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Nikolai Huke: Ohnmacht in der Demokratie

Rezensiert von Prof. Dr. Wolfgang Frindte, 18.07.2022

Cover Nikolai Huke: Ohnmacht in der Demokratie ISBN 978-3-8376-5682-4

Nikolai Huke: Ohnmacht in der Demokratie. Das gebrochene Versprechen politischer Teilhabe. transcript (Bielefeld) 2021. 317 Seiten. ISBN 978-3-8376-5682-4. D: 35,00 EUR, A: 35,00 EUR, CH: 42,70 sFr.
Reihe: Edition Politik - Band 116
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Thema und Hintergrund

Im Jahre 2015 flüchteten Tausende Menschen aus Syrien und dem Irak nach Europa; die deutsche Regierung öffnete die Grenzen und die Bundeskanzlerin Angela Merkel verkündete am 31. August 2015 öffentlich „Wir schaffen das“. Das war nicht nur eine Geste oder ein Satz für die Geschichtsbücher. Es war der Aufruf und die optimistische Selbstvergewisserung, dass Menschlichkeit gegenüber Flüchtlingen geboten und notwendig ist. Die Kanzlerin hatte ihren schaffenden Optimismus allerdings nicht mit allen Deutschen abgesprochen. Mitte August 2015 prognostizierte das bundesdeutsche Innenministerium, dass im laufenden Jahr mit ca. 800.000 Flüchtlingen zu rechnen sei. [1] Am 26. August 2015 besuchte die Bundeskanzlerin ein Flüchtlingsheim im sächsischen Heidenau und wurde von Einheimischen als „Volksverräterin“ und „Hure“ beschimpft. Wenige Tage später rufen auf dem Budapester Bahnhof Syrer, Albaner und Iraker „Deutschland, Deutschland“ und „Merkel, Merkel“; sie wollen nach Deutschland. Dort empfängt sie zunächst eine Woge der Gastfreundschaft; aber Teile der deutschen Bevölkerung äußerten auch Skepsis, Ablehnung und offene Feindschaft.

Autor

Nikolai Huke absolvierte ein Lehramtsstudium an der Philipps-Universität Marburg, promovierte 2016 zu sozialen Bewegungen und Demokratiekrisen in Spanien und ist gegenwärtig wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialwissenschaften der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören u.a.: Soziale Bewegungen, Arbeitsbeziehungen und Gewerkschaften, Europäische Integration, Migration und autoritärer Populismus.

Inhalt

Das Buch ist mit der Einleitung in fünf Kapitel gegliedert.

In der Einleitung (Kapitel 1) betont Nikolai Huke, dass er „[…] in erster Linie kein Buch über Geflüchtete“ geschrieben habe (S. 13, Hervorh. im Original). „Es geht vielmehr darum, die Geflüchteten als Teil der Gesellschaft in den Blick zu nehmen und danach zu fragen, was die Erfahrungen von Geflüchteten exemplarisch über den Zustand der Demokratie und insbesondere Ohnmachtserfahrungen und Grenzen politischer Handlungsfähigkeit verraten“ (ebd.). Die Antworten, die Nikolai Huke in dieser Fokussierung findet, sind nicht sehr optimistisch. Er hat sein Buch vor dem 24. Februar 2022 geschrieben, also vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und der damit verbundenen Flucht von Millionen Frauen und Kindern aus den Kriegsgebieten in die Länder der Europäischen Union. Dieser Krieg und seine Folgen könnten manche Sichtweisen und Befunde, die Nikolai Huke vorstellt, noch einmal neu rahmen.

Im Kapitel 2 („Das gebrochene Versprechen politischer Teilhabe“) befragt Nikolai Huke verschiedene Perspektiven bzw. diverse Demokratietheorien, die sich mit dem Verhältnis von Demokratie und Ohnmachtserfahrung beschäftigen. Dabei geht es ihm um die Frage, „[…] welche Formen der politischen Ungleichheit für die jeweiligen Verständnisse implizit oder explizit konstitutiv sind – und wie diese mit Ohnmachtserfahrungen verbunden sind“ (S. 14). Politische Ohnmacht zeige sich – zumindest – in folgenden Erscheinungsformen:

