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Steffi Thon, Erika Gerwig: Emotionale und soziale Entwicklung

Rezensiert von Prof. Dr. Klaudia Winkler, 06.09.2022

Cover Steffi Thon, Erika Gerwig: Emotionale und soziale Entwicklung

Steffi Thon, Erika Gerwig: Emotionale und soziale Entwicklung. AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2021. 34,50 EUR.
DVD‐ Nummer: 46503618

Thema und Entstehungshintergrund

Verlauf und Bedeutung der emotionalen und sozialen Entwicklung im Kindesalter stehen im Mittelpunkt des vierten Films aus der Reihe zur Entwicklungspsychologie von Steffi Thon.

Die Bedeutung der emotionalen und sozialen Entwicklung von Kindern für ihr gesundes Aufwachsen wird anhand verschiedener Fragen anschaulich dargestellt: Woher kommen Gefühle, welche Bedeutung haben sie? Wie trägt die emotionale Entwicklung zur gelungenen sozialen Entwicklung bei? Wie können Kinder bei dieser Entwicklung angemessen unterstützt und begleitet werden u.v.m.

Expert*innen

Drei Experten*innen leisten fachlichen Input: Prof. Dr. Susanne Viernickel, Professorin für Pädagogik der frühen Kindheit an der Universität Leipzig, Svetlana Seifert, Kinder- und Jugendlichen Psychotherapeutin sowie Matthias Epperlein-Trümner, Diplom Sozialpädagoge, systemischer Berater und Supervisor, Dozent in der Ausbildung und Fortbildung von Erzieher*innen und Heilpädagog*innen.

Aufbau

Die DVD enthält folgende, einzeln anwählbare Kapitel:

  • 01 Woher kommen Emotionen und Gefühle und welche Bedeutung haben sie?
  • 02 Was versteht man unter emotionaler Entwicklung?
  • 03 Was kennzeichnet die soziale Entwicklung?
  • 04 Sind Charaktereigenschaften eines Kindes angeboren?
  • 05 Affektspiegelung, Emotionsregulation und deren Bedeutung für das Kind
  • 06 Die Peergroup als Sozialpartner
  • 07 Emotionale und soziale Entwicklung von Mädchen und Jungen
  • 08 Alltagsintegrierte Förderung emotionaler und sozialer Kompetenzen
  • 09 Welche Kompetenzen sollte eine pädagogische Fachkraft mitbringen?
  • Bonus: Sascha – Biografie einer emotionalen und sozialen Entwicklung

Inhalt

01 Woher kommen Emotionen und Gefühle und welche Bedeutung haben sie? (4:51 Minuten)

In diesem einleitenden Kapitel werden – unterlegt mit Filmsequenzen – grundlegende Aspekte der Emotionsentwicklung angesprochen. Im Laufe ihrer Entwicklung lernen Kinder ihre eigenen Emotionen zu verstehen, auszudrücken und mitzuteilen. Die Entwicklung der emotionalen Kompetenz bildet die Grundlage für die Entwicklung sozialer Kompetenz: erst wenn Kindern das Verständnis der eigenen Gefühle gelingt, können sie diese auch bei anderen erkennen.

Emotionen erlauben die schnelle Einschätzung von Situationen, schnelle Reaktionen auf Ereignisse in der Umgebung, sie ermöglichen es, sich schnell und unmittelbar auszudrücken. Emotionen ermöglichen es dem Gegenüber zu zeigen, woran es mit einem ist. Die sozial-emotionale Entwicklung beginnt bereits während der ersten Lebensmonate. Erziehenden kommt hier eine zentrale Bedeutung zu: Zwar verstehen Babys ihre eigenen Gefühle noch nicht, aber sie nehmen bereits die Gefühlsäußerungen um sie herum wahr, beispielsweise durch Mimik und Tonlage der Interaktionspartner*innen.

02 Was versteht man unter emotionaler Entwicklung? (03:55)

Im Rahmen der emotionalen Entwicklung bildet sich die Fähigkeit, Emotionen bei sich und anderen zu erkennen sowie diese zu regulieren aus. Emotionswissen wird entwickelt. Bereits während des ersten Lebensjahres entwickeln sich die sogenannten primären Emotionen: Freude, Ärger, Wut, Traurigkeit. Gegen Ende des 2. Lebensjahres können auch die sekundären Emotionen, auch soziale Emotionen genannt, ausgedrückt und verstanden werden: Stolz, Scham Schuldgefühle, Verlegenheit.

03 Was kennzeichnet die soziale Entwicklung? (06:15)

Soziale und emotionale Entwicklung können als unterschiedliche, allerdings eng verschränkte Entwicklungslinien beschrieben werden. Der Ausdruck von Emotionen ermöglicht es, die Kontakte zu anderen zu steuern. Freude beim gemeinsamen Tun, beim gemeinsamen Spiel wirkt – im Film sehr schön sichtbar – als wichtiger Antrieb für die Kontaktaufnahme mit den Peers und für gemeinsame Aktionen. Kinder profitieren sehr von der Unterstützung ihrer Bezugspersonen, wenn sie Erfahrungen mit dem Emotionsausdruck und dem Verstehen der eigenen sowie der Emotionen anderer sammeln. Werden sie entsprechend unterstützt, fällt es Kindern deutlich leichter sozial kompetentes Verhalten zu zeigen.

04 Sind Charaktereigenschaften eines Kindes angeboren? (05:49)

Das Temperament eines Kindes wird als angeborene Disposition, der Welt zu begegnen verstanden. So unterscheiden sich Kinder – bereits von Geburt an – hinsichtlich ihrer Regulationsfähigkeit. Im Laufe der ersten Lebensjahre kann man Unterschiede im Hinblick auf Freude und Interesse an sozialem Austausch beobachten. Wichtiger als die konkrete Ausprägung des kindlichen Temperaments ist aber die „Passung“ zwischen kindlichem Temperament, der Entwicklungsumgebung und den Interaktionsangeboten der Bezugspersonen. Kinder mit einem sogenannten „schwierigen Temperament“ profitieren von der Unterstützung der Eltern/​Bezugspersonen bei der Emotionsregulation besonders.

05 Affektspiegelung, Emotionsregulation und deren Bedeutung für das Kind (08:29)

In der frühen Kindheit, zu Beginn der emotionalen Entwicklung benötigen Kinder die Unterstützung bei der Emotionsregulation ganz besonders. Heftige negative Emotionen können Säuglinge und Kleinkinder überwältigen, sie sind hier auf die Unterstützung durch ihre Bezugspersonen bei der Emotionsregulation angewiesen. Dies kann über Blickkontakt, Körperkontakt oder das Verbalisieren von Gefühlen erfolgen. Für das Kind ist entscheidend zu erfahren, dass es mit seinen (auch negativen) Gefühlen verstanden und angenommen wird.

06 Die Peergroup als Sozialpartner (10:36)

Peers reagieren anders als Eltern und erziehende Erwachsene. Die Kinder lernen sich in der Gruppe von Gleichrangigen, vergleichbar kompetenten Menschen zu bewegen und zu behaupten. Sie benötigen erweiterte Kompetenzen, um Rollen und Spielregeln auszuhandeln, Konflikte zu lösen, Vorstellungen von Gerechtigkeit und Fairness zu entwickeln. Der Peergroup kommt daher gerade im Bereich der emotional-sozialen Entwicklung eine bedeutsame Rolle zu.

07 Emotionale und soziale Entwicklung von Mädchen und Jungen (05:06)

Die Frage welche Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen tatsächlich hormonell bedingt sind, welche eher durch Umwelteinflüsse oder soziale Vorbilder zu erklären sind, wird andiskutiert. Eine einfache Antwort gibt es nicht. Erzieher und Erzieherinnen sind jedoch gefordert, ihre eigenen Genderkonzepte kontinuierlich zu reflektieren, sich ihre persönlichen Haltungen gegenüber Mädchen und Jungen immer wieder bewusst zu machen.

08 Alltagsintegrierte Förderung emotionaler und sozialer Kompetenzen (06:23)

Die Entwicklung emotionaler und sozialer Kompetenzen kann im pädagogischen Alltag unterschiedlich gefördert werden. Pädagogische Fachkräfte verbalisieren ihre eigenen Gefühle, achten darauf, ihre Emotionen authentisch auszudrücken, tragen zu einer emotionsfreundlichen Atmosphäre bei in der beispielsweise viel gelacht wird. Sie schaffen auf diese Weise eine günstige Atmosphäre für die pädagogischen Arbeit – spezielle Förderprogramme sind nicht erforderlich. Kinder profitieren unmittelbar, wenn sie die Möglichkeit erhalten, sich in Konflikten auszuprobieren, wenn ihnen Lösungsstrategien angeboten werden, wenn sie in stark emotionalen Situationen Unterstützung bei der Emotionsregulation erhalten.

09 Welche Kompetenzen sollte eine pädagogische Fachkraft mitbringen? (09:04)

Die pädagogische Arbeit ist herausfordernd, pädagogische Fachkräfte werden häufig an die eigenen Grenzen gebracht. Sie bringen ihre eigene emotionale Entwicklung in die pädagogische Arbeit mit und müssen sich dessen bewusst sein. Pädagogische Fachkräfte benötigen die Bereitschaft zur Selbstbegegnung, sie müssen in der Lage sein, sich selbst achtsam zu begegnen und immer bereit sein, von den Kindern zu lernen. Während der Ausbildung sind selbstreflexive, biografische Elemente unverzichtbar. Die Bereitschaft sich seine eigenen Gefühle bewusst zu machen und seine emotionalen Kompetenzen weiterzuentwickeln ist erforderlich. Unterstützende Angebote wie Supervision und kollegiale Beratung sind im Sinne der Selbstsorge empfehlenswert.

Bonus: Sascha – Biografie einer emotionalen und sozialen Entwicklung (09:36)

In einem ergänzenden Abschnitt stellt sich Sascha, 26 Jahre, mittlerweile Vater von zwei Kindern vor. Er konnte erst mit zwei Jahren in einer Pflegefamilie aufgenommen werden und berichtet von seinen Schwierigkeiten im Kontakt mit Gleichaltrigen, von Ausgrenzungserfahrungen im Schulalter. Die positive Entwicklung, die sein Leben mittlerweile genommen hat, schreibt er der geduldigen Unterstützung in seiner Pflegefamilie zu.

Diskussion

Die DVD veranschaulicht in neun kurzen Abschnitten Aspekte der sozialen und emotionalen Entwicklung vom Säuglingsalter bis ins Vorschulalter. Konkrete Altersangaben fehlen leider. Die Videoaufnahmen sind sehenswert, auch wenn der Bezug zwischen den Videosequenzen und den Wortbeiträgen der Expertinnen und des Experten nicht immer erkennbar ist. Die Zielgruppe wird zunächst nicht explizit genannt, ab Abschnitt 06 werden pädagogische Fachkräfte in Kindertagesstätten angesprochen und angeregt, sich mit dem Thema Emotionsentwicklung auseinanderzusetzen. Leider werden die Begriffe „Gefühle“ und „Emotionen“ nicht definiert und voneinander abgegrenzt, sondern weitgehend synonym verwendet. Das ist bedauerlich, da der Film auf dem Klappentext ankündigt, sich einer weiteren „Säule der Entwicklungspsychologie“ zu widmen. Das entwicklungspsychologische Verständnis fasst den Emotionsbegriff weiter. In den Abschnitten 01 bis 05 wäre es hilfreich gewesen, deutlich zu machen, von welcher Altersgruppe (Säuglinge, Kleinkinder, Vorschulkinder) in den Beiträgen der Expert*innen die Rede ist.

Dieser Film zum Thema emotionale und soziale Entwicklung in der Kindheit ist erfreulich gut anzusehen, die Bilder sind ansprechend und illustrieren wichtige Elemente kindlicher Entwicklung. Künftige pädagogische Fachkräfte bereitet er auf die wichtigen Schritte der Selbstreflektion vor, die für eine zufriedenstellende und erfolgreiche Arbeit mit Kindern zwingend erforderlich ist.

Fazit

Der Film ist gut geeignet, sowohl die Freude als auch die Herausforderungen anschaulich zu vermitteln, die die Arbeit als pädagogische Fachkraft mit Kindern im Vorschulalter bedeutet. Er stellt die speziellen – insbesondere die personalen – Anforderungen an gute pädagogische Arbeit deutlich heraus. Wer sich eine Erweiterung oder Vertiefung seines entwicklungspsychologischen Wissens zum Thema Emotionsentwicklung und soziale Entwicklung erhofft, wird dies allerdings kaum finden.

Rezension von
Prof. Dr. Klaudia Winkler
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg, Fakultät für Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften, Lehrgebiete Klinische Psychologie und Entwicklungspsychologie
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Es gibt 20 Rezensionen von Klaudia Winkler.


Zitiervorschlag
Klaudia Winkler. Rezension vom 06.09.2022 zu: Steffi Thon, Erika Gerwig: Emotionale und soziale Entwicklung. AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2021. DVD‐ Nummer: 46503618. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29017.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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