Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Tony Attwood: Das Asperger-Syndrom

Rezensiert von Dipl.-Päd. Petra Steinborn, 14.04.2022

Cover Tony Attwood: Das Asperger-Syndrom ISBN 978-3-432-11500-9

Tony Attwood: Das Asperger-Syndrom. Das erfolgreiche Praxis-Handbuch für Eltern und Therapeuten. Trias (Stuttgart) 2022. 5. Auflage. 232 Seiten. ISBN 978-3-432-11500-9. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Tony Attwood, ein sehr bekannter Experte für das Asperger-Syndrom, erklärt verständlich, was betroffene Kinder auszeichnet, was sie brauchen und welche Potenziale sie haben. Eltern, Therapeut:innen und Lehrer:innen erhalten viele Anregungen, um die Kinder besser zu erreichen und zu fördern, sodass sie alle Chancen erhalten. Der Autor setzt drei Schwerpunkt: Erkennen, Verstehen (Betroffene schildern ihre Erfahrungen) und Stärken (durch bewährte Spiele und Übungen), um mit sich selbst und anderen besser zurechtzukommen.

Autor

Tony Attwood (Jahrgang 1952) ist seit über 30 Jahren praktizierender klinischer Psychologe, er ist spezialisiert auf die Behandlung von Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben. Er bietet weltweit Workshops und Kurse für Eltern, Fachkräfte und betroffene Menschen an und hat mehrere Bücher verfasst. Die erste Auflage des hier vorgelegten Buches erschien im Jahr 2000, aktuell liegt die 5. Auflage vor. Das Buch wurde in 28 Sprachen übersetzt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist im Softcover Format erschienen und hat einen Umfang von 232 Seiten, die sich in sieben Kapitel plus Anhang und zahlreiche Unterkapitel untergliedern. Inhaltsverzeichnis und Fließtext sind -ein Markenzeichen von Attwood- in Spalten gedruckt. Am linken oberen Rand befindet sich die Kapitelüberschrift, am rechten oberen Rand der Titel des jeweiligen Unterkapitels. Textboxen sind farblich hervorgehoben und beleuchten zusätzliche Aspekte. Auch die O-Töne von Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben bzw. deren Angehörige, setzen sich vom Fließtext ab, sie sind eingeschoben und kursiv gedruckt. Jedes Kapitel endet mit Strategien im Überblick.

Das erste Kapitel Diagnose beschreibt typische Anzeichen und eine Beispielsituation. Daran schließt sich ein kurzer geschichtlicher Abriss an. Für eine Diagnostik haben sich Einschätzungsskalen bewährt, die von Eltern, die ihr Kind gut kennen, ausgefüllt werden. Danach folgt eine fachärztliche diagnostische Beurteilung und Auswertung z.B. durch eine gebräuchliche Skala aus Australien. Aus seiner langjährigen Praxis weiß Attwood, dass es viele Wege zur Diagnose gibt. Bei manchen Menschen wird Autismus in der frühen Kindheit oder zu Schulbeginn erkannt, auch in späteren Lebensphasen kann das Erscheinungsbild noch erkannt werden.

Das Sozialverhalten steht im Mittelpunkt des zweiten Kapitels. Das Kapitel beginnt mit der Beschreibung wichtiger Diagnosemerkmale, daran schließen Erklärungen zum Sozialverhalten in Bezug auf die Kommunikation an. Kinder, die unter den Bedingungen von Autismus leben, spielen anders, soziales Verhalten wird nicht intuitiv erlernt, sondern rational. Lerngeschichten oder sog. Sozialgeschichten, die von Carol Gray entwickelt wurden, können diesen Lernprozess hilfreich unterstützen.

In dem Abschnitt „Sinnvolle Förderprogramme“ erläutert Attwood, was Eltern und Lehrer:innen tun können und wie in Trainingsgruppen gelernt werden kann. Das wird am Beispiel „Freundschaften“ erklärt: es braucht Vorbereitung und das Gespräch darüber, was Betroffene unter Freundschaft verstehen. Hier werden auch mögliche Schwierigkeiten im Kontakt thematisiert. Die Erfahrung zeigt, dass Erwachsene als Betroffene meist besser klarkommen. Ein weiteres Beispiel sind Emotionen, denn diese werden oft nicht erkannt. Attwood nennt hilfreiche Strategien, um Emotionen zu verstehen und Emotionen auszudrücken.