  • als Ohnmacht gegenüber dem eigenen Ausschluss aus dem Volk (Kapitel 2.1): In prägnanter (mehr oder weniger verdeckter) Form zeige sich dieser Ausschluss im autoritären Populismus (S. 19), durch den der „Volkswille“ zunehmend von der politischen Führung definiert und instrumentalisiert werde, gegenläufige Interessen unsichtbar gemacht werden und gesellschaftliche Gruppierungen aus den Macht- und Herrschaftsverhältnissen ausgeschlossen werden.
  • als Ohnmacht gegenüber verhärteten Staatsapparaten (Kapitel 2.2): Nicht politische Führungsinstanzen und -personen, sondern bestehende staatliche Institutionen und bürokratische Verfahrensweisen hindern gesellschaftliche Gruppierungen, an demokratischen Prozessen zu partizipieren. So unterscheidet zum Beispiel das Staatsbürger*innenrecht zwischen „Illegalisierten“, „Geduldeten“ und „Deutschen“, S. 27). „Inszenieren sich (auf diese Weise, der Rezensent) staatliche Institutionen als Verkörperung der Demokratie, werden innerhalb des Staates nicht oder nur selektiv repräsentierte Bedürfnisse und Forderungen des demos unsichtbar gemacht oder sogar – dort wo sie sich gegen die bestehende Ordnung richten – delegitimiert und repressiv eingeschränkt“ (S. 31; Hervorh. im Original).
  • als Ohnmacht gegenüber begrenzten Einfluss- und Wahlmöglichkeiten (Kapitel 2.3): Die Möglichkeit, an freien und gleichen Wahlen teilzunehmen, garantiere noch keine politische Gleichheit. Nicht jede und jeder, der das Recht zu wählen besitze und ausübe, habe auch die gleichen Chancen, politisch Einfluss zu nehmen.
  • als Ohnmacht gegenüber einer verzerrenden Öffentlichkeit (Kapitel 2.4): Nicht alle gesellschaftlichen Gruppierungen haben die gleichen Möglichkeiten, ihre mehr oder weniger berechtigten Forderungen auch öffentlich artikulieren zu können. „Ob Menschen Forderungen artikulieren und mit ihnen in der Öffentlichkeit Gehör finden können, hängt von ihrer jeweiligen Position innerhalb sozialer Ungleichheitsbeziehungen ab“ (S. 39).
  • als Ohnmacht gegenüber der eigenen Anteilslosigkeit (Kapitel 2.5): Zentral für die demokratische Frage sei die Rolle bzw. die Suche nach den Noch-Nicht- oder Nicht-Mehr-Teilhabenden, nach den Marginalisierten und Anteillosen, den Ausgegrenzten und Verdrängten. Deren Möglichkeiten, ihren Anteil einzufordern, sei der Prüfstein der Demokratie (S. 53).

Als Fazit des zweiten Kapitels schreibt Nikolai Huke u.a.: „Je stärker das Versprechen gleicher politischer Teilhabechancen gebrochen wird, umso wahrscheinlicher wird es, dass Demokratie sich – in einem schleichenden, inkrementellen Prozess – immer weiter autoritär rekonfiguriert“ (S. 59).

Kapitel 3 („Der Ohnmacht der Subalternen auf der Spur“) stellt quasi die theoretische Ergänzung und Erweiterung zum Kapitel 2 dar. Um die Entstehungsbedingungen und die politischen Konsequenzen von Ohnmacht zu eruieren, greift Nikolai Huke auf postkoloniale und poststrukturalistische Theorien der Subalternität zurück (Kapitel 3.1), auf die Kritische Theorie, auf das Habitus-Konzept von Pierre Bourdieu und auf den Ansatz der „Bounded Rationality“ von John H. Goldthorpe und das Subalternitäts- und Hegemonieverständnis von Antonio Gramsci und sowie auf psychologische Ansätze zur Handlungsfähigkeit, Resilienz und zur erlernten Hilflosigkeit.

Mit dem Rückgriff auf diese metatheoretischen Ansätze möchte Nikolai Huke deutlich machen, warum Ungleichheit und politische Ohnmacht öffentlich mehr oder weniger unsichtbar bleiben (S. 104). Unsichtbar bleiben sie u.a., weil

