels den Begriff der „Maschinenzertrümmerung“ nachzuschlagen und sich über Ziele und Absichten der Ludditen zu informieren, die laut Thompson nicht schlicht ‚technikfeindlich‘ waren, sondern gegen die ‚Freiheit‘ der Kapitalisten kämpften, mit dem Fabriksystem ihre bisherige ‚Freiheit‘ zu untergraben, zeigt Schaupp am gewandelten Wiederaufleben solcher Gegenwehr eine perennierende Aktualität seit der für die Lohnabhängigen folgenschweren Durchdringung aller Lebensbereiche. Damit zeigt er auch, dass der Kampf um die Höhe der Mehrwertrate weitergeht, eben mit den Mitteln, die dem Kapital zur Verfügung stehen, aber auch auf der Ebene des fortwährenden Widerspruchs von Lohnarbeit und Kapital, der sich zur Seite der Lohnarbeit klandestin bis konspirativ äußert, etwa in „Spielräume für unbemerkte autonome Praktiken“ (S. 292), altes Sorgenkind affirmativer Arbeitsforschung, allerdings auch in solidarischem, selbstorganisiertem Aufbegehren und Aktionen. Initiationsmomente immerhin, „Kristallisationspunkt neuer Klassenkonflikte“ (S. 19), auf das Durchschauen der zugrundeliegenden Ursache vorzudringen und Systemtransformation nicht nur zu reklamieren, sondern praktisch umzusetzen. Da sind auch die eher kursorischen Bemerkungen von Schaupp zur Klassenzugehörigkeit und zu Interessenlagen für entsprechende Diskussionen durchaus anschlussfähig.

Fazit

„Technopolitik von unten“ ist nicht nur wegen seines hohen Informationsgehaltes Lehrenden und Studierenden der Soziologie resp. Sozialwissenschaften und Sozialarbeiter:innen zu empfehlen und all jenen, die sich für Ausrichtung ihrer emanzipatorischen Intentionen erst einmal – auch – mit der Faktizität eines ökonomischen Systems vertraut machen möchten, wie es im zentralen Bereich der Lohnarbeit oder der Beschäftigten erscheint. Schaupp ‚befeuert‘ hier wissenschaftlich, eben auch vom methodischen Vorgehen her gesehen, solide und ergreift vermittels seiner Kritiken in bestem Sinne und sachlich ausgewiesen Partei, ohne plakativ zu werden.


Rezension von
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 14.01.2022 zu: Simon Schaupp: Technopolitik von unten. Algorithmische Arbeitssteuerung und kybernetische Proletarisierung. Matthes & Seitz (Berlin) 2021. ISBN 978-3-7518-0332-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29007.php, Datum des Zugriffs 28.01.2022.


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