Die Sprache und sprachliche Besonderheiten bilden den Mittelpunkt des vierten Kapitels. Dazu gehören Themen wie die Pragmatik oder die Kunst der Konversation, Gedankenpausen und Themawechsel, unpassende Bemerkungen und Unterbrechungen und fehlende spontane Nachfrage und Kommentare. Eine bewährte Strategie sind sog. Comic-Strip-Gespräche.

Zu beachten sind auch die wörtliche Interpretation, Prosodie oder die Sprachmelodie. Weitere sprachliche Besonderheiten sind eine formelle Wortwahl, der idiosynkratrische Wortgebrauch sowie das Aussprechen von Gedanken. Auch auditive Beeinträchtigungen und Verzerrungen spielen neben dem Sprachfluss eine Rolle.

Das fünfte Kapitel mit dem Titel Interessen und Routinen bespricht ungewöhnliche Spezialinteressen und Regeln, das Horten ungewöhnlicher Gegenstände und die Personenverehrung in der Adoleszenz. Attwood verweist auf die Diskussion darüber, ob Interessen und Routinen noch als Diagnosekriterien dienen können. Vermehrt wird in der Fachwelt kritisiert, dass diese nicht mehr zu den Diagnosekriterien gehören sollten, denn für viele Menschen haben Spezialinteressen eine Funktion, sie schützen davor, spontan zu reagieren, sie geben Sicherheit und zeigen den Wissensschatz. Bei der Begleitung von Menschen aus dem Autismus Spektrum sollte im Auge behalten werden, dass sich Interessen erweitern z.B. um sie zur Förderung sozialer Kontakte oder für einen beruflichen Einstieg zu nutzen. Spezialinteressen dienen auch oft der Entspannung, es ist allerdings zu beachten, dass es unakzeptable Interessen gibt, hier ist ein kontrollierter Zugang hilfreicher als Verbote.

Vorhersehbarkeit und Ordnung im Leben gelingen durch wiederkehrende Routinen, Menschen, die unter Ängsten leiden nutzen Routinen, um gegen diese anzugehen.

Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit der motorischen Unbeholfenheit und thematisiert, welche Fähigkeiten betroffen sind. Die motorische Unbeholfenheit kann auch als Diagnosekriterium genutzt werden z.B. in Bezug auf das Laufen lernen. Neben der Fortbewegung werden auch das Gleichgewicht und das manuelle Geschick, die Handschrift, die oft unleserlich ist oder ein zu hastiges Arbeiten, lockere Gelenke und das Rhythmusgefühl besprochen. Das Kapitel benennt zum Abschluss drei Störungen, die selten mit dem Asperger Syndrom auftreten: das Tourette-Syndrom, katatone und parkinsonsche Symptome.

Die Kognition ist Inhalt des siebten Kapitels. „Das Denken umfasst nicht nur bestimmte Fertigkeiten, beispielsweise im Lesen und Rechnen, sondern auch Einfühlungsvermögen, Fantasie und Kreativität“ (S. 123). Das Kapitel bespricht die sog. „Theory of Mind“, die Attwood auch als „Gedankenblindheit“ bezeichnet und die z.B. beim Interpretieren von Geschichten sichtbar wird. Bemerkenswert ist ein außergewöhnliches Langzeitgedächtnis.

Die Flexibilität des Denkens ist anders als bei neurotypischen Menschen. Bei Menschen aus dem Autismus-Spektrum ist ein einseitiges Denken zu beobachten („es ist rigide und passt sich nur schlecht Veränderungen an“ (S. 129) und Betroffene können nicht aus Fehlern lernen (Forschungen belegen das). Bewährt haben sich Anregungen an die Person, selbst zu überlegen, welche Alternativen es noch gibt bzw. was anders gemacht werden könnte. Fertigkeiten im Lesen können sehr unterschiedliche Fähigkeitsniveaus haben, manche haben außergewöhnliche Fertigkeiten im Rechnen und auch schon Hans Asperger berichtet in seinen Schriften davon, dass die Rechenwege ungewöhnlich sein können. Attwood hebt hervor, wie wichtig es ist, diese anderen Denkweisen zu berücksichtigen, gerade im schulischen Kontext. Zu beachten ist zudem das Streben nach Perfektion und Individualismus. Das Kapitel schließt mit dem Hinweis auf Studien, die belegen, dass die Ergebnisse in der Grundschule sehr gut sind, in der weiterführenden Schule lassen die Leistungen merklich nach, was in der Art der Aufgabenstellung begründet liegt (S. 134).