  • subalterne Gruppierungen aus herrschenden gesellschaftlichen Diskursen (sprachlich) ausgeschlossen werden und insofern ihre Erfahrungen unhörbar bleiben (Kapitel 3.1). Subalternität wird u.a. durch staatliche und gesellschaftliche Techniken des Othering in Form von Ausländer- und Asylgesetzen konstituiert oder konstruiert (S. 65).
  • gesellschaftliche Dynamiken und die damit verbundenen Macht- und Herrschaftsverhältnisse den Individuen als unveränderbare, quasi-natürliche Strukturen – so wie in der Kritischen Theorie konzeptualisiert – gegenübertreten (Kapitel 3.2).
  • bestehende Ungleichheiten internalisiert, habitualisiert und damit normalisiert werden (Kapitel 3.3). „Ungleichheit […] wird alltäglich durch Praktiken und Entscheidungen reproduziert“ (S. 85).
  • die Individuen, die von Ungleichheit betroffen und von politischer Teilnahme ausgeschlossen sind, ihre Probleme nicht als kollektiv geteilte erfahren und deshalb auch kaum Raum für gemeinsam organisierte politische Artikulation ist (Kapitel 3.4).
  • die Betroffenen konstant Kontrollverluste (im Sinne von Julian B. Rotter, 1966) erfahren, Vertrauen in die eigenen Kompetenzen verlieren (also mangelnde Selbstwirksamkeitserwartungen ausbilden, im Sinne von Albert Bandura, 1982) und zunehmend die Überzeugung verlieren, ihre eigene Lebenssituation selbst und aktiv gestalten zu können (im Sinne der erlernten Hilflosigkeit, Martin E. P. Seligman, 1972). Insofern schränken die Betroffenen ihr politisches Handlungsrepertoire sukzessive ein (Kapitel 3.5).
  • die Subalternen sich aber dennoch als „eigensinnige Subjekte“ verhalten und den gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsverhältnissen nicht ohnmächtig ausgeliefert sind, sondern diese Verhältnisse durch nonkonformistisches Verhalten unterlaufen können (Kapitel 3.6).

Fazit (Kapitel 3.7): „Nimmt man Subalternität ernst, ist Demokratie ein zukunftsoffenes Projekt, in dem immer wieder aufs Neue Artikulationsräume ausgeweitet, gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse in Frage gestellt und Institutionen demokratisiert werden müssen“ (S. 109).

Kapitel 4: Wie entstehen Ohnmachtserfahrungen in Alltagssituationen und wie wirken sich diese Erfahrungen auf die konkrete politische Teilhabe aus? Um diese Frage geht es in diesem Kapitel („Alltägliche Ohnmacht, alltagsfremde Demokratie – Erfahrungen, die ungleiche Artikulations- und Teilhabechancen (re-)produzieren“). Als Ausgangspunkt des Kapitels darf folgende These gelten:

„Für Demokratie […] ist ein gebrochenes Gleichheitsversprechen konstitutiv: Ohnmacht und Ungleichheit unterlaufen nicht nur die Möglichkeit einer gleichberechtigten politischen Teilhabe. Sie lösen zudem Dynamiken aus, in denen sich Ausschluss und Ohnmacht wechselseitig verstärken, worüber politische Gleichheit immer weiter erodiert. Politische Ohnmacht, so die daran anschließende These, entsteht nicht nur innerhalb der Politik im engeren Sinne, sie verweist auf gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse und die mit diesen in konkreten Alltagssituationen verbundenen Erfahrungen. Politische Ungleichheit ist damit nicht nur ein Problem der institutionellen, sondern stets auch eines der gesellschaftlichen Ordnung“ (S. 111).

Um diese These zu belegen, wurden im Rahmen des vom BMBF geförderten Projekts „Willkommenskultur und Demokratie in Deutschland. Flüchtlingspolitische Initiativen als Orte aktiver Bürgerschaft, kollektiver Konfliktaushandlung und demokratischen

Lernens“ zwischen 2017 und 2020 insgesamt 64 qualitative Interviews mit ehrenamtliche Unterstützer*innen, professionelle Berater*innen und Sozialarbeiter*innen, Behördenmitarbeiter*innen, Bildungs- und Projektträgern sowie politischen Aktivist*innen geführt. Die Interviews wurden transkribiert und mit Hilfe MAXQDA, einer Software zur computergestützten qualitativen Daten- und Textanalyse, kodiert.

Gegenstand der Interviews sind die Aussagen und Erzählungen der Interviewten über Ohnmachtserfahrungen von Geflüchteten in Deutschland. In der Auswertung der Interviews kristallisierten sich – aus Sicht von Nikolai Huke – acht Mechanismen heraus, durch denen alltägliche Ohnmachtserfahrungen von Geflüchteten entstehen können:

  • Unsicherheit über die eigene Zukunft (Kapitel 4.1: „Zukunftsunsicherheit – »Mit einem Fuß immer im Flieger«“), die sich u.a. aus dem Warten auf einen gesicherten Aufenthalt, aus Arbeits- und Beschäftigungsverboten und Abschiebungsgefahren speist.
  • Soziale Isolation (Kapitel 4.2), die mit zermürbenden Verhältnissen in den Flüchtlingsunterkünften, mit dem alltäglichen Alleinsein und mit geringem Kontakt zu „deutschen Menschen“ verbunden ist.
  • Ein überfordernder Alltag (Kapitel 4.3), in dem – unter Umständen – traumatisierte, psychisch belastete oder körperlich versehrte Geflüchtete kaum Zeit und Ressourcen haben, um mittel- und langfristig strategische politische Zielsetzungen zu entwickeln und umzusetzen.
  • Ein behördlich verwaltetes Leben (Kapitel 4.4), dem die Geflüchteten unterworfen sind und in dem sie mit überforderten Behörden, bürokratischer Inflexibilität und sprachlichem Unverständnis konfrontiert werden.
  • Gewaltsames Othering (Kapitel 4.5), das sich u.a. in Alltagsrassismus, Fremdheitserfahrungen, Rassismus in betrieblichen Kontexten und Behörden äußert.
  • Chancenlosigkeit (Kapitel 4.6) in Bildungskontexten und der Arbeitswelt.
  • Unveränderbare erscheinende Macht- und Herrschaftsverhältnisse (Kapitel 4.7), die sich zum Beispiel bei der Wohnungssuche, in prekären Beschäftigungen, Arbeitsrechtsverletzungen oder in scheinbar unveränderlichen Ungleichheitsverhältnisse äußern.
  • Abhängigkeit von Hilfe (Kapitel 4.8) durch professionelle und ehrenamtliche Beratungen, die nicht immer am gleichen Strang ziehen.

Fazit (Kapitel 4.9): „Das Leben von Geflüchteten – sowie, wenn auch in abgeschwächter Form, relevanter Teile der Bevölkerung ohne Fluchterfahrung – ist, so lässt sich vor diesem Hintergrund konstatieren, vielfach ein ausgegrenztes, ungleich behandeltes, abgewertetes, unverstandenes, fremdes, vereinzeltes, überfordertes, perspektivloses, gefährdetes, verunsichertes, abhängiges und ausgeliefertes. Demokratie erweist sich in vielen Situationen als alltagsfremd, während Ohnmacht eine alltägliche Erfahrung ist“ (S. 283).

Im Kapitel 5 („Das Versprechen politischer Teilhabe als unabschließbares Projekt“) reflektiert Nikolai Huke die Konsequenzen aus den empirischen Befunden im Hinblick auf demokratietheoretischen Konsequenzen:

  • Ohnmacht müsse als „zentrales Moment der gegenwärtigen politischen Konfiguration begriffen werden“ (S. 287).
  • Infolge alltäglich wiederholter Ohnmachtserfahrungen entstehe Subalternität, wodurch Bedürfnisse der Betroffenen politisch desartikuliert bleiben.
  • Subalternität verhindere politische Gleichheit (S. 288).
  • Deshalb müsse Demokratie als zukunftsgerichtete Bewegung gegen Ohnmacht gedacht werden (S. 289).
  • Ob allerdings demokratisierende Bewegungen überhaupt möglich sind, hänge schließlich von den innerhalb der bestehenden Macht- und Herrschaftsverhältnisse vorhandenen Erfahrungsmöglichkeiten – und damit von den materiellen Bedingungen und Spielräumen der Gesellschaft – ab (S. 290).

Diskussion

Die Gewalt gegen Flüchtlinge nahm in den letzten Monaten des Jahres 2015 dramatisch zu. Und die offizielle Politik stritt darüber, ob und wie der „Flüchtlingsstrom“ einzudämmen sei.

Mehr noch: Der Umgang mit den Geflüchteten sollte sich als Lackmustest für die Lebendigkeit der Demokratie in der deutschen Gesellschaft erweisen. Nikolai Huke zeigt in seinem Buch, dass es mit dieser Lebendigkeit nicht weit her zu sein scheint. Wie heißt es bei Rosa Luxemburg, „Freiheit ist immer die Freiheit des anders Denkenden“ (Luxemburg, 1922, S. 109). Auch wenn dieser Satz häufig missinterpretiert wurde, passt er doch ganz gut zu dem, was Huke letztlich – mit Blick auf den Umgang mit Geflüchteten und deren Ohnmachtserfahrungen – aufzuzeigen in der Lage ist. Nikolai Hukes Buch ist – aus der unprofessionellen Sicht des Rezensenten – zweigeteilt. Zum einen möchte er die vorherrschenden Demokratietheorien, mit denen die diversen Erscheinungsformen von politischer Ohnmacht beschrieben werden, um eine „subjektorientierte Gesellschaftstheorie“ erweitern, um damit zum anderen deutlich zu machen, warum Ungleichheit und politische Ohnmacht öffentlich mehr oder weniger unsichtbar bleiben, aber sichtbar gemacht werden müssen. Die dabei von ihm zu Rate gezogenen Demokratietheorien gehören zweifellos zu den einflussreichen Paradigmen. Sie zeigen auch, dass demokratietheoretische Ansätze nicht auf makro-sozialer Strukturebene beschränkt sein dürfen, sondern – um an den großen Psychologen Uri Bronfenbrenner und seinen ökosystemischen Ansatz (Bronfenbrenner, 1979) zu erinnern – auch die Mikro-, Meso-, Exo- und Chronosysteme in die Analyse einschließen und somit interdisziplinär ausgerichtet sein müssen. Ob das Nikolai Huke mit der angestrebten Subjektorientierten Gesellschaftstheorie gelingt, kann der psychologisch ausgebildete Rezensent und politiktheoretische Laie nicht beurteilen.

Die empirischen Befunde über die Ohnmachtserfahrungen von Geflüchteten sind indes eindrucksvoll, auch wenn es sich dabei um Quellen aus „zweiter Hand“ handelt. Die ausgewerteten und interpretierten Interviewaussagen in der vorliegenden Studie sind letztlich – um an Poppers „Drei-Welten-Konzeption“ (Popper, 1973) zu erinnern – Aussagen über Welt 2 (die Interpretationen von „Alltagsbeobachter*innen“) und Welt 3 (die wissenschaftlichen Erklärungen und Interpretationen durch den Autor) über Ohnmachtserfahrungen von Geflüchteten. Qualitative Interviews mit Geflüchteten wurden nicht durchgeführt.

Fazit

„Wer von Demokratie redet, sollte über die ohnmächtig machenden Verhältnisse, die Menschen alltäglich umgeben, nicht schweigen“ (S. 291. Das ist die Botschaft, die Nikolai Huke mit seinem Buch den Leserinnen und Leser vermitteln möchte. Unter dieser Perspektive liefert das Buch eine interessante, anregende und manchmal auch erschreckende Sicht auf die Mängel unseres demokratischen Gemeinwesens. Dass sich Leserinnen und Leser dabei mühen müssen, um auch manche Wiederholungen auszuhalten, liegt auf der Hand. Aber es lohnt sich durchaus, diese Mühe aufzubringen. Anregungen, um Ohnmachtserfahrungen als Auftrag zu verstehen, „Demokratie und Alltag fortlaufend zu demokratisieren“, finden sich allemal. Dass sich der Rezensent mit Blick auf Menschen, die vor dem russischen Angriffskrieg nach Westeuropa flüchteten, hin und wieder fragt, ob es eine Doppelmoral im Umgang mit Flüchtlingen zu geben scheint (vgl. auch Bundestag, 2022), mag man kritisieren.

Literatur

Bandura, A. (1982). Self-efficacy mechanism in human agency. American psychologist, 37 (2), 122.

Bronfenbrenner, U. (1979). The ecology of human development: Experiment by nature and design. Cambridge: Harvard University Press. Popper, Karl R. (1973). Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf. Hamburg: Hoffmann & Campe.

Bundestag (2022). Diskussion über die Lage der ukra­inischen Flüchtlinge. Quelle: https://www.bundestag.de/dokumente/​textarchiv/2022/kw11-de-aktuelle-stunde-ukrainische-fluechtlinge-884292; aufgerufen: 4. Juli 2022.

Luxemburg, R. (1922). Die Russische Revolution. Eine kritische Würdigung, aus dem Nachlass herausgegeben von Paul Levi. O.A: Verlag für Gesellschaft und Erziehung.

Popper, K, R. (1973). Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf. Hamburg: Hoffmann & Campe.

Rotter, J. B. (1966). Generalized expectancies for internal versus external control of reinforcement. Psychological monographs: General and applied, 80(1).

Seligman, M. E. (1972). Learned helplessness. Annual review of medicine, 23 (1), 407–412.


[1] Nach Schätzung des Bundesinnenministeriums kamen im Jahre 2015 letztlich 1,1 Millionen Flüchtlinge nach Deutschland.

Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
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Es gibt 72 Rezensionen von Wolfgang Frindte.

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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 18.07.2022 zu: Nikolai Huke: Ohnmacht in der Demokratie. Das gebrochene Versprechen politischer Teilhabe. transcript (Bielefeld) 2021. ISBN 978-3-8376-5682-4. Reihe: Edition Politik - Band 116. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29025.php, Datum des Zugriffs 11.08.2022.


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