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Matthias Max, Matthias Schulze: Hilfeleistungssysteme der Zukunft

Rezensiert von Dr. Tim Lukas, Bo Tackenberg, 19.04.2022

Cover Matthias Max, Matthias Schulze: Hilfeleistungssysteme der Zukunft ISBN 978-3-8376-6032-6

Matthias Max, Matthias Schulze: Hilfeleistungssysteme der Zukunft. Analysen des Deutschen Roten Kreuzes zur Aufrechterhaltung von Alltagssystemen für die Krisenbewältigung. transcript (Bielefeld) 2021. 196 Seiten. ISBN 978-3-8376-6032-6. D: 39,00 EUR, A: 39,00 EUR, CH: 47,60 sFr.
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Thema

In ihrem Buch „Hilfeleistungssysteme der Zukunft. Analysen des Deutschen Roten Kreuzes zur Aufrechterhaltung von Alltagssystemen für die Krisenbewältigung“ breiten die Autoren Matthias Max und Matthias Schulze ihre Vorstellungen eines sozialraumorientierten Bevölkerungsschutzes als eine Blaupause zukunftsfähiger Hilfeleistungssysteme aus. Als Grundlage dienen ihnen dabei sowohl die Inhalte bedarfsorientierter Themenfindungsprozesse innerhalb des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), als auch die Praxiserfahrungen vergangener Einsatzlagen sowie Erkenntnisse aus der langjährigen Einbindung des DRK in die zivile Sicherheitsforschung.

Autoren

Matthias Max leitet das Team Sicherheitsforschung und Innovationstransfer im DRK-Generalsekretariat. Matthias Schulze arbeitet seit 2012 im Bereich der zivilen Sicherheitsforschung des DRK-Generalsekretariats.

Aufbau und Inhalt

In Kapitel 1 geben die Autoren zunächst einen differenzierten Überblick über die komplexen Strukturen des nationalen Bevölkerungsschutzes. Dabei erläutern sie die unterschiedlichen Zuständigkeitsbereiche, Verantwortungs- und Kompetenzverteilungen sowie die jeweiligen Ressourcen und Aufgabenstellungen von unterschiedlichen Organisationen des Katastrophen- und Zivilschutzes. Diese grundlegenden Ausführungen bilden den Ausgangspunkt für spätere Überlegungen zur Ausgestaltung künftiger Hilfeleistungssysteme für die Bewältigung von Krisen und Katastrophen.

In Kapitel 2 skizzieren die Autoren gesamtgesellschaftliche Entwicklungen, die einerseits einen (un-)mittelbaren Einfluss auf die Entstehung gesellschaftlicher Herausforderungen und andererseits auf das Leistungsangebot und die Arbeit der im System des Bevölkerungsschutzes engagierten Organisationen haben. Die diskutierten Entwicklungen wurden im Rahmen zahlreicher Projekte des DRK in der zivilen Sicherheitsforschung als zentrale Faktoren identifiziert, die eine Weiterentwicklung aktueller Hilfeleistungssysteme notwendig erscheinen lassen.

Angelehnt an den vorherigen Abschnitt veranschaulichen die Autoren in Kapitel 3 durch einen komprimierten historischen Rückblick auf den DRK-Betreuungsdienst, welche Implikationen der gesellschaftliche Wandel für den Katastrophenschutz haben kann. Dabei werden sowohl Kompetenzerweiterungen als auch Veränderungen im Hilfeleistungsangebot deutlich, die einerseits als Konsequenzen medizintechnischer sowie gesundheits- und pflegepolitischer Veränderungen betrachtet und andererseits auf zunehmende Abhängigkeiten von Kritischen Infrastrukturen zurückgeführt werden.

Im Kapitel 4 reflektieren die Autoren die Ergebnisse einer gesamtverbandlichen Bedarfsabfrage im DRK, die seit 2012 in größeren Abständen durchgeführt und basierend auf immer neuen Einsatzerfahrungen fortlaufend ergänzt wird. Ziel dieser Bedarfsabfrage ist die Identifizierung von Forschungsfragen, entlang derer das Kompetenzzentrum Forschung und Innovationstransfer seine Themenschwerpunkte ausrichtet und priorisiert. Dabei zeichnen sich im Wesentlichen drei Schwerpunktthemen ab, auf welche die Autoren näher eingehen und die den nachfolgenden Kapiteln eine konsistente Struktur geben:

  1. gesellschaftliche Entwicklungen,
  2. Ressourcenmanagement und
  3. Resilienz.

In Kapitel 5 stellen die Autoren verschiedene Forschungsprojekte vor, an deren Umsetzung das DRK seit 2009 beteiligt war und teilweise noch ist. Dazu werden zehn abgeschlossene und fünf zum Zeitpunkt der Erstellung des Buchs noch laufende Projekte in ihrer jeweiligen inhaltlichen Ausrichtung skizziert. Entlang der genannten Themenschwerpunkte lassen sich die jeweiligen Forschungsprojektein in einen breiteren Kontext der Entwicklung verbandsinterner Bedarfsabfragen einbetten, die anhand einer chronologischen Abfolge der vorgestellten Projekte herausgearbeitet wird.

Die Autoren Friedrich Gabel und Marco Krüger vom Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) der Universität Tübingen geben in Kapitel 6 einen für das Buch sehr bereichernden Exkurs zum Thema Vulnerabilität. Indem sie Katastrophen an der Schnittstelle von gesellschaftlichen Prozessen der Bedeutungszuschreibung und einem reziproken Spannungsfeld zwischen Mensch und Umwelt verorten, pointieren sie die Doppelrolle gesellschaftlichen Handelns für die Ausgestaltung des Katastrophenschutzes. Abseits des im Katastrophenschutzdiskurs dominanten Resilienzkonzepts, verweisen sie auf die Notwendigkeit Katastrophen nicht nur zu bewältigen, sondern ihnen vorzubeugen, wobei die Identifizierung und Verringerung gesellschaftlicher Vulnerabilitäten eine zentrale Rolle spielt.

Mit Kapitel 7 folgt ein weiterer Exkurs von Klaus-Dieter Büttgen, dem Leiter der Forschungsabteilung in der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW), der sich dem Stand von Forschung und Innovationsmanagement im Technischen Hilfswerk widmet. Nach einem kurzen Einblick in die Organisation, geht der Autor auf aktuelle und künftige Herausforderungen ein, denen sich das THW angesichts des gesellschaftlichen und technischen Wandels im Rahmen seiner Strategieentwicklung stellt. Dabei werden die unterschiedlichen Themen- und Handlungsfelder mit verschiedenen Forschungsprojekten hinterlegt, an deren Durchführung das THW beteiligt ist.

Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Herausforderungen wird in Kapitel 8 eine erste Bilanz aus mehreren Jahren DRK-Forschung gezogen. Bezugnehmend auf einzelne der in Kapitel 5 vorgestellten Forschungsprojekte, verorten die Autoren wesentliche Forschungserkenntnisse innerhalb der oben genannten Themenschwerpunkte. Dabei wird zunächst das Versäumnis professioneller Katastrophenschutzorganisationen angesprochen, sich adäquat auf verändernde gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Bedarfe vulnerabler Bevölkerungsgruppen einzustellen. Daran anschließend werden Resilienzstrategien erörtert, die vor allem auf eine Identifizierung von lokalen Ressourcen, Kapazitäten und Unterstützungsstrukturen im Sozialraum abzielen, die im Bedarfsfall abgerufen und aktiviert werden können, um professionelle Katastrophenschutzorganisationen zu unterstützen und zu entlasten. Zuletzt gehen die Autoren auf Herausforderungen im Ressourcenmanagement ein, die sich insbesondere aus den veränderten und zum Teil neuen Formen zivilgesellschaftlichen Engagements in Krisen und Katastrophen ergeben.

In Kapitel 9 werden die zuvor skizzierten Forschungserkenntnisse schließlich in ein Modell des sozialraumorientierten Bevölkerungsschutzes überführt und integriert. Dabei streben die Autoren eine perspektivische Neuausrichtung des Bevölkerungsschutzes an, die etablierte Strukturen des Hilfeleistungssystems zum Teil als obsolet erscheinen lässt und den Fokus auf die lokale Bedarfsermittlung und die Einbeziehung sozialräumlicher Ressourcen in die Bewältigung von Krisen und Katastrophen richtet.

Abschließend (Kapitel 10) werden die Inhalte des Buchs noch einmal resümiert und im Kontext aktueller und zukünftiger Herausforderungen und Anforderungen an Hilfeleistungssysteme diskutiert. Dabei arbeiten die Autoren drei wesentliche Kernfunktionen künftiger Hilfeleistungssysteme heraus:

  1. die kontinuierliche Vernetzung und Partizipation aller beteiligten Instanzen,
  2. dass sich Alltagsstrukturen so lange wie möglich aus sich selbst heraus aufrechterhalten und
  3. die Bereitstellung von bedarfsgerechten Ersatzleistungen bei einem Ausfall der Alltagsstrukturen.

Diskussion

Krisen und Katastrophen, wie zuletzt die Coronavirus-Pandemie, das Hochwasser im Ahrtal oder der russische Angriffskrieg in der Ukraine, offenbaren die Schwachstellen des etablierten Systems des Katastrophenschutzes und haben zu politischen Diskussionen über eine Neuausrichtung des Bevölkerungsschutzes in Deutschland geführt. Das Buch von Matthias Max und Matthias Schulze lässt sich als ein Beitrag zu dieser Debatte verstehen, in der profunden Analysen und fundierten Anregungen größere Aufmerksamkeit gewünscht werden kann.

Seit dem Jahr 2012 führt das Kompetenzzentrum Forschung und Innovationstransfer im Generalsekretariat des DRK Bedarfsabfragen innerhalb des Verbandes durch, die Aufschluss über Einsatzerfahrungen im Kontext sich verändernder gesellschaftlicher Rahmenbedingungen liefern. Die Inhalte dieses Themenfindungsprozesses machen die Autoren zum Ausgangspunkt für ein am Ende des Buches vorgestelltes Konzept eines Hilfeleistungssystems der Zukunft, für das sie auf wertvolles empirisches und erfahrungsgesättigtes Material zurückgreifen können. Bedauerlich ist zwar, dass die Bedarfsabfragen nur verbandsintern durchgeführt werden und Praxiserfahrungen anderer Organisationen des Bevölkerungsschutzes naturgemäß nicht einbezogen werden können. Der engen Perspektive auf den Erfahrungshorizont des DRK begegnen die Autoren jedoch indem sie einerseits die Erkenntnisse zahlreicher Verbundforschungsprojekte mit weiteren Partnerorganisationen vorstellen und andererseits aufschlussreiche Ausführungen zur Forschung und zum Innovationsmanagement in der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk einbinden.

Die Autoren geben in ihrem Werk einen eindrucksvollen Überblick über die Forschungsprojekte, an deren Durchführung das DRK seit 2009 beteiligt war und teilweise noch ist. Die Leserinnen und Leser erhalten auf diese Weise einen Einblick in die facettenreiche Ausrichtung der Forschung im Generalsekretariat des DRK. Stärker wissenschaftlich interessierte Leserinnen und Leser würden dabei eine tiefenschärfere Durchdringung der Ergebnisse erwarten, die zudem durch eine selektive Auswahl der vorgestellten Forschungsprojekte erschwert wird.

Entgegen der einschlägigen Überschrift stehen im Kapitel zur „Resilienz“ (8.1) vielmehr gesellschaftliche Vulnerabilitäten im Fokus, was insofern zunächst plausibel erscheint, als das Kapitel auf die Notwendigkeit einer stärkeren sozialräumlichen Bedarfsermittlung im Katastrophenschutz überleitet. Ein Verständnis, das Resilienz jedoch als bloße Kehrseite von Vulnerabilität versteht, trägt der Komplexität und Multidimensionalität des Konzepts nur bedingt Rechnung. Vor diesem Hintergrund sind die Ausführungen von Friedrich Gabel und Marco Krüger über „Vulnerabilität“ eine lesenswerte Bereicherung des Buches. Gleichwohl wäre ein Exkurs zum Konzept der Resilienz ebenfalls wünschenswert gewesen.

Mit dem Modell des sozialraumorientierten Bevölkerungsschutzes stellt das DRK eine vielversprechende Neuausrichtung etablierter Hilfeleistungssysteme vor, die sich an den situativen Bedarfen der von Krisen und Katastrophen Betroffenen ausrichtet und dabei vor allem auf die Entlastung professioneller Katastrophenschutzorganisationen bei der Bewältigung von Schadenereignissen abzielt, indem u.a. auf vorhandene zivilgesellschaftliche Ressourcen zurückgegriffen wird. An einigen Stellen entsteht jedoch der Eindruck, dass mit dem Modell eines sozialraumorientierten Bevölkerungsschutzes eine Art Verantwortungsdiffusion angestoßen werden soll, indem die Rolle zivilgesellschaftlicher Kapazitäten und sozialräumlicher Ressourcen bei der Bewältigung von Krisen und Katastrophen überbetont wird, während strategische Bemühungen einer ereignisunabhängigen und langfristigen Stärkung sozialer Strukturen sowie Verbesserungen der Lebensverhältnisse im Sozialraum nur am Rande mitbedacht werden. So basiert beispielsweise die lokale Bedarfsanalyse auf den vorhandenen Fähigkeiten und Kapazitäten im Sozialraum, die wiederum aktiviert werden sollen, um den spezifischen individuellen Vulnerabilitäten während eines Schadensereignisses Rechnung tragen zu können. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn die Autoren stärker auf die langfristige Einbindung von Organisationen des Bevölkerungsschutzes in die Alltagsstrukturen des Sozialraums und die damit einhergehenden neuen, ereignis- und szenarienunabhängigen Aufgaben eingegangen wären.

Fazit

In ihrem Buch „Hilfeleistungssysteme der Zukunft. Analysen des Deutschen Roten Kreuzes zur Aufrechterhaltung von Alltagssystemen für die Krisenbewältigung“ bündeln die Autoren Matthias Max und Matthias Schulze die jahrelangen Praxis- und Forschungserfahrungen des DRK, um sie in ein integriertes Modell des sozialraumorientierten Bevölkerungsschutzes zu überführen. Den Leserinnen und Lesern wird ein differenzierter Einblick in verbandsinterne Themenfindungsprozesse geboten, den die Autoren vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklungen und Bedarfe diskutieren. Der Band gewinnt seine Aktualität aus gegenwärtigen Krisenerfahrungen und Diskussionen um eine Neuausrichtung des Bevölkerungsschutzes in Deutschland. Vor diesem Hintergrund sind dem Buch nicht nur viele Leserinnen und Leser im Feld der professionellen und ehrenamtlichen Katastrophenhilfe, sondern auch unter den Verantwortungstragenden in Politik und Behörden zu wünschen.

Rezension von
Dr. Tim Lukas
Fachgebiet für Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Objektsicherheit, Bergische Universität Wuppertal
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Bo Tackenberg
Fachgebiet für Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Objektsicherheit, Bergische Universität Wuppertal
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Es gibt 1 Rezension von Tim Lukas.
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Zitiervorschlag
Tim Lukas, Bo Tackenberg. Rezension vom 19.04.2022 zu: Matthias Max, Matthias Schulze: Hilfeleistungssysteme der Zukunft. Analysen des Deutschen Roten Kreuzes zur Aufrechterhaltung von Alltagssystemen für die Krisenbewältigung. transcript (Bielefeld) 2021. ISBN 978-3-8376-6032-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29014.php, Datum des Zugriffs 19.08.2022.


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