In Bezug auf die Fantasie und Kreativität ist zu beobachten, dass Betroffene sich in einsame Fantasiespiele zurückziehen und dabei Originalquellen perfekt nachahmen. Anders als bei anderen Kindern fällt auf, dass die Verwandlung in Gegenstände der Verwandlung in bestimmte Personen vorgezogen wird.

Menschen aus dem autistischen Spektrum sind visuell Denkende. Hier wird neben Einstein auch Temple Grandin zitiert, deren Denken vollkommen visuell ist. Sie ist in der Lage, große Tieranlagen zu zeichnen, hat aber Schwierigkeiten, sich Telefonnummern zu merken, besser erinnern kann sie diese, wenn sie sie aufschreibt (visualisiert). In ihrem Buch aus 1995 beschreibt sie eindrücklich, wie das visuelle Denken ihr Leben beeinflusst und wie es ihr ermöglicht, bemerkenswerte Fähigkeiten zu entwickeln. Attwood appelliert an Lehrer:innen, diese Lernstrategie der Visualisierung z.B. durch Schautafeln oder visuelle Vergleiche zu unterstützen.

Das letzte Kapitel nimmt die sensorische Empfindlichkeit in den Fokus. Besprochen werden die Klangempfindlichkeit, Geräusche (ausblenden und vermeiden) und weitere sensorische Besonderheiten wie die Berührungsempfindlichkeit, die Geschmacksempfindlichkeit und die visuelle Empfindlichkeit. Auch die Synästhesie wird erklärt.

Im Anhang „Service“ sind häufig gestellte Fragen zusammengestellt, mit denen Betroffene und Angehörige im Alltag konfrontiert werden wie z.B. ob das Asperger-Syndrom erblich bedingt ist oder ob Asperger eine Form von Schizophrenie ist. Im Serviceteil finden sich auch Anschriften und Internetadressen, Bücher zum Weiterlesen, Fragebögen (zur Bandbreite von Emotionen oder Fragen aus unterschiedlichen Diagnostikverfahren) sowie ein Literatur- und ein Stichwortverzeichnis.

Diskussion

Tony Attwood setzt in diesem Buch drei thematische Schwerpunkt: Erkennen (Unterstützungsbedarfe und Potenziale/​Ressourcen), Verstehen und das Stärken (z.B. durch bewährte Spiele und Übungen), damit das Kind mit sich selbst und anderen besser zurechtzukommen.

Zahlreiche Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben, schildern ihre Erfahrungen, beschreiben, wie eindrucksvoll sie denken und fühlen. Ergänzt werden diese O-Töne durch den großen Wissens- und Erfahrungsschatz des Autors, er verweist zudem auf zahlreiche zusätzliche Quellen und Forschungsergebnisse. Seine Ausführungen sind verständlich geschrieben. Am Ende jedes Kapitels sind besprochene Strategien nochmal zusammengefasst, sodass schnell und aufwandsarm darauf zugegriffen werden kann.

Zur Erklärung der sog. „Theory of mind“ nutzt der Autor den Begriff der „Gedankenblindheit“ (im Kapitel „Denken“). Diese Gedankenblindheit zeigt sich z.B. beim Interpretieren von Geschichten. Dabei zeigen Studien, dass Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben, durchaus Kenntnisse über die Gedanken anderer Leute haben, die Schwierigkeit liegt darin, dieses Wissen auch wirksam anzuwenden. Diese Erklärung, dass es sich um eine Art „Blindheit“ handelt macht das Verstehen und den Umgang anschaulich und konkret nachvollziehbar.

Menschen aus dem autistischen Spektrum sind visuell Denkende, wie z.B. Einstein und Temple Grandin, die vollkommen visuell denkt. Temple Grandin ist Professorin für Viehwissenschaft in den USA und hat einen IQ von 160. Einerseits ist sie in der Lage, große komplexe Anlagen für Tiere zu zeichnen, andererseits hat sie Schwierigkeiten, sich Telefonnummern zu merken. Ihre Strategie, Dinge besser zu erinnern, ist, diese aufzuschreiben und damit zu visualisieren. Schon 1995 hat sie dazu ein Buch veröffentlicht, darin beschreibt sie konkret, wie das visuelle Denken ihr Leben beeinflusst und wie es ihr ermöglicht, bemerkenswerte Fähigkeiten zu entwickeln. Diese wichtigen Hinweise werden immer noch zu wenig z.B. in der Schule umgesetzt. Deshalb wird Tony Attwood nicht müde, einen Appell an Lehrkräfte zu richten, sie mögen bei der Vermittlung von Lerninhalten mehr Strategien der Visualisierung z.B. durch Schautafeln oder visuelle Vergleiche einzusetzen, denn solche Strategien wirken unterstützend und entlasten alle im System.

Visualisierung hilft allen Menschen und besonders Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben, nicht nur Kindern und Jugendlichen, sondern allen Altersgruppen. Es handelt sich nicht um eine pädagogische Methode, Visualisierung begegnet uns allem in unserem Alltag, wir wenden sie selbstverständlich an.

Zum Beispiel bei der Kommunikation mit dem Handy (mittels Emoticons) oder bei Bewertungen z.B. werden Kund:innen nach dem Einkauf im Baumarkt gebeten, per Smileys ein Feedback zu geben. Niemand käme auf die Idee, diese Form der Darstellung als kindisch oder unangemessen abzuwerten.

Ebenso ist jedes Straßenschild eine Form der Visualisierung oder jede Markierung auf der Fahrbahn. Umso bemerkenswerter ist die Kritik, die mir in meiner Beratungstätigkeit entgegengehalten wird: Da wird der Vorschlag, gezielt Strategien der Visualisierung einzusetzen nicht selten mit dem Hinweis abgelehnt, diese seien zu kindisch und unangemessen.

Mit dieser unbegründeten ablehnenden Haltung gegen Visualisierungshilfen wird die Chance vertan, erfolgreich erprobte Alltagsstrategien, die das Lernen und Leben erleichtern, zu nutzen und zu vermitteln. Visualisierung hilft allen Menschen und besonders Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben.

Fazit

Tony Attwood, ein sehr bekannter Experte für das Asperger-Syndrom, erklärt verständlich, was Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben, auszeichnet, was sie brauchen und welche Potenziale sie haben. Das Buch zielt darauf ab, Eltern, Therapeut:innen und Lehrer:innen eine Vielzahl von Anregungen zu geben, um betroffene Kinder besser zu erreichen und zu fördern, sodass das Kind alle Chancen erhält. Der Autor setzt drei Schwerpunkte: Erkennen, Verstehen (Betroffene schildern ihre Erfahrungen) und Stärken (z.B. durch bewährte Spiele und Übungen), um mit sich selbst und anderen besser zurecht zu kommen.

Der Autor hat eine große Begabung, komplexe Sachverhalte verständlich und nachvollziehbar zu erklären und er geht, wenn notwendig, auch in die Tiefe z.B. beim Zitieren von Forschungsberichten. Sein Anliegen, ein Handbuch für die Praxis zu schreiben, ist gelungen. Neben zentralen Fakten erhält der Lesende eine Vielzahl von praxiserprobten Strategien und Anregungen, ergänzt durch authentische O-Töne. Ein Must-Have!

Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
Website
Mailformular

Es gibt 272 Rezensionen von Petra Steinborn.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 14.04.2022 zu: Tony Attwood: Das Asperger-Syndrom. Das erfolgreiche Praxis-Handbuch für Eltern und Therapeuten. Trias (Stuttgart) 2022. 5. Auflage. ISBN 978-3-432-11500-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29015.php, Datum des Zugriffs 21.05.